19.04.2009

Der Mann als Sicherheitsrisiko, Teil 3

[Für die, die Teil 1 und 2 dieser Abhandlung nicht gelesen haben: Es geht - ausgelöst durch den Frauen- und Mädchenmord in Winnenden - um Antworten auf häufige Fragen und Vorwürfe in der Debatte um die epidemische Gewalt von Männern gegen Frauen, die immer brutaler wird. Wer oder was ist schuld? Was können wir tun?
Das sind natürlich Fragen gewaltigen Ausmaßes; ihre Erörterung bedarf vieler DenkerInnen und könnte Bände füllen. Dennoch brauchen wir für Argumentationszwecke oft schnell eine kurze, überzeugende Antwort. Dafür sind diese Vorschläge gedacht. (Zum schnellen Auffinden: Die Kurzfassung der Antworten ist jeweils fettgedruckt.)]

4. “Es gibt doch so viele Männer, die jede Gewalt ablehnen. Die stoßt Ihr mit eurer ungerechten, pauschalen Anklage nur vor den Kopf. Das Problem der Männergewalt können Frauen nur mit Männern gemeinsam lösen. Versöhnen statt spalten!”

Ein Plädoyer für mehr Ausgewogenheit!

Talkshows lieben Ausgewogenheit: Wird die evangelische Kirche eingeladen, so auch die katholische, gerne auch ein Jude, neuerdings immer öfter auch ein Muslim. Wird die CDU eingeladen, so auch Vertreter der anderen Parteien. Frauen? Fehlanzeige. Dass Frauen meist fehlen, von Ausgewogenheit also keine Rede sein kann, fällt den Organisatoren und den meisten ZuschauerInnen in unserer ausgewogenen Herrenkultur oft nicht einmal auf.

Dieser Punkt ist entscheidend für die zwei Ansichten unseres Problems. Die einen sehen da etwas, was für die anderen so normal ist, dass es ihnen nicht auffällt. Werden sie darauf hingewiesen, sagen sie gern: “Nun sei doch nicht so verbissen!” Oder: “Versöhnen statt spalten!”

Nicht so üblich ist es, wegen der Ausgewogenheit zusammen mit Schwulen auch Neonazis zur Talkshow einzuladen. Dass Schwule nicht mit Neonazis über ihr Existenzrecht diskutieren wollen, können wir ihnen kaum verdenken. Die Aufforderung “Versöhnen statt spalten!” ist hier unangebracht. Mit einem Gegner, der meine Vernichtung propagiert, gibt es keine Versöhnung.

Wir sehen, “Ausgewogenheit” gilt nur unter der Annahme eines übergeordneten verbindenden Wertekonsenses. Die Vertreter der Kirchen und Parteien, so hoffen wir, treten nicht nur alle tapfer für die Menschenrechte ein, sondern bestellen sich nach der Talkshow auch keine Zwangsprostituierte ins Hotel…

Diejenigen, die in der Debatte um die Männergewalt gegen Frauen für mehr Ausgewogenheit plädieren, sehen beide Parteien unter demselben Wertekonsens. Für sie sind die Täter immer “die anderen”, irgendwelche wildgewordenen Elemente, die gemeinsam in Schach gehalten werden müssen. Diejenigen, die die Diskussion aufkündigen bzw. ablehnen, sehen keine gemeinsame Basis mehr, sie denken z.B. eher an die täglich 1,2 Millionen Bordellbesuche “stinknormaler” deutscher Männer. Für sie sind zudem alle Männer, ob sie es wollen oder nicht, Teil des verantwortlichen Tätersystems. Ähnlich wie der gesamte Adel in der französischen Revolution als Unterdrücker angeklagt war, obwohl er für seine adlige Geburt nichts konnte und die einzelne Adlige vielleicht sogar zeitlebens segensreich gewirkt hatte.

Für beide Positionen gibt es gute Gründe, und ich denke, wir brauchen auch beide, um voranzukommen. Ein Politiker wie Obama braucht die zornige und kompromisslose Basis, um in der Rassenpolitik voranzukommen und wichtige Forderungen mit ihrer Rückendeckung durchsetzen zu können. Wäre Obama aber von vornherein zornig und kompromisslos, “spaltend statt versöhnlich” aufgetreten, wäre er nicht Präsident geworden. Auch Hillary Clinton hat während des Wahlkampfs selten über Frauenrechte geredet, um für Männer wählbar zu bleiben.

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Während der Nazizeit gab es nur im Ausland Konsens über die Naziverbrechen. In Nazideutschland wurden diejenigen, die die Verbrechen der Nazis als solche bezeichneten, geköpft.

Was nun die Männerherrschaft betrifft, so gibt es leider kein “Ausland”. Es gibt nur “inländische” Widerstandskämpferinnen, wenige - und noch viel weniger Widerstandskämpfer. Sie leben gefährlich. Daher ist die Forderung an Männer nach Widerstand gegen die Gewaltverbrechen ihrer Geschlechtsgenossen nicht einmal unter Frauen weit verbreitet.

Es stimmt - es gibt Männer, die jede Gewalt ablehnen. Dabei ist allerdings fraglich, ob sie einen “harmlosen Bordellbesuch” überhaupt als Gewalt einordnen. Und wenn sie angesichts der Klagen von Frauen beleidigt reagieren, haben sie noch nicht viel begriffen. Denn, wie die große Schweizer feministische Theoretikerin Iris von Roten schon 1958 (sinngemäß) feststellte: “Jeder Mann ist Mitglied des herrschenden Kollektivs - ob er will oder nicht.”

Mit anderen Worten: Es herrscht hier strukturelle Männergewalt, und sie wird von vielen Männern als Aufforderung gesehen, ihr Herrenrecht auszuüben, sei es zu Hause, im Bordell oder im Beruf.

Was ich von einem “gewaltfreien” Mann erwarte, ist aktives Engagement gegen Männergewalt, also Widerstand. Männer, die sich “nur” passiv verhalten oder gar auf Proteste der Frauen beleidigt reagieren, sind bestenfalls “Mitläufer”. Mit so einem würde ich zwar (ungern) auf einer Talkshow oder in meinem Blog reden, aber privat nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt.

Luise F. Pusch am 19.04.2009 um 04:41 PM