Share/Teilen: Facebookspeak & Gender, Teil 1

Unter jeder Facebook-Nachricht finde ich drei Schaltflächen, die ich anklicken kann:
„Gefällt mir“, „Kommentieren“ und „Teilen“ - auf Englisch: „like“, „comment“ und „share“.

Wenn ich dergestalt eine Nachricht, Fotos oder Web-Fundstücke mit anderen „teile“, geht mir nicht die Hälfte davon flöten, anders als einst dem heiligen Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte. Er schnitt ihn mit seinem Schwert in zwei Teile, so die Sage, und gab dem Bettler die eine Hälfte und behielt die andere. Nicht besonders selbstlos, und nicht mal praktisch gedacht, was soll ein halber Mantel schon nützen? Aber doch irgendwie edel, und die Tat machte ihn denn auch zum Heiligen, nach dem die Martinsgans, Martin Luther und schließlich auch Martin Luther King benannt sind.

„Share“ ist verwandt mit „Schar“ und mit „Schere“. „Schere“ leuchtet sofort ein, denken wir nur an die XXL-Schere des heiligen Martin. Und „Schar“ auch, haben doch die meisten Facebook-NutzerInnen ganze Heerscharen von „Freunden“ (das Wort kommt natürlich auch bald dran), denen sie ihre Einfälle, Gefühle, Meinungen usw. mitteilen können und mit denen sie ihre Webfundstücke teilen können.

Wenn ich solcherart meine Unmengen von „friends“ an den Wechselfällen meines Lebens beteilige, betreibe ich Propaganda für mich selbst und/oder mein Geschäft (beides oft kaum voneinander zu unterscheiden) in einer Weise, die bis zum Aufkommen von Facebook unmöglich war. Jeder sein eigener PR-Agent (das Maskulinum ist intendiert). Und „share“ wäre für diese Tätigkeit am besten mit „verbreiten“, „unters Volk bringen“ übersetzt.

Der Shareholder ist ein Aktionär bzw. Anteilseigner, und wir wollen von ihm nichts wissen, es sei denn, wir sind selber Shareholder. Aber hat schon mal eine von „einer Shareholder“ gehört? Eben.

Apropos „share“ = „Anteil“. Wir haben den schönen Ausdruck „jemand Anteil nehmen lassen“, und das ist wohl in etwa das „sharing“ auf Facebook, jedenfalls soweit es meine „Statusmeldungen“ betrifft. Ich melde etwa: „War grad beim Zahnarzt, und es geht mir sowas von beschissen!“. Ich lasse meine Freunde Anteil nehmen an meinem Leid, und ja, sie nehmen Anteil, meiden den „Gefällt-mir-Knopf“, den jetzt zu drücken einfach herzlos wäre, und kommentieren in Scharen  :-((. Und das tut gut, denn:

Geteiltes Leid ist halbes Leid, 
Geteilte Freude ist doppelte Freude.

Dieser altmodische Spruch, diese Lebensweisheit ist übrigens das einzige deutschsprachige Beispiel, in dem „teilen“ mit „sharing“ voll übereinstimmt. Ein eher sehr weibliches Sharing/Teilen, denn unsere Kultur gewöhnt den armen Männern ja frühzeitig und rigoros ab, Freud und Leid mit anderen zu teilen.

Deshalb bin ich mit der „Fehlübersetzung“ des „share“ mit „teilen“ durchaus einverstanden. Möge es den Shareholders nahelegen, nicht nur mehr Anteile zu kaufen und ihre message flächendeckend zu verbreiten, sondern auch mehr Anteil zu nehmen, an sich selbst und an anderen. 

Share Tweet Mail Druck

# | Luise F. Pusch am 08/28 um 09:15 PM

Es gibt ja auch das Wort “mitteilen”.

