Laut & Luise

13.05.2013

Die Epigone oder: Frauen in der Kunst

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Achtundfünfzigste Lektion.

In ihrer Kurzbiografie zum 150. Geburtstag von Camille Claudel für den Kalender „Berühmte Frauen 2014“ schreibt Andrea Schweers:

Den lobenden Kunstkritikern galt sie als begabte Schülerin des großen Bildhauers, den Gegnern Rodins als nicht ernst zu nehmende Epigone.

Ich stutzte. „Die Epigone“ - das gefiel mir, ich fand es natürlich sehr passend, aber so richtig korrektes Deutsch war es wohl nicht? Sagen wir nicht ausschließlich „der Epigone“?

Der Duden bestätigt diese Vermutung mit folgendem Eintrag:

Epigone
Wortart: Substantiv, maskulin
Gebrauch: bildungssprachlich
Bedeutung: jemand, der in seinen Werken schon vorhandene Vorbilder verwendet oder im Stil nachahmt, ohne selbst schöpferisch, stilbildend zu sein
Herkunft: griechisch epígonos = Nachgeborener

Für weibliche Personen, die in ihren „Werken schon vorhandene Vorbilder verwenden“, sieht der Duden die abgeleitete Form „Epigonin“ vor.

Soll ich - als Herausgeberin des Kalenders - Andrea Schweers’ schöne Eingebung korrigieren und aus ihrer „Epigone“ eine „Epigonin“ machen?

Nicht doch!
Wenn griech. epigonos “Nachgeborener” bedeutet, dann bedeutet epigone “Nachgeborene” - so viel weiß ich noch von meinem Graecum, das ich vor rund 50 Jahren ablegen musste. Weibliche Nachgeborene soll es ja auch geben. Epigonin wäre also etwa so sinnvoll wie „Nachgeborenin“.

Es ist überraschend, dass es im Deutschen statt „die Epigone“ für die Vorstellung der bloß nachahmenden, nicht selbst schöpferischen Künstlerin nur ein aus dem Maskulinum abgeleitetes Wort gibt. Wo doch der männliche Kunstbetrieb traditionell davon ausgeht, dass eine künstlerisch tätige Frau genau das typischerweise ist: Epigonal.

Aber noch vor dieser misogynen Vorstellung rangiert die Idee, dass eine Frau in der Kunst gar nichts zu suchen hat und auch nicht vorkommt bzw. vorzukommen hat. Nicht einmal als „bloß Nachahmende“. Dass - ob für Nachahmer oder Originalgenies - die Kunst ein rein männlicher Spielplatz ist.

Welche Abgründe an Erkenntnissen sich doch auftun, wenn wir unseren Wörtern, die wir dauernd arglos benutzen, auch nur mal ein kleines bisschen auf den Grund gehen…
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbild


# | Luise F. Pusch am 13.05.2013 um 09:55 AM • Laut & LuiseEtymologieKunst4 KommentarePermalink

14.04.2013

Das Gendern ist des Müllers Lust

Letzte Woche führte ich in Linz an der Donau mit GewerkschafterInnen (genauer: Mitgliedern der FSG OÖ = Fraktion der sozialdemokratischen GewerkschafterInnen in Oberösterreich) einen Workshop durch, zum Thema „Frauen besser ansprechen“. Es ging aber nicht um Anmache, wie mir im Vorfeld versichert wurde, sondern um (geschlechter)gerechte Sprache. Von den 13 Teilnehmenden waren etwa ein Drittel Männer, ein ungewöhnlich hoher Prozentsatz, der für die Aufgeschlossenheit der Gewerkschaft spricht.

Die Einstellung zur - in der Gewerkschaft immerhin vorgeschriebenen - gerechten Sprache war gemischt, erwartungsgemäß bei den Männern aber kritischer als bei den Frauen. Einer fand die „Genderei“ lästig, um nicht zu sagen überflüssig, und eine junge Genossin schloss sich ihm vorbehaltlos an.

Das Wort „Genderei“ anstelle von „Anwendung (geschlechter)gerechter Sprache“ war mir neu, bis dahin kannte ich nur „gendern“, substantiviert als „das Gendern“. Aber „die Genderei“, wenngleich es ein abfälliger Ausdruck ist, hat einen Vorteil: Es ist ein Femininum!

Der Ausdruck „gendern“ stammt m.W. auch aus Österreich, zumindest hörte ich ihn vor etwa drei Jahren zum ersten Mal von meiner Freundin Anna aus Wien. Inzwischen hat es das Gendern bis in den Duden geschafft. Auf duden.de lesen wir:

gen­dern
Wortart: schwaches Verb
Gebrauch: Politikjargon
Bedeutung: “das Gender-Mainstreaming (auf etwas) anwenden”
Beispiel: “die Behörde wurde gegendert”
Grammatik: schwaches Verb; Perfektbildung mit “hat”

(Quelle: hier)

Da hat also die feministische Sprachkritik einen kurzen, griffigen Ausdruck hervorgebracht, der uns nicht nur von dem Ungetüm „Gender Mainstreaming“ selbst befreit, sondern der auch flexibel als Verb und als Substantiv eingesetzt werden kann. Aus „Gender Mainstreaming ist eine Querschnittaufgabe“ wird schlicht: „ALLES muss gegendert werden“:

Die Sprache muss gegendert werden: Frauen müssen sprachlich sichtbar sein.
Die Politik muss gegendert werden: Frauen müssen in den Parlamenten und Regierungen zu 50-52 Prozent vertreten sein.
Die Wirtschaft muss gegendert werden: Frauen und Männer müssen für die gleiche Arbeit denselben Lohn bekommen. In den Vorständen und Aufsichtsräten müssen 50-52 Prozent Frauen sein.
Die Parteien: Die Grünen und die Linke sind seit ihren Anfängen bis in die Partei-Doppelspitze gegendert, die anderen Parteien ziehen langsam und widerwillig nach.
Keine schlechte Idee, auch die höchsten Staatsämter zu gendern. Nach dem Rotationsprinzip müssten nach den 56 Männerkanzlerjahren (1949-2005) also noch 48 Kanzlerinnenjahre abgearbeitet werden, außerdem natürlich 64 Bundespräsidentinnenjahre.

Undsosweiter ad libitum.

