Komische Wörter

12.08.2012

Die Entjunkerung

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Siebenundfünfzigste Lektion.

Heute früh, ich lag noch im Halbschlaf, fiel mir Martin Luther ein. Wegen seiner Bibelübersetzung. Wir hatten nämlich vor ein paar Tagen mal wieder den „Letter to Dr. Laura [Schlessinger]“ zugeschickt bekommen, der seit dem Jahr 2000 im Internet kursiert. Darin stellt ein „Fan“ der homophobischen Laura Schlessinger, die wie viele ihresgleichen mit der Bibel argumentiert, eine Reihe interessanter Fragen, ebenfalls gestützt auf die Bibel. Zum Beispiel möchte er (oder sie), im Einklang mit der Bibel (Exodus 21:7), eine Tochter als Sklavin verkaufen und fragt, was heutzutage wohl ein angemessener Preis für sie wäre, undsoweiter. Im „Brief an Dr. Laura“ wird Homophobie, die sich auf die Bibel beruft, höchst vergnüglich ad absurdum geführt. Viel Spaß damit: http://www.snopes.com/politics/religion/drlaura.asp

Was fällt einer Deutschen beim Stichwort Bibel ein? Luthers Bibelübersetzung. Luther übersetzte die Bibel auf der Wartburg, wo er sich vor seinen Feinden versteckte. Er lebte und arbeitete dort incognito unter einem Decknamen. Wie war doch gleich sein Deckname, dachte ich im Halbschlaf vor mich hin. Mir fiel nur „Jungfer Jörg“ ein - aber das konnte ja wohl nicht stimmen. Ach ja - „Junker Jörg“ nannte er sich.

Junker geht zurück auf Jungherr und ist heute ähnlich veraltet wie Jungfer.

Aber noch immer lebendig, wenngleich überflüssig, sind die Wörter „entjungfern“,  „Entjungferung“, “Jungfernhäutchen” und “alte Jungfer”. Sie alle gehören eigentlich abgeschafft. Solange sie aber noch herumgeistern, brauchen sie männliche Pendants - und die habe ich heute früh im Halbschlaf gefunden.

Manchmal ist wegen dieser Lücke in unserem Wortschatz die Rede von einer „männlichen Jungfrau“ - wäre da nicht Junker das passendere Wort? Und solange Frauen noch „entjungfert“ werden können, brauchen wir auch das Pendant „entjunkern“: Ein Mann bzw. Junker wird entjunkert, wenn er das erste Mal Geschlechtsverkehr hat. Entjunkerungen sind - logischerweise - genau so häufig wie Entjungferungen. Aber bisher gab es kein Wort für sie, und das liegt an unserer patriarchalen Kultur. Dass eine Frau - in der Regel werden Junker ja durch Frauen entjunkert - am Status eines Mannes irgendetwas bewirken könnte, ist in dieser Kultur undenkbar und wird entsprechend behandelt: Es kommt gar nicht erst zur Sprache, und damit existiert es nicht.

Ob wir neben der „alten Jungfer“ auch den „alten Junker“ brauchen? Ich bin eher für die endgültige Abschaffung der „alten Jungfer“, aber für historische Romane und zu Verteidigungszwecken sollten wir den Begriff parat haben.

Früher oblag die Entjunkerung in der Regel dem weiblichen Dienstpersonal und den Prostituierten. Sie sollten die Junker „in die Geheimnisse der körperlichen Liebe einführen“. Natürlich konnte von Liebe keine Rede sein, gemeint war Sexualität.

Der Status „Jungfrau“ war im Westen früher von ungeheurer Bedeutung, in vielen nichtwestlichen Gesellschaften ist er es bis heute. Die Frau soll „jungfräulich“ in die Ehe gehen. Will sagen, der Ehemann soll sichergehen können, dass er der Erstbenutzer seiner Braut ist. Das Patriarchat unternimmt unglaubliche Anstrengungen, um diese Doppelmoral aufrechtzuerhalten. Nicht mehr intakte „Jungfernhäutchen“ werden von Spezialisten aufwendig wieder repariert oder eingenäht, damit der Eheherr sie wieder durchstoßen kann. Mann geht nicht selten über Leichen, vgl. die sogenannten „Ehrenmorde“, die eigentlich „Schwesternmorde“ heißen sollten.

Schon um die Waage zu unseren Gunsten ein wenig ins Gleichgewicht zu bringen, sollten wir bei jedem Vorkommen des Wortes „Entjungferung“ die Pendants „Junker“ und „Entjunkerung“ ins Gespräch bringen und zur Not darauf bestehen, dass der Mann „junkerlich“ in die Ehe zu gehen hat.

Die Frage, ob „Junker Jörg“ wirklich noch ein Junker war und vier Jahre später von seiner Ehefrau entjunkert wurde, ließ sich bisher nicht klären. Da er bis 1524, ein Jahr vor der Eheschließung, Mönch war, ist das aber nicht unwahrscheinlich. Wenn ja, heiratete die 26jährige Jungfer Katharina von Bora einen mit 41 Jahren schon fast uralten Junker. Dass die Entjunkerung trotzdem erfolgreich war, bezeugt die große Kinderschar des Ehepaars Luther.

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15.07.2012

Facebookspeak: Civilians - Die neuen ZivilistInnen

Wir sehen hier in Boston regelmäßig die NewsHour von PBS (Public Broadcasting Service). Deren sechsköpfige Redaktion ist übrigens ethnisch ziemlich und gendermäßig komplett paritätisch besetzt. Vorgestern sprach NewsHour-Redakteur Ray Suarez mit den GründerInnen der neuen Website „Daily Download“, Lauren Ashburn und Howard Kurtz, über „Wahlkampf und Facebook: Alte Medien in der Neuen Welt“. Wie üblich sagten alle viel Interessantes, Neues und Wichtiges, das ich wie üblich leider bald wieder vergaß. Aber eins blieb mir im Gedächtnis hängen und beschäftigt mich seither: Die neue Bedeutung des Wortes „civilians“ (ZivilistInnen), der ich hier zum ersten Mal begegnete.

Ray Suarez fragte, ob sich nach der Rede Mitt Romneys vor der NAACP (National Association for the Advancement of Colored People) vor allem „civilians“ so lautstark im Netz geäußert hätten, oder ob sich auch die beiden Wahlkampagnen, Obamas und Mitt Romneys, beteiligt hätten. Lauren Ashburn antwortete, es seien schon überwiegend „civilians“ gewesen, und Howard Kurtz ergänzte, JournalistInnen und AktivistInnen hätten sich aber auch beteiligt. Allen Dreien schien das Wort „civilians“ in dieser Bedeutung völlig geläufig. (Übrigens können Sie das interessante Gespräch hier ansehen - und überhaupt lohnt sich ein Besuch der Newshour-Webseite immer.)