Was den Mantel des Heiligen Sankt Martin anbelangt: Ich glaube, damals bestand ein Mantel nur aus einem großen Stück Tuch (Umhang!), in das man sich einwickelte. Wenn es ein sehr großes Tuch war, reichte auch die Hälfte. (Hat mir als kleines Kind meine Grundschullehrerin erzählt.)

susanna  on  08/28  at  11:12 PM

@susanne: Stimmt - deswegen erwähne ich “mitteilen” ja auch in der Glosse. Es gibt noch etliche andere Übersetzungsmöglichkeiten für “share”, die aber immer nur Teilaspekte abdecken. Ein Photo z.B. kann frau “share” aber nicht “mitteilen”, sondern vielleicht eher “zeigen”.

lfp  on  08/28  at  11:22 PM

Wenn ein Bild tausend Woerter wert ist, kann frau sie sieh wohl mitteilen….
Das mit dem Heiligen Martin seinen Mantel habe ich auch so gehoert. Ein roemische Soldat hat es als Mantel, aber auch Zelt, Schlafsack usw.  Die Haelfte war nicht ganz so warm die das Ganze, aber fuer den Bettler ein grosse Verbesserung und fuer Martin immer noch ein Opfer.

Alison  on  08/29  at  01:44 AM

ich mag bei facebook z.b. das wort `freunde` gar nicht mehr lesen bzw. `teilen`, da ich mir abgewöhnt habe, dieses im allgemeinen sprachgebrauch einzusetzen. ein rückschritt für sprachsensible und lernwillige des feminar/s…
christine von schweden (1626-89) soll gesagt haben: “du sollst deine besitztümer und deine erfolge mit deinen freunden teilen, doch nicht deine schmerzen.” :-(
lt. wikipedia scheint unter dem begriff `freundschaft` von anbeginn insb. die männerfreundschaft gemeint zu sein - da weiss frau gleich, wo es langgeht…

aber so edel, wie der heilige martin uns v/erklärt wird, wurde ursprünglich der name `martin` durch die weltliche obrigkeit nicht umgemünzt : der martinstag war gleichzeitig der zinstag. das teilen war hier sehr einseitig und ging zu lasten der armen bevölkerung. und die armen martinsgänse, die jedes jahr zuhauf aufgrund des veralteten brauchtums geopfert werden, können sich nur durch `twittern` mitteilen - geteiltes leid ist hier mal nicht halbes leid ;-(
wäre schön, wenn wir anteilnahme zeigten und wenigstens zukünftig die martinsgänse vom speisenplan verschwinden liessen?

ich weiss nicht, ob für den hl. martin der verzicht auf seinen halben umhang ein opfer war - ausser seinen waffen und einen militärmantel (clamys) war er angeblich nackt, so heisst es lt. legende - nur, wenn er waffen trug, war er sicherlich auch im winter unter seinem umhang gut gerüstet. so hätte er dem armen bettler den ganzen umhang geben können? 

freundschaft/die freunde harmodios und aristogeiton
http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Tyrannenmörder.jpg&filetimestamp=20050318131201

anne  on  08/31  at  12:23 AM

apropos halber mantel!

Ilse Aichinger in ihrem «Nachruf», einem kurzen Gedicht:

«Gib mir den Mantel, Martin, / aber geh erst vom Sattel / und lass dein Schwert, wo es ist, / gib mir den ganzen.»

herzliche grüße

ruth devime

ruth devime  on  08/31  at  12:32 AM

@ Anne: Prima, supra, brava!
Seit Jahren nehmen wir keine Weihnachtseinladung mehr an, von wegen der armen Martinsgans, oder als Variante, des amputierten Beines eines Schafes. Ostern fällt wegen der Lämmer-Hekatombe ebenfalls weg. Eine Schriftstellerin meinte: Ein Teil, von dem was wir bekommen haben, gehört den anderen. Sie meinte: Talente. Ich fragte, ob der andere Teil: Schmerzen, Kummer, Demütigung und Verkennung auch bei den anderen abzuliefern sei. Und Begabungen sind ganz so schmerzlos und leicht zu leben nicht…
Das Leben tut sich eher so, wie Christine von Schweden es meinte, und es gibt Orte, Häuser und Personen, die wir nur sehen können, wenn es uns gut geht, wenn wir Erfolg haben, mit dem Resultat, dass wir es lassen. Freunde, Familie, Kinder, mir schaudert’s, wenn ich diese Wörter höre oder sehe, sie werfen mich aus der Welt hinaus.
Was also wäre? Bekannte, das Wort ist neutral, und Sympathisantinnen. Ich bin eine Sympa von Anne Beck, keine Freundin des Heiligen Martin, der den ganzen Mantel hätte geben sollen, da er sich leichterdings als römischer Söldner einen anderen beschaffen konnte. Die Geste ist spleeny, höchstwahrscheinlich erfunden und passt zu gut in das falsche Denken des Patriarchats. Und ob die Zerstörung einer Sache nun “teilen” heiBen darf, macht mich eher misstrauisch. Du sollst nicht dein letztes Hemd geben, denn dann hast du nichts mehr zu schenken, zu teilen, mitzuteilen.
Eine Frau sagte: Meine Geliebte ist ein Teil meiner selbst, mit dem ich mich auseinandersetzen muss. Sie meinte: befassen. Der oder das Teil saB ungerührt daneben wie eine Sphynx und frühstückte. Sie war aber nicht die erste Geliebte, und somit setzte sich diese Frau aus 33 verschiedenen Personen zusammen und hatte es schwer. Sie kaufte auch Schwämme “für unsere Teile”. Und wie steht es nun mit dem Teil, den Teilen und dem Teilen, wenn die Affaire beendet ist? Wer das wüsste!