Ich stelle befriedigt fest: Die Sprache hat einen ungeheuren und sichtbaren Einfluss auf die Geschlechterpolitik. Das Wort „gender“ (Genus) selbst ist ein linguistischer Fachterminus; er bezeichnet im Englischen ursprünglich das „grammatische Geschlecht“. Von dort wurde seine Bedeutung ausgeweitet zu „soziales Geschlecht“ als Gegensatz zu sex „biologisches Geschlecht“. Bald fand „gender“ im „Gender-Mainstreaming-Konzept“ Eingang in die offizielle Gleichstellungspolitik der EU.

Und nun hat der österreichische Genius oder Schlendrian uns diese handliche Abkürzung beschert, die das Reden über das Gender Mainstreaming so nett vereinfacht und damit die Chancen der „Genderei“ deutlich erhöht.

Ob auch die Literatur gegendert werden muß, ist derzeit noch umstritten. Immerhin wurde das Buch der Bücher bereits erfolgreich gegendert zur „Bibel in gerechter Sprache“. Zwar wurden rassistische Bezeichnungen wie Astrid Lindgrens „Negerkönig“ zu „Südseekönig“ verändert. Aber die extrem sexistischen Figuren der Hexe und der bösen Stiefmutter wurden noch nicht aus Grimms Märchen entfernt oder in fiese Hexer und böse Stiefväter verwandelt. Berühmte Gesangszyklen wie „Die schöne Müllerin“ von Schubert oder „Frauenliebe und -leben“ von Schumann wurden noch nicht gegendert und auch nur selten vom „anderen Geschlecht“ gesungen: Lotte Lehmann und Brigitte Faßbaender sangen „Die schöne Müllerin“, aber ich kenne keinen Sänger, der sich an „Frauenliebe und -leben“ getraut hätte. Da kommt noch einiges auf uns zu.

Nachtrag: Meine Freundin Swantje Koch-Kanz informiert mich, dass Matthias Goerne den Zyklus “Frauenliebe und -leben” singt. Bravo!

•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbild


# | Luise F. Pusch am 14.04.2013 um 05:12 PM • Laut & LuiseGender11 Kommentare1 TrackbacksPermalink

23.02.2013

Auch wir wollen nicht mehr Papst sein!

Als vor bald acht Jahren mit Ratzinger alias Benedikt XVI. der erste deutsche Papst gewählt wurde, titelte die BILD-Zeitung euphorisch: „Wir sind Papst!“ Damit meinte BILD vermutlich „Wir Deutschen“, ähnlich wie wenn sie schreien „Wir sind Weltmeister!“ Aber mehr als die Hälfte der Deutschen, nämlich wir Frauen, gehören nicht zu diesem „Wir“, genau so wenig wie alle Nichtkatholiken.

Dass Frauen vom Papst- und vom Priesteramt ausgeschlossen sind, begründet die katholische Kirche bekanntlich damit, dass Jesus ein Mann war und deshalb nur männliche Stellvertreter haben könne. Jesus war aber auch ein Jude und starb mit 33. Nach dieser Logik dürften nur Juden unter 34 Papst oder Priester werden. Ein echter Stellvertreter müsste sich ans Kreuz nageln lassen, undsoweiter.

Jesus hat auch nicht gesagt: „Meine Aufgabe wird mir zu schwer; ich trete ab und verzichte auf den Tod am Kreuz. Der Nächste bitte!“ Deswegen hat die Kirche mit dem jetzigen Stellvertreter ganz schön zu knacksen. Die Stellvertreter-Doktrin wird angesägt, noch dazu vom Papst selber!

Außer seiner Männlichkeit hatte Jesus noch viele andere Eigenschaften. Z.B. war er ein Mensch. Hätte die Kath. Kirche sich diese Eigenschaft als definierend für das Priesteramt ausgesucht, wäre alles in Butter.

Da die Kath. Kirche sich hinsichtlich der Frage, wer Priester und Papst werden kann, auf die Männlichkeit versteift hat statt auf irgendeine der oben angeführten ebenso plausiblen oder unplausiblen Eigenschaften wie „jüdisch“ oder „jugendlich“ - müssen wir betrübt erkennen, dass sie vor allem anderen eine Institution zur Durchsetzung und Verteidigung der Männerherrschaft ist.

••••••

Vor kurzem wurde in Emily Rooneys TV-Sendung „Greater Boston“ über den nächsten Papst diskutiert. Die Diskutierenden waren sichtlich infiziert vom „Wir-sind-Papst!“-Virus und machten sich Hoffnungen, dass es diesmal vielleicht ein US-Amerikaner werden könnte, der Allererste! Und vielleicht sogar einer aus Boston, nämlich Kardinal O’Malley. Man höre seinen Namen aus „informierten Kreisen“ in dieser Sache immer öfter.

Dann wurde O’Malleys Lob gesungen: Er sei einer, dem in Sachen Missbrauchsskandale, die gerade die Diözese Boston in schwersten Misskredit gebracht haben, partout nichts anzulasten sei. Mutig habe er sich für Buße, Offenlegung und Aufarbeitung innerhalb der Kirche eingesetzt. Oder so ähnlich; ich kann diese Geschichten nicht mehr hören.

Aufgemerkt habe ich allerdings dann bei folgender Anekdote über den tapferen Gottesmann O’Malley: Er habe ja zunächst abgelehnt, dass die Priester am Gründonnerstag die Fußwaschung auch an Frauen vornähmen. Als eine Frau sich aber beschwerte und auch vom Priester die Füße gewaschen haben wollte, habe er sie nicht barsch zurückgewiesen, sondern versprochen, er werde sich beim Heiligen Stuhl erkundigen, ob das erlaubt sei. Und siehe da, der Heilige Stuhl erlaubte es gnädiger- und ausnahmsweise, und so bekam denn auch diese Fußwaschungsbedürftige ihre Füße gewaschen.

Die Frau, die in Emily Rooneys Sendung strahlend davon erzählte, folgerte daraus, dass O’Malley für den Posten des Papstes wie geschaffen sei, denn er habe ein offenes Ohr, setze sich ein für seine Schäfchen und sei ein Mann des Fortschritts.

