Flora & Fauna

11.06.2012

Das Wort „Umwelt“ führt in die Irre: Linguistische Anmerkungen zur 13. documenta

An diesem Wochenende starteten zwei Großereignisse: Die dOCUMENTA (13) der Frauen in Kassel und die Fußball-Europameisterschaft der Männer in Polen und der Ukraine. Natürlich werden die beiden Ereignisse nicht so genannt, aber tatsächlich wirken an der Fußball-EM ja nur Männer mit und für die dOCUMENTA (13) zeichnen fast ausschließlich Frauen verantwortlich. Und das merkt frau auch. Der Unterschied ist deutlich.

Die dOCUMENTA (13), die wichtigste Ausstellung für zeitgenössische Kunst, ist ein Weltereignis, das sich über drei Monate erstreckt. Die Fußball-EM der Männer ist hingegen auf Europa beschränkt und in drei Wochen vorbei. Die schönen Ideen der dOCUMENTA-Macherinnen werden weiter ausstrahlen und hoffentlich die Welt erleuchten, wenn die Fußball-EM schon längst vergessen ist.

Am Freitagabend sendete Kulturzeit ein Special zur Eröffnung der dOCUMENTA( 13). Cécile Schortmann, die Moderatorin, schien skeptisch, ob das ökofeministische Konzept der Macherinnen mit der US-Amerikanerin Carolyn Christov-Bakargiev an der Spitze noch etwas mit Kunst zu tun habe. Zu Beginn ihrer Sendung hielt Schortmann uns eine Tomate quasi unter die Nase und fragte: „Wussten Sie schon, dass das hier Kunst ist und dass eine ganz normale Erdbeere politische Absichten hat?“ Carolyn Christov-Bakargiev präzisierte später, eine Erdbeere habe vielleicht keine politischen Absichten, wohl aber Rechte, die wir zu respektieren hätten. Wir alle, Pflanzen, Tiere, Menschen und Mineralien seien nur Gäste auf diesem Planeten. Und Schortmann resümierte: „Diese documenta will unser Verständnis von Kunst sprengen und uns von dem Glauben abbringen, dass allein der Mensch im Zentrum der Welt steht.“

Die Kunstkritikerin Silke Hohmann, die in dem Special ebenfalls zu Wort kam, wies die Behauptung zurück, die documenta-Chefin habe ein „Konzept der Konzeptlosigkeit“ verfolgt und erklärte, Christov-Bakargiev habe den KünstlerInnen statt konzeptueller Vorgaben nur eine Frage mitgegeben, und zwar: „Wie ist es möglich, den menschlichen Standpunkt zu verlassen als Mensch?“ An dieser Frage hätten sich alle fast die Zähne ausgebissen.

Ich horchte auf. An dieser Frage arbeite ich mich nämlich auch als Linguistin schon lange ab.
Christov-Bakargiev hat auch WissenschaftlerInnen eingeladen, die dem Publikum ihre Einsichten über die Welt nahebringen sollen. Was hätte ich dem Publikum auf der documenta zu vermitteln versucht? Folgendes:

Dass unsere sprachlichen Strukturen die anthropozentrische und androzentrische Denkweise, die Christov-Bakargiev überwinden möchte, geradezu erzwingen. Über die Subjekt-Objekt-Struktur der indo-europäischen Syntax und ihren bedenklichen Einfluß auf unser Denken (Stichworte Hierarchisierung und Dichotomisierung) ist schon viel philosophiert worden. Weniger Kritik hat die Einteilung der Welt in Belebtes und Unbelebtes gezeitigt, erkennbar bspw. in der Frageformel „Wer oder was?“ und in der englischen Pronominalisierung durch she/he oder it. Unbelebtes wird mit „it“ pronominalisiert.
Ist ein Baum, ein Tier vielleicht unbelebt? Nach den Regeln der engl. Grammatik: Ja.
Ist ein Mann vielleicht etwas Besseres als eine Frau? Nach den Regeln der meisten Sprachen: Ja.

