17.11.2007

Bürgerkommune im Direktsaft

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Achte Lektion

Bei Aldi in der Schlange. Mein Vordermann hat einen Block mit Saftkartons auf das Band gehievt. “Direktsaft” lese ich und frage ihn, “Was ist das denn? Das Wort habe ich noch nie gehört.”
“Weiß ich auch nicht”, meint er. “Soll aber sehr gut sein.” “Hauptsache!” sage ich, und wir lachen beide.

Vom Direktsaft direkt zur Direktkommune. Ja, das war’s doch! Schon seit Wochen suche ich nach einem brauchbaren Ersatz für das Wort Bürgerkommune; eine Bürgerin der Stadt Herford hatte mir nämlich geschrieben:

„Herford will eine “Bürgerkommune” werden. Der Begriff stört mich; ich weiß aber keine knappe, ebenso einprägsame sprachliche Alternative, die Frauen und Männer gleichzeitig anspricht.
Bürgerinnen- und Bürgerkommune ist halt gleich sperriger. Wüssten Sie vielleicht ein richtig gutes, geschlechtergerechtes Wort? Viele Grüße aus Herford!“

Ich denke, es gibt - wie so oft - zwei Möglichkeiten: Wir können das Symptom kurieren - oder die Krankheit. Mit anderen Worten: Wir können einen hübschen Ersatz nur für „Bürgerkommune“ suchen, oder eine Lösung für alle Fälle entwickeln, die wie die „Bürgerkommune“ funktionieren, z.B. Bürgerzentrum, Bürgersteig, Pendlerpauschale, Mitfahrerzentrale, Lehrerzimmer, Fußgängerzone, Wählerinitiative, Mieterverein, Kanzleramt, Führerschein, Staatsbürgerschaft, Weltmeisterschaft, etc. pp.

Erstens - Therapie für das Symptom

Was ist überhaupt eine Bürgerkommune, werden die meisten fragen. Im wesentlichen geht es, wie Wikipedia mitteilt, um “BürgerInnennähe” und Mitwirkung der BürgerInnen an der Gestaltung der Kommune.
Als Alternativen zu Bürgerkommune sind mir dementsprechend bisher folgende Wörter eingefallen:
• Graswurzelkommune
• Mitmachkommune
• Zivilkommune (wie Zivilgesellschaft und Zivilcourage, von lat. civis “BürgerIn”)
• Eigenkommune, wie Eigenheim.

Am besten aber gefällt mir im Moment “Direktkommune”, wie Direktverbindung, Direktzugang oder “Die Kanzlerin direkt”, Angela Merkels Video-Podcast. Abkürzbar zu D-Kommune, was auch noch schön nach Deutschland klingt. Die BürgerInnen werden vielleicht nicht wissen, was Direktkommune bedeuten soll, aber erstens gilt das genau so für “Bürgerkommune”, und zweitens ist das ja, wie das Beispiel Direktsaft zeigt, auch gar nicht nötig. Hauptsache, sie wissen, daß es was Gutes ist. Und dafür steht schon das D wie Deutschland, oder erhebt da etwa eine Einspruch?

Zweitens - Umfassende Therapie

In einer früheren Lektion hatten wir gelernt, daß sich die Endung -a für diverse Reparaturmaßnahmen an der deutschen Männersprache vorzüglich eignet.
Inzwischen finde ich dieses -a besonders hilfreich für Fälle wie “Bürgerkommune”. Wir machen daraus einfach eine

Frauenbild

und entsprechend: Pendlapauschale, Fußgängazone, Lehrazimmer, etc.

Diese Wörter klingen wie die alten, schreiben sich aber fortschrittlicher. Das -a zeigt an, daß beide Geschlechter gemeint sind. Bei den alten Wörtern auf -er haben wir Bürgerinnen diesbezüglich unsere berechtigten Zweifel.

Auf unser aller Wohlsein in der D-Kommune, Direktkommune oder Bürgakommune trinke ich nun einen herzhaften Schluck Direktsaft.
Und wenn demnächst eine andere Herforderin statt Herford lieber Frauford sagen möchte, werde ich abraten. Herr fort? Ausgezeichnet!

Luise F. Pusch am 17.11.2007 um 11:02 PM