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Clara Viebig

geboren am 17. Juli 1860 in Trier
gestorben am 31. Juli 1952 in Berlin

deutsche Schriftstellerin
60. Todestag am 31. Juli 2012


Konventionelle Erziehung und unspektakuläre Kindheit

Clara Emma Amalia Viebig wurde am 17. Juli 1860 im heute nicht mehr bestehenden Simeonsstift Haus Nr. 382 in Trier als drittes und letztes Kind der Eheleute Ernst und Clara Viebig (geb. Langner) geboren und einen Monat später evangelisch getauft. Ihr Vater, der Sohn eines Posener Gutsbesitzers, war ein preußischer Regierungsbeamter, der es später bis zum Oberregierungsrat in Düsseldorf bringen sollte. Ihre ebenfalls aus Posen stammende Mutter war in einer Pfarrersfamilie aufgewachsen. Von den beiden wesentlich älteren Brüdern lebte nur einer im elterlichen Haushalt. Der andere, ein Epileptiker, wuchs vermutlich in den Bodelschwinghschen Anstalten auf. Seine Schwester hat ihn nie kennen gelernt.

Die ersten sechs Jahr ihres Lebens verbrachte das Mädchen in Trier. Im Zuge einer Beförderung des Vaters zog die Familie 1866 nach Düsseldorf um, wo sie das Haus Am Schwanenmarkt 3 bezog und Clara Viebig bis 1876 die Luisenschule besuchte, eine der damals üblichen Lehranstalten für die in dieser Zeit als höhere Töchter bezeichneten Mädchen aus bessergestellten Familien.

Erste Lektüren

Die Schülerin erwies sich als eifrige Leserin nicht nur der schulischen Pflichtlektüre oder von Literatur, die dem Zeitgeist entsprechend jungen Mädchen geziemte. Lieber als zu letzterer griff sie schon als Zwölfjährige zu Heinrich Heines „Buch der Lieder“, nicht viel später zu Werken von Theodor Storm, Wilhelm Raabe, Paul Heyse, Gustav Freitag, Honoré de Balzac und Victor Hugo.

Tod des Vaters und Umzug nach Berlin

Die wohl recht unbeschwerte und ohne besondere Vorkommnisse durchlebte Jugendzeit fand ein jähes Ende, als der gerade mal einundzwanzigjährigen jungen Frau der Vater starb und der Familie ganz unerwartet der Ernährer fehlte. Denn das pflegte in der patriarchalischen Gesellschaft der Zeit das männliche Familienoberhaupt zu sein.

Da sich die junge Frau in der Reichshauptstadt bessere Aussichten auf einen Broterwerb versprach, drängte sie ihre Mutter, gemeinsam nach Berlin zu ziehen, wo sie das Haus mit der Nummer Acht in der Schöneberger Göbenstraße bezogen.

Erste Veröffentlichungen

Die junge Clara Viebig, deren Sehnsuchtstraum eine Laufbahn als Konzertsängerin gewesen war, hatte ihre Stimme entsprechend ausbilden lassen. Zwar musste sie ihre diesbezüglichen Pläne aufgeben, doch konnte sie die nun desolate Haushaltslage aufbessern, indem sie Klavierstunden gab. Auch begann sie in den folgenden Jahren, aus finanziellen Gründen Zeitschriften erste kurze Erzählungen anzubieten. Doch erst 1894 konnte die nunmehr 34-Jährige ihr erstes Honorar als Autorin einstreichen.

Von Mutter und Bruder wurde ihre schriftstellerische Tätigkeit allerdings nicht gerne gesehen, galt es in den ‚höheren’ Gesellschaftskreisen doch als unwürdig, wenn eine Frau an die Öffentlichkeit trat. Und Autorinnen galten als beinahe ebenso anrüchig wie Schauspielerinnen. Dies mag dazu beigetragen haben, dass Clara Viebig ihre drei Jahre später erschienene erste eigenständige Publikation, das Schauspiel Barbara Holzer, nur unter dem Identität und Geschlecht der Autorin verschleiernden Namen C. Viebig veröffentlichte.

Bald darauf gelang es ihr, mit einigen kurzen Texten die Aufmerksamkeit, das Interesse und die Anerkennung von Theodor Fontane zu erringen. Aufgrund der Fürsprache des renommierten Autors konnte sie ihre Publikationen fortan im Verlag von dessen Sohn unterbringen, wo sie den Mitinhaber Friedrich Theodor Cohn kennen lernte, der von ihr und ihren literarischen Arbeiten augenblicklich angetan war und sie von Beginn an unterstützte.