Auf Deutsch ermorden wir Tiere, Bäume oder Blumen nicht, sondern wir „schlachten“, „fällen“ oder „pflücken“ sie. Nur Menschen werden „ermordet“, und Morde werden als Kapitalverbrechen geahndet. Durch die unterschiedliche Wortwahl ordnen wir Lebewesen, die, wie Christov-Bakargiev klarmachen will, alle den gleichen Respekt verdienen, unterschiedlichen Kategorien zu, und so geht uns die Einsicht verloren, dass wir im einen wie im anderen Falle ein Lebewesen töten.

Das folgenschwerste Beispiel für sprachlich verursachte Denkstörungen ist vielleicht das Wort „Umwelt“ mit allen Abkömmlingen, die es in den letzten 40 Jahren hervorgebracht hat: Umweltzerstörung, Umweltschutz, Umweltbewußtsein, etc.

Das Wort „Umwelt“ setzt den Menschen als Zentrum bzw. im Zentrum voraus, d.h. es (re)produziert genau das Denken, das die Welt zu zerstören oder zumindest aus dem Gleichgewicht zu bringen droht: Solange der Mensch sich als Zentrum setzt, kann es mit dem „Umweltschutz“ nichts werden. Der Mensch muss begreifen, dass er ein Teil des Ökosystems Erde, ja des Systems Kosmos ist. Diese Sicht lässt der Begriff „Umwelt“ nicht zu, ja er schließt sie aus. Die „Umwelt“ umgibt mich: ein Teil von ihr kann ich per definitionem nicht sein.

Das Wort „Umwelt“ habe ich von Christov-Bakargiev auch nicht gehört: Sie sagt stattdessen „Ökosystem“. Sie hat auch etwas gegen Begriffe wie „Naturschutz“ oder „Umweltschutz“. Erdbeeren, Tomaten, überhaupt alle: Pflanzen, Tiere, Menschen und Mineralien sollen nicht geschützt, sondern emanzipiert werden.

Irgendwann fiel auch mal der kluge Satz: „Alles ist politisch, und das verstehen wir nur durch die Sinne.“ Klingt durch und durch feministisch. Also: Nichts wie hin. Ab nach Kassel!

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# | Luise F. Pusch am 11.06.2012 um 08:40 PM • Laut & LuiseFlora & FaunaGenderKunstTV-Kritik14 TrackbacksPermalink

04.03.2012

Mother-Blaming - Rabenmütter, Schwiegermonster und Stiefmütterchen

Ich ging im Walde so für mich hin, da kam mir das Stiefmütterchen in den Sinn. Das Wetter war so frühlingshaft, und Stiefmütterchen sind doch „die ersten Frühlingsboten“. Sehen tat ich allerdings keine. Sie kamen mir nur in den Sinn.

FrauenbildDie liebliche Frühlingsbotin heißt „Stiefmütterchen“, weil „die Blüte aussieht wie ein böses, eben stiefmütterliches Gesicht“. Oder weil die Blütenblätter ungerecht auf die Kelchblätter verteilt sind. Das oberste Blütenblatt sitzt auf zwei Kelchblättern, es wird Stiefmutter genannt. Die beiden Blätter unter ihr, die Töchter, sitzen auf je einem Kelchblatt. Und die beiden untersten Blütenblätter, Stieftöchter genannt, müssen sich ein Kelchblatt teilen und sind außerdem nur einfarbig, während Stiefmutter und Töchter mit zwei Farben geschmückt sind.

Spätestens seit Mutti uns zum ersten Mal „Aschenputtel“, „Schneewittchen“ und „Hänsel und Gretel“ vorlas, wissen wir, was für selbstsüchtige, geradezu teuflische Personen Stiefmütter sind.

Auch vor der eigenen Mutter sind Kinder niemals sicher, das lehrt uns schon der Begriff „Rabenmutter“! Oder die Urfassung von „Hänsel und Gretel“, in der die Kinder noch von der eigenen Mutter ins Verderben geschickt wurden!

