Politik

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06.08.2012

Granny und Nanny im US-Wahlkampf

In den USA tobt der Wahlkampf; es geht dabei nicht nur um die Präsidentschaft, sondern auch um das Repräsentantenhaus und um ein Drittel der Sitze des Senats. Einer der meistbeachteten Teilkämpfe geht um einen der beiden Senatssitze von Massachusetts. Der Demokrat Ted Kennedy hatte ihn bis zu seinem Tod fast ein halbes Jahrhundert inne, dann fiel er dank massiver Wahlhilfe der Wirtschaft an den Republikaner Scott Brown. Und jetzt wollen die DemokratInnen „ihren“ Senatssitz wiederhaben und schicken eine beliebte, geachtete und hochqualifizierte Bewerberin ins Rennen: Elizabeth Warren, Jura-Professorin an der Harvard-Universität, Finanzexpertin und schärfste Kritikerin der Machenschaften der Finanzindustrie. 2010-2011 war Warren Sonderberaterin beim Consumer Financial Protection Bureau (Amt für Verbraucherschutz, Abtlg. Finanzen), das sie initiiert hatte.

FrauenbildEs verwundert nicht, dass fast niemand bei den Republikanern unbeliebter ist als Elizabeth Warren; sie kommt auf der Abschussliste gleich nach Obama. Wie schon bei der Lancierung Scott Browns werden massive Finanzmittel gegen sie eingesetzt, daneben aber auch das Mittel der Verunglimpfung und des systematischen Rufmords, das schon bei der Verhinderung der Präsidentschaft John Kerrys (2004) so gut geholfen und Bush die zweite Amtszeit beschert hat.

Für mich als Linguistin ist hier interessant, wie die Häme gegen Elizabeth Warren gestrickt ist.

Die 63jährige Warren ist geschieden und wiederverheiratet; sie hat zwei Kinder und drei Enkelkinder. Folglich redet die republikanische Seite nur noch von „Granny Warren“ (Oma Warren).

Zum Vergleich: Mitt Romney ist 65 Jahre alt, hat fünf Söhne und 18 Enkelkinder. Deswegen wird er aber von niemandem „Grampa Romney“ (Opa Romney) genannt. Er fühlt sich als Mann in den besten Jahren und nicht als Greis, und so wird er auch dargestellt. Vielleicht sollten die DemokratInnen die Häme endlich mit gleicher Münze heimzahlen und nur noch von „Opa Romney“ sprechen, solange die Gegenseite „Granny Warren“ sagt.

Leider aber tun sich die DemokratInnen schwer mit mit dem Einsatz sprachlich-rhetorischer Mittel zur Verteidigung ihrer Interessen. Das hat schon George Lakoff in seinem spannenden Buch Moral Politics: What Conservatives Know That Liberals Don’t (1997) nachgewiesen und heftig bedauert. Die Republikaner hingegen sind Virtuosen der sprachlichen Verunglimpfung:

Das Ergebnis der Gesundheitsreform heißt bei ihnen nur höhnisch „Obamacare“. Die Erbschaftssteuer heißt “Todessteuer” (death tax), ihre Anti-Abtreibungsbewegung nennen sie „pro life“ undsoweiter. Die Tea Party, der rechtsradikale Flügel der RepublikanerInnen, lehnt den Staat als solchen ab und diffamiert staatliche Regulierungen prinzipiell als Bevormundung durch einen „nanny-state“ (Kindermädchen-Staat). In ihren Augen braucht „der mündige Bürger“ überhaupt keinen Staat. Dass sie damit ihrer eigenen Abschaffung das Wort reden, scheint ihnen nicht aufzufallen.

„Granny“ und „nanny“ - es wundert nicht, dass zwei Bezeichnungen für Frauen, die mit unserer angeblich „ureigensten“ Aufgabe des Kinderkriegens und -betreuens zu tun haben, von republikanischer Seite als abstoßende Schreckgespenster aufgebaut werden, die das Wahlvolk davon abhalten sollen, demokratisch zu wählen. Grannies und Nannies in allen Ehren - aber Politik ist Männersache! Auf diese krude Formel läuft ihre Sprachartistik letztlich hinaus.

Um endlich zum Schluß zu kommen: Grampa Romney ist gut sieben Monate älter als Hillary Clinton. Falls er gewinnt, was die gute Göttin verhüten möge, wird sich der rüstige Greis mit 69 Jahren um eine zweite Amtszeit bewerben. Dann wird hoffentlich Jung-Hillary gegen ihn antreten, auf die wir dann lange genug gewartet haben, nämlich 20 Jahre lang, hieß es doch schon 1992: „Hillary in 96!“. Wenn Obama gewinnt, wird Hillary ihn hoffentlich in vier Jahren ablösen. Denn auch die US-AmerikanerInnen brauchen eine Mutti! Da sie Angie nicht haben können, ist Hillary doch ein prima Ersatz. Und wenn Chelsea mitmacht, könnte Hillary bis dahin sogar auch Granny sein und mit den Supergrannies Pelosi und Warren in einem wunderschönen Granny-State allerlei Nützliches bewerkstelligen!

