Ausdruck von: http://www.fembio.org/english/biography.php/frau/biographie/kathleen-ferrier
Kathleen Ferrier
geboren am 22. April 1912 in Higher Walton, Lancashire
gestorben am 8. Oktober 1953 in London
englische Altistin
100. Geburtstag am 22. April 2012
Sogar bis in dieses Jahr 2012 lesen und hören wir eine ungewöhnliche Vielfalt ganz persönlicher Zeugnisse, nicht nur aus den Kreisen berühmter Musiker, von dem einzigartigen, beglückenden, intensiv die Seele berührenden, oft zu Gedichten bewegenden, gar zum Sterben begleitenden oder vorbildhaft prägenden Gesang Kathleen Ferriers. Und dies inzwischen zumeist von Menschen, die sie nie live gehört, geschweige denn gesehen haben. Weiterwirkt in Aufnahmen oder Erinnerungen direkt das dunkle und doch klar formulierte, eindringliche und tief gelagerte Timbre ihrer natürlich geführten Stimme, das, nicht zuletzt in der Weltkriegszeit, als tröstlich und wohltuende Geborgenheit ausstrahlend empfunden wird und ihrem nie nur lauten, forcierten oder gar von der Demonstration kunstvoller Fertigkeiten beherrschten oder Bewunderung einfordernden Singen unterliegt. Es zwingt zum Innehalten und Lauschen, wir fühlen Ernst ohne Überschwänglichkeit, intensive Arbeit im Dienste des Gesungenen und zur Vermittlung seiner Aussage. Hinter dem Gehörten entsteht eine Ikone, ein Bild der »Stimme des Leids«, der »Nachtseite des Naiven«; dahinter verschwindet die Person der Sängerin.

Frühen Klavierunterricht und gute Schulbildung in Blackburn verdankt Kathleen der Initiative ihrer Mutter sowie ihrem Vater. Nach ihrem Klavierabschluss muss die talentierte Vierzehnjährige aber wegen Geldmangels die Schule verlassen und arbeitet 14 Jahre lang »krisensicher« bei der Post. Nebenbei singt sie viel in Chören, tourt als Begleiterin, absolviert mit Erfolg diverse Klavierwettbewerbe und erwirbt mit 18 eine Goldmedaille in Liverpool und 1931 das Lehrdiplom.
Sie sammelt viel Erfahrung als Kammermusikerin und Lehrerin. Erster Gesangsunterricht ab 1934 und bald entgegen der Wette ihres Mannes Gewinnerin gleichzeitig eines wichtigen Klavier- und Gesangswettbewerbs. Nach zwei Jahren Unterricht bei R. Hutchinson singt sie schon 1940 unter ihm die Matthäuspassion von Bach.
Mitten im Krieg holt Malcolm Sargent sie nach London, vermittelt sie an die bekannte Agentur Ibbs and Tillet, und es folgt Mendelssohns Elias mit Roy Henderson, der nun mit ihr an Schubert-, Schumann- und Brahms-Liedern, Technik und Stimmumfang weiterarbeitet; ihre bislang eher kleine Stimme gewinnt an Farbigkeit und Ausdrucksfähigkeit. Seit Händels Messias 1943 in der Westminster Abbey kennt man Kathleen Ferrier als die Oratorien-Altistin Englands.
Erste Plattenaufnahmen entstehen. Die h-moll-Messe, von Brahms die Alt-Rhapsodie und die Vier ernsten Gesänge sowie der Engel im Traum des Gerontius von Elgar, Mahlers Kindertotenlieder und Das Lied von der Erde sowie die Rückert-Lieder gehören zu Kathleens Stamm-Repertoire. Unzählige Konzerte und Liederabende, mühselig kreuz und quer durch das Nachkriegs-Europa, drei sie zeittypisch finanziell fordernde Tourneen in den USA – nie sei sie “so oft für so wenig verkauft” worden –, die Edinburgh und Glyndebourne (hier fasst sie auch in der Oper Fuß) Festivals beanspruchen sie. Nach 1945 tritt sie in Brittens für sie komponiertem Isaak and Abraham und Rape of Lucretia und seit 1947 als Glucks Orfeo auf. Ihn singt sie, unter Schmerzen und gezeichnet vom Krebs bei ihrem letzten Auftritt im Februar 1953.
