»Laut & Luise«
FZD - Frauenzentriertes Denken
12.08.2012
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Siebenundfünfzigste Lektion.
Heute früh, ich lag noch im Halbschlaf, fiel mir Martin Luther ein. Wegen seiner Bibelübersetzung. Wir hatten nämlich vor ein paar Tagen mal wieder den „Letter to Dr. Laura [Schlessinger]“ zugeschickt bekommen, der seit dem Jahr 2000 im Internet kursiert. Darin stellt ein „Fan“ der homophobischen Laura Schlessinger, die wie viele ihresgleichen mit der Bibel argumentiert, eine Reihe interessanter Fragen, ebenfalls gestützt auf die Bibel. Zum Beispiel möchte er (oder sie), im Einklang mit der Bibel (Exodus 21:7), eine Tochter als Sklavin verkaufen und fragt, was heutzutage wohl ein angemessener Preis für sie wäre, undsoweiter. Im „Brief an Dr. Laura“ wird Homophobie, die sich auf die Bibel beruft, höchst vergnüglich ad absurdum geführt. Viel Spaß damit: http://www.snopes.com/politics/religion/drlaura.asp
Was fällt einer Deutschen beim Stichwort Bibel ein? Luthers Bibelübersetzung. Luther übersetzte die Bibel auf der Wartburg, wo er sich vor seinen Feinden versteckte. Er lebte und arbeitete dort incognito unter einem Decknamen. Wie war doch gleich sein Deckname, dachte ich im Halbschlaf vor mich hin. Mir fiel nur „Jungfer Jörg“ ein - aber das konnte ja wohl nicht stimmen. Ach ja - „Junker Jörg“ nannte er sich.
Junker geht zurück auf Jungherr und ist heute ähnlich veraltet wie Jungfer.
Aber noch immer lebendig, wenngleich überflüssig, sind die Wörter „entjungfern“, „Entjungferung“, “Jungfernhäutchen” und “alte Jungfer”. Sie alle gehören eigentlich abgeschafft. Solange sie aber noch herumgeistern, brauchen sie männliche Pendants - und die habe ich heute früh im Halbschlaf gefunden.
Manchmal ist wegen dieser Lücke in unserem Wortschatz die Rede von einer „männlichen Jungfrau“ - wäre da nicht Junker das passendere Wort? Und solange Frauen noch „entjungfert“ werden können, brauchen wir auch das Pendant „entjunkern“: Ein Mann bzw. Junker wird entjunkert, wenn er das erste Mal Geschlechtsverkehr hat. Entjunkerungen sind - logischerweise - genau so häufig wie Entjungferungen. Aber bisher gab es kein Wort für sie, und das liegt an unserer patriarchalen Kultur. Dass eine Frau - in der Regel werden Junker ja durch Frauen entjunkert - am Status eines Mannes irgendetwas bewirken könnte, ist in dieser Kultur undenkbar und wird entsprechend behandelt: Es kommt gar nicht erst zur Sprache, und damit existiert es nicht.
Ob wir neben der „alten Jungfer“ auch den „alten Junker“ brauchen? Ich bin eher für die endgültige Abschaffung der „alten Jungfer“, aber für historische Romane und zu Verteidigungszwecken sollten wir den Begriff parat haben.
Früher oblag die Entjunkerung in der Regel dem weiblichen Dienstpersonal und den Prostituierten. Sie sollten die Junker „in die Geheimnisse der körperlichen Liebe einführen“. Natürlich konnte von Liebe keine Rede sein, gemeint war Sexualität.
Der Status „Jungfrau“ war im Westen früher von ungeheurer Bedeutung, in vielen nichtwestlichen Gesellschaften ist er es bis heute. Die Frau soll „jungfräulich“ in die Ehe gehen. Will sagen, der Ehemann soll sichergehen können, dass er der Erstbenutzer seiner Braut ist. Das Patriarchat unternimmt unglaubliche Anstrengungen, um diese Doppelmoral aufrechtzuerhalten. Nicht mehr intakte „Jungfernhäutchen“ werden von Spezialisten aufwendig wieder repariert oder eingenäht, damit der Eheherr sie wieder durchstoßen kann. Mann geht nicht selten über Leichen, vgl. die sogenannten „Ehrenmorde“, die eigentlich „Schwesternmorde“ heißen sollten.
Schon um die Waage zu unseren Gunsten ein wenig ins Gleichgewicht zu bringen, sollten wir bei jedem Vorkommen des Wortes „Entjungferung“ die Pendants „Junker“ und „Entjunkerung“ ins Gespräch bringen und zur Not darauf bestehen, dass der Mann „junkerlich“ in die Ehe zu gehen hat.
Die Frage, ob „Junker Jörg“ wirklich noch ein Junker war und vier Jahre später von seiner Ehefrau entjunkert wurde, ließ sich bisher nicht klären. Da er bis 1524, ein Jahr vor der Eheschließung, Mönch war, ist das aber nicht unwahrscheinlich. Wenn ja, heiratete die 26jährige Jungfer Katharina von Bora einen mit 41 Jahren schon fast uralten Junker. Dass die Entjunkerung trotzdem erfolgreich war, bezeugt die große Kinderschar des Ehepaars Luther.
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••
Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:



03.04.2011
Der März hatte es in sich in Sachen Frauenpolitik. Wir feierten 100 Jahre internationaler Tag der Frau, begingen den „Equal Pay Day “, und zum Schluss gab es noch das Spitzengespräch zur Frauenquote zwischen den Ministerinnen von der Leyen, Schröder und Leutheusser-Schnarrenberger auf der einen und Vertretern der DAX-Unternehmen auf der anderen Seite.
