Friends/Freunde: Facebookspeak & Gender, Teil 2

Facebook ist ein „Tool“, das „Freunde“ miteinander verbindet und vernetzt. Wie schön! Aber da gibt es zwei Probleme:
1) Was ist mit den Freundinnen?
2) Wird die Bedeutung von „Freund“ nicht völlig verwässert, wenn jedeR Hunderte davon haben kann?

Zu 1) Ich bin erst gut drei Wochen bei Facebook und habe schon 144 “Freunde” gefunden. D.h., die meisten von ihnen haben mich gefunden. Ich bekam laufend Emails von Facebook: „xy möchte mit dir auf Facebook befreundet sein“ bzw. „xy wants to be friends on Facebook“. Ich klickte jeweils hin zum Profil der Anfragenden, und wenn ich feststellte, dass sie mit Frauen, die ich kannte, auf Facebook befreundet war, habe ich sie „als FreundIn hinzugefügt“. FrauenbildSo die entsprechende Formel auf Facebook, mit dem großen I schon fast feministisch. Ganz feministisch wäre es ohne großes I gewesen, einfach „Freundin“ hätte ja genügt. Denn Facebook weiß wahrscheinlich, ob eine Person weiblich ist, weil wir das ja beim Ausfüllen unseres Profils meist mitteilen. (Zu der von Facebook vorgesehenen Wahl zwischen “weiblich” und “männlich” gab es neulich heftigen und berechtigten Protest der Transgender Community, die sich bezüglich des Geschlechts nicht festlegen wollen. Erweiterungen wie “transgender”, “intersex” etc. wären also sinnvoll.)

FreundIn hin oder her: Meine sog. 144 „Freunde“ sind zu 99 Prozent Freundinnen. Statt „Freunde“ also „FreundInnen“ zu sagen, dazu konnte Facebook sich anscheinend noch nicht durchringen. Aber ich denke, das wird noch kommen, je mehr Frauen bei Facebook mitmachen und sich beschweren, dass ihre Freundinnen zu Freunden verunkenntlicht werden. Und je mehr Hetero-Männer nicht als Schwule verkannt werden und mit Mega-Zahlen von Freundinnen prahlen wollen.

Frauenbild
Eben meldete Facebook: „Jenny möchte Deine Freundin sein.“ Nummer 145. Ich habe freudig zugestimmt und bekam prompt die Bestätigung: „Jenny und du seid jetzt Freunde.“ Nicht mehr Freundinnen? Wie schade! Aber ich bin überzeugt, das kriegen die bei Facebook auch noch hin.

Kommen wir von den grammatischen Fragen zu den inhaltlichen: Droht der Begriff der Freundschaft durch inflationären Gebrauch zu verwässern?

Die Facebook-Konventionen haben zur Folge, dass ich mich jetzt mit Frauen duze, die ich nur per Facebook kenne, schließlich sind wir ja alle Freundinnen. Dafür sieze ich mich weiter mit vielen Menschen, die ich schon lange und besser kenne, z.B. beruflich. Mit manchen verkehre ich auf Facebook per Du und in Emails per Sie. Verkehrte Welt. Oder: anglisierte/amerikanisierte Welt. Das Englische kennt als Anredeform nur you, Nähe und Distanz werden durch den Gebrauch des Vornamens oder Nachnamens geregelt. Aber selbst wenn eine Elektrikerin ins Haus kommt, die ich noch nie gesehen habe, sind wir doch umgehend per „Peggy“, „Joey“ und „Luise“ statt „Ms Gonzales“, „Ms Horsley“ und „Ms Pusch“. Letzteres käme allen Beteiligten steif und lächerlich vor.

US-amerikanische Hemdsärmeligkeit (die maskuline Anmutung ist intendiert) überrennt deutsche Förmlichkeit - nicht schlecht!
Die Facebook-Software lädt mich ein, mit Hilfe ihres „automatischen Freundefinders“ noch mehr „Freunde“ zu finden, d.h. sie wollen meine Email-AdressatInnen daraufhin beäugen, ob die eine oder der andere unter ihnen schon bei Facebook ist, um mir dann vorzuschlagen, sie zu „meinen Freunden hinzuzufügen“. Bisher habe ich die Erlaubnis zur Durchschnüffelung meiner Email-Adress-Datei noch nicht erteilt. Facebook aber scheint zu denken: Man kann doch gar nicht genug Freunde haben!

„Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt“, sangen die Comedian Harmonists. Und jetzt? Mit 145 Freunden? Sind 145 Freunde noch das Beste, was es gibt auf der Welt? Oder ist auch hier weniger mal wieder mehr?
Zu der sentimental-heroisch-innigen deutschen Vorstellung von Freundschaft hat vor allem Schiller mit seiner „Ode an die Freude“ und der „Bürgschaft“-Ballade beigetragen. In der Ode heißt es:

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen
eines Freundes Freund zu seyn;
wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur eine Seele
sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund!

Auf der einen Seite Schillers hohes Männer-Freundschaftspathos, wonach der Freund noch über dem Bruder steht, etwa auf derselben Stufe und einzigartig wie das holde Weib -
Auf der anderen Seite Facebooks „automatischer Freundefinder“. Dazwischen liegen Welten. Und was ist nun besser?

FrauenbildIch votiere entschlossen für die Verwässerung des Freundschaftsbegriffs, oder nennen wir es freundlicher Ausweitung, Demokratisierung - Amerikanisierung halt. “Freund oder Feind?” - so lautet die wichtigste Frage in Zeiten der Bedrohung. Freund ist alles, was nicht Feind ist - ja warum eigentlich nicht?

Durch die Hintertür können wir den exklusiven Schillerschen Freundschaftsbegriff ja auch bei Facebook wieder einschmuggeln. Es gibt da unter „Konto“ die Funktion „Freunde bearbeiten“. Dort kann ich meine “Freunde” in Gruppen einteilen. Ich habe derzeit folgende Gruppen: Kontakte, Bekannte, Business, Kolleginnen, Freundinnen, gute Freundinnen, Familie. Die „guten Freundinnen“ wären wohl Freundinnen im klassisch-Schillerschen Sinne? Nicht unbedingt - denn Schiller sieht den Menschen nur als Mann unter Brüdern mit liebem Vater droben, ausgestattet mit einem Freund und einem holden Weib. Von einer Freundin - oder gar Freundinnen - ist keine Rede. Auch da ist Facebook, obwohl insgesamt noch etwas unbeholfen im Deutschen, doch mit „Jenny will deine Freundin sein“ schon ein gutes Stück weiter. 

 

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# | Luise F. Pusch am 09/03 um 06:01 PM

sollte facebook mal soweit `intacta` sein und ich das fräudige ereignis noch erlebe,  dass `es/er` freundin mit `ä` schreibt - wie `fräundin` (frau) - dann wäre ich schon sehr zufrieden :(
aber ich bin keine wirkliche fräundin von facebook, das musste ich jetzt mal loswerden, auch wenn es anderen nicht gefällt, grummel ....
llg anne (feminar-mitfrau)

anne  on  09/03  at  11:44 PM

145 neue Freundinnen, Donnerwetter!
Es wird wohl eines Tages eine Reflexion über die Inhalte dieser Freundschaften geben müssen. Fürs Erste gibt es Kategorien, eine ganze Skala von 1 bis 7. Wir sind ganz fürchterlich neugierige Mäuschen und wüssten gerne, unter welcher Nummer wir uns befinden. Kolleginnen? Nicht wirklich. Freundinnen - vielleicht. Gute Freundinnen? Das wäre zuviel verlangt. Nummer 7 ist die Familie, tatsächlich! Ich bin bedeppert, denn der Familialismus ist immer unmoralisch und der Hauptgrund des Elends der Welt. Auch und gerade bei diesen Komikerinnen, den lesbischen Müttern.
Gab es nicht einmal die SISTERHOOD als einzige Anstrengung, die Familienbande aufzulösen, eine übergeordnete, internationale Vereinigung der LOSLÖSUNG von Kategorien, die uns aufgebrummt, wir wissen ja von WEM?
Und wie steht es mit dem Irrwitz in diesem Scenario, wenn X für Y Nr.6 ist, aber Y für X nur Nr.1? Wenn wir Luise auf Platz 6 setzen und sie uns auf Platz 1? Was sie jetzt gerade Lust hat zu tun? Auch gibt es Unterschiede in der Bewertung: wenn ich Anne Beck als eine Kollegin sehe, so ist das als Anerkennung mehr wert als das mehr oder minder oberflächliche Freundschaftsgedusel. Aber da die Bewertung durch Nummern keine Werte angibt, müssen wir uns bescheiden mit dem, was wir haben.
Hier im Lande ist man/frau/weib sehr leicht AMI, nicht so leicht AMI(E). Es genügt, einen Aperitiv miteinander zu trinken, Vornamen immer, zuerst per Sie, nach dem 2.Glas per Du, dann hagelt es Küsse! Alle Binsenwahrheiten ausgebreitet auf allen Gemeinplätzen, und sicherlich ein schöner Moment unter der Bedingung, feministische Axiome für sich zu behalten und gut schmeicheln, heucheln und lügen zu können. Freundschaften in einer halben Stunde geschaffen… halten auch kaum länger. Wie gesagt: die Inhalte!
Luise ist für uns Nr.7, denn sie gehört zu unserer geistigen Familie, der einzigen, die wir anerkennen, wie die einzige Fahne, die violette der Lesben. Nichts für ungut!

