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Jeanne Françoise Julie Adélaïde Récamier

geboren am 4. Dezember 1777 in Lyon
gestorben am 11. Mai 1849 in Paris

französische Salonière, Napoleongegnerin, Freundin von François René Chateaubriand
235. Geburtstag am 4. Dezember 2012


Juliette hatte bestimmt, dass nach ihrem Tode ein Köfferchen voller Briefe – eigene in ihrer kleinen, zarten Handschrift, die sie von den Adressaten zurückbekommen hatte, und an sie gerichtete – ungelesen verbrannt werden sollte. Schweren Herzens erfüllte ihre Adoptivtochter, eine Nichte ihres Mannes, der sie eine vorbildliche Mutter gewesen war, diesen Wunsch. Sie wusste, dass damit die Rätsel der wahren Persönlichkeit Juliettes ungelöst bleiben würden.

Madame Récamier

War der 42 Jahre alte Bankier Récamier, dem die 15-Jährige angetraut wurde, wirklich ihr Vater, der ihr während der Schreckensherrschaft ihr Vermögen erhalten wollte? Die Ehe wurde nie vollzogen – warum nicht, bleibt unbekannt.
Juliette blieb noch zwei Jahre im Hause der Eltern, erst dann präsentierte Herr Récamier in einem eleganten Hause seine Frau der Öffentlichkeit. Ihre bezaubernde Erscheinung, die fast schmucklose Eleganz, die allenfalls durch sparsam verwendete Perlen unterstrichen wurde, das fast scheue, zurückhaltende Auftreten zog sofort alle Männer in ihren Bann. Sie kokettierte, aber sie wahrte Distanz, so dass keiner ihrer Bewunderer, auch der indiskreteste nicht, sich rühmen konnte, ihr nähergekommen zu sein. Sie verstand die seltene Kunst, ihre Verehrer in lebenslange treue Freunde zu verwandeln.

Ihre Freundschaft mit Mme. de Staël ermöglichte auch dem Adel und Napoleongegnern den Zugang zum (bürgerlichen) Salon der Récamier. Wo die Meinungen zu hart aufeinander prallten, stellte Juliettes Anwesenheit Harmonie her, herrschten Grobheit und rüdes Benehmen, besänftigte ihre Gegenwart.

Aber Juliette war weit mehr als eine bewunderte und verwöhnte Schönheit. Napoleons (eindeutiges) Angebot, Palastdame Josephines zu werden, lehnte sie drei Mal ab, was ihr seinen Zorn eintrug. Als sie später gegen sein Verbot die nach Coppet verbannte Mme. de Staël besuchte, wies Napoleon sie für Jahre aus Paris aus und verweigerte jede Hilfe, als das Bankhaus Récamier in Schwierigkeiten geriet und geschlossen werden musste. Juliette verkaufte ihr Haus und sämtliche Kostbarkeiten ohne Bedauern, ohne Klage, ohne Tränen. Sie mietete vom eigenen Geld eine bescheidene Wohnung in einer säkularisierten Abtei, die sie mit ihrer Adoptivtochter und einer Kammerfrau bezog. Ihren Mann und seine Verwandten ließ sie von dort aus versorgen. Sie hielt weiterhin „Hof”, und keiner ihrer Freunde ließ es sich verdrießen, die Stufen zu ihrer „Petite Cellule” hinaufzusteigen.

Madame Récamier

Bevorzugter Gast wurde der schon berühmte Dichter und Staatsmann François René Chateaubriand, zu dem Juliette trotz seiner stürmischen Liebschaften eine tiefe seelische Bindung entwickelte. Madame Récamier blieb bis zu seinem Tode über 30 Jahre lang der ruhende Pol in seinem exzentrischen Leben.
Auch alternd und erblindend zog Juliette die Menschen in ihren Bann, besonders die junge Generation der Literaten und Dichter. Sainte-Beuve schrieb:

„Sie hatte niemals eine größere Stellung in der Welt als in ihrem bescheidenen Asyl am Ende von Paris.”

Nach dem Tode seiner Frau machte Chateaubriand Juliette einen Heiratsantrag, aber sie gab ihm einen Korb wie 40 Jahre zuvor dem Prinzen August von Preußen.

Wenige Monate nach dem Tode Chateaubriands starb auch Juliette. In seinem großen Werk Mémoires d’Outre Tombe setzte er ihr ein bleibendes Denkmal:

„Es scheint mir, daß alles, was ich je geliebt habe, ich liebte es in Juliette ... es war immer nur sie, die ich in den anderen suchte…”

 

Adelheid Steinfeldt (1998)


Quellen


Ballanche, Pierre Simon (1999): Vie de Madame Récamier. Herausgegeben und mit Anmerkungen versehen von Kurt Kloocke. Frankfurt am Main, Berlin. Lang.