Unter ZivilistInnen verstand ich bisher Menschen, die „nicht dem Militär angehören und kein Mitglied einer anderen Kampforganisation sind“, wie es das deutsche Wiktionary formuliert. Das Wort „ZivilistInnen“ kommt heute in fast jeder Nachrichtensendung vor (natürlich heißt es immer „Zivilisten“), und zwar immer im Kontext von erlittener Gewalt: „Gewalttaten gegen Zivilisten“, „unschuldige Zivilisten getötet“, „Massaker an Zivilisten“.

Üblicherweise sind ZivilistInnen also Opfer, die ohne Absicht in kriegerischen Auseinandersetzungen in Mitleidenschaft geraten sind. Die Opfer Hitlers und des Bombenkriegs waren überwiegend ZivilistInnen. Die Opfer des Bürgerkriegs in Syrien, von denen wir täglich hören müssen, sind überwiegend ZivilistInnen.

Nun könnte man annehmen, der Bedeutungsbestandteil „unbeteiligt“ hätte halt zur Ausdehnung des Gebrauchs von „Zivilisten“ geführt - ähnlich wie „Luftschiffe“ auf „richtige Schiffe“ zurückgehen und „Flughäfen“ auf „richtige Häfen“. Aber mich macht es trotzdem nervös, wenn ich plötzlich zur „Zivilistin“ werde, nur weil ich mich ohne politische oder wirtschaftliche Agenda im Internet bewege.

Längst kooperieren soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter mit Wirtschaft, Politik, Kirche und Militär, die nur zu gern die neuen Informationsströme nutzen, die Facebook- und Twitter-UserInnen über sich verbreiten. Wir, die an politischen und wirtschaftlichen Machtkämpfen „Unbeteiligten“, sind per definitionem die ZivilistInnen. Das sollte uns gründlich zu denken geben, denn es gilt: Je unbeteiligter, desto gefährdeter. Machthaber sorgen immerhin für ihre Armeen, aber nicht für deren unschuldige Opfer.

Die Bezeichnung „ZivilistInnen“ für uns „unschuldige“ NutzerInnen macht aber auch überdeutlich, welches Bild die Gegenseite von sich hat. Wirtschaft, Politik, Finanzwesen sind Kampfmaschinen. Zumindest verbal machen sie ja auch schon lange kein Hehl mehr daraus. Schier endlos ist die Liste der militärischen Begriffe, die nahezu flächendeckend unsere Lebenswelt erobert haben. Die Wirtschaftslenker heißen nicht mehr „Manager“ wie in gemütlicheren Zeiten, sondern „CEOs“ (chief executive officers). Sie starten permanent Offensiven oder feindliche Übernahmen. Die Werbung bombardiert uns mit ihren Werbekampagnen. Die Politik liebt ebenfalls Kampagnen und ist permanent im Wahlkampf, denn nach der Wahl ist vor der Wahl. AnhängerInnen werden rekrutiert.

Die, die sich noch nicht haben rekrutieren lassen, sind ZivilistInnen, und es wird ihnen schlecht bekommen. Höchste Zeit für zivilen Ungehorsam.

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# | Luise F. Pusch am 15.07.2012 um 07:51 PM • Laut & LuiseKomische WörterSocial Media2 TrackbacksPermalink

08.07.2012

Übermannt

Am 2. Juli kam eine Mail von meinem Freund Christoph. Er schickte einen Link zu diesem Bild: 

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Quelle: http://www.spiegel.de/fotostrecke/wimbledon-lisicki-und-kerber-im-viertelfinale-fotostrecke-84365.html

Als Unterschrift zu dem Bild ist dem Spiegel folgendes eingefallen:

Sabine Lisicki steht zum dritten Mal im Viertelfinale von Wimbledon. Nach ihrem Sieg gegen Maria Scharapowa wurde Lisicki von ihren Gefühlen übermannt.

Christophs Kommentar:

Da hakte meine Wahrnehmung gehörig. Zwar habe ich selbst nur in Lüneburg, Hamburg, Ehlershausen (beim Golf) gewonnen, immer auf Rasen…. Aber selbst bei gewonnenem Spiel hat es mich nicht in dieser gezeigten und benannten Form “übermannt”. Golfspieler machen das nicht. Sind das keine Männer? Oder kann ich überhaupt nicht übermannt werden?

Das machen Männer also eher nicht, tennisspielende Männer sacken manchmal zu Boden, werfen sich in den Staub.

Übermannt? Mann über? Über was? Oder sind die dann überfraut? Das sprachliche Gegenstück ist mir noch nie begegnet. Auch weiß ich nicht wer, ob Frau oder Mann, hier Bericht erstatten durfte, ob wohl Frau Lisicki sich hier wirklich übermannt - was müssen wir uns darunter vorstellen - gefühlt hat? Wie dem auch sei, ...eine nette sprachliche Blüte, ein sehr sehr schräges Wort.

Etwas weiter in der Spiegel-Fotostrecke finden wir noch folgende Erläuterung: „Die Deutsche kniete nach dem verwandelten Matchball gegen die Russin für einige Zeit auf dem heiligen Rasen von Wimbledon.“

Ich hatte weder von Lisicki noch von Scharapowa je etwas gehört, m.a.W. von Tennis habe ich keine Ahnung. Das Wort „übermannt“ hingegen ist mir schon oft begegnet. Es ist ein Relikt aus mannhaft-patriarchaler Zeit, wie es ihrer so viele gibt. Besonders hübsch in dieser Reihe sind noch Entmannung, mannbar, mannhaft, Mannschaft, mannstoll. Weibstoll gibt es dagegen nicht - die Norm wird nicht extra benannt.

Bemannt und unbemannt haben besondere Gebrauchsregeln. Ein Raumschiff kann unbemannt sein, eine unverheiratete Frau niemals, denn Männer sind in unserer Männerkultur keine Accessoires von Frauen. Nur umgekehrt funktioniert das: Ein Mann kann nicht nur unbekleidet, sondern auch „unbeweibt“ sein, so als wäre eine Gattin ein Kleidungsstück. Inzwischen haben wir allerdings gleichgezogen und genießen nach Möglichkeit “unbemannte Lebensfreude”.

Schließlich haben wir noch sich ermannen. Kann auch eine Frau sich ermannen? Na klar: Meta Klopstock zum Beispiel hatte damit anscheinend gar keine Probleme. In ihrem Drama „Der Tod Abels“ finden wir folgende Zeilen: „Ermanne dich, Eva, den Gedanken zu denken, ermanne dich, die Glückseligkeit des Paradieses zu denken.“

Mehr darüber demnächst. Jedes dieser mannhaltigen Wörter verdient seine eigene Glosse.