Lena Vandrey  on  09/04  at  11:39 AM

@Lena Vandrey:
Liebe Lena, ich muss Euch enttäuschen: Ihr gehört vorerst in gar keine meiner Facebook-Gruppen, weil Ihr (noch?) nicht bei Facebook seid. Und - ich hätte es vielleicht hinzufügen sollen - es gibt natürlich Mehrfach-Zugehörigkeiten. So sind viele Kolleginnen zugleich Freundinnen oder gute Freundinnen. Und was für mich Familie ist, bleibt mein Geheimnis.
Herzlich,
Luise

lfp  on  09/04  at  12:14 PM

Verzeihung, vorzügliche Luise!
Wir Deppinnen hatten nicht verstanden, dass die Auflistung nur für “Facebook” gilt! Das erinnert an frühere Kulturen im Ägyptischen und Chinesischen, wo es da eine Skala gab: der Freund, der gute Freund, der besondere Freund, der ganz nahe Freund, der erste Freund, der Ober- und der Überfreund… von Pharao. Von Freundinnen keine Spur nirgends!
Die Familie als “bleibendes Geheimnis” ist umwerfend-stupend; die Versuchung der Sphynx immer noch wirksam…
Also, wir müssen durch die Hohe Pforte des “Gesichts-Buches” eintreten, um zu erfahren, welche Platz-Nummer wir haben. Diese Platz-Anweisung hätte doch freundschaftlich “vorher” stattfinden können? Da kommen Nummer Soundso und Soundso! Sind wir denn an der Börse oder im Kino oder in einem deutschen Märchen? Wir sind erst einmal erschüttert! Geheimnisse sind aufregend, der Nimbus, die Aura! Es heiBt, dass wir sie fotografieren können…Lieber hätten wir Fotos von der Aura der verstorbenen Sisterhood, abgedruckt auf der violetten Fahne. Und wenn es nur ein Fetzen davon wäre!...
Nicht so gefällig finde ich das “Gruppen-Konzept”, es setzt eine Gleichheit voraus, die es nicht gibt und eine Leitung, also Hierarchien. Unsere BEWEGUNG war frei davon! Es ist nicht gut, dass via Internet die alten Strukturen wieder ausgekramt werden, als Back-Lash von “unserer” Seite? Vielleicht aber bin ich nur zu betagt dafür, und ungläubig in allen Fällen…

Lena Vandrey  on  09/04  at  01:44 PM

@Lena Vandrey:
Die Gruppeneinteilung für Facebook-Freundinnen ist privat und kann nicht von außen eingesehen werden. Sie hilft mir nur, mich je nach Bedarf mal dieser, mal jener Gruppe zuzuwenden.
Herzlich,
Luise