Herold, Christopher (1982): Madame de Staël. Dichterin und Geliebte. (=Mistress to an Age). Aus dem Englischen von Lilly von Sauter. München. Heyne (Heyne-Bücher, 12; Heyne-Biographien, 99).

Herold 1982 – Madame de Staël

Leitich 1967 – Eine rätselhafte Frau


Leitich, Ann Tizia (1967): Eine rätselhafte Frau. Madame Récamier und ihre Freunde. Hamburg. Marion von Schröder.


Levaillant, Maurice (1958): The passionate exiles. Madame de Staël and Madame Récamier. (=Une amitié amoureuse). Aus dem Französischen von Malcolm Barnes. New York. Farrar Straus and Cudahy.

Sieburg 1967 – Robespierre


Sieburg, Friedrich (1967): Robespierre, Napoleon, Chateaubriand. Stuttgart. DVA.


Trouncer, Margaret (1953): Madame Récamier. Stuttgart. Tauchnitz (Tauchnitz Edition, 121).


Weiterführende Literatur


Bordeaux, Henry (1932): Amitié ou amour. L’amitié amoureuse ; Marie-Antoinette et Fersen ; Pauline de Beaumont et Chateaubriand ; les amours de Xavier de Maistre à Aoste ; Rosalie de Constant ; le secret de Madame Récamier. Paris. Plon.


Castries, René Gaspard Marie Edmond LaCroix Duc de (1971): Madame Récamier. Paris. Hachette (Hommes et évènements).

Chateaubriand 1951 – Lettres à Madame Récamier

Constant 1864 – Lettres de Benjamin Constant


Chateaubriand, François-René de (1951): Lettres à Madame Récamier. Paris. Flammarion.


Constant, Benjamin (1864): Lettres de Benjamin Constant à Madame Récamier. Paris. Dentu.


Ettlinger, Josef (1906): Madame Récamier. Leipzig. Rothbarth (Die Frau Serie 2, 13).


Herriot, Édouard (1900): Madame Récamier und ihre Freunde. (=Madame Récamier et ses amis). Deutsche Bearbeitung von Emma Müller-Röder. Berlin. Siegismund.


Kettler, Agnès (1996): Lettres de Ballanche à Madame Récamier, 1812 – 1845. Paris. Champion (Textes de littérature moderne et contemporaine, 7).


Lemaitre, Jules; Récamier, Juliette (1930): Madame Récamier. Paris. Helleu et Sergent.


Lenormant, Amélie; Récamier, Jeanne Françoise Julie Adelaide (1872): Madame Récamier, les amis de sa jeunesse et sa correspondance intime. Paris. Lévy.


Magnant, Ernest; Tallien, Jeanne Marie Ignace Therèse (o. J. [1926]): Deux reines de beauté. Mme Tallien, Mme Récamier. Paris. Michel.


Mohl, Mary Elizabeth; Récamier, Jeanne Françoise Julie Adélaïde (1862): Madame Récamier, with a sketch of the history of society in France. London.


Pennisi, Francesco (1981): Madame Récamier (due capricci per arpa). Milano. Ricordi.


Récamier, Jeanne Françoise Julie (1868): Lettres inédites et souvenirs biographiques de Mme Récamier et de Mme de Stael publiés par le baron de Gerando … Paris, Metz.


Récamier, Jeanne Françoise Julie Adélaïde Bernard (1876): Souvenirs et correspondance tirés des papiers de Madame Récamier. Paris. Calmann Lévy.


Récamier, Jeanne Françoise Julie Adélaïde; August von Preußen (o. J. [1976]): Die Briefe des Prinzen August von Preußen an Madame Récamier. (=Lettres du Prince Auguste de Prusse 1807 à 1843). Sonderdruck. Unter Mitarbeit von Alfred W. Hein. Zürich. Artemis.


Récamier, Jeanne Françoise Julie Adélaide; Lenormant, Amélie (1859): Souvenirs et correspondance, tirés des papiers de Madame Récamier. Paris. Lévy.


Rondelet, Antonin (1851): Madame Récamier. Suivi d’une étude sur Madame de Staël. Paris. Dezobry et Magdeleine.


Rostand, Maurice (1950): Madame Récamier. Eine liebevolle Komödie in 3 Akten und einem Epilog. Frankfurt am Main. S. Fischer.


Staël-Holstein, Germaine de; Récamier, Jeanne Françoise Julie Adélaïde; Beau Loménie, Emmanuel de (1952): Lettres de Madame de Staël à Madame Récamier. Paris. Domat.


Turquan, Joseph; Récamier, Julie (1903): Frau Récamier und ihre Freunde. Ein Frauenbild aus bewegter Zeit. Leipzig. Schmidt & C. Günther.


Wagener, Françoise (1986): Madame Récamier, 1777-1849. Paris. Lattès.



Bildquelle

Kindlers Malereilexikon, http://www.digitale-bibliothek.de/band22.htm