Wenn ich die Situation der übermannten Tennisspielerin Lisicki richtig beurteile, wurde sie in der Tat „übermannt“, und zwar erst von dem Fotografen und dann von dem Bildredakteur, der das Bild ausgewählt und möglicherweise auch betextet hat. Vielleicht waren es auch eine Fotografin und eine Redakteurin, aber ich glaube es kaum. Zu männlich ist die Perspektive, aus der der „Übermannten“ direkt auf die „Scham“ geschaut wird: hinter einem Fetzen weißen Stoffs bleibt sie noch eben verborgen, ist aber gut erahnbar bis in die Einzelheiten. Geil! Meine Mutter sagte zu dieser von Männern schon immer bevorzugten Perspektive jeweils trocken: „Mann kann ihr bis in die Luftröhre gucken.“

 


# | Luise F. Pusch am 08.07.2012 um 04:04 PM • Laut & LuiseKomische WörterSport1 TrackbacksPermalink

04.03.2012

Mother-Blaming - Rabenmütter, Schwiegermonster und Stiefmütterchen

Ich ging im Walde so für mich hin, da kam mir das Stiefmütterchen in den Sinn. Das Wetter war so frühlingshaft, und Stiefmütterchen sind doch „die ersten Frühlingsboten“. Sehen tat ich allerdings keine. Sie kamen mir nur in den Sinn.

FrauenbildDie liebliche Frühlingsbotin heißt „Stiefmütterchen“, weil „die Blüte aussieht wie ein böses, eben stiefmütterliches Gesicht“. Oder weil die Blütenblätter ungerecht auf die Kelchblätter verteilt sind. Das oberste Blütenblatt sitzt auf zwei Kelchblättern, es wird Stiefmutter genannt. Die beiden Blätter unter ihr, die Töchter, sitzen auf je einem Kelchblatt. Und die beiden untersten Blütenblätter, Stieftöchter genannt, müssen sich ein Kelchblatt teilen und sind außerdem nur einfarbig, während Stiefmutter und Töchter mit zwei Farben geschmückt sind.

Spätestens seit Mutti uns zum ersten Mal „Aschenputtel“, „Schneewittchen“ und „Hänsel und Gretel“ vorlas, wissen wir, was für selbstsüchtige, geradezu teuflische Personen Stiefmütter sind.

Auch vor der eigenen Mutter sind Kinder niemals sicher, das lehrt uns schon der Begriff „Rabenmutter“! Oder die Urfassung von „Hänsel und Gretel“, in der die Kinder noch von der eigenen Mutter ins Verderben geschickt wurden!

Und erst die Schwiegermutter. Haben wir je von einer „lieben Schwiegermutter“ gehört? Nein, sie sind allesamt böse, böse Schwiegermütter, regelrechte Schwiegermonster - so der deutsche Titel einer bekannten Filmklamotte. Auf Englisch heißt der Film „Monster-in-Law“. Mother-Blaming ist ein internationales Projekt.

Woher kommt dieser anscheinend uralte, bis in mythische Vergangenheit zurückreichende Hass auf die Mütter? Wo doch die eigentlichen Monster die Väter sind, von den gewöhnlichen brutalen Schlägern, den Urhebern der sogenannten “häuslichen Gewalt”, über die Missbrauchsväter bis hin zu den katholischen Patres?

Ich vermute, es liegt daran, dass von den Vätern seit jeher nichts Gutes erwartet wird. Wenn sie sich also mies verhalten, so ist das einfach normal, und für das Normale braucht es kein eigenes Wort, frau denke nur an die fehlenden Pendants zu „Damenwahl“ und „Herrenschokolade“. Aber wehe, die Mutter ist nicht lieb, selbstlos, beschützend und nährend, wie sie sein soll - dann ist sie gleich ein Monster.

Während ich dies aufschreibe, treten vor meinem inneren Auge schon die VerteidigerInnen der Väter auf den Plan und werfen mir unzulässige Verallgemeinerung vor. Ihnen empfehle ich die Lektüre der jüngsten Studie zur sogenannten Elternzeit, über die das nicht eben als feministisch verschrieene Wall Street Journal am 29. Februar unter dem Titel “Does paternity leave hurt women?” berichtete. Frauen, das ergab diese Studie, kümmern sich in der Mutterschaftszeit liebevoll um ihre Kinder. Männer dagegen nutzen die Zeit, um gezielt ihre Karriere voranzubringen. Mütter, warnt das Wall Street Journal, geraten im beruflichen Wettbewerb umso mehr ins Hintertreffen, je mehr Männer Vaterschaftszeit nehmen und - zweckentfremden.

Inzwischen brüten die angeschmierten Kinder, vernachlässigt wie sie sich fühlen, schon mal neue Märchen über selbstsüchtige Mütter aus. Denn die Mutter ist schließlich für ihr Wohl zuständig.

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# | Luise F. Pusch am 04.03.2012 um 01:42 PM • Laut & LuiseEtymologieFlora & FaunaJahreszeitenKomische WörterMänner!Permalink

27.02.2012

Gauck und die Second Lady

Wulff geht, Gauck kommt - und bringt andere Probleme mit sich, die sein Vorgänger uns immerhin erspart hat, nämlich: Wie nennen wir jetzt die Frau an seiner Seite? Bettina Wulff war „Bundespräsidentengattin“ oder kurz „Präsidentengattin“ und noch kürzer „First Lady“. Gaucks Gattin lebt seit Jahrzehnten getrennt von ihm; seine Lebensgefährtin seit 12 Jahren, die Journalistin Daniela Schadt, wird statt der gesetzmäßigen Bundespräsidentengattin ins Schloss Bellevue ziehen. Und wie soll sie dann heißen? Vielleicht Bundespräsidentenlebensgefährtin? Das Ausland wird sich wieder totlachen über die Wortungetüme, zu denen die deutsche Sprache fähig ist.

Mein Freund Christoph, mit dem ich das Problem erörterte, sagte strahlend: „First Lady nennen wir sie“. Aber die First Lady ist doch eigentlich Gerhild Gauck, von der Joachim getrennt lebt. Daniela Schadt wäre demnach wohl eher die „Second Lady“. Aber das klingt zu zweitklassig für die Lebensgefährtin immerhin des Herrn Bundespräsidenten.

„Mätresse“ schlug Joey vor, nachdem sie sich zuvor über die moralische Unordnung gewundert hatte, die die Deutschen inzwischen anscheinend zu verkraften gelernt haben. Keine Chance für irgendein höheres Staatsamt hätte Gauck mit seiner Vielweiberei in den USA, das sei mal sicher.

Nun soll der Bundespräsident ja für sein Volk ein moralisches Vorbild sein. Unter diesem Aspekt ist es interessant, dass finanzielle Unregelmäßigkeiten inzwischen so viel schwerer genommen werden als eheliche. Wulff geht und mit ihm das Vorbild des treusorgenden Gatten und Familienvaters, der der Gattin ein eigenes Häuschen am Stadtrand bieten wollte und dafür seine Karriere aufs Spiel setzte. Gauck kommt und mit ihm ein fragwürdiges Vorbild undurchsichtiger Familienverhältnisse. Wieso lebt er von seiner Gattin seit Jahrzehnten getrennt und lässt sich nicht wenigstens ordentlich scheiden? Wieso hat er stattdessen neben der Gattin seit 12 Jahren eine Zweitfrau? Und wozu braucht der rüstige Greis überhaupt eine zwanzig Jahre jüngere Frau? Damit andere Greise seines vergreisenden Volkes es dem Vorbild nachmachen? Und wer garantiert dem deutschen Volke, dass Gauck nicht bald schon eine dritte und vierte Frau braucht? Bei der Ehefrau ist immerhin nur eine vorgesehen und amtlich, und damit hat es sich für die SteuerzahlerInnen.

