21.08.2011

Follower: Twitterspeak und Gender, Teil 1

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Sechsundfünfzigste Lektion.

Vorgestern habe ich meine zweite Twitter-Seite (nach @luisepusch) eröffnet. Sie heißt @Hexikon und soll ein Sammelbecken für Wortschöpfungen, Wortspiele und Neudefinitionen der Frauenbewegung werden. Gerade habe ich meine 97. Tweet (Zwitsch?, Nachricht, Eintrag) getweetet: Mary Dalys Wortspiel dicktionary (von dick „Penis“ und dictionary „Wörterbuch“).
Frauenbild
Das Hexikon hat auch schon 29 Follower. Für diejenigen unter euch, die keinen Twitter-Account haben: Follower sind Leute, die sich für eine Twitterseite (in diesem Falle: @Hexikon) interessieren und sie abonnieren (sich als Follower anmelden), um jeweils sofort die neuen Hexikon-Tweets auf ihre eigene Twitter-Seite serviert zu bekommen.

Kaum hatte ich den Eintrag zum EMMA-Wortspiel „PorNO“ gezwitschert, hatte ich als Follower eine Pornoseite am Hals. Zum Glück kann frau Follower/Stalker auch blockieren.

Das Wort Follower gehört übrigens höchstens zwecks Reparatur ins Hexikon. Es ist ein Ausdruck der Männersprache, der es in sich hat.

Eigentlich müsste es ja followers heißen: „Ich habe 29 followers“ sagen wir als gebildete und des Englischen kundige Deutsche. Aber das Deutsch, das meine Seite ziert, haben sich andere ausgedacht, und so heißt es da eben „29 Follower“. Meine Follower sind natürlich fast ausschließlich Followerinnen. Aber das kümmert die Macher des Twitterdeutsch nicht.

Die „Follower“ sind eigentlich AbonnentInnen oder LeserInnen. „Folger“ gibt’s im Deutschen nicht, wir kennen höchstens „Verfolger“ und „Nachfolger“. „Folgende“ wäre gegangen und noch dazu wie aus dem feministischen Lehrbuch (vgl. Studierende statt Studenten). „Gefolge“ wäre sowohl geschlechtsneutral als auch noch witzig gewesen. “Gefolgschaft” hätte ich aus demselben Grund nett gefunden, zumal Gefolgschaft gerne mal aufgekündigt wird, was im Zusammenhang mit dem Folgenden (Wortspiel beabsichtigt) nicht unwichtig scheint:

Im Dritten Reich sagten Hitlers Follower: „Führer befiehl, wir folgen dir“. Sie wurden aber nicht Folger genannt oder gar Follower, sondern Anhänger. Männer mit Sendungsbewusstsein versammeln Anhänger um sich, oder Jünger, oder Gläubige bis hin zu den Fanatikern (abgekürzt: Fans). Diese sind “folgsam” und „folgen“ ihnen aufs Wort. Aber wehe, sie folgen noch jemand anderem als dem Führer. Im Übrigen geht das auch gar nicht: Wenn ich einem Führer folge, kann ich nicht zugleich einem anderen Messias folgen, es ist physisch unmöglich, ich kann mich nicht in zwei Hälften teilen. „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“, heißt es gleich im ersten der Zehn Gebote. Wenn die Herde dem Hirten folgt, folgt sie nicht zugleich einem anderen Führer. Sollte es einem schwarzen Schaf doch einfallen, auszuscheren, wird es in die Herde zurückgepfiffen. Falls das nicht reicht, kommen Hütehund, Gestapo oder Inquisition zum Einsatz.

FrauenbildBei Twitter ist es aber so, dass die meisten ebenso vielen Personen folgen, wie sie Follower haben. @DailyEngHelp, ein Lehrer, der über die englische Sprache zwitschert, hat 5.932 Follower und folgt 4.530 Personen. Was kann bei diesen Zahlen das „Folgen“ noch bedeuten?

Es ist eigentlich mehr eine Art Sichten, Beobachten -  und kann auch zum Überwachen dienen: „Mal sehen, was die Konkurrenz treibt.“ Eine Überwachungskamera kann sehr viele Menschen gleichzeitig ver“folgen“. Diese Einsatzweise des „Following“ erinnert ungut an die Teilnahme von Männern an feministischen Veranstaltungen. Was da gesagt wird, interessiert sie meist nicht. Aber durch offizielle Teilnahmerlaubnis behalten sie die Kontrolle über das Gesagte à la „Feind hört mit“.

Und warum heißt es nun Follower statt AnhängerInnen, AbonnentInnen, LeserInnen, InteressentInnen oder BeobachterInnen? Das weiß Twitter allein. Vielleicht erinnert Anhänger sie zu sehr an Schmuck oder Wohnwagen, Trailer - und signalisiert überdies eher Passivität als Dynamik.

Wie dem auch sei - ich werde mir das Wort „Follower“ für die LeserInnen meines Twitter-Hexikons gar nicht erst angewöhnen und lieber von AbonnentInnen sprechen, kurz von Abonnen (im Singular die/der Abonne). Erinnern sie nicht an die guten Bonnen, die unsere Urgroßmütter beim Spielen liebevoll im Auge behielten, als diese noch klein waren? Die Kategorie „Following“ (Seiten, die ich abonniert habe), würde entsprechend durch Abos ersetzt.

Diese kleidsamen Kreationen muss ich gleich mal ins Hexikon eintragen und in die Welt hinauszwitschern.
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Dank an Joey Horsley für prima Ideen und anregende Diskussionen zum Thema.

Luise F. Pusch am 21.08.2011 um 11:40 PM