11.03.2012

Büffelmilch oder Die dominante Kuh

Letzte Woche war ich mal wieder auf dem Bauernmarkt, der samstags auf dem Moltkeplatz stattfindet. Ich erstand ein Stück Käse Marke „Prinz von Eilte“ und einen „Bauernstrauß“ aus Weidenkätzchen, Grünzeug und Tulpen. An dem Stand für den Bauernkäse aus Eilte wurde als besondere Spezialität des Hauses Büffelkäse angeboten, Käse aus Büffelmilch.

Ich hätte lieber „Prinzessin von Eilte“ und einen „Bäuerinnenstrauß“ auf dem „Bäuerinnenmarkt“ am Hedwig-Dohm-Platz gekauft, aber ich nahm es hin wie so vieles Hässliche in unserer Männerwelt. Aber Büffelmilch - das war zu viel. Seit wann geben denn Büffel Milch?

Bei „Büffel“ denke ich an riesige Büffelherden wie sie früher die amerikanische Prärie zertrampelten, und an die „Ewigen Jagdgründe“, in der Indianer sich auf ewig der Büffeljagd hingeben. Kurz, ich denke an die mannhaften Bücher von Karl May, die mein Bruder mir aus dem Gymnasium (nur für Jungen) mitbrachte und die ich als kleines Mädchen mitlesen durfte. Sein Gymnasium hieß „Gymnasium“, meins „Mädchengymnasium“. Ich durfte dann, als seine „Squaw“ (gesprochen Squaff), auch bei seinen Indianerspielen mitmachen. Diese Rolle war so beschränkt, dass die Jungs bald ohne Squaff auskommen mussten.

Die Büffel aus dem Wilden Westen Winnetous und Old Shatterhands gaben sicher keine Milch, lächerlich! Eigentlich sind das ja auch Bisons.

Noch nie hatte ich über „Büffelmilch“ nachgedacht, obwohl ich wohl schon gehört hatte, dass echter Mozzarella aus „Büffelmilch“ hergestellt wird. Mozzarella aus Kuhmilch gibt es auch, ist auch viel billiger, aber das Wahre ist das nicht.

Wenn wir von Milch sprechen, meinen wir Kuhmilch. „Kuhmilch“ ist ein komisches Wort, genau wie „Herrenwahl“ - beim klassischen Gesellschaftstanz die Norm und daher nicht extra benannt. Ziegenmilch und Schafsmilch sind normale Wörter, weil sie die nicht normale Milch bezeichnen, ähnlich wie „Mädchengymnasium“ das nicht normale Gymnasium.

Ziegen- und Schafböcke geben keine Milch. Woher nun aber die Büffelmilch, dies seltsame Gesöff?

Der echte Mozzarella aus Büffelmilch heißt Mozzarella di Bufala da Campana = Mozzarella von der Bufala aus der Campana. Büffelmilch ist also eine Fehlübersetzung. Weil wir für das weibliche Büffeltier kein richtiges Wort haben. Büffelinnenmilch? Das klingt irgendwie nach Ziegenböckinnenmilch.

Und was schreibt die Eilter Bauernkäserei über die Bufala?

Trixie ist die Größte, aber auch die Sanftmütigste, Elisabeth ist am zickigsten, Emilia eher schüchtern, Capri hingegen sehr anlehnungsbedürftig, Chianti ganz normal und  Hexe frech. Amanda spielt gerne Chefin, aber immerhin gibt sie auch die meiste Milch. Milch?? Wer nun dachte, es ginge um eine Schulmädchenbande, hat nicht gerade einen Volltreffer gelandet - hier ist die Rede von Wasserbüffeln. Diese schwergewichtigen Damen gehören zur 40-köpfigen Herde des Biohof Eilte und liefern die Milch für den Bio-Mozzarella, der seit 2005 in der hofeigenen Käserei gefertigt wird. Diesen und weitere Leckereien der Eilter Käserei zu kosten und obendrein die Wasserbüffel zu besichtigen  - das bieten wir in unserer „Büffeltour“ an: dabei geht es zünftig auf die Büffelweide zu einer unsere Herden, bei der allerdings nicht Amanda, sondern der 1000kg-schwere Zuchtbulle souverän das Sagen hat. …  Achso, ob der Bulle auch einen Namen hat? Natürlich: Artur, der ist übrigens am friedlichsten…

Quelle: hier.

