Jahreszeiten

02.02.2014

Wurm im Herzen: Die Winterreise

Die Ostküste der USA bis hinunter nach Georgia und der Mittlere Westen sind in Schnee und Eis erstarrt. Passend dazu gab man im Goethe-Institut Boston Schuberts Winterreise; obwohl „überzeitlich“, macht sie sich doch im tiefen Winter besser als im Sommer.

Dem Bariton Georg Lehner und Victor Rosenbaum am Klavier gelang eine wunderbare, ergreifende Darbietung; das trotz der klirrenden Kälte zahlreich erschienene Publikum war erschüttert, und begeistert.

Schubert ist mein Lieblingskomponist; die „Winterreise“ habe ich schon so oft gehört, dass ich sie fast auswendig kann. Trotzdem las ich im Halbdunkel den an der Kasse ausgehändigten Text mit. Und machte mir so meine feministischen Gedanken.

Die Musik ist über jede Kritik erhaben - „one of the greatest song cycles of all time“, hieß es auf dem Programmzettel, und das ist noch stark untertrieben. Die „Winterreise“ ist ein einsamer Gipfel der Musikgeschichte, Punkt. Sogar dem selbstkritischen Komponisten gefielen „diese Lieder mehr als alle und sie werden euch auch noch gefallen“ (Schubert nach der gemischten Reaktion der Freunde bei der Erstaufführung).

Die Musik machte auch den Dichter Wilhelm Müller (1794-1827) unsterblich - ob er allerdings von Schuberts Vertonungen je erfuhr, ist nicht bekannt. Urbild der „schönen Müllerin“, jenes Gedichtzyklus über den liebeskranken Müllerburschen, der der „Winterreise“ voranging, war die Dichterin Luise Hensel (Schwägerin von Fanny Mendelssohn-Hensel). Luise lehnte die Werbung des Dichters ab, weil der junge Mann ihr nicht ernst genug schien. Ähnlich wie Goethe mit seinem Werther und der Marienbader Elegie verarbeitete Müller seinen Liebeskummer in todtraurigen Texten - und tröstete sich schließlich mit einer anderen. Das Paar bekam zwei Kinder. Eine biedermeierliche Idylle, nichts blieb übrig vom todessüchtigen Liebesschmerz der „schönen Müllerin“ und der „Winterreise“. Allerdings starb der Dichter früh, mit 32 Jahren, an einem Herzinfarkt. In der „Winterreise“ ist das pochende Herz, dessen „Wurm mit heißem Stich sich regt“ ein zentrales Motiv.

Was dem feministisch geschulten Blick an der „Winterreise“ vor allem auffällt, ist das Missverhältnis zwischen dem Raum, den der Dichter seinem Leid widmet und dem, den er der verlorenen Geliebten gönnt. Das „Liebchen“ war anscheinend treulos und zog einen reicheren Bewerber vor. Dabei wissen wir doch, dass es in der frauenfeindlichen Wirklichkeit jener Tage meistens genau umgekehrt ablief: Sie wurde sitzengelassen (meist mit einem Kind) und ging ins Wasser, er ging auf Wanderschaft. Eine Option, die die Frau nie hatte.

Hier aber erfahren wir überaus genau, bis in die verborgensten Verästelungen der Seele, wie „tödlich schwer verletzt“ er ist, aber fast nichts über sein „fein Liebchen“. Das erweckt den Eindruck, als sei sie ihm im Grunde egal. Grob gesprochen: Er suhlt sich in seinem Elend und trieft vor Selbstmitleid.