Lena Vandrey  on  08/31  at  10:51 AM

eknaD, lb. Anel -  eine `sympa` klingt recht ordentlich…. 

da gibt`s ja noch den ausdruck `falsche freunde`, sicherlich zuhauf und gratis ;-( .
ich mag auch das wort `solidarität` - wenn sich daraus `solidara` ableiten liesse, wie z.b. ich bin eine `solidara` von luise und lena - klingt in meinen ohren und meinem innersten auch ehrlich, geradlinig.

oh weh, du bist ein teil meiner selbst hört sich erstmal schmeichelhaft an, aber auch besitzergreifend? wenn die affaire beendet ist, wird meistens das mobilar zerteilt bzw. zerlegt, übrig bleibt ein scherbenhaufen. oder das neue spiel beginnt von vorne? ;-)

die geschichte um den hl. martin ist bestimmt eine
erfindung - am meisten profitierten davon diejenigen, die (schnell) zu reichtum kamen und symbolisch das ` kreuz ` vor sich hertrugen. so ist der heilige martin sogar auf einer schweizer banknote (1956)verewiglicht….
llg anne
http://img1.classistatic.com/cps/bln/100810/434r2/50881a5_23.jpeg

anne  on  08/31  at  05:34 PM

Um der Wahrheit die Ehre zu geben:
so ist die Chefin der Sozialisten TEILWEISE (!) jetzt der Meinung der Feministinnen. Auch “sie” findet sich plötzlich beleidigt durch den DSK…
Das ist als Frauen-Sieg zu betrachten; sie hat es mit der Angst gekriegt, dass die Schäfchen ihr weglaufen. Was die sogenannten “einfachen” Frauen im Dorf sagen, will ich lieber nicht wiedergeben - die Redaktion müsste es löschen, aber gerade dadurch sehen wir, was gemeint ist, nicht wahr?

Lena Vandrey  on  09/01  at  10:36 AM

Um auch noch einen Faden aus dem Martinsmantel zu zupfen: Wenn es sintemalen bei Römers nicht grundlegend anders zugegangen ist als in anderen Militärstaaten, dann tat “de Hillije Zinte Määtes”, wie er in meiner eigentlichen Heimat heißt, sehr klug daran, den Mantel zu teilen. Der Bettler hatte etwas, sich zu wärmen - er selbst entging dem Papierkrieg einer Verlustverhandlung. Man(n) darf auch klug sein bei der Mildtätigkeit, dünkt mir.
Ansonsten halte auch ich Facebook-Speak für bisweilen unerfreulich und gelegentlich schlicht für Alfanzerei. Also ganz normaler Alltag, nur eben virtuell. Und das bedeutet: Die Tugend als solche ist nicht ganz real. Schade, eigentlich.

Inge Luett  on  09/03  at  08:58 PM

Seite 1 von 1
Dieser Eintrag kann nicht mehr kommentiert werden.

»»» Friends/Freunde: Facebookspeak & Gender, Teil 2

««« Follower: Twitterspeak und Gender, Teil 1

Seitenanfang

Hedwig Dohm