Ich konnte nicht glauben, was ich da alles zu hören bekam. Bis dahin dachte ich immer, die katholische Kirche ist zwar ein exklusiver Männerclub, aber zwischen weiblichen und männlichen Gläubigen machen sie keine Unterschiede (z.B. sind beide Geschlechter zum Abendmahl eingeladen). Wäre ja auch dumm von ihnen, denn ohne gläubige Katholikinnen wären die Kirchen fast leer.

Und von diesem Fußwaschungsritus am Gründonnerstag hatte ich sowieso noch nie was gehört. Ich bin evangelisch aufgewachsen, und in den Gottesdiensten meiner Kindheit wusch der Pastor niemandem die Füße.

Ich las dann in einigen katholischen Foren herum und stellte fest, dass es seit Jahren heftige Diskussionen darüber gibt, ob die Priester am Gründonnerstag auch Frauen die Füße waschen dürfen. Jesus wusch nach dem letzten Abendmahl seinen Jüngern die Füße zum Zeichen dessen, dass er zwar ihr Herr, aber zum Dienen gekommen sei. Und da er nur Männern die Füße gewaschen habe, dürften seine heutigen Stellvertreter auch nur Männern die Füße waschen. Wie die Kirche herausgefunden hat, dass Frauen beim Abendmahl eine Hostie bekommen dürfen, aber keine Fußwaschung, bleibt ihr Geheimnis.

••••••

All diese Priester sind von Frauen geboren worden. Frauen haben ihnen den Hintern abgeputzt, sie gewindelt und ihre Scheiße entsorgt. Und jetzt wollen diese Schnösel uns nicht einmal die Füße waschen? - Ich finde, Frauen, die für Priester, Bischöfe und Kardinäle Reinigungsarbeiten erledigen, sollten diese Arbeiten ab sofort Männern überlassen.

Sollen sie doch alleine stubenrein und selig werden. Es gibt ja Frauen, die sich katholische Priesterinnen oder eine Frau auf dem Heiligen Stuhl wünschen. Die kleine Geschichte über den „fortschrittlichen“ Frauenfußwascher O’Malley sollte uns restlos klargemacht haben, dass Frauen für derartigen Stuhldrang keinen Grund haben.

•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbildFrauenbildFrauenbild


# | Luise F. Pusch am 23.02.2013 um 09:55 PM • Laut & LuiseKirche8 Kommentare10 TrackbacksPermalink

14.10.2012

Allegro Moderator

Gestern Abend ging in Hannover der 8. Internationale Joseph-Joachim-Violinwettbewerb mit einem Galakonzert zu Ende. Die sechs FinalistInnen traten alle noch einmal auf und präsentierten sich mit ihren Glanzstücken. Höhepunkt waren die beiden Gewinnerinnen des ersten Preises, Dami Kim aus Südkorea und Alexandra Conunova-Dumortier aus Moldawien, mit Auszügen aus den Violinkonzerten von Sibelius und Beethoven.

Der Wettbewerb ist benannt nach Joseph Joachim, dem Geigenvirtuosen und Frauenfeind unseligen Angedenkens, der seiner Ehefrau, der berühmten Sängerin Amalie Joachim, erst die Bühnenkarriere verbot und dann das Leben mit seiner unbegründeten Eifersucht zur Hölle machte. Davon erfuhren wir offiziell natürlich nichts während des gesamten Wettbewerbs. Aber frau kann wie gewohnt auf FemBio alles haarklein nachlesen.

Diesmal hatten, anders als in den Jahren zuvor, mehr Männer (19) als Frauen (17) am Wettbewerb teilgenommen. Von den Männern kamen allerdings nur zwei bis ins Finale, also etwa jeder Zehnte. Von den Frauen hingegen vier, etwa jede Vierte. Überdies gewannen zwei Frauen den ersten Preis (dafür entfiel diesmal der zweite Preis).

Trotzdem redete Markus Fein, der Moderator der Veranstaltung, stur nur von den „Teilnehmern“ und den „Preisträgern“. Überhaupt leistete er sich allerlei Klöpse.

Den Auftakt bildete Alexandra Conunova-Dumortier mit der Romance op. 2,1 von Joseph Joachim. Am Klavier begleitet wurde sie von Veronika Kopjova. Deren Name wurde vom Moderator nicht erwähnt. Dafür verballhornte er den Namen des nächsten Komponisten, Ernest Chausson, und kündigte ihn als „Chanson“ an. Auch ein schönes Wort, aber der Mann hieß nun mal Chausson. Wir nennen ja Beethoven auch nicht Backofen. Als Airi Suzuki und ihre Begleiterin Natsumi Ohno fertig waren, erklärte der Moderator unbeirrt, sie hätten das Poème von „Chanson“ gespielt.

Nachdem er bei den beiden ersten Darbietungen vergessen hatte, die Begleiterin am Klavier namentlich zu nennen, musste ihn, bevor er zum dritten Fauxpas ansetzte, erst die Organisatorin der Veranstaltung, Julia Albrecht, am Ärmel zupfen, um ihn daran zu erinnern, die Begleiterin doch bitte auch noch zu erwähnen.

Das Publikum war in Festlaune und murrte vorerst nicht. Auch dass er die Stellvertreterin der Gastfamilien mit einem falschen Vornamen ankündigte (am Schluss der Veranstaltung gelang ihm das noch einmal), wurde großzügig übergangen. Als er aber zu Beginn der zweiten Halbzeit den ersten Satz des Sibelius-Violinkonzertes als „Allegro moderator“ ankündigte, fing das Publikum denn doch an zu lachen. Da nun konnte der Moderator schön seine Qualitäten als unerschütterliche Plaudertasche zeigen. Er verzagte keineswegs ob seiner geradezu klassischen Freudschen Fehlleistung, sondern sagte flott: „Ach ja, das geht ja nicht, der Moderator bin ja ich.“

Es wäre sehr zu wünschen, dass die ehrwürdige Institution Joseph-Joachim-Violinwettbewerb beim nächsten Mal Julia Albrecht moderieren ließe, die das schon durch alle Stadien des Wettbewerbs perfekt erledigt hatte. Auch den Begründer und künstlerischen Leiter des Wettbewerbs, Krzysztof Wegrzyn, könnte ich mir gut als Moderator vorstellen. Beide sind sehr charmant und wissen wenigstens, wovon sie reden. Auch des Feministischen sind sie mächtig und sprechen es hübsch und flüssig.