Ich finde, all diese Erwägungen sprechen eindeutig dafür, dass das höchste Staatsamt nicht länger als „Gesamtpaket“ (FAZ) von Bundespräsi plus Hausfrau konzipiert wird, sondern bis auf weiteres Frauen oder Schwulen vorbehalten bleibt: Der Bundespräsidentinnen- oder Bundespräsidentengatte (oder auch die Gattin der Bundespräsidentin) hält sich bescheiden im Hintergrund und begleitet das Staatsoberhaupt höchstens mal zur Oper, wie Herr Sauer es vormacht. Schon die Wörter „BundespräsidentInnengattIn“ und „First Gentleman“ sind so unmöglich, dass man eine so peinliche Erscheinung am liebsten vergessen oder gar nicht erst zulassen möchte, jedenfalls nicht in einer offiziellen Funktion.

Angela Merkel macht es ebenfalls vor: Eine Person, die ein hohes Staatsamt bekleidet, macht ihren Job am besten alleine. Sie braucht dazu keine „Frau an ihrer Seite“ und erst recht keinen Mann.

Insofern ist die lebenspartnerInnenschaftliche Unorthodoxie, wie Berlin sie uns vorexerziert mit Merkel, Wowereit und Westerwelle, ein echter Hoffnungsschimmer, an dem Gauck & Schadt sich orientieren sollten. Die Lebensgefährten, weil ungewohnt, halten sich im Hintergrund und werden nicht, wie die „Frau an seiner Seite“ alter Ordnung, zum eisernen Bestandteil des Protokolls bis hin zum „Damenprogramm“. Und das ist auch gut so. Die Person an seiner oder ihrer Seite ist reine Privatsache, und wo sie dies noch nicht ist, wird es Zeit, dass sie es wird. Schon aus sprachästhetischen Gründen.

Zum Weiterlesen: Glosse “Bundespräsident: Nicht ohne Hausfrau” von Ulrike Sommer

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# | Luise F. Pusch am 27.02.2012 um 08:45 AM • Laut & LuiseKomische WörterPolitikPermalink

04.12.2011

Was ist ein Damenstudent?

Meine Freundinnen Anna und Gertrud schickten mir aus Wien einen merkwürdigen Sprachfund. Am 27. Januar findet zum 59. Mal der Wiener Korporationsball statt, zum letzten Mal in der Wiener Hofburg.

Dazu schreibt Die Presse, Wien:

Seit 43 Jahren gehört der Wiener Korporationsball zum Repertoire der Wiener Hofburg: Immer am letzten Freitag im Jänner treffen sich dort vor allem schlagende Couleurstudenten, darunter etwa Mitglieder der vom DÖW [Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands] als rechtsextrem eingestuften Burschenschaft Olympia, zum Tanz. Eine Veranstaltung, die sich selbst als antifaschistisch definierenden Organisationen seit jeher ein Dorn im Auge ist.

Nun tanzen die Burschenschafter bzw. schlagenden Couleurstudenten aber nicht nur miteinander, sondern es sind auch Damen zugelassen. Das entnehmen wir der Preisliste  für die Eintrittskarten: Es gibt Damenkarten und Herrenkarten, die beide dasselbe kosten, nämlich 72 EUR. Also wozu dann die Unterscheidung in Damen- und Herrenkarten, wenn nicht einmal die schöne alte Regel gilt: „Frauen und Kinder die Hälfte“? Stellen Sie sich vor, Sie gingen ins Theater oder Konzert und bekämen dort je nach Geschlecht Damen- oder Herrenkarten!

FrauenbildGibt diese Geschlechtertrennung bei den Karten schon Rätsel auf, so wird es bei den Studenten noch putziger. Da unterscheidet die Preisliste des WKR (Wiener Korporationsring) nämlich zwischen Damenstudenten auf der einen und Herrenstudenten auf der anderen Seite. Wieder zahlen beide Gruppen dasselbe, und zwar 30 EUR.

Von „Damenstudenten“ habe ich noch nie gehört, und meine Freundinnen Anna und Gertrud auch nicht. Nicht einmal Google kennt das Wort.

Was haben wir uns unter einem Damenstudenten vorzustellen? Ein Jurastudent studiert Jura, ein Musikstudent Musik. Demnach studiert der Damenstudent Damen und der Herrenstudent Herren? Aber wir sagen doch „Frauenstudien“ und nicht „Damenstudien“. Und zeitgemäß eher “Geschlechterforschung” bzw. “Gender Studies”.

Neben den Frauenstudien kennt unsere Sprache auch das „Damenstudio“, wo frau sich unbehelligt ihrer Fitness widmen kann. Trotzdem sind die Kundinnen eines Damenstudios keine „Damenstudenten“.

Oder ist es eher so wie mit der Damen- und der Herrentoilette? Die Damentoilette und der Damenstudent sind für Damen da, und auf der Herrentoilette kümmern sich Herrenstudenten um die Herren?

Vielleicht hat der WKR auch einfach nur Mühe mit dem neumodischen sprachlichen Gendern und will nur ausdrücken, dass die „Herrenstudenten“ Herren sind und zugleich Studenten, und die „Damenstudenten“ Damen und ebenfalls Studenten?

Diese Interpretation läge einerseits nahe, andererseits fragt frau sich, weshalb sie dann nicht einfach Studenten und Studentinnen schreiben.

Das mag mit anderen eigentümlichen Sprachgepflogenheiten der Korpsstudenten zusammenhängen. Wenn sie ausstudiert haben, heißen sie nicht etwa Ehemalige oder Alumni, sondern „Alte Herren“. Und die Korpsstudentinnen – ja, die gibt es inzwischen auch - werden nach dem Studium „Hohe Damen“. Außerhalb der schlagenden Verbindungen sind sonst eher „alte Damen“ und „hohe Herren“ gebräuchlich, aber die Burschenschafter mögen es offenbar andersrum lieber.

Ich nehme an, für diese „hohen Damen“ und „alten Herren“ sind die hochpreisigen „Damenkarten“ und „Herrenkarten“ gedacht. Und da sie so viel blechen müssen, haben sie wohl einen Anspruch auf ein wenig persönliche Aufmerksamkeit, gewährt von Damenstudenten und Herrenstudenten. Jede Dame bekommt einen Damenstudenten zugewiesen und jeder Herr seinen Herrenstudenten. Nur so ergibt die pingelige Zuweisung der Eintrittskarten nach dem Geschlecht einen Sinn: Damit alles seine paarweise Ordnung hat.