Und erst die Schwiegermutter. Haben wir je von einer „lieben Schwiegermutter“ gehört? Nein, sie sind allesamt böse, böse Schwiegermütter, regelrechte Schwiegermonster - so der deutsche Titel einer bekannten Filmklamotte. Auf Englisch heißt der Film „Monster-in-Law“. Mother-Blaming ist ein internationales Projekt.

Woher kommt dieser anscheinend uralte, bis in mythische Vergangenheit zurückreichende Hass auf die Mütter? Wo doch die eigentlichen Monster die Väter sind, von den gewöhnlichen brutalen Schlägern, den Urhebern der sogenannten “häuslichen Gewalt”, über die Missbrauchsväter bis hin zu den katholischen Patres?

Ich vermute, es liegt daran, dass von den Vätern seit jeher nichts Gutes erwartet wird. Wenn sie sich also mies verhalten, so ist das einfach normal, und für das Normale braucht es kein eigenes Wort, frau denke nur an die fehlenden Pendants zu „Damenwahl“ und „Herrenschokolade“. Aber wehe, die Mutter ist nicht lieb, selbstlos, beschützend und nährend, wie sie sein soll - dann ist sie gleich ein Monster.

Während ich dies aufschreibe, treten vor meinem inneren Auge schon die VerteidigerInnen der Väter auf den Plan und werfen mir unzulässige Verallgemeinerung vor. Ihnen empfehle ich die Lektüre der jüngsten Studie zur sogenannten Elternzeit, über die das nicht eben als feministisch verschrieene Wall Street Journal am 29. Februar unter dem Titel “Does paternity leave hurt women?” berichtete. Frauen, das ergab diese Studie, kümmern sich in der Mutterschaftszeit liebevoll um ihre Kinder. Männer dagegen nutzen die Zeit, um gezielt ihre Karriere voranzubringen. Mütter, warnt das Wall Street Journal, geraten im beruflichen Wettbewerb umso mehr ins Hintertreffen, je mehr Männer Vaterschaftszeit nehmen und - zweckentfremden.

Inzwischen brüten die angeschmierten Kinder, vernachlässigt wie sie sich fühlen, schon mal neue Märchen über selbstsüchtige Mütter aus. Denn die Mutter ist schließlich für ihr Wohl zuständig.

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# | Luise F. Pusch am 04.03.2012 um 01:42 PM • Laut & LuiseEtymologieFlora & FaunaJahreszeitenKomische WörterMänner!Permalink

09.10.2011

Die Mutation der Drohne

Drohnen sind männliche Bienen, deren einziger Lebenszweck die Begattung von Bienenköniginnen ist. Sie werden im Bienenstock von den emsigen weiblichen Arbeitsbienen durchgefüttert, bis sie zu ihrem „Hochzeitsflug“ aufbrechen, bei dem sie ihr Leben verlieren, wenn es ihnen gelingt, eine Königin zu „begatten“. Trotz ihrer tragischen Anmutung habe Drohnen einen schlechten Ruf:

Die männlichen Drohnen sind eigentlich für das Bienenvolk zu nichts zu gebrauchen. Sie sind genetisch halbe Portionen, plump gebaut und etwa 13 bis 16 Millimeter lang mit großen Facettenaugen. Drohnen lungern mit ihren großen Augen und Antennen dröge im Bienenstock herum, übernehmen keine Arbeit und lassen sich füttern. Drohnen dienen eigentlich nur zur sexuellen Befriedigung junger und jungfräulicher Königinnen. Bis zu 20 Drohnen begatten eine Königin beim Hochzeitsflug – dann sterben die Drohnen sofort; eigentlich ist das Drohnenleben doch ein kleiner schwarz-gelb gestreifter Männertraum. (Quelle: hier)

Die zweite Bedeutung von „Drohne“ - Nichtstuer und „faule Nesthocker“ - leitet sich ab von dieser abschätzigen Beurteilung des Drohnenlebens.