Heirat und Geburt eines Sohnes

Viebig und Cohn verliebten sich ineinander und beschlossen zu heiraten. Die anfänglichen in antisemitischen Ressentiments begründeten Bedenken der Mutter gegen die Hochzeit ihrer Tochter mit einem Juden konnte das Paar nur mit der Unterstützung des alten Fontane ausräumen. Ein Jahr nach ihrer Hochzeit gebar Viebig ihr erstes und einziges Kind, den Sohn Ernst.

Ein literarischer ‚Skandal’ und viele Erfolge

Nicht zuletzt dem zunehmenden literarischen Erfolg Viebigs und dem damit einhergehenden höheren Einkommen der Familie ist es zu verdanken, dass das Ehepaar nach Zehlendorf, einem besseren Berliner Viertel umziehen und dort die prächtige Villa in der Königstraße 3 beziehen konnte, die als „Claras Haus“ einige Bekanntheit erlangen sollte.

Im ganzen Land berühmt und unter fundamental-religiösen SittenwächterInnen berüchtigt wurde die Autorin zur Jahrhundertwende mit einem damals weithin als Skandal empfundenen Buch, dem Weiberdorf. Sowohl die katholische Kirche, die es als anstößig empfand, als auch die BewohnerInnen des kleinen Eifel-Örtchens Eisenschmitt, die sich in den EinwohnerInnen des im Roman Eifelschmitt genannten Dorfes porträtiert sahen, liefen gegen das Buch Sturm. Selbst die Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer, die Clara Viebig bereits 1902 in einem Porträt als Autorin würdigte, die „mit markigen, sicheren Strichen die Vertreter der Tausende und Abertausend“ zeichnete, „die mit dem Volksleben, dem sozialen Leben seinen Charakter geben“, (Bäumer, 604) erkannte in deren Erzählung um das von Männern verlassene Dorf zwar eine „soziale Studie von höchstem stofflich-psychologischen sowohl als aesthetischen Interesse“, doch bezweifelte sie, dass sich „das Massen-Phänomen einer geschlechtlich-sittlichen Entartung unter ungesunden sozialen Verhältnissen“ überhaupt als literarisches Motiv eigne. (Bäumer, 606) Als Viebig gemeinsam mit ihrem Mann wenige Jahre nach Erscheinen des Buches in einem nahe gelegenen Ort Urlaub machten, wurden sie gar unter Polizeischutz gestellt, und Cohn traut sich nur mit einem Revolver aus dem Hotel. Die NachfahrInnen der erregten DorfbewohnerInnen sind hingegen längst stolz darauf, dass ihr Städtchen dank Viebig Eingang in die Literatur gefunden hat, und errichteten zu Ehren der Autorin sogar einen Brunnen, der Szenen aus dem Roman zeigt.

Vom Erscheinen ihres ersten Erfolgsromans an schenkte die ungemein produktive Autorin über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg dem Publikum nahezu alljährlich ein weiteres Werk. Unter ihnen nicht weniger als 27 Romane, dazu Novellen und Kurzgeschichten sowie mehrere Dramen, zwei Opernlibretti und sogar ein Drehbuch. Außerdem reiste Viebig in halb Europa herum und bis in die USA hinüber, um zahlreiche Vorträge zu halten oder aus ihren Büchern zu lesen.

Mag Viebig in den Anfangstagen des Ersten Weltkrieges gegenüber der Kriegsbegeisterung auch nicht ganz immun gewesen sein, so trat sie doch schon 1917 in ihrem Buch Töchter der Hekuba mit einer vehementen Anklage gegen das Völkerschlachten hervor, die in dem Friedensruf „Fluch dem Krieg!“ mündete.

Antisemitismus und fragwürdige Ehrungen

Bis zu Beginn der 1930er-Jahre zählte Viebig zu den prominentesten und erfolgreichsten LiteratInnen im deutschsprachigen Raum. Folgte auch in der Weimarer Republik noch Veröffentlichung auf Veröffentlichung, so verstummte die nun schon in ihren 70er-Jahren stehende Clara Viebig während des Nationalsozialismus weitgehend. Denn sie und ihre Familie wurden unter dem Naziregime wegen ihres jüdischen Mannes und dem als ‚Halbjude’ geltenden Sohn zunehmend angefeindet. Da Clara Viebig mit einem Juden verheiratet war, konnte sie auch nicht in die Reichsschrifttumskammer eintreten. Dies aber war eine nahezu unabdingbare Voraussetzung dafür, unter der nationalsozialisten Herrschaft publizieren zu dürfen.