lfp  on  09/04  at  01:52 PM

meine einstellung ist die, dass ich facebook misstraue: es wurden schon einmal ein foto von mir aus dem internet heruntergeladen und in der presse veröffentlicht, als ich in einen unfall verwickelt war: die haben einen balken vor meine augen getan, wie von einer mutmaßlichen verbrecherin. ein ander mal wurde in facebook ein privates foto herumgereicht, wodurch ein kind als schauobjekt bewertet wurde. Ich fühle mich durch herumreichen von privatem, wenn ich es nicht selbst veranlasst habe, verletzbar und ausgesetzt - eine ebene auf der ich keine front eröffnen möchte. -  Aber dem folgenden gedanken von lfp kann ich was abgewinnen: “...die Verwässerung des Freundschaftsbegriffs, oder nennen wir es freundlicher Ausweitung, Demokratisierung . “Freund oder Feind?” - so lautet die wichtigste Frage in Zeiten der Bedrohung… ” Zu wissen, wen ich in zeiten wie diesen schnell erreichen, gewinnen oder sogar aktivieren kann… um ohnmacht und isolation abzuschmettern. Da möchte ich auch zu den freundinnen zählen, die wiederum weitere freundinnen weiß, um eine kettenreaktion der solidarität oder abwehr auszulösen. Und darum geht es vermutlich lfp, wenn sie den freundschaftsbegriff verwässern oder fluten will.

Bridge  on  09/06  at  10:31 PM

Wenn Facebook eine reine Frauen-Instanz wäre, etwas wie eine virtuelle Frauen-Universität, so könnte oder muss die Benutzung von Dokumenten unerlaubterweise! als “femmage” verstanden werden. Wir setzen uns der Öffentlichkeit nicht ohne Risiko aus! Das “Fluten” der Freundschaften erinnert fatal an unsere ersten Tage: “Wir lieben ALLE Frauen”! und “Alle Frauen sollen schreiben”!(Monique Wittig). Ein Jahr später waren ALLE auf den Tod verkracht. Im Namen der Freundschaft ist es auch möglich, diverse Unverschämtheiten loszulassen, zu verletzen, zu beleidigen, frech und grob zu sein: wir sind ja befreundet und sitzen im gleichen Boot! Was ein “falscher Fehler” sein könnte - auf dem falschen Dampfer! Was wir anzubieten haben, ist nichts für die groBe Flut, das ist kulturpolitisch gesehen eher Ebbe, und bei Ebbe watet man/weib im Watt, und Watt ist Matsch. Hier laufen zig Leute herum, die uns nicht feindlich gesonnen sind, aber Freundinnen sind es deshalb noch lange nicht. Ein Klick auf Facebook wird das nicht ändern. Was meinte doch eine Dame: Guten Tag sagen, irgendwo, zehntausend Km weit weg, aber nicht der Nachbarin!
Der Dialog auf “Laut&Luise;” ist ein prima Schreibsal, das ist philo-feministisch. Wir hoffen, dass der Blog nicht unter den Freundschafts-Fluten zu leiden haben wird.
SOUVERÄNE KOLLEGIALITÄT ist die Empfehlung.WO gibt es sie? Apropos: Hat “Verwässerung” nicht mit…“Liquidieren” zu tun?

Lena Vandrey  on  09/08  at  12:47 PM

“freundschaft”/feindschaft” - ab wann fängt überhaupt die feindschaft an? feinde sind gegner, aber nicht alle gegner sind feinde, heisst es zum begriff `feindschaft`.  in der politik kann der oppositionelle gegner vorübergehend ein feind sein; so gibt es aber auch kont. politische zweckbündnisse, um regierungsfähig zu sein..
was feministische themen betreffen, so habe ich bisher in den internet-blogs, wo richtig gefightet wird,  wenige freunde entdeckt, umso mehr mit antifeministischen hetzern zu tun. freunde machen sich hier eher rar?  anscheinend ist die mobilität der feinde d. feministinnen besonders im öffentl. raum des internets sehr gross…

ich hoffe , dass sich auch hier in dem fabelhaften blog von `laut & luise` zukünftig mehr freundinnen oder gleichgesinnte versammeln werden und freundinliche stellung beziehen. es heisst ja: freundschaft muss gepflegt werden.

bei dieStandard - auch eine sehr informative feministische webseite aus österreich - gibt es für die userInnen die möglichkeit, kommentare von userInnen zu beurteilen:  nicht wie bei facebook durch den klick auf `gefällt mir`. es heisst:  entweder unnötig, interessant, brillant. rot bedeutet `unnötig`, grün dagegen `interessant,  brillant`.
überzeugte unbequeme feministinnen, die dort posten, werden von ihren usERn zu 90 % mit roten stricherl bombardiert.
sicherlich wäre es für die männl. user ein herber rückschlag, gäbe es diese posting-bewertungen nicht mehr…

anne  on  09/08  at  04:22 PM

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Hedwig Dohm