03.09.2011

Friends/Freunde: Facebookspeak & Gender, Teil 2

Facebook ist ein „Tool“, das „Freunde“ miteinander verbindet und vernetzt. Wie schön! Aber da gibt es zwei Probleme:
1) Was ist mit den Freundinnen?
2) Wird die Bedeutung von „Freund“ nicht völlig verwässert, wenn jedeR Hunderte davon haben kann?

Zu 1) Ich bin erst gut drei Wochen bei Facebook und habe schon 144 “Freunde” gefunden. D.h., die meisten von ihnen haben mich gefunden. Ich bekam laufend Emails von Facebook: „xy möchte mit dir auf Facebook befreundet sein“ bzw. „xy wants to be friends on Facebook“. Ich klickte jeweils hin zum Profil der Anfragenden, und wenn ich feststellte, dass sie mit Frauen, die ich kannte, auf Facebook befreundet war, habe ich sie „als FreundIn hinzugefügt“. FrauenbildSo die entsprechende Formel auf Facebook, mit dem großen I schon fast feministisch. Ganz feministisch wäre es ohne großes I gewesen, einfach „Freundin“ hätte ja genügt. Denn Facebook weiß wahrscheinlich, ob eine Person weiblich ist, weil wir das ja beim Ausfüllen unseres Profils meist mitteilen. (Zu der von Facebook vorgesehenen Wahl zwischen “weiblich” und “männlich” gab es neulich heftigen und berechtigten Protest der Transgender Community, die sich bezüglich des Geschlechts nicht festlegen wollen. Erweiterungen wie “transgender”, “intersex” etc. wären also sinnvoll.)

FreundIn hin oder her: Meine sog. 144 „Freunde“ sind zu 99 Prozent Freundinnen. Statt „Freunde“ also „FreundInnen“ zu sagen, dazu konnte Facebook sich anscheinend noch nicht durchringen. Aber ich denke, das wird noch kommen, je mehr Frauen bei Facebook mitmachen und sich beschweren, dass ihre Freundinnen zu Freunden verunkenntlicht werden. Und je mehr Hetero-Männer nicht als Schwule verkannt werden und mit Mega-Zahlen von Freundinnen prahlen wollen.

Frauenbild
Eben meldete Facebook: „Jenny möchte Deine Freundin sein.“ Nummer 145. Ich habe freudig zugestimmt und bekam prompt die Bestätigung: „Jenny und du seid jetzt Freunde.“ Nicht mehr Freundinnen? Wie schade! Aber ich bin überzeugt, das kriegen die bei Facebook auch noch hin.

Kommen wir von den grammatischen Fragen zu den inhaltlichen: Droht der Begriff der Freundschaft durch inflationären Gebrauch zu verwässern?

Die Facebook-Konventionen haben zur Folge, dass ich mich jetzt mit Frauen duze, die ich nur per Facebook kenne, schließlich sind wir ja alle Freundinnen. Dafür sieze ich mich weiter mit vielen Menschen, die ich schon lange und besser kenne, z.B. beruflich. Mit manchen verkehre ich auf Facebook per Du und in Emails per Sie. Verkehrte Welt. Oder: anglisierte/amerikanisierte Welt. Das Englische kennt als Anredeform nur you, Nähe und Distanz werden durch den Gebrauch des Vornamens oder Nachnamens geregelt. Aber selbst wenn eine Elektrikerin ins Haus kommt, die ich noch nie gesehen habe, sind wir doch umgehend per „Peggy“, „Joey“ und „Luise“ statt „Ms Gonzales“, „Ms Horsley“ und „Ms Pusch“. Letzteres käme allen Beteiligten steif und lächerlich vor.

US-amerikanische Hemdsärmeligkeit (die maskuline Anmutung ist intendiert) überrennt deutsche Förmlichkeit - nicht schlecht!
Die Facebook-Software lädt mich ein, mit Hilfe ihres „automatischen Freundefinders“ noch mehr „Freunde“ zu finden, d.h. sie wollen meine Email-AdressatInnen daraufhin beäugen, ob die eine oder der andere unter ihnen schon bei Facebook ist, um mir dann vorzuschlagen, sie zu „meinen Freunden hinzuzufügen“. Bisher habe ich die Erlaubnis zur Durchschnüffelung meiner Email-Adress-Datei noch nicht erteilt. Facebook aber scheint zu denken: Man kann doch gar nicht genug Freunde haben!

„Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt“, sangen die Comedian Harmonists. Und jetzt? Mit 145 Freunden? Sind 145 Freunde noch das Beste, was es gibt auf der Welt? Oder ist auch hier weniger mal wieder mehr?
Zu der sentimental-heroisch-innigen deutschen Vorstellung von Freundschaft hat vor allem Schiller mit seiner „Ode an die Freude“ und der „Bürgschaft“-Ballade beigetragen. In der Ode heißt es:

Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuß der ganzen Welt!
Brüder – überm Sternenzelt
muß ein lieber Vater wohnen.

Wem der große Wurf gelungen
eines Freundes Freund zu seyn;
wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
Ja – wer auch nur eine Seele
sein nennt auf dem Erdenrund!
Und wer’s nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund!

Auf der einen Seite Schillers hohes Männer-Freundschaftspathos, wonach der Freund noch über dem Bruder steht, etwa auf derselben Stufe und einzigartig wie das holde Weib -
Auf der anderen Seite Facebooks „automatischer Freundefinder“. Dazwischen liegen Welten. Und was ist nun besser?

FrauenbildIch votiere entschlossen für die Verwässerung des Freundschaftsbegriffs, oder nennen wir es freundlicher Ausweitung, Demokratisierung - Amerikanisierung halt. “Freund oder Feind?” - so lautet die wichtigste Frage in Zeiten der Bedrohung. Freund ist alles, was nicht Feind ist - ja warum eigentlich nicht?

Durch die Hintertür können wir den exklusiven Schillerschen Freundschaftsbegriff ja auch bei Facebook wieder einschmuggeln. Es gibt da unter „Konto“ die Funktion „Freunde bearbeiten“. Dort kann ich meine “Freunde” in Gruppen einteilen. Ich habe derzeit folgende Gruppen: Kontakte, Bekannte, Business, Kolleginnen, Freundinnen, gute Freundinnen, Familie. Die „guten Freundinnen“ wären wohl Freundinnen im klassisch-Schillerschen Sinne? Nicht unbedingt - denn Schiller sieht den Menschen nur als Mann unter Brüdern mit liebem Vater droben, ausgestattet mit einem Freund und einem holden Weib. Von einer Freundin - oder gar Freundinnen - ist keine Rede. Auch da ist Facebook, obwohl insgesamt noch etwas unbeholfen im Deutschen, doch mit „Jenny will deine Freundin sein“ schon ein gutes Stück weiter. 

 

Luise F. Pusch am 03.09.2011 um 06:01 PM