Wirklich „schwer verletzt“, nämlich zu Tode erkrankt an der Syphilis und tatsächlich zeit seines Lebens ohne „ein treues Frauenbild“ war der Komponist der Winterreise. Goethen, Müller, Heine etc. gab ein Gott zu sagen, was sie litten, und so konnten sie sich des Liebeskummers mannhaft entledigen. Müllers Wanderbursche tut uns leid, aber er übertreibt ein bißchen. Immerhin aber gab der Dichter dem „tödlich schwer verletzten“ Komponisten eine Textvorlage, die ihn zu einem Liederzyklus anregte, der als Ausdruck der tödlichen Verlassenheit, des Schmerzes und der Verzweiflung in der Musik einzigartig ist und uns zutiefst erschüttert.
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2011 erschien Elfriede Jelineks „Winterreise. Ein Theaterstück“. Bei Wikipedia heiß es dazu: „Auf Anregung der Münchner Kammerspiele entstanden, nimmt das Stück schon im Titel Bezug auf den gleichnamigen Liederzyklus von Franz Schubert, Jelineks erklärtem Lieblingskomponisten, den die Autorin als den ‘Künstler, den ich am meisten bewundere, das größte Genie, das je gelebt hat’ bezeichnet. […] Schuberts Liederzyklus wie die diesem zugrunde liegenden Gedichte Müllers nennt Jelinek ‘eine lebenslange Inspirationsquelle’“. (Quelle: hier)

Was Schubert betrifft, stimme ich Jelineks starken Worten sofort zu. Wilhelm Müllers Gedichte allerdings kämen mir als „lebenslange Inspirationsquelle“ nicht in den Sinn. Wie kommt es, dass Jelinek, eine erklärte Feministin, sich nicht an der lieblosen Gestaltung und machohaften Konzeption des „treulosen Liebchens“ stört?

Ich glaube, da ist die Pianistin, Musikexpertin und -liebhaberin mit ihr durchgegangen. Die Musik ist so überwältigend, schmerzhaft und dabei so schön, dass wir darüber die Schwächen des Textes vergessen. Und es gibt ja auch viele großartige Gedichte in dem Zyklus, z.B. „Die Krähe“, „Der Wegweiser“, „Der Leiermann“. Durch Schuberts Vertonung wird die bisweilen ärgerliche Wehleidigkeit der Vorlage erhoben nicht nur zu einer „überzeitlichen“, sondern auch „überpersönlichen“ Aussage, die somit auch den Geschlechterkonflikt transzendiert. Mit der Musik kann sich jeder und jede identifizieren, die am Abgrund steht oder schon mal gestanden hat, sei es wegen Liebes- oder Todeskrankheit.
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# | Luise F. Pusch am 02.02.2014 um 06:49 PM • Laut & LuiseFZD - Frauenzentriertes DenkenJahreszeitenMänner!MusikWetterPermalink

04.03.2012

Mother-Blaming - Rabenmütter, Schwiegermonster und Stiefmütterchen

Ich ging im Walde so für mich hin, da kam mir das Stiefmütterchen in den Sinn. Das Wetter war so frühlingshaft, und Stiefmütterchen sind doch „die ersten Frühlingsboten“. Sehen tat ich allerdings keine. Sie kamen mir nur in den Sinn.

FrauenbildDie liebliche Frühlingsbotin heißt „Stiefmütterchen“, weil „die Blüte aussieht wie ein böses, eben stiefmütterliches Gesicht“. Oder weil die Blütenblätter ungerecht auf die Kelchblätter verteilt sind. Das oberste Blütenblatt sitzt auf zwei Kelchblättern, es wird Stiefmutter genannt. Die beiden Blätter unter ihr, die Töchter, sitzen auf je einem Kelchblatt. Und die beiden untersten Blütenblätter, Stieftöchter genannt, müssen sich ein Kelchblatt teilen und sind außerdem nur einfarbig, während Stiefmutter und Töchter mit zwei Farben geschmückt sind.

Spätestens seit Mutti uns zum ersten Mal „Aschenputtel“, „Schneewittchen“ und „Hänsel und Gretel“ vorlas, wissen wir, was für selbstsüchtige, geradezu teuflische Personen Stiefmütter sind.

Auch vor der eigenen Mutter sind Kinder niemals sicher, das lehrt uns schon der Begriff „Rabenmutter“! Oder die Urfassung von „Hänsel und Gretel“, in der die Kinder noch von der eigenen Mutter ins Verderben geschickt wurden!