39 “Büffeldamen” und ein Büffelzuchtbulle ergeben zusammen eine “Büffelherde”. Irgendwie kommt mir diese Sprachregelung bekannt vor ...

Dass der Zuchtbulle das Sagen hat, bezweifle ich. Denn „der Büffel“ lebt wie „der Elefant“ in matriarchalisch organisierten Gruppen:

Da es in Asien fast nur noch domestizierte Wasserbüffel gibt, hat man das Verhalten dieser Tiere vor allem bei ausgewilderten Büffeln im Norden Australiens studiert. […] Wasserbüffel leben hier in Familiengruppen von dreißig Individuen, die von einer alten Kuh angeführt werden. Die Herden bestehen aus Weibchen und ihren Jungen. Junge Weibchen bleiben für gewöhnlich bei der Herde; jüngere Männchen werden dagegen im Alter von zwei Jahren aus der Herde vertrieben. Die Bullen werden nach einer Übergangszeit in Junggesellenverbänden, die jeweils etwa zehn Individuen umfassen, zu temporären Einzelgängern, schließen sich aber alljährlich zur Paarungszeit … einer Herde an. Die dominante Kuh behält auch in dieser Zeit die Führung der Gruppe und jagt nach dem Ende der Paarungszeit die Bullen davon.  (Wikipedia)

Allmählich klärt sich das patriarchal verzerrte Bild. Es gibt verschiedene Rinderrassen, dazu gehören der nordamerikanische Bison, der asiatische Wasserbüffel und unser Hausrind, das vom Auerochsen abstammen soll. Bei den Rindern heißen die weiblichen Tiere Kühe, die männlichen Bullen. Beim Hausrind verzichten wir auf den Vorspann „Rinder-„ und sagen nicht Rinderkuh, sondern einfach Kuh. Und statt „Rinder“ sagen wir auch schon mal ganz einfach „Kühe“, die Bullen sind dann herzlich mitgemeint. Bei den „exotischeren“ Rassen wie „Wasserbüffel“ und „Bison“ sprechen wir von Büffelkuh und Bisonbulle. Und wie es halt so üblich ist in der männlichen Weltordnung, werden die Rassen, je größer und wilder sie sind, umso lieber als männlich bezeichnet - egal, ob ihre eigene Rangordnung genau entgegengesetzt ist, wie bei den Rindern und Elefanten. Und so kommt es dann zu der ominösen Büffelmilch, die uns zwar fatal an Ziegenbockmilch erinnert, aber trotzdem die Grundlage zu sehr wohlschmeckendem Käse ist.

Frauen werden ja oft als „Kühe“ beschimpft. Tatsächlich haben wir mehr mit Kühen gemeinsam, als die meisten von uns wissen wollen. Das hat schon Charlotte Perkins Gilman vor über hundert Jahren ein für allemal bündig festgestellt.  In ihrem Buch „Frauen und Wirtschaft“ verglich sie 1898 die Stellung der Frau mit der von Kühen:

Die wilde Kuh ist weiblich. Sie hat gesunde Kälber und genügend Milch für sie. Und mehr Weiblichkeit braucht sie nicht. Abgesehen davon ist sie eher rindlich als weiblich. Sie ist ein schlankes, starkes, schnelles Tier, fähig zu rennen, zu springen und wenn nötig zu kämpfen. Wir haben, aus ökonomischen Gründen, die Fähigkeit der Kuh, Milch zu produzieren, künstlich weiterentwickelt. Sie ist zur lebenden Milchmaschine geworden, gezüchtet und gehalten nur zu diesem Zweck; ihr Wert wird in Litern gemessen.

Wird aber die Kuh ausgewildert, wie in Australien geschehen, zeigt sich ihre wahre Natur. Sie wird zur Domina: “Die dominante Kuh behält auch in [der Paarungszeit] die Führung der Gruppe und jagt nach dem Ende der Paarungszeit die Bullen davon.” Brava, bufala!!

Hier gibt’s eine schöne Fotoserie von den Bufalas in Eilte.
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Luise F. Pusch am 11.03.2012 um 03:46 PM