Selbstdisziplin als Hüterin der Sensibilität (z.B. wenn sie im Singen selber zu Tränen gerührt war) und ihrer Stimme (kein Verdi-Requiem, kein Wagner, kaum eine Opernarie), ein der Kunst dienender gesunder Ehrgeiz, intensive musikalische Arbeit (1951 nimmt sie bei Pierre Bernac in Paris noch einmal Unterricht), dazu jenes große, ungewöhnlich ansprechende Stimmmaterial und die stilbildende, immer beide Seiten beglückende, förderliche und zu echter Freundschaft führende Zusammenarbeit mit großen Musikern wie u.a. Fritz Busch, Gerald Moore und John Newmark, Karajan, dem Komponisten Britten, und nicht zuletzt auch Barbirolli (der sie noch mit der Musik Chaussons bekannt macht und ihr eine weitere stimmliche und musikalische Dimension öffnet) sowie Bruno Walter: er zeigt ihr die Welt des deutschen Liedes und seines Lehrers Gustav Mahlers, dessen internationale Anerkennung wiederum weitgehend ihr zu verdanken ist. Für ihn sang sie als Letztem. – Ein großer Teil der Musik, die sie am meisten inspirierte und die Menschen ansprach, war religiös, doch sprach sie selten, wenn überhaupt über Religion oder Tod (»jetzt werde ich eine kleine Pause machen«), und nur wenige sahen »wirklich tiefer in ihre Seele«.
Bruno Walter jedoch (er)kannte die andere Auch-Kathleen, die »es vorziehen würde, wenn man sich in einer lichten Dur-Tonart an sie erinnerte«: an ihren Gefühlsreichtum, ihren sehr bodenständigen Humor und Witz, ihre Fähigkeit zu Freundschaft, ihre Bescheidenheit sowie den der Musik gewidmeten Ehrgeiz, spontane Erlebnisfähigkeit (wie sie aus der Trübe der Kriegsjahre in England kommend auf den Reisen in die USA jeden kleinen Luxus genießt) und Natürlichkeit, ihre humane Empathie, die Sorge für ihre Familie, ihre lebendigen Briefe, Dankbarkeit und sogar während der Krankheit die Empfindung und das Singen von Lebensfreude.

Zu ihrer engagierten Musikvermittlung gehören auch ihr Einsatz für Laienchöre sowie ihre vielgehörten Radioauftritte und die ein großes Publikum ansprechende, so gar nicht elitär wirkende Gestaltung ihrer Liederabende, die zumeist mit Barockmusik begannen und dann etwa über Schubert oder Brahms zu aktuellen, bekannten britischen Komponisten und vor allem älteren oder neueren, auch heiteren Volksliedern bis hin zu O Shenandoah reichten. Viele Tonträger bewahren den Reichtum ihres – nicht immer technisch vollkommenen – Singens besonders in Live-Aufnahmen.
Swantje Koch-Kanz
Campion, Paul (1992): Ferrier. A career recorded. 2. Aufl. London. Thames/Elkin. 2005. ISBN 0-903413-71-X.
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Cardus, Neville (1969): Kathleen Ferrier. A memoir. London. Hamilton. ISBN 0241017734.
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Ferrier, Winifred (1988): Kathleen Ferrier. Das Wunder einer Stimme. Aus dem Englischen von Catherine Keppel und Karen Böhm. 2. Aufl. Stuttgart. Freies Geistesleben. ISBN 3-7725-0757-3.
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Fifield, Christopher (Hg.) (2003): Letters and diaries of Kathleen Ferrier. Woodbridge, Suffolk, UK. Boydell Press. ISBN 1-84383-012-4.
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Leonard, Maurice (2008): Kathleen. The life of Kathleen Ferrier 1912 - 1953. Stroud. Nonsuch. ISBN 1-84588-628-3.
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Lethbridge, Peter (1959): Kathleen Ferrier. London. Cassell.
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Lindsay, Robert; Phillipps, Susanne (© 2004): Kathleen Ferrier. An ordinary diva. DVD und Bonus-CD mit Kathleen Ferriers bekanntesten Aufnahmen, 77 min. London. Decca.
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Olivier, Antje; Braun, Sevgi (1997): Apolls Töchter. Große Sängerinnen und Interpretinnen auf den Bühnen der Welt. Düsseldorf. Droste. ISBN 3770010817.
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Rigby, Charles (1955): Kathleen Ferrier. A biography. London. Hale.
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Spycket, Jérôme (Hg.) (1990): Kathleen Ferrier. Lausanne. Payot. ISBN 2-601-03065-8.
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