Es ergibt sich überdies ein Bild raffinierter Nachwuchsförderung: Die Alten zahlen mehr als das Doppelte und bekommen dafür netten Kontakt mit der schneidigen männlichen Jugend. Wie es mit dem Kontakt zur lieblich-weiblichen Jugend aussieht, bleibt einstweilen unklar.

Bekannt ist ja, dass schlagende Verbindungen Männerbünde sind. Frauen haben da sowieso nichts zu suchen. Sollen sie doch ihre eigenen Verbindungen gründen, und manche tun das auch. Aber es wird für einen „normalen“ Ball wahrscheinlich kaum genügend Damen geben. Es könnte also auch so sein, dass die „Damenstudenten“ Drag Queens sind: Studenten, die Damen darstellen. Dann wäre das sogar eine halbwegs passende Bezeichnung: Es sind tatsächlich nur Studenten da, aber die einen kommen als Herren und die andern als Damen.
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# | Luise F. Pusch am 04.12.2011 um 04:04 PM • Laut & LuiseGenderKomische WörterMänner!Permalink

27.11.2011

Die Fernseherin und ihr Fernseher

Ich bin eine bekennende Fernseherin. Die meisten Menschen, denen ich es frischweg oder mehr nebenbei bekenne, sehen mich verwundert an oder sprechen es sogar aus: „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“

Doch, es darf. In meiner Jugend, die mich geprägt hat wie sie uns alle prägt, war das Fernsehen etwa eine so große Sache wie heute Facebook oder die Social Media überhaupt. Meine allein erziehende Mutter (früher hieß das noch „geschieden mit drei Kindern“) konnte sich weder ein Radio noch gar einen Fernseher leisten, und so mietete ich mir denn selbst einen, wenn sie mit meinen Geschwistern in die Ferien fuhr und ich die Wohnung für mich allein hatte. Tagsüber arbeitete ich in meinem Ferien-Knochenjob, abends gab es zur Belohnung Fernsehen.

Ähnlich halte ich es bis heute, eine Belohnung abends muss sein, sonst fühle ich mich vernachlässigt, aber die Belohnung soll bequem und gemütlich sein. In-Schale-Werfen und Ins-Theater-fahren oder ähnliches - das wäre keine Belohnung, sondern Stress. Und das deutsche Fernsehen bietet genug Unterhaltsames und Gehaltvolles, dass ich täglich stundenlang fernsehen könnte, ohne mir blöd vorzukommen. Sie sehen, ich bin tatsächlich eine bekennende Fernseherin.

Ich kenne außer mir nur noch zwei andere bekennende Fernseherinnen, beide etwas älter als ich und also wohl ebenfalls von der Großen Zeit des Fernsehens geprägt: Gabriele Wohmann und Erika Pluhar. Über Gabriele Wohmann schrieb ich im Frühjahr ein Porträt zu ihrem 80. Geburtstag im kommenden Jahr. Sie war mir schon immer irgendwie sympathisch, trotz ihrer oft reichlich miesen Frauengestalten. Bei den Recherchen nun wurde ich wieder an eine Wohmannsche Marotte erinnert, die ich schon früher nett und wesensverwandt gefunden hatte: Ihr regelmäßiger und ritueller Fernsehkonsum. Das abendliche Fernsehen muss sein, sonst ist der Tag nicht richtig geglückt. Es fehlt etwas Entscheidendes, das Abschalten vor der Glotze eben.

Die andere bekennende Fernseherin ist - wahrscheinlich - Erika Pluhar. Das entnehme ich ihrem jüngsten Buch „Spätes Tagebuch“, das ich mir in den letzten Tagen als Hörbuch, gelesen von der Autorin, reingezogen habe. Zwar heißt die Ich-Erzählerin und Schreiberin des Späten Tagebuchs nicht Erika Pluhar, sondern Paulina Neblo, auch ist sie nicht Schauspielerin, sondern Tänzerin und Choreografin, aber es wird von so vielen Dingen erzählt, die sich auch im Leben der Pluhar zugetragen haben (z.B. der Tod ihrer Tochter), dass der Schluss erlaubt ist, dass auch andere Mitteilungen autobiografisch sind. Wie dem auch sei, Pluhar/Neblo ist eine passionierte Fernseherin, die sich nach des Tages erschöpfender Tagebuchschreiberei abends vor das Fernsehprogramm setzt und dazu reichlich Rotwein trinkt.

Fernseherinnen scheinen also eher selten - Fernseher gibt es dafür millionen- ja milliardenfach. In jedem Haushalt gibt es mindestens einen, häufig gibt es sogar Zweit- oder Drittfernseher. Die Fernseherin ist unter Garantie ein menschliches Wesen, der Fernseher hingegen in der Regel nicht, er ist ein Gerät, ähnlich wie der Geschirrspüler, der Staubsauger, der Rasenmäher, der Rechner, der Drucker, der Korkenzieher, der Büchsenöffner, der Wasserkocher und der Handtuchhalter. In Hannover haben wir einen Geschirrspüler, in Boston bin meist ich die Geschirrspülerin.

Es ist an der Zeit, dass die feministische Linguistik auch mal zugibt, dass die Endung -in, erdacht zur Diskriminierung des weiblichen Geschlechts, ihre klaren Vorteile hat. Sie stellt immerhin sicher, dass wir nicht mit Geräten verwechselt werden - eine Kränkung, die Männern routinemäßig widerfährt.

Immer wieder lese ich Schmähreden gegen geschlechtersensible Ausdrücke wie die Studierenden (statt: die Studenten), die Teilnehmenden (statt die Teilnehmer). Gerätbezeichnungen wie Fernseher und Geschirrspüler liefern einen weiteren guten Grund für die Wahl dieser Ausdrücke: Fernsehende, Geschirrspülende und Kartoffelschälende sind eindeutig Menschen und keine Geräte. Sollen doch die Männer froh sein, dass es endlich auch für sie Ausdrücke gibt, die sie nicht wie Maschinen aussehen lassen.

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22.10.2011

Brauchen wir den Unterstrich? Feministische Linguistik und Queer Theory, Teil 1

Seit einiger Zeit benutzen manche SchreiberInnen, die sich um sprachliche Gerechtigkeit bemühen, nicht mehr das große I, auch Binnen-I genannt, sondern den Unterstrich, auch Gender_Gap genannt. Statt „SchreiberInnen“, „KollegInnen“ also „Schreiber_innen“, „Kolleg_innen“, undsofort. (Mehr dazu hier)

Die Schreibweise mit dem Unterstrich entstand im Diskurs der Queer Theory; sie wurde vorgeschlagen von Steffen Kitty Herrmann in dem Artikel „Performing the Gap - Queere Gestalten und geschlechtliche Aneignung“, nachzulesen hier.