Bei allen drei Events, die uns an und für sich ja hoffen lassen, gab es die üblichen weiblichen Probleme mit der Mathematik - gut, dass wir jetzt die Förderpläne für die MINT-Fächer entwickeln (MINT = Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik).
Hundert Jahre Tag der Frau hatten wir schon letztes Jahr gefeiert - was stimmt denn nun?
Bei der Debatte zur Frauenquote tönte Ministerin Schröder, sie wolle eine Verdreifachung des Frauenanteils in den Führungsgremien bis 2013. Das klingt ja enorm. Was sie in dem Zusammenhang weniger breittrat, war die Tatsache, dass wir nach Erreichung des schwindelerregenden Zuwachses grade mal bei 6 Prozent angekommen sind, denn derzeit gibt es 2 Prozent (in Worten: zwei!) Frauen in den Führungsetagen. Das klingt ja nun echt mickrig. Nennen wir es doch lieber „Verdreifachung!“
Am interessantesten aber ist der Equal Pay Day. Da geht es nämlich um die Frage, ob der Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern nun 23 Prozent oder 30 Prozent beträgt. Ist ja nicht grade unerheblich. Bezogen auf 23 Prozent wären 30 Prozent über ein Drittel mehr Differenz.
Des Rätsels Lösung: Es kommt auf die Bezugsgröße an - welchen Wert setze ich an als 100 Prozent? Den Männerlohn oder den Frauenlohn? In meinen Seminaren behandle ich solche Fragen unter der Überschrift „Frauenzentriertes Denken“. Das fällt uns Frauen noch schwerer als Mathematik ;-). Es ist keine Fertigkeit, sondern eine Kunst, aber sie lässt sich lernen.
Sagen wir mal, die Männer verdienen pro Stunde im Schnitt 20 EUR und die Frauen 15. Dann verdienen die Frauen ein Viertel oder 25 Prozent weniger als die Männer; der Lohnunterschied beträgt 25 Prozent.
Genau so wahr ist aber, dass die Männer ein ganzes Drittel, also 33 Prozent mehr verdienen als die Frauen, der Lohnunterschied beträgt also satte 33 Prozent.
Und damit die Frau dasselbe bekommt wie der Mann in einer Stunde, muss sie nicht nur eine Viertelstunde, sondern 20 Minuten länger arbeiten. Für das Jahr gilt entsprechend: Nicht nur ein Vierteljahr, sondern 4 Monate länger!
Auf der Seite http://www.equalpayday.de der BPW (Business and Professional Women) lese ich:
Nach der Veröffentlichung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) vom 12. November 2009 „haben Frauen in Deutschland im Jahr 2008 mit durchschnittlich 14,51 Euro pro Stunde 4,39 Euro weniger als ihre männlichen Kollegen verdient. Damit lag der Gender Pay Gap, das heißt der prozentuale Unterschied im durchschnittlichen Bruttostundenverdienst von Frauen und Männern, wie bereits in den Vorjahren konstant bei 23%.
Ich nehme mal an, dass im Statistischen Bundesamt überwiegend Männer wirken. Sie fanden es sicher optisch hübscher, den Lohnunterschied mit 23 Prozent zu beziffern als mit 30 Prozent. Geschickte Wortkosmetik, wie bei Kristina Schröders “Verdreifachung”.
Ich rechne mal vor, wie die unterschiedlichen Zahlen zustande kommen:
14,51 (Frauenlohn) + 4,39 = 18,90 (Männerlohn)
14,51: 18,9% = 76,77 (14,51 (Frauenlohn) sind 76,77 Prozent von 18,9 (Männerlohn))
100%-76,77% = 23,23% Differenz
•••••••••••••
18,9: 14,51% = 130,25 (18,9 (Männerlohn) sind 130,25 Prozent von 14,51 (Frauenlohn) )
130,25%-100% = 30,25% Differenz
Setzen wir unseren Lohn als Vergleichsgröße von 100 Prozent an (denken wir frauenzentriert!), so ergibt sich der stattliche Lohnunterschied von fast einem Drittel: 30,25 Prozent!
Auf der http://www.equalpayday.de Seite lese ich weiter:
Der Aktionstag „Equal Pay Day“ findet jährlich statt und markiert den Entgeltunterschied zwischen den Geschlechtern in Deutschland als den Zeitraum, den Frauen über den Jahreswechsel hinaus arbeiten müssten, um auf das durchschnittliche Vorjahresgehalt von Männern zu kommen.
Das Datum des Aktionstages „Equal Pay Day“ errechnet sich in Deutschland nach der Formel: 52 Wochen/Jahr x 5 Arbeitstage/Woche = 260 Arbeitstage/Jahr x statistisch aktuell ermittelter Entgeltunterschied in Prozent.
Dies Jahr war der Equal Pay Day am 25. März: 60 Tage länger musste die Frau angeblich arbeiten, um auf den Lohn des Mannes zu kommen.
Tatsächlich muss sie aber 78 Tage länger arbeiten, nämlich bis zum 20. April. Dann hat sie die 30 Prozent aufgeholt, die der Mann im letzten Jahr mehr verdient hat als sie.
Also liebe Frauen, begehen wir auch den Equal Pay Day gleich noch mal. Doppelt hält besser, das sahen wir ja schon bei der der zweiten 100-Jahr-Feier des Internationalen Tags der Frau.
Seite 1 von 1
Seitenanfang