Was gab es sonst noch an antifeministischen Vorfällen an diesem Wochenende? Ach ja, die EU bekam den Friedensnobelpreis, weil ihre Arbeit ‘Bruderschaft zwischen den Nationen’ repräsentiere, im Sinne der Formulierung Nobels in seinem Testament.

Dass zwei erste Preisträgerinnen dauernd als „Preisträger“ verunkenntlicht wurden und Nationen (merke: die Nation, Femininum) als „Brüder“, was noch obendrein Friedensliebe symbolisieren soll, hat mich ziemlich verstimmt. Kam nicht der sprichwörtliche Bruderkrieg durch Kain und Abel in die Welt? - Aber Gründe zur Begeisterung bleiben noch genug. Zum Beispiel das himmlische Geigenspiel der beiden ersten Preisträgerinnen des achten Joseph-Joachim-Wettbewerbs, gekürt von einer überwiegend männlich besetzten Jury.


# | Luise F. Pusch am 14.10.2012 um 05:40 PM • Laut & LuiseMusik0 TrackbacksPermalink

12.08.2012

Die Entjunkerung

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Siebenundfünfzigste Lektion.

Heute früh, ich lag noch im Halbschlaf, fiel mir Martin Luther ein. Wegen seiner Bibelübersetzung. Wir hatten nämlich vor ein paar Tagen mal wieder den „Letter to Dr. Laura [Schlessinger]“ zugeschickt bekommen, der seit dem Jahr 2000 im Internet kursiert. Darin stellt ein „Fan“ der homophobischen Laura Schlessinger, die wie viele ihresgleichen mit der Bibel argumentiert, eine Reihe interessanter Fragen, ebenfalls gestützt auf die Bibel. Zum Beispiel möchte er (oder sie), im Einklang mit der Bibel (Exodus 21:7), eine Tochter als Sklavin verkaufen und fragt, was heutzutage wohl ein angemessener Preis für sie wäre, undsoweiter. Im „Brief an Dr. Laura“ wird Homophobie, die sich auf die Bibel beruft, höchst vergnüglich ad absurdum geführt. Viel Spaß damit: http://www.snopes.com/politics/religion/drlaura.asp

Was fällt einer Deutschen beim Stichwort Bibel ein? Luthers Bibelübersetzung. Luther übersetzte die Bibel auf der Wartburg, wo er sich vor seinen Feinden versteckte. Er lebte und arbeitete dort incognito unter einem Decknamen. Wie war doch gleich sein Deckname, dachte ich im Halbschlaf vor mich hin. Mir fiel nur „Jungfer Jörg“ ein - aber das konnte ja wohl nicht stimmen. Ach ja - „Junker Jörg“ nannte er sich.

Junker geht zurück auf Jungherr und ist heute ähnlich veraltet wie Jungfer.

Aber noch immer lebendig, wenngleich überflüssig, sind die Wörter „entjungfern“,  „Entjungferung“, “Jungfernhäutchen” und “alte Jungfer”. Sie alle gehören eigentlich abgeschafft. Solange sie aber noch herumgeistern, brauchen sie männliche Pendants - und die habe ich heute früh im Halbschlaf gefunden.

Manchmal ist wegen dieser Lücke in unserem Wortschatz die Rede von einer „männlichen Jungfrau“ - wäre da nicht Junker das passendere Wort? Und solange Frauen noch „entjungfert“ werden können, brauchen wir auch das Pendant „entjunkern“: Ein Mann bzw. Junker wird entjunkert, wenn er das erste Mal Geschlechtsverkehr hat. Entjunkerungen sind - logischerweise - genau so häufig wie Entjungferungen. Aber bisher gab es kein Wort für sie, und das liegt an unserer patriarchalen Kultur. Dass eine Frau - in der Regel werden Junker ja durch Frauen entjunkert - am Status eines Mannes irgendetwas bewirken könnte, ist in dieser Kultur undenkbar und wird entsprechend behandelt: Es kommt gar nicht erst zur Sprache, und damit existiert es nicht.

Ob wir neben der „alten Jungfer“ auch den „alten Junker“ brauchen? Ich bin eher für die endgültige Abschaffung der „alten Jungfer“, aber für historische Romane und zu Verteidigungszwecken sollten wir den Begriff parat haben.

Früher oblag die Entjunkerung in der Regel dem weiblichen Dienstpersonal und den Prostituierten. Sie sollten die Junker „in die Geheimnisse der körperlichen Liebe einführen“. Natürlich konnte von Liebe keine Rede sein, gemeint war Sexualität.

Der Status „Jungfrau“ war im Westen früher von ungeheurer Bedeutung, in vielen nichtwestlichen Gesellschaften ist er es bis heute. Die Frau soll „jungfräulich“ in die Ehe gehen. Will sagen, der Ehemann soll sichergehen können, dass er der Erstbenutzer seiner Braut ist. Das Patriarchat unternimmt unglaubliche Anstrengungen, um diese Doppelmoral aufrechtzuerhalten. Nicht mehr intakte „Jungfernhäutchen“ werden von Spezialisten aufwendig wieder repariert oder eingenäht, damit der Eheherr sie wieder durchstoßen kann. Mann geht nicht selten über Leichen, vgl. die sogenannten „Ehrenmorde“, die eigentlich „Schwesternmorde“ heißen sollten.

Schon um die Waage zu unseren Gunsten ein wenig ins Gleichgewicht zu bringen, sollten wir bei jedem Vorkommen des Wortes „Entjungferung“ die Pendants „Junker“ und „Entjunkerung“ ins Gespräch bringen und zur Not darauf bestehen, dass der Mann „junkerlich“ in die Ehe zu gehen hat.

Die Frage, ob „Junker Jörg“ wirklich noch ein Junker war und vier Jahre später von seiner Ehefrau entjunkert wurde, ließ sich bisher nicht klären. Da er bis 1524, ein Jahr vor der Eheschließung, Mönch war, ist das aber nicht unwahrscheinlich. Wenn ja, heiratete die 26jährige Jungfer Katharina von Bora einen mit 41 Jahren schon fast uralten Junker. Dass die Entjunkerung trotzdem erfolgreich war, bezeugt die große Kinderschar des Ehepaars Luther.