Ich werde oft gefragt, was ich von dem Unterstrich halte. Hier eine meiner Antworten aus dem Jahr 2008, Quelle: dieStandard

Luise F. Pusch, Verfasserin mehrerer Klassiker rund um geschlechtergerechte Sprache […] findet den Unterstrich zwar interessant, zeigt sich gegenüber dieStandard.at aber nicht ganz überzeugt. “Er erinnert ja sehr an den Aufbau von Email-Adressen. Besser als der Schrägstrich (Leser/innen) ist er allemal, aber nicht so gut wie das große I in der Mitte, das auf schlaue Weise eine feminine Lesart suggeriert, die trotzdem auch für Männer akzeptabel sein sollte, da sie sich ja von der rein femininen Form ‘Leserinnen’ graphisch deutlich unterscheidet.” Die Idee des Unterstriches, als Leerstelle Raum für Menschen zu schaffen, die sich geschlechtsmäßig nicht festlegen wollen oder können, findet sie im Ansatz gut, “die Lösung scheint mir jedoch nicht überzeugend.” Pusch spricht sich hingegen für ein konsequentes Hinarbeiten auf neutrale Formen aus, ähnlich dem “the” im Englischen. Sie plädiert für “eine rigorose Abschaffung der im Kern diskriminierenden Ableitungen ‘nebensächlicher’ Formen aus den ‘Hauptformen’. Alle Geschlechter einschließlich der nicht Festgelegten haben Anspruch auf die Grundform und sollten nicht mit irgendwelchen Wurmfortsatzbildungen in Ecken abgeschoben werden”, so Pusch.

Die Sprache ist für die Menschen da, und sie können mit ihr machen, was sie wollen. Sie können alsdann versuchen, andere Menschen von ihren Ideen zu überzeugen. Die Idee des Unterstrichs hat anscheinend schon viele Menschen überzeugt; jedenfalls begegne ich dieser Schreibweise immer öfter. Befreundete Germanistinnen aus den USA fragen an: Weißt Du, was es mit diesem Unterstrich auf sich hat?“ In „Feminismus schreiben lernen“ (Brandes & Apsel 2011) wurde der Unterstrich weiterentwickelt zu einem „dynamischen Unterstrich“: Um Lese- und Denkgewohnheiten zu irritieren, lassen die Autorinnen den Unterstrich nun auftauchen, wo sie wollen. Das sieht dann so aus: Doze_ntinnen, Ver_Ant_W_Ortungen, Freun_dykes/innen, Ver_Suche, Geschichte_N.
 
Es tut sich was in Sachen gerechte Sprache. Anscheinend wird sie immer gerechter. Besser gesagt: Das ist die Absicht der Anhänger_innen des Unterstrichs.

Als Veteranin des Kampfes für eine gerechte Sprache glaube ich allerdings nicht, dass der Unterstrich das beste Mittel zur Erreichung des Ziels sprachlicher Gerechtigkeit ist. Ich glaube auch nicht, dass die Wörter immer weiter zerstückelt werden müssen, damit sich zwischen den Bruchstücken neue Räume für die bis dato unterdrückten Kategorien auftun können. Sprache funktioniert nicht so.
 
Im heutigen ersten Teil meiner Stellungnahme möchte ich erläutern, warum andere Lösungen besser geeignet sind, die „geschlechtlich nicht Festgelegten“ sprachlich sichtbar zu machen. Im zweiten Teil werde ich nächste Woche an dieser Stelle aufschreiben, warum die von der Queer Theory inspirierte Technik, Wörter aufzubrechen, um Freiräume für Unterdrückte zu schaffen, eher zu Unverständlichkeit und Leseverdruß als zum Ziel führt. Wie gesagt: Sprache funktioniert anders, als Queer-TheoretikerInnen sich das vorstellen. „Die altbewährten feministischen Strategien tun es auch. Allerdings wurden diese nicht von Männern entworfen oder abgesegnet und genießen deshalb kein akademisches Ansehen. Aber darauf kommt es ja letztlich auch nicht an, oder?“ (Selbstzitat aus “Homophobische Diskurse, Dekonstruktion, Queer Theory: Eine feministisch–linguistische Kritik”, in: Pusch, Luise F. 1999. Die Frau ist nicht der Rede wert: Aufsätze, Reden und Glossen. Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921. S. 68-86)

Kritik des Unterstrichs:
Der Unterstrich macht aus einem umfassenden (generischen) Femininum bzw. aus der Abkürzung für die Doppelform (LeserInnen, zu sprechen als Leserinnen und Leser) ein Gebilde aus Maskulinum plus Unterstrich plus Femininum-Suffix.

Menschen, die sich dem weiblichen oder männlichen Geschlecht nicht zurechnen können oder wollen, sollen sich durch den Unterstrich repräsentiert sehen, Frauen durch das Suffix. Als Frau finde ich es mehr als unbefriedigend, mich nach 30 Jahren Einsatz für eine gerechte Sprache auf ein Suffix reduziert zu sehen. Das ist eigentlich noch schlimmer als Mitgemeintsein. Und als Transsexuelle, Intersexuelle oder Transgenderperson würde ich den mir als Platz zugewiesenen Unterstrich vermutlich ebenso als entwürdigend einordnen.

Mit anderen Worten: Die Absicht ist edel und verständlich, die Ausführung macht die Sache aber noch schlimmer als vorher.

Was eigentlich gebraucht wird, ist eine Desexualisierung der Personenbezeichnungen, ähnlich wie wir sie im Englischen und in anderen Sprachen ohne grammatisches Genus vorfinden. Nicht umsonst fragen die US-amerikanischen Germanistinnen, was es mit dem Unterstrich nun auf sich habe. Sie kennen das Problem in ihrer Sprache nur bei den Pronomina und plädieren infolgedessen für Neutralisierung statt weitere Differenzierung, d.h. für geschlechtsneutrale Pronomina: ze, hir. Mehr dazu hier.

Steffen Kitty Herrmanns Vorschlag basiert auf linguistisch falschen Voraussetzungen. Herrmann schreibt: „Um die Illusion zweier sauber geschiedener Geschlechter aufrecht zu erhalten, kennt unsere Sprache nur die zwei Artikel “sie” und “er”, sowie die zwei darauf bezogenen Wortendungen, zumeist das weibliche “...in” und das männliche „…er“.

„Sie” und „er“ sind keine Artikel, sondern Pronomina. Außerdem kennt die deutsche Sprache nicht nur zwei, sondern drei Artikel: die, der und das. „-in“ ist zwar eine weibliche Endung, aber „-er“ ist keine männliche Endung. Wenn dem so wäre, hätten wir Wortpaare wie Arbeiter und Arbeitin, Schuster und Schustin. Was stattdessen im Deutschen vorliegt, ist eine Palette maskuliner Personenbezeichnungen, von denen viele mittels der Endung -er aus Verben abgeleitet sind. Aber diese Endung tragen auch viele Gerätenamen. Neben dem Schornsteinfeger haben wir den Büchsenöffner und den Staubsauger. Und viele maskuline Personenbezeichnungen enden nicht auf -er, z.B. Student, Anwalt, Arzt. Was aber alle maskulinen Personenbezeichnungen auszeichnet, soweit sie nicht substantivierte Adjektive oder Partizipien sind (der Geistliche, der Abgeordnete), ist die Möglichkeit der Movierung (Ableitung eines Femininums) durch Anhängung von -in: Arzt > Ärztin, Schornsteinfeger > Schornsteinfegerin. Ebenfalls ordnet die Männergrammatik an, dass nur Maskulina für gemischtgeschlechtliche Gruppen und für hypothetische Personen verwendet werden können. Beispiel: Ein guter Arzt lässt seine Patienten nicht im Stich. Das Femininum hingegen kann nie für beide Geschlechter stehen.