Nach dem Tode ihres Mannes 1936 beabsichtigte sie, zu ihrem Sohn nach Brasilien zu ziehen, der vor den Nationalsozialisten in des südamerikanische Land geflüchtet war. Doch bereits nach zweimonatigem Aufenthalt kehrte sie, der die Fremde zu fremd war, nach Deutschland zurück und rang sich dazu durch, einen Antrag auf Mitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer zu stellen. In den Jahren 1939/40 wurden denn auch noch einmal drei ihrer bei den nationalsozialistischen Herrschern und ihren VolksgenossInnen beliebten ‚Heimat’-Romane neu aufgelegt. 1940 entbot ihr die Reichsschrifttumskammer zu ihrem 80. Geburtstag sogar im Namen „aller am deutschen Schrifttum Beteiligten die herzlichsten Glückwünsche“, wofür sich die Jubilarin in einem mit „Heil Hitler“ unterzeichneten Antwortschreiben „ganz ergeben“ bedankte.

Letzte Jahre und Tod

Um den drohenden Bombardierungen Berlins zu entgehen, zog Viebig 1942 nach Schlesien, von wo sie allerdings gegen Kriegsende wieder vertrieben wurde. Sie ging nun wieder zurück nach Berlin und lebte bis zu ihrem Tode 1952 in Zehlendorf. Noch zu ihren Lebzeiten unternahm die Staatsführung der DDR einige, allerdings nicht sehr vehemente Versuche, sie für die sozialistische Sache zu vereinnahmen. Ab 1949 bekam sie einen „Ehrensold“ gezahlt, und anlässlich ihres 90. Geburtstages gratulierten ihr Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl im Namen der SED. 1952, in ihrem Todesjahr, erschien zudem im DDR-Verlag Das Neue Berlin ein Bändchen mit Berliner Novellen, die Viebig zu Beginn des Jahrhunderts verfasst hatte.


Viebigs Wiederentdeckung durch die Frauenbewegung

FrauenbildNachdem 1930 in Düsseldorf und zwei Jahre nach ihrem Tod im Trierer Stadtteil Weismark Straßen nach Viebig benannt worden waren, wurde ihr in den 1960er Jahren diese Ehre auch in einer der größeren Städte der DDR zuteil, und zwar im Dresdener Stadtteil Löbtau. Anders als in der DDR wurde Viebig in der Bundesrepublik bis in die 1970er Jahre hinein allerdings kaum beachtet.

Dass sich das änderte, ist dem Aufleben der Neuen Frauenbewegung um 1970 zu verdanken, in deren Zuge etliche verkannte und vergessene Autorinnen wiederentdeckt wurden. So auch Clara Viebig, die ihrerseits schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts „von den Problemen der Frauenbewegung nicht unberührt“ geblieben war, wie ihre Biographin Charlotte M. Weber schreibt. (Werner 43)

Fehllektüren

Doch änderte Viebigs Wiederentdeckung durch die Frauenbewegung zunächst wenig daran, dass Viebig wie zuvor schon auch weiterhin als eher schlichte Heimatdichterin galt. Barbara Kievel rückte sie noch Mitte der 1990er Jahre sogar ziemlich umstandslos in die reaktionäre Ecke. Viebigs Werke lägen nicht nur im „Trend der zeittypischen bürgerlichen Ideologie“, sondern seien von „eine[r] deutliche[n] nationalistische[n] Tendenz“ geprägt, da sie „soziale Widersprüche als nationale, völkische oder rassische interpretiere“, meint die Germanistin ausgerechnet im Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen im Exil 1933 bis 1945. (Kievel 182) Auch das Frauenbild in Viebigs Romanen erscheint Kievel ähnlich reaktionär. Ihr weibliches Personal beschränke sich auf „dienend[e] und aufopfernd[e]“ „Bauerntöchter“, sowie „aufrechte Mädchen und tugendhafte Ehefrauen“. (Kievel 181) Ihre Frauenfiguren seien „Bewahrerin[nen] der Sitte“ und „Retterinnen der Moral“. (Kievel 182) Sowohl in ihrer Rezeption von Viebigs Frauenfiguren wie auch der vermeintlich „deutliche[n] Tendenz zum Völkisch-Nationalen“ folgt Kievel wenn auch nur implizit Heide Soltau. (vgl. Soltau 225). Tatsächlich kann jedoch weder davon die Rede sein, dass Viebigs Werke von völkischem, nationalistischem oder gar rassistischem Gedankengut durchdrungen sind, wie etwa ein Blick in Töchter der Hekuba oder auch in den von Kievel so geschmähten Roman Das schlafende Heer zeigt, noch von einem konservativen Frauenbild der Romane und Novellen, wie beispielsweise die Einwohnerinnen des Weiberdorfes, die so vielfältig gestalteten Rheinlandstöchter oder die titelstiftende Protagonistin ihres späten Romans Charlotte von Weiß überaus deutlich zeigen.