•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbildFrauenbild


also available in English

06.08.2012

Granny und Nanny im US-Wahlkampf

In den USA tobt der Wahlkampf; es geht dabei nicht nur um die Präsidentschaft, sondern auch um das Repräsentantenhaus und um ein Drittel der Sitze des Senats. Einer der meistbeachteten Teilkämpfe geht um einen der beiden Senatssitze von Massachusetts. Der Demokrat Ted Kennedy hatte ihn bis zu seinem Tod fast ein halbes Jahrhundert inne, dann fiel er dank massiver Wahlhilfe der Wirtschaft an den Republikaner Scott Brown. Und jetzt wollen die DemokratInnen „ihren“ Senatssitz wiederhaben und schicken eine beliebte, geachtete und hochqualifizierte Bewerberin ins Rennen: Elizabeth Warren, Jura-Professorin an der Harvard-Universität, Finanzexpertin und schärfste Kritikerin der Machenschaften der Finanzindustrie. 2010-2011 war Warren Sonderberaterin beim Consumer Financial Protection Bureau (Amt für Verbraucherschutz, Abtlg. Finanzen), das sie initiiert hatte.

FrauenbildEs verwundert nicht, dass fast niemand bei den Republikanern unbeliebter ist als Elizabeth Warren; sie kommt auf der Abschussliste gleich nach Obama. Wie schon bei der Lancierung Scott Browns werden massive Finanzmittel gegen sie eingesetzt, daneben aber auch das Mittel der Verunglimpfung und des systematischen Rufmords, das schon bei der Verhinderung der Präsidentschaft John Kerrys (2004) so gut geholfen und Bush die zweite Amtszeit beschert hat.

Für mich als Linguistin ist hier interessant, wie die Häme gegen Elizabeth Warren gestrickt ist.

Die 63jährige Warren ist geschieden und wiederverheiratet; sie hat zwei Kinder und drei Enkelkinder. Folglich redet die republikanische Seite nur noch von „Granny Warren“ (Oma Warren).

Zum Vergleich: Mitt Romney ist 65 Jahre alt, hat fünf Söhne und 18 Enkelkinder. Deswegen wird er aber von niemandem „Grampa Romney“ (Opa Romney) genannt. Er fühlt sich als Mann in den besten Jahren und nicht als Greis, und so wird er auch dargestellt. Vielleicht sollten die DemokratInnen die Häme endlich mit gleicher Münze heimzahlen und nur noch von „Opa Romney“ sprechen, solange die Gegenseite „Granny Warren“ sagt.

Leider aber tun sich die DemokratInnen schwer mit mit dem Einsatz sprachlich-rhetorischer Mittel zur Verteidigung ihrer Interessen. Das hat schon George Lakoff in seinem spannenden Buch Moral Politics: What Conservatives Know That Liberals Don’t (1997) nachgewiesen und heftig bedauert. Die Republikaner hingegen sind Virtuosen der sprachlichen Verunglimpfung:

Das Ergebnis der Gesundheitsreform heißt bei ihnen nur höhnisch „Obamacare“. Die Erbschaftssteuer heißt “Todessteuer” (death tax), ihre Anti-Abtreibungsbewegung nennen sie „pro life“ undsoweiter. Die Tea Party, der rechtsradikale Flügel der RepublikanerInnen, lehnt den Staat als solchen ab und diffamiert staatliche Regulierungen prinzipiell als Bevormundung durch einen „nanny-state“ (Kindermädchen-Staat). In ihren Augen braucht „der mündige Bürger“ überhaupt keinen Staat. Dass sie damit ihrer eigenen Abschaffung das Wort reden, scheint ihnen nicht aufzufallen.

„Granny“ und „nanny“ - es wundert nicht, dass zwei Bezeichnungen für Frauen, die mit unserer angeblich „ureigensten“ Aufgabe des Kinderkriegens und -betreuens zu tun haben, von republikanischer Seite als abstoßende Schreckgespenster aufgebaut werden, die das Wahlvolk davon abhalten sollen, demokratisch zu wählen. Grannies und Nannies in allen Ehren - aber Politik ist Männersache! Auf diese krude Formel läuft ihre Sprachartistik letztlich hinaus.

Um endlich zum Schluß zu kommen: Grampa Romney ist gut sieben Monate älter als Hillary Clinton. Falls er gewinnt, was die gute Göttin verhüten möge, wird sich der rüstige Greis mit 69 Jahren um eine zweite Amtszeit bewerben. Dann wird hoffentlich Jung-Hillary gegen ihn antreten, auf die wir dann lange genug gewartet haben, nämlich 20 Jahre lang, hieß es doch schon 1992: „Hillary in 96!“. Wenn Obama gewinnt, wird Hillary ihn hoffentlich in vier Jahren ablösen. Denn auch die US-AmerikanerInnen brauchen eine Mutti! Da sie Angie nicht haben können, ist Hillary doch ein prima Ersatz. Und wenn Chelsea mitmacht, könnte Hillary bis dahin sogar auch Granny sein und mit den Supergrannies Pelosi und Warren in einem wunderschönen Granny-State allerlei Nützliches bewerkstelligen!

•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbildFrauenbild


# | Luise F. Pusch am 06.08.2012 um 01:43 AM • Laut & LuisePolitik1 TrackbacksPermalink

29.07.2012

Die Olympiade, MicroSoft und gerechte Sprache

Heute, am Sonntag, 29. Juli 2012, lese ich bei Spiegel online die Seite über die „wichtigsten Wettkämpfe des Tages“:

Sie beginn mit einer sexistischen Würdigung der Gewichtheberin Julia Rohde, die allerdings als Kompliment gemeint ist:

Sie gehört zu den hübschesten Sportlerinnen im deutschen Olympia-Team - und zu den stärksten. Julia Rohde ist gerade einmal 1,55 Meter groß, knapp 53 Kilogramm schwer und kann fast 200 Kilogramm in die Höhe wuchten. Die 23-Jährige ist eine von zwei deutschen Gewichtheberinnen, die in London am Start sind. Vor allem aber ist sie die wohl attraktivste Vertreterin ihrer Sportart und damit ein Gegenentwurf zu ihren oft maskulin wirkenden Kolleginnen.