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# | Luise F. Pusch am 06.08.2012 um 01:43 AM • Laut & LuisePolitik1 TrackbacksPermalink

27.02.2012

Gauck und die Second Lady

Wulff geht, Gauck kommt - und bringt andere Probleme mit sich, die sein Vorgänger uns immerhin erspart hat, nämlich: Wie nennen wir jetzt die Frau an seiner Seite? Bettina Wulff war „Bundespräsidentengattin“ oder kurz „Präsidentengattin“ und noch kürzer „First Lady“. Gaucks Gattin lebt seit Jahrzehnten getrennt von ihm; seine Lebensgefährtin seit 12 Jahren, die Journalistin Daniela Schadt, wird statt der gesetzmäßigen Bundespräsidentengattin ins Schloss Bellevue ziehen. Und wie soll sie dann heißen? Vielleicht Bundespräsidentenlebensgefährtin? Das Ausland wird sich wieder totlachen über die Wortungetüme, zu denen die deutsche Sprache fähig ist.

Mein Freund Christoph, mit dem ich das Problem erörterte, sagte strahlend: „First Lady nennen wir sie“. Aber die First Lady ist doch eigentlich Gerhild Gauck, von der Joachim getrennt lebt. Daniela Schadt wäre demnach wohl eher die „Second Lady“. Aber das klingt zu zweitklassig für die Lebensgefährtin immerhin des Herrn Bundespräsidenten.

„Mätresse“ schlug Joey vor, nachdem sie sich zuvor über die moralische Unordnung gewundert hatte, die die Deutschen inzwischen anscheinend zu verkraften gelernt haben. Keine Chance für irgendein höheres Staatsamt hätte Gauck mit seiner Vielweiberei in den USA, das sei mal sicher.

Nun soll der Bundespräsident ja für sein Volk ein moralisches Vorbild sein. Unter diesem Aspekt ist es interessant, dass finanzielle Unregelmäßigkeiten inzwischen so viel schwerer genommen werden als eheliche. Wulff geht und mit ihm das Vorbild des treusorgenden Gatten und Familienvaters, der der Gattin ein eigenes Häuschen am Stadtrand bieten wollte und dafür seine Karriere aufs Spiel setzte. Gauck kommt und mit ihm ein fragwürdiges Vorbild undurchsichtiger Familienverhältnisse. Wieso lebt er von seiner Gattin seit Jahrzehnten getrennt und lässt sich nicht wenigstens ordentlich scheiden? Wieso hat er stattdessen neben der Gattin seit 12 Jahren eine Zweitfrau? Und wozu braucht der rüstige Greis überhaupt eine zwanzig Jahre jüngere Frau? Damit andere Greise seines vergreisenden Volkes es dem Vorbild nachmachen? Und wer garantiert dem deutschen Volke, dass Gauck nicht bald schon eine dritte und vierte Frau braucht? Bei der Ehefrau ist immerhin nur eine vorgesehen und amtlich, und damit hat es sich für die SteuerzahlerInnen.

Ich finde, all diese Erwägungen sprechen eindeutig dafür, dass das höchste Staatsamt nicht länger als „Gesamtpaket“ (FAZ) von Bundespräsi plus Hausfrau konzipiert wird, sondern bis auf weiteres Frauen oder Schwulen vorbehalten bleibt: Der Bundespräsidentinnen- oder Bundespräsidentengatte (oder auch die Gattin der Bundespräsidentin) hält sich bescheiden im Hintergrund und begleitet das Staatsoberhaupt höchstens mal zur Oper, wie Herr Sauer es vormacht. Schon die Wörter „BundespräsidentInnengattIn“ und „First Gentleman“ sind so unmöglich, dass man eine so peinliche Erscheinung am liebsten vergessen oder gar nicht erst zulassen möchte, jedenfalls nicht in einer offiziellen Funktion.

Angela Merkel macht es ebenfalls vor: Eine Person, die ein hohes Staatsamt bekleidet, macht ihren Job am besten alleine. Sie braucht dazu keine „Frau an ihrer Seite“ und erst recht keinen Mann.

Insofern ist die lebenspartnerInnenschaftliche Unorthodoxie, wie Berlin sie uns vorexerziert mit Merkel, Wowereit und Westerwelle, ein echter Hoffnungsschimmer, an dem Gauck & Schadt sich orientieren sollten. Die Lebensgefährten, weil ungewohnt, halten sich im Hintergrund und werden nicht, wie die „Frau an seiner Seite“ alter Ordnung, zum eisernen Bestandteil des Protokolls bis hin zum „Damenprogramm“. Und das ist auch gut so. Die Person an seiner oder ihrer Seite ist reine Privatsache, und wo sie dies noch nicht ist, wird es Zeit, dass sie es wird. Schon aus sprachästhetischen Gründen.

Zum Weiterlesen: Glosse “Bundespräsident: Nicht ohne Hausfrau” von Ulrike Sommer

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# | Luise F. Pusch am 27.02.2012 um 08:45 AM • Laut & LuiseKomische WörterPolitikPermalink

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Hedwig Dohm