Nicht geklärt ist, warum die männliche Biene mit dem exklusiv männlichen Lebenszweck ausgerechnet „die“ Drohne heißt - nach männlichem Normalempfinden doch eine ehrenrührige Einordnung. Vermutet wird, dass es einfach eine Angleichung an das Femininum „die Biene“ sei. Die Fachsprache der Imkerei bevorzugt „der Drohn“. Drohne/Drohn ist also ein interessantes Pendant zu der feministischen Erfindung Matrone/Matron.

Die dritte Bedeutung von „Drohne“ ist: unbemannter Flugkörper, der zu Überwachungs- und anderen militärischen Zwecken eingesetzt wird. Militärische Drohnen sind ein rasanter Wachstumsmarkt, die Anzahl der Drohnen und der dafür ausgegebenen Summen wächst seit 9/11 exponentiell.

In Wörterbüchern, die älter als zehn Jahre sind, gibt es die militärische Bedeutung noch nicht. Nur in Online-Wörterbüchern finden sich alle drei Bedeutungen.

Mich interessiert die Frage, wieso die unbemannten Flugkörper, auch UAVs (unmanned aerial vehicles) oder RPVs (remotely piloted vehicles) genannt, nach den männlichen Bienen benannt wurden. Darüber habe ich - außer in Gunhild Simons Blog - nirgends etwas finden können. Sie schreibt:

Drohnen sind im Bienenstaat die einzigen, die keinen Stechapparat haben. Das heißt, sie sind unbewaffnet und wehrlos. Jede Arbeiterin kann sie totstechen.
Drohne klingt deshalb weniger bedrohlich als bewaffneter Roboter für einen unbemannten, bodengesteuerten Waffenträger.
In diesem Zusammenhang ist Drohne ein Euphemismus.
Drohnen heißen die unbemannten Flugkörper offenbar wegen ihrer Objekthaftigkeit, fehlenden Entscheidungsfähigkeit und Fremdgesteuertheit. (Quelle: hier)

Das klingt einleuchtend, aber es gibt noch eine bessere Erklärung: Die ersten Drohnen waren in den 30er Jahren die ferngesteuerten Modellflugzeuge des US-Amerikaners Reginald Denny; er taufte sie „Dennymites“. Sie dienten der Flugabwehr als mobile Ziele zum Training. Ihr Daseinszweck erfüllte sich im Abgeschossenwerden. Außerdem summten sie (engl. to drone) wie Insekten. Was lag also näher, als sie drones zu nennen nach den ebenfalls bei Erfolg todgeweihten männlichen Bienen, den „drones“?

Inzwischen wurde die Drohne mächtig aufgerüstet. Ferngesteuert wird sie weiterhin, z.B. von Nevada aus, während sie in Afghanistan versehentlich Zivilisten oder im Jemen Al-Kaida-Führer tötet. Aus dem alten heroischen Kampf Mann gegen Mann ist also ein ziemlich heimtückisches und für den Angreifer risikoloses Morden geworden. Der Unterschied zu den Massenmorden mit Giftgas im ersten und den Massenmorden mit Bombenteppichen und Atombomben im zweiten Weltkrieg ist der, dass die mit High-Tech-Instrumenten und -Waffen bestückte Drohne ihr Ziel präziser einkreist, ortet, erkennt und trifft. Außerdem kann sie bis zur Unsichtbarkeit miniaturisiert werden.

Kurz, die plumpe, todgeweihte Drohne, der „faule Nesthocker“, ist zum Ungeheuer mutiert, das auf dem besten Weg ist, der Fluch des 21. Jahrhunderts zu werden.
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Zum Weiterlesen: P.W. Singer. 2009. Wired for War: The Robotics Revolution and Conflict in the 21st Century.

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# | Luise F. Pusch am 09.10.2011 um 05:59 PM • Laut & LuiseFlora & FaunaKomische WörterMänner!MilitärPermalink

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Hedwig Dohm