Julia Rohde wird gelobt - auf Kosten aller anderen Gewichtheberinnen. Wir kennen die Taktik des “Teile und herrsche” seit Jahrzehnten, um nicht zu sagen Jahrhunderten - insofern wäre das in meinem Blog keiner weiteren Erwähnung wert.

Aber dieser Text hat noch einige andere Eigenschaften, und die sind doch interessant und - für den Spiegel - relativ neu. Zum Beispiel kommt das im Sport so beliebte Wort „Mannschaft“ nicht mehr vor - stattdessen heißt es durchgehend: “Team”. Außerdem ist mann dem Charme des Schrägstrichs erlegen und schreibt tatsächlich:

Die deutschen Basketballer/innen haben sich übrigens nicht für die Spiele in London qualifizieren können. Die Fußballer/innen auch nicht, ebenso wenig die Handballer/innen.

Dergleichen habe ich im Spiegel noch nie gelesen - was allerdings nicht soo viel heißen will, denn ich lese ihn möglichst selten. Den hämisch-sexistischen Spiegel-Grundton vertrage ich nicht. Wahrscheinlich verdanken wir die neue Sprachgerechtigkeit auch nur dem betrüblichen Inhalt. Basket-, Fuß- und Handballer haben es nicht geschafft. Schon besser, diese Schmach deutlich auch den Frauen zuzuschreiben.

An sich ist der Schrägstrich ja passé und hat dem Binnen-I Platz gemacht (was ich von dem Unterstrich halte, habe ich in meiner Glosse “Brauen wir den Unterstrich?” aufgeschrieben. Nachzulesen hier). Aber immerhin - wir freuen uns.

Vielleicht hat der Spiegel seinen „gendergerechten“ Text durch ein Hilfsprogramm laufen lassen, das Microsoft Deutschland am 24. Juli in einer Pressemitteilung bekanntmachte. In der steht u.a. zu lesen:

Gendergerechte Schreibweise ist in Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft etabliert, der richtige und durchgängige Gebrauch aber oftmals aufwendig. In diesem Gender-Dschungel unterstützt Microsoft die Nutzerinnen und Nutzer mit einem Gendering-Add-In für Microsoft Office Word. In der Verwaltung der österreichischen Bundesregierung ist die Software bereits erfolgreich im Einsatz und ermöglicht Autorinnen und Autoren beim Verfassen von Texten eine einfache und schnelle Überprüfung der geschlechtergerechten Schreibweise in Textdokumenten. Das Tool wird von Microsoft unter einer Open-Source-Lizenz auf der Online-Plattform „CodePlex” kostenfrei bereitgestellt. Dadurch können EntwicklerInnen das Modul plattformübergreifend erweitern und den Anforderungen verschiedener Systeme anpassen.

Ich habe natürlich gleich versucht, das Gendering-Plug-in meinem MS-Word-Programm einzuverleiben - nicht weil ich gendergerechte Schreibweise „aufwendig“ fände, sondern um das „Tool“ auszuprobieren. Es ist mir bisher nicht gelungen; dem Mac verweigert sich das Tool noch. Ich bleibe dran und werde weiter berichten.

Einstweilen will ich nur meine Zufriedenheit darüber kundtun, dass Microsoft höchstselbst kein Tool zur „automatischen Entfernung des Binnen-Is“ entwickelte, sondern das Gegenteil. Das überflüssige Tool „Binnen-I be gone“ gibt es schon eine Weile; kommentieren und dadurch bekanntmachen mochte ich es bisher nicht. Nun hat es in Microsoft endlich seine Meisterin gefunden.

•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbildFrauenbild

 


# | Luise F. Pusch am 29.07.2012 um 10:52 PM • Laut & LuiseGenderSport0 TrackbacksPermalink

15.07.2012

Facebookspeak: Civilians - Die neuen ZivilistInnen

Wir sehen hier in Boston regelmäßig die NewsHour von PBS (Public Broadcasting Service). Deren sechsköpfige Redaktion ist übrigens ethnisch ziemlich und gendermäßig komplett paritätisch besetzt. Vorgestern sprach NewsHour-Redakteur Ray Suarez mit den GründerInnen der neuen Website „Daily Download“, Lauren Ashburn und Howard Kurtz, über „Wahlkampf und Facebook: Alte Medien in der Neuen Welt“. Wie üblich sagten alle viel Interessantes, Neues und Wichtiges, das ich wie üblich leider bald wieder vergaß. Aber eins blieb mir im Gedächtnis hängen und beschäftigt mich seither: Die neue Bedeutung des Wortes „civilians“ (ZivilistInnen), der ich hier zum ersten Mal begegnete.

Ray Suarez fragte, ob sich nach der Rede Mitt Romneys vor der NAACP (National Association for the Advancement of Colored People) vor allem „civilians“ so lautstark im Netz geäußert hätten, oder ob sich auch die beiden Wahlkampagnen, Obamas und Mitt Romneys, beteiligt hätten. Lauren Ashburn antwortete, es seien schon überwiegend „civilians“ gewesen, und Howard Kurtz ergänzte, JournalistInnen und AktivistInnen hätten sich aber auch beteiligt. Allen Dreien schien das Wort „civilians“ in dieser Bedeutung völlig geläufig. (Übrigens können Sie das interessante Gespräch hier ansehen - und überhaupt lohnt sich ein Besuch der Newshour-Webseite immer.)

Unter ZivilistInnen verstand ich bisher Menschen, die „nicht dem Militär angehören und kein Mitglied einer anderen Kampforganisation sind“, wie es das deutsche Wiktionary formuliert. Das Wort „ZivilistInnen“ kommt heute in fast jeder Nachrichtensendung vor (natürlich heißt es immer „Zivilisten“), und zwar immer im Kontext von erlittener Gewalt: „Gewalttaten gegen Zivilisten“, „unschuldige Zivilisten getötet“, „Massaker an Zivilisten“.

Üblicherweise sind ZivilistInnen also Opfer, die ohne Absicht in kriegerischen Auseinandersetzungen in Mitleidenschaft geraten sind. Die Opfer Hitlers und des Bombenkriegs waren überwiegend ZivilistInnen. Die Opfer des Bürgerkriegs in Syrien, von denen wir täglich hören müssen, sind überwiegend ZivilistInnen.