Und erst die Schwiegermutter. Haben wir je von einer „lieben Schwiegermutter“ gehört? Nein, sie sind allesamt böse, böse Schwiegermütter, regelrechte Schwiegermonster - so der deutsche Titel einer bekannten Filmklamotte. Auf Englisch heißt der Film „Monster-in-Law“. Mother-Blaming ist ein internationales Projekt.

Woher kommt dieser anscheinend uralte, bis in mythische Vergangenheit zurückreichende Hass auf die Mütter? Wo doch die eigentlichen Monster die Väter sind, von den gewöhnlichen brutalen Schlägern, den Urhebern der sogenannten “häuslichen Gewalt”, über die Missbrauchsväter bis hin zu den katholischen Patres?

Ich vermute, es liegt daran, dass von den Vätern seit jeher nichts Gutes erwartet wird. Wenn sie sich also mies verhalten, so ist das einfach normal, und für das Normale braucht es kein eigenes Wort, frau denke nur an die fehlenden Pendants zu „Damenwahl“ und „Herrenschokolade“. Aber wehe, die Mutter ist nicht lieb, selbstlos, beschützend und nährend, wie sie sein soll - dann ist sie gleich ein Monster.

Während ich dies aufschreibe, treten vor meinem inneren Auge schon die VerteidigerInnen der Väter auf den Plan und werfen mir unzulässige Verallgemeinerung vor. Ihnen empfehle ich die Lektüre der jüngsten Studie zur sogenannten Elternzeit, über die das nicht eben als feministisch verschrieene Wall Street Journal am 29. Februar unter dem Titel “Does paternity leave hurt women?” berichtete. Frauen, das ergab diese Studie, kümmern sich in der Mutterschaftszeit liebevoll um ihre Kinder. Männer dagegen nutzen die Zeit, um gezielt ihre Karriere voranzubringen. Mütter, warnt das Wall Street Journal, geraten im beruflichen Wettbewerb umso mehr ins Hintertreffen, je mehr Männer Vaterschaftszeit nehmen und - zweckentfremden.

Inzwischen brüten die angeschmierten Kinder, vernachlässigt wie sie sich fühlen, schon mal neue Märchen über selbstsüchtige Mütter aus. Denn die Mutter ist schließlich für ihr Wohl zuständig.

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# | Luise F. Pusch am 04.03.2012 um 01:42 PM • Laut & LuiseEtymologieFlora & FaunaJahreszeitenKomische WörterMänner!Permalink

24.09.2011

Der Papst im Altweibersommer

Was für einen fraulichen Altweibersommer haben wir dies Jahr! Oder würde „altweiblich“ besser passen? Meine 86jährige Nachbarin rief mir im Treppenhaus zu:  „Herrliches Wetter heute! Diese schöne klare Luft! Ich war draußen, Sonne tanken.“ Also meinetwegen auch „herrlich“. Ich sagte zu ihr: „Ja, schöner Altweibersommer, das passt zu uns!“ Darauf sie: „Aber Sie sind doch noch so jung!“ Ich lachte und ging dann auch nach draußen, Altweibersonne tanken.

Warum heißt eine der schönsten Zeiten im Jahr „Altweibersommer“ - als wären alte Weiber in unserer Kultur nicht das Allerletzte? Dazu Wikipedia: 

[Ein] Zeitabschnitt gleichmäßiger Witterung im Spätjahr, oft im September, welcher sich durch ein Hochdruckgebiet, stabiles Wetter und ein warmes Ausklingen des Sommers auszeichnet. Das kurzzeitig trockenere Wetter erlaubt eine gute Fernsicht und intensiviert den Laubfall und die Laubverfärbung.
Der Name leitet sich von Spinnfäden her, mit denen junge Baldachinspinnen im Herbst durch die Luft segeln. Mit „weiben“ wurde im Althochdeutschen das Knüpfen der Spinnweben bezeichnet.