Mit ihren Interpretationen des Gesellschafts- und Frauenbildes in den Werken Viebigs standen die beiden Literaturwissenschaftlerinnen denn auch nicht nur in striktem Widerspruch zur Viebig-Rezeption in der DDR, in der sie schon beinahe als proletarisch gesinnte Schriftstellerin gefeiert wurde. Vor allem Kievels Darstellung des Frauenbildes kollidiert mit der ganz gegenteiligen Lesart von Viebigs Biographin Charlotte M. Weber, der sie geradezu als feministische Schriftstellerin gilt.

Derlei Tunnelblicke auf das vielfältige und weitgefächerte Oeuvre Viebigs sind weit verbreitet, sei es nun, dass die Literatin als reaktionär oder als progressiv, als frauenfeindlich oder als feministisch gelesen – oder als anspruchslose Heimat-Dichterin abgetan wurde und noch immer wird. Zu den wenigen, die einen wirklich differenzierten Blick auf Viebigs vielfältiges Werk werfen, zählt Hermann Gelhaus, dem zufolge sich ihr „ungemein vielschichtig[es] und widersprüchlich[es]“ Oeuvre „jeder schlichten Einordnung“ entzieht. (Gelhaus 330)

Eine Konstante allerdings gibt es in Viebigs Oeuvre sehr wohl: die anhaltende Beschäftigung mit Mutterschaft und Mütterlichkeit, ja überhaupt mit dem „Schicksal der Frauen“, in dem ihre Biographin nicht zu Unrecht Viebigs „Lieblingssujet“ erkennt. (Werner 127)

Rolf Löchel

Werkauswahl Clara Viebig

Barbara Holzer. Schauspiel. 1897.
Kinder der Eifel. Novellen 1897.
Rheinlandstöchter. Roman, 1898.
Es lebe die Kunst! Roman 1899 .
Das Weiberdorf. Roman aus der Eifel. 1900.
Die Wacht am Rhein. Roman 1902.
Das schlafende Heer. Roman.
Der Kampf um den Mann. Dramenzyklus. 1905.
Einer Mutter Sohn. Roman. 1906.
Absolvo te! Roman 1907.
Pittchen. Komödie. 1910.
Töchter der Hekuba. Ein Roman aus unserer Zeit. 1917.
Menschen und Straßen. Großstadtnovellen 1923.
Die Passion. Roman 1925.
Die Schuldige. Novelle aus der Eifel. 1927.
Die mit den tausend Kindern. Roman. 1929.
Charlotte von Weiß. Der Roman einer schönen Frau. 1930.
Insel der Hoffnung. Roman. 1933.
Der Vielgeliebte und die Vielgehasste. Roman. 1935.
Mein Leben. Autobiographische Skizzen. 2002

Biographien

Carola Stern mit Ingke Brodersen: Kommen Sie, Cohn! Friedrich Cohn und Clara Viebig. Köln: Verlag Kiepenheuer & Witsch 2006.
Charlotte Marlo Weber: Schreibendes Leben. Die Dichterin Clara Viebig. Dreieich bei Frankfurt: Medu Verlag 2009.

Zitierte Sekundärliteratur

Gertrud Bäumer: “Clara Viebig”. In: Die Frau, herausgegeben von Helene Lange. 9. Jahrgang, Heft 10, Juli 1902. S. 603-611.
Hermann Gelhaus: Dichterin des sozialen Mitleids: Clara Viebig. In: Deutschsprachige Schriftstellerinnen des Fin de siècle. Hrsg. von Karin Tebben. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt 1999. S. 330-350
Barbara Kievel: Clara Viebig. In: Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen im Exil 1933 bis 1945. Herausgegeben von Renate Wall. Band II. Freiburg i. Br. 1995. S. 180-183.
Heide Soltau: Die Anstrengung des Aufbruchs. Romanautorinnen und ihre Heldinnen in der Weimarer Zeit. In: Deutsche Literatur von Frauen. Zweiter Band 19. und 20. Jahrhundert. Hrsg. v. Gisela Brinker-Gabler. München: C. H. Beck. S. 220-235.
Charlotte Marlo Werner: Schreibendes Leben. Die Dichterin Clara Viebig. Dreieich bei Frankfurt: Medu Verlag 2009.