Nun könnte man annehmen, der Bedeutungsbestandteil „unbeteiligt“ hätte halt zur Ausdehnung des Gebrauchs von „Zivilisten“ geführt - ähnlich wie „Luftschiffe“ auf „richtige Schiffe“ zurückgehen und „Flughäfen“ auf „richtige Häfen“. Aber mich macht es trotzdem nervös, wenn ich plötzlich zur „Zivilistin“ werde, nur weil ich mich ohne politische oder wirtschaftliche Agenda im Internet bewege.

Längst kooperieren soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter mit Wirtschaft, Politik, Kirche und Militär, die nur zu gern die neuen Informationsströme nutzen, die Facebook- und Twitter-UserInnen über sich verbreiten. Wir, die an politischen und wirtschaftlichen Machtkämpfen „Unbeteiligten“, sind per definitionem die ZivilistInnen. Das sollte uns gründlich zu denken geben, denn es gilt: Je unbeteiligter, desto gefährdeter. Machthaber sorgen immerhin für ihre Armeen, aber nicht für deren unschuldige Opfer.

Die Bezeichnung „ZivilistInnen“ für uns „unschuldige“ NutzerInnen macht aber auch überdeutlich, welches Bild die Gegenseite von sich hat. Wirtschaft, Politik, Finanzwesen sind Kampfmaschinen. Zumindest verbal machen sie ja auch schon lange kein Hehl mehr daraus. Schier endlos ist die Liste der militärischen Begriffe, die nahezu flächendeckend unsere Lebenswelt erobert haben. Die Wirtschaftslenker heißen nicht mehr „Manager“ wie in gemütlicheren Zeiten, sondern „CEOs“ (chief executive officers). Sie starten permanent Offensiven oder feindliche Übernahmen. Die Werbung bombardiert uns mit ihren Werbekampagnen. Die Politik liebt ebenfalls Kampagnen und ist permanent im Wahlkampf, denn nach der Wahl ist vor der Wahl. AnhängerInnen werden rekrutiert.

Die, die sich noch nicht haben rekrutieren lassen, sind ZivilistInnen, und es wird ihnen schlecht bekommen. Höchste Zeit für zivilen Ungehorsam.

•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbildFrauenbild


# | Luise F. Pusch am 15.07.2012 um 07:51 PM • Laut & LuiseKomische WörterSocial Media2 TrackbacksPermalink

08.07.2012

Übermannt

Am 2. Juli kam eine Mail von meinem Freund Christoph. Er schickte einen Link zu diesem Bild: 

Frauenbild
Quelle: http://www.spiegel.de/fotostrecke/wimbledon-lisicki-und-kerber-im-viertelfinale-fotostrecke-84365.html

Als Unterschrift zu dem Bild ist dem Spiegel folgendes eingefallen:

Sabine Lisicki steht zum dritten Mal im Viertelfinale von Wimbledon. Nach ihrem Sieg gegen Maria Scharapowa wurde Lisicki von ihren Gefühlen übermannt.

Christophs Kommentar:

Da hakte meine Wahrnehmung gehörig. Zwar habe ich selbst nur in Lüneburg, Hamburg, Ehlershausen (beim Golf) gewonnen, immer auf Rasen…. Aber selbst bei gewonnenem Spiel hat es mich nicht in dieser gezeigten und benannten Form “übermannt”. Golfspieler machen das nicht. Sind das keine Männer? Oder kann ich überhaupt nicht übermannt werden?

Das machen Männer also eher nicht, tennisspielende Männer sacken manchmal zu Boden, werfen sich in den Staub.

Übermannt? Mann über? Über was? Oder sind die dann überfraut? Das sprachliche Gegenstück ist mir noch nie begegnet. Auch weiß ich nicht wer, ob Frau oder Mann, hier Bericht erstatten durfte, ob wohl Frau Lisicki sich hier wirklich übermannt - was müssen wir uns darunter vorstellen - gefühlt hat? Wie dem auch sei, ...eine nette sprachliche Blüte, ein sehr sehr schräges Wort.

Etwas weiter in der Spiegel-Fotostrecke finden wir noch folgende Erläuterung: „Die Deutsche kniete nach dem verwandelten Matchball gegen die Russin für einige Zeit auf dem heiligen Rasen von Wimbledon.“

Ich hatte weder von Lisicki noch von Scharapowa je etwas gehört, m.a.W. von Tennis habe ich keine Ahnung. Das Wort „übermannt“ hingegen ist mir schon oft begegnet. Es ist ein Relikt aus mannhaft-patriarchaler Zeit, wie es ihrer so viele gibt. Besonders hübsch in dieser Reihe sind noch Entmannung, mannbar, mannhaft, Mannschaft, mannstoll. Weibstoll gibt es dagegen nicht - die Norm wird nicht extra benannt.

Bemannt und unbemannt haben besondere Gebrauchsregeln. Ein Raumschiff kann unbemannt sein, eine unverheiratete Frau niemals, denn Männer sind in unserer Männerkultur keine Accessoires von Frauen. Nur umgekehrt funktioniert das: Ein Mann kann nicht nur unbekleidet, sondern auch „unbeweibt“ sein, so als wäre eine Gattin ein Kleidungsstück. Inzwischen haben wir allerdings gleichgezogen und genießen nach Möglichkeit “unbemannte Lebensfreude”.

Schließlich haben wir noch sich ermannen. Kann auch eine Frau sich ermannen? Na klar: Meta Klopstock zum Beispiel hatte damit anscheinend gar keine Probleme. In ihrem Drama „Der Tod Abels“ finden wir folgende Zeilen: „Ermanne dich, Eva, den Gedanken zu denken, ermanne dich, die Glückseligkeit des Paradieses zu denken.“

Mehr darüber demnächst. Jedes dieser mannhaltigen Wörter verdient seine eigene Glosse.