Wiktionary hält noch mehr Ideen zur Herkunft des Wortes parat: Folgende Möglichkeiten werden erwogen:

Das Wort wird seit dem 17. Jh. verwendet, die genaue Herkunft ist unklar.
Eine Möglichkeit ist, als Grundlage der Bezeichnung weiben = weben anzusehen und somit die Spinnweben in den Mittelpunkt zu stellen. Daran wäre schlicht die Jahreszeitbezeichnung Sommer angehängt und das ganze mit dem Adjektiv alt verbunden, um auszudrücken, dass es sich um einen späten, gewissermaßen alten Sommer handelt, der bald in den Herbst übergeht. Das Wort würde sich auf diese Weise als „alter Spinnweb-Sommer“ erklären.
Eine andere Möglichkeit ist, dass der Bestandteil -sommer hier nicht die Jahreszeit meint, sondern mit engl. gossamer verwandt ist, welches „Spinnweben“ bedeutet.
Eine dritte Möglichkeit besteht darin, an eine Übertragung von der (schlecht belegten) Bedeutung „zweite Jugend bei Frauen“ zu denken. So, wie diese „zweite Jugend“ verächtlich als kurzlebig und unzeitig gesehen wird, so ist auch der Spätsommer nicht von langer Dauer.

Das klang vor 35 Jahren im „Großen Wörterbuch der deutschen Sprache“ des Duden-Verlags aber noch GANZ anders: Dort finden wir nach Altweibergeschwätz, Altweibergewäsch (törichtes, albernes Gerede), Altweiberklatsch (törichte, üble Nachrede), Altweiberknoten (laienhaft geknüpfter, nicht belastbarer Knoten), Altweibermärchen (unglaubwürdige, alberne Geschichte) schließlich auch den Altweibersommer mit folgender Definition: “(vielleicht nach dem Vergleich einer späten Liebe älterer Frauen): sonnige, warme Nachsommertage”.

Kein Wunder bei dermaßen gehässigen Definitionen des Wortbestandteils “Altweiber-”, dass eine 78jährige Bürgerin sich über den Ausdruck „Altweibersommer“ aufregte und den Deutschen Wetterdienst aufforderte, ihn nicht mehr zu verwenden. Aber ihre Klage wurde 1989 abgewiesen.

Heute würde ihr das Wort vielleicht sogar gefallen, wenn sie das freundliche, aufgeklärte Wiktionary heranziehen würde. Immerhin ist der Altweibersommer, wie gesagt, wohl die schönste Zeit des Jahres, und dass sie benannt ist nach der Gruppe mit dem schlechtesten Image, finde ich gut.

Bleibt noch die Frage zu klären, warum der Papst für seine Reise nach Deutschland den Altweibersommer wählte. Der Begriff passt gut zum fortgeschrittenen Alter des Papstes und anderer katholischer Würdenträger und zu ihren weiblichen Outfits - bei der Vigil in Freiburg saßen sie da alle aufgereiht wie alte Bäuerinnen im schönsten Sonntagsstaat. Aber Wikipedia verweist auf eine noch schlüssigere Antwort:

Da das Wetter im Altweibersommer für Freiluftveranstaltungen besonders günstig ist, wurde das Oktoberfest in München im Laufe der Zeit vom Anfangstermin Mitte Oktober zum Septemberende hin vorverschoben.

Als waschechter Bayer kennt Ratzinger sich aus. Und was fürs Oktoberfest gilt, gilt auch für seine Massen-Gottesdienste im Freien. Warum nicht beim nächsten Besuch beides einfach zusammenlegen? Statt des Messweins und der Oblaten zur Abwechslung mal eine Maß Bier und eine Brezn, der Papst im Papamobil auf dem Autoscooter, dann die Predigt hoch oben von der Achterbahn oder vom Riesenrad - das könnte eine Riesengaudi werden. Ein echt zeitgemäßes und supergeiles Crossover-Event, wenn schon die Ökumene nicht klappen will. 

Keine gute Idee? Macht ja nix. Ist eh nur Altweibergewäsch.

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# | Luise F. Pusch am 24.09.2011 um 08:19 PM • Laut & LuiseEtymologieJahreszeitenKircheKomische WörterWetterPermalink

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Hedwig Dohm