Das ist also eine völlig andere Problematik als die Unsichtbarkeit der Intersexuellen, Transsexuellen und TransgenderPersonen. Frauen sind in der Männersprache nicht unsichtbar, sondern untergeordnet. Wie Eva aus Adams Rippe wird die weibliche Bezeichnung aus der männlichen abgeleitet. Ein einziges Maskulinum bringt automatisch Tausende von Feminina zum Verschwinden.  Soll die Transgender und Genderqueer Community grammatisch im deutschen Sprachsystem sichtbar gemacht werden, bräuchte es eine weitere Endung. Sollte das Gesamtsystem gerecht sein, bräuchte es überdies eine eigene Endung für das Maskulinum, ähnlich wie es Matthias Behlert vorgeschlagen hat. Wir hätten dann etwa Freundin (Frau), Freundis (Mann) und Freundil (Intersexuelle, Transsexuelle, Transgender), Plural Freundinne, Freundisse, Freundille. Wenn das Geschlecht (welches auch immer) keine Rolle spielen soll, entfällt die Endung: Beispiel: Fragen Sie ihre Freund, Arzt oder Apotheker.

Warum „ihre Arzt“? Weil in dem entpatrifizierten Deutsch nach Behlert das Genus abgeschafft ist; es gibt nur noch einen Artikel, und zwar „die“.

Eine alternative Lösung wäre die Abschaffung der Endung -in plus Aktivierung des Neutrums (ne-utrum = keins von beiden): Bsp.: Die, der, das Neugeborene. Schon vor 31 Jahren habe ich vorgeschlagen, das Neutrum zu aktivieren für all jene Mitteilungszusammenhänge, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt. Beispiel: Gesucht wird ein Professor, das sich in feministischer Theorie auskennt. Das Neutrum könnte außerdem die Funktion des Unterstrichs übernehmen - falls es jenen gefällt, die jetzt auf dem Unterstrich Platz finden sollen.

Soweit meine feministisch-linguistische Beurteilung des Unterstrichs. Nächste Woche folgen einige kritische Bemerkungen über den Kampf der Genderforschung und der Queer Theory gegen binäre Kategorien, die angeblich den Zwischenstufen keinen Platz lassen. Wenn wir die aristotelische Kategorienlehre hinter uns lassen, was die Linguistik längst getan hat, gibt es für diese düstere Diagnose keinen Anlass.
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Anmerkung der FemBio-Redaktion zur Kommentarfunktion am 26.10.2011:
Übermäßig aggressive Äußerungen, besonders Diffamierungen von Personen und Gruppen, werden redigiert oder ganz gelöscht.
Bisherige Äußerungen dieser Art wurden geschlossen. Dadurch mag die Diskussion bisweilen etwas löcherig wirken, aber da müssen wir durch.


# | Luise F. Pusch am 22.10.2011 um 12:37 PM • Laut & LuiseGenderKomische WörterQueerSelbsthilfePermalink

09.10.2011

Die Mutation der Drohne

Drohnen sind männliche Bienen, deren einziger Lebenszweck die Begattung von Bienenköniginnen ist. Sie werden im Bienenstock von den emsigen weiblichen Arbeitsbienen durchgefüttert, bis sie zu ihrem „Hochzeitsflug“ aufbrechen, bei dem sie ihr Leben verlieren, wenn es ihnen gelingt, eine Königin zu „begatten“. Trotz ihrer tragischen Anmutung habe Drohnen einen schlechten Ruf:

Die männlichen Drohnen sind eigentlich für das Bienenvolk zu nichts zu gebrauchen. Sie sind genetisch halbe Portionen, plump gebaut und etwa 13 bis 16 Millimeter lang mit großen Facettenaugen. Drohnen lungern mit ihren großen Augen und Antennen dröge im Bienenstock herum, übernehmen keine Arbeit und lassen sich füttern. Drohnen dienen eigentlich nur zur sexuellen Befriedigung junger und jungfräulicher Königinnen. Bis zu 20 Drohnen begatten eine Königin beim Hochzeitsflug – dann sterben die Drohnen sofort; eigentlich ist das Drohnenleben doch ein kleiner schwarz-gelb gestreifter Männertraum. (Quelle: hier)

Die zweite Bedeutung von „Drohne“ - Nichtstuer und „faule Nesthocker“ - leitet sich ab von dieser abschätzigen Beurteilung des Drohnenlebens.

Nicht geklärt ist, warum die männliche Biene mit dem exklusiv männlichen Lebenszweck ausgerechnet „die“ Drohne heißt - nach männlichem Normalempfinden doch eine ehrenrührige Einordnung. Vermutet wird, dass es einfach eine Angleichung an das Femininum „die Biene“ sei. Die Fachsprache der Imkerei bevorzugt „der Drohn“. Drohne/Drohn ist also ein interessantes Pendant zu der feministischen Erfindung Matrone/Matron.

Die dritte Bedeutung von „Drohne“ ist: unbemannter Flugkörper, der zu Überwachungs- und anderen militärischen Zwecken eingesetzt wird. Militärische Drohnen sind ein rasanter Wachstumsmarkt, die Anzahl der Drohnen und der dafür ausgegebenen Summen wächst seit 9/11 exponentiell.

In Wörterbüchern, die älter als zehn Jahre sind, gibt es die militärische Bedeutung noch nicht. Nur in Online-Wörterbüchern finden sich alle drei Bedeutungen.

Mich interessiert die Frage, wieso die unbemannten Flugkörper, auch UAVs (unmanned aerial vehicles) oder RPVs (remotely piloted vehicles) genannt, nach den männlichen Bienen benannt wurden. Darüber habe ich - außer in Gunhild Simons Blog - nirgends etwas finden können. Sie schreibt:

Drohnen sind im Bienenstaat die einzigen, die keinen Stechapparat haben. Das heißt, sie sind unbewaffnet und wehrlos. Jede Arbeiterin kann sie totstechen.
Drohne klingt deshalb weniger bedrohlich als bewaffneter Roboter für einen unbemannten, bodengesteuerten Waffenträger.
In diesem Zusammenhang ist Drohne ein Euphemismus.
Drohnen heißen die unbemannten Flugkörper offenbar wegen ihrer Objekthaftigkeit, fehlenden Entscheidungsfähigkeit und Fremdgesteuertheit. (Quelle: hier)

Das klingt einleuchtend, aber es gibt noch eine bessere Erklärung: Die ersten Drohnen waren in den 30er Jahren die ferngesteuerten Modellflugzeuge des US-Amerikaners Reginald Denny; er taufte sie „Dennymites“. Sie dienten der Flugabwehr als mobile Ziele zum Training. Ihr Daseinszweck erfüllte sich im Abgeschossenwerden. Außerdem summten sie (engl. to drone) wie Insekten. Was lag also näher, als sie drones zu nennen nach den ebenfalls bei Erfolg todgeweihten männlichen Bienen, den „drones“?