Wenn ich die Situation der übermannten Tennisspielerin Lisicki richtig beurteile, wurde sie in der Tat „übermannt“, und zwar erst von dem Fotografen und dann von dem Bildredakteur, der das Bild ausgewählt und möglicherweise auch betextet hat. Vielleicht waren es auch eine Fotografin und eine Redakteurin, aber ich glaube es kaum. Zu männlich ist die Perspektive, aus der der „Übermannten“ direkt auf die „Scham“ geschaut wird: hinter einem Fetzen weißen Stoffs bleibt sie noch eben verborgen, ist aber gut erahnbar bis in die Einzelheiten. Geil! Meine Mutter sagte zu dieser von Männern schon immer bevorzugten Perspektive jeweils trocken: „Mann kann ihr bis in die Luftröhre gucken.“

 


# | Luise F. Pusch am 08.07.2012 um 04:04 PM • Laut & LuiseKomische WörterSport1 TrackbacksPermalink

02.07.2012

Emma

Heute habe ich den Roman „Emma“ (erschienen 1815) von Jane Austen beendet, vorgelesen von der wunderbaren Eva Mattes, von der ich mir vor ein paar Wochen auch schon Austens „Gefühl und Verstand“ (Sense and Sensibility) reingezogen habe. Mein Kindle könnte mir diese Werke auch auf Englisch vorlesen, oder ich könnte sie selber mal wieder lesen. Aber dann müsste ich auf die Kunst von Eva Mattes verzichten, und das möchte ich nicht. Sibel Kekilli hat „Sense and Sensibility“ (unter dem unsäglichen Titel „Sinn und Sinnlichkeit“) auch vorgelesen. Davon ertrug ich nicht mehr als fünf Minuten.

FrauenbildEva Mattes, Sabine Postel (Spezialistin für die Krimis von Elizabeth George), Judy Winter (Spezialistin für die Krimis von Liza Marklund), Hannelore Hoger, Martina Gedeck, Dagmar Manzel, Corinna Harfouch, Iris Berben, Hannelore Elsner, Elke Heidenreich - was für grandiose Vorleserinnen! Wie viele genussreiche Stunden verdanke ich ihnen!

Zurück zu Emma. Bei „Emma“ denkt natürlich jede und jeder an die größte und älteste überlebende feministische Publikumszeitschrift Europas, Emma, herausgegeben von Alice Schwarzer seit 1977. Übrigens bin ich Abonnentin der ersten Stunde. Wenn „Emma“ einen Vorleseservice (Podcast) einrichten würde, so wie die Zeit seit vielen Jahren einen hat, würde ich wahrscheinlich von ihren wichtigen Texten mehr mitbekommen.

Eine sehr gute Vorleserin ist auch Alice Schwarzer. Vor kurzem habe ich den ersten Teil ihrer Autobiografie gehört, „Lebenslauf“. Sie äußert sich darin auch darüber, wie die Zeitschrift zu ihrem Namen kam. Der Freund einer Kollegin hatte „Ema“ vorgeschlagen, kurz für „Emanzipation“. Daraus machte sie dann „Emma“, was naheliegend ist, weil es nicht nur an Emanzipation anklingt, sondern auch noch ein kraftvoller und traditionsreicher weiblicher Vorname ist. Alles mehr als passend und entsprechend erfolgreich.

Alice Schwarzer stellt aber seltsamerweise keinen Bezug zu Jane Austens Emma her. Diese Abstammungslinie möchte ich hier nachzeichnen.

Die Aufmüpfigkeit, die bei Schwarzers „Emma“ Programm ist, kennzeichnet auch Emma Woodhouse, über die ihre Schöpferin meinte, sie sei „eine Heldin, die niemand außer mir besonders mögen wird (a heroine whom no one but myself will much like).“

Emma ist mit ihren 21 Jahren sehr emanzipiert, Heirat kommt für sie nicht in Frage (am Ende heiratet sie natürlich doch ihren edlen Ritter Mr. Knightley, der seinem Namen alle Ehre macht).

Ich will mich hier nicht lange über den Inhalt von „Emma“ verbreiten, sondern nur das für „Emmanzen“ vielleicht Wichtigste verraten: Emma ist hochintelligent, meistens guter Laune und gar kein Kind von Traurigkeit, und sie hält die Fäden energisch in der Hand, wenn sie sie auch bisweilen bös verheddert. Sie vertritt gegenüber Männern unerschrocken ihre Meinung und macht sich auch gern mal über sie lustig. Kurz, für ihre Zeit, das frühe 19. Jahrhundert, ist Emma enorm emanzipiert.

Damit ist sie eine für das 19. Jahrhundert ganz und gar außergewöhnliche Roman- und gar Titelheldin. Die normale Titelheldin des 19. Jahrhunderts bezahlt das Privileg, die Titelfigur zu sein, mit dem Tode; in der Regel begeht sie Selbstmord. Die selbstmörderischen Titelheldinnen des 19. Jahrhunderts (gemeinhin „goldenes Zeitalter des Romans“ genannt) wurden überwiegend von Männern ersonnen, und zwar den ganz großen:

• Tolstois Anna Karenina (1878) wirft sich vor einen Zug.
• Flauberts Madame Bovary (1857; was für eine ganz andere Emma als Austens Emma!) nimmt Arsen und stirbt nach schrecklichem Todeskampf.
• Fontanes Effi Briest (1896) stirbt mit 30 Jahren an gebrochenem Herzen.
Warum mussten die drei sterben? Weil sie Ehebrecherinnen waren.
• Zolas Nana (1880), Prostituierte, stirbt einsam an den Blattern.
Übrigens scheint der Tod der Titelheldin in der romantischen Oper noch zwingender vorgeschrieben als im Roman: Carmen, Madame Butterfly, Tosca, Manon Lescaut, usw.

Und nun Jane Austens erstaunliche Schöpfung Emma. Selbstmord würde zu dieser Heldin überhaupt nicht passen!

Damit ist Emma in doppelter Hinsicht einzigartig. Eine Titelheldin, die von einer Frau konzipiert wurde (fast alle anderen von Männern) - und die sich weder umbringt noch sonstwie elend eingeht. Das eine bedingt vermutlich das andere.

Ich denke, es ist klargeworden, dass Schwarzers Emma und alle Emmas von heute in direkter Linie von Jane Austens Emma abstammen. Ehre, der Ehre gebührt!
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••

Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:

FrauenbildFrauenbildFrauenbild


# | Luise F. Pusch am 02.07.2012 um 12:24 AM • Laut & LuiseBuchkritikGenderHörbücherLiteratur1 TrackbacksPermalink

Seite 1 von 3  1 2 3 >

Seitenanfang

Hedwig Dohm