Inzwischen wurde die Drohne mächtig aufgerüstet. Ferngesteuert wird sie weiterhin, z.B. von Nevada aus, während sie in Afghanistan versehentlich Zivilisten oder im Jemen Al-Kaida-Führer tötet. Aus dem alten heroischen Kampf Mann gegen Mann ist also ein ziemlich heimtückisches und für den Angreifer risikoloses Morden geworden. Der Unterschied zu den Massenmorden mit Giftgas im ersten und den Massenmorden mit Bombenteppichen und Atombomben im zweiten Weltkrieg ist der, dass die mit High-Tech-Instrumenten und -Waffen bestückte Drohne ihr Ziel präziser einkreist, ortet, erkennt und trifft. Außerdem kann sie bis zur Unsichtbarkeit miniaturisiert werden.

Kurz, die plumpe, todgeweihte Drohne, der „faule Nesthocker“, ist zum Ungeheuer mutiert, das auf dem besten Weg ist, der Fluch des 21. Jahrhunderts zu werden.
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Zum Weiterlesen: P.W. Singer. 2009. Wired for War: The Robotics Revolution and Conflict in the 21st Century.

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# | Luise F. Pusch am 09.10.2011 um 05:59 PM • Laut & LuiseFlora & FaunaKomische WörterMänner!MilitärPermalink

30.09.2011

Wie Mutter Natur uns hilft, Männer erfolgreich zu vergrämen

Vor ein paar Tagen präsentierte Google Mail mir in der rechten Spalte eine Anzeige, die ich nicht nur wahrnahm, sondern sogar im Gedächtnis behielt. Sie lautete: „Taubenabwehr / Vergrämung“. Ich klickte nicht, aber ich bekam die „Vergrämung“ nicht aus dem Kopf, forschte schließlich im Internet und erfuhr, dass es ein Ausdruck der Jägersprache ist. Er bezeichnet laut Wikipedia

das dauerhafte Vertreiben (Verscheuchen) oder Fernhalten von Wild – entweder unfreiwillig (z. B. durch Lärmen oder weiße Kleidung im Revier) oder als gewollte, möglichst nichttödliche Methode, um Wildtiere zu einer entsprechenden Verhaltensänderung zu bewegen. Vor allem Kormorane, Tauben, Marder, Maulwürfe und Wildkatzen werden gezielt vergrämt. Dabei spielt das Ausnutzen angeborener Verhaltensweisen…, z. B. durch Vortäuschen natürlicher Feinde, eine zunehmende Rolle. […] Verstänkerungsmittel werden eingesetzt um Wildschweine zu vergrämen.

Ist ja alles gut und schön, aber unser eigentliches Problem ist doch weniger die Belästigung durch Wildschweine als vielmehr die konstante Belästigung durch Männer bis hin zur Vergewaltigung. Die Frage lautet also: Wie lassen sich Männer nachhaltig und umweltschonend vergrämen? Lärmen und das Tragen weißer Kleidung im Revier bewirkt ja nichts, und Verstänkerung ist unpraktisch, weil es uns selbst auch vergrämt.

Was nottut ist eine liebevolle Rückbesinnung auf die natürlichen Mittel, die Mutter Natur uns zur Vergrämung der Männer geschenkt hat:

Da ist als erstes das Altern zu nennen. Je älter ich werde, umso vergrämter reagieren die Männer auf mich. Gut so! Es fing an, als ich etwa 35 war. Richtig gemütlich wurde es ab Mitte vierzig. Und nach dem 50. Lebensjahr hast du deine Ruhe.

Als Teenager hatte ich bereits die meisten Männer erfolgreich vergrämt, einfach weil ich eine Brille trug. Dies Mittel kommt auch immer wieder in Filmkomödien vor. Die Frau mit Brille vergrämt die Männer weit besser als die ohne Brille. Warum die Brille die Männer so gründlich vergrämt, ist noch nicht erforscht. Ich vermute mal, dass die Brille fortgeschrittenes Alter oder Intellekt oder sogar beides signalisiert, und das können die Männer bei Frauen nicht verknusen.

Es hilft auch, mehr zu wiegen als der weibliche Durchschnitt. Damit hatte ich auch keine Mühe.

Im Studentenheim hatte ich die meisten Männer aus Nordeuropa baldigst vergrämt. Sie warfen einen Blick auf mich und zogen vergrämt ab, auf Nimmerwiedersehen. Bei Männern aus Südeuropa, Afrika und dem mittleren Osten wirkten meine Vergrämungsmittel nicht. In meiner Jugend fühlte sich jeder Italiener verpflichtet, einer Frau nachzustellen, selbst wenn sie rundlich war und eine Brille trug. Dass ich blond war, half auch nicht grade. Meine blonden Haare waren das Signal, auf das überwiegend Afrikaner, Syrer und Ägypter reagierten, Brille hin oder her. Ich musste ein stärkeres Vergrämungsmittel einsetzen: Vortäuschen natürlicher Feinde. Ich erfand einen kräftigen Verlobten, der sich die vergrämungsresistenten Belästiger demnächst mal vornehmen würde.

Jetzt bin ich 67, immer noch mit Brille und übergewichtig - und habe alle brünstigen Männer so erfolgreich vergrämt, dass ich ein gänzlich unbeschwertes Leben führen kann, frei von jeder unliebsamen Belästigung. Ich weiß natürlich, dass selbst hohes Alter nicht vor Vergewaltigung schützt. Für diesen Extremfall müssen wir uns also noch was ausdenken, die ultimative Vergrämung sozusagen. Habt Ihr Ideen, was am besten wirkt? Pfefferspray? Wen-Do? Tranchiermesser? Verstänkerung? Gegen Marder soll „Marder weg“ helfen:

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8,90 €
Sofort wirkendes Vergrämungsmittel gegen Marder.

Rein natürliche Vergrämungsmittel. Die Gewohnheit bestimmte Bereich aufzusuchen, Gegenstände zu beschädigen oder zu markieren wird nachhaltig durchbrochen, da der Geruchs- und Geschmackssinn der Tiere durch Wabe Vergrämungsmittel  gestört wird. Die Tiere meiden die zu behandelnden Bereiche.
• Langzeitwirkung
• Keine Gefährdung der Tiere
• Umweltfreundliches Pumpsprühsystem

Vielleicht lässt sich „Marder weg“ zu „Mörder weg“ fortentwickeln???

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Hedwig Dohm