28.08.2011

Share/Teilen: Facebookspeak & Gender, Teil 1

Unter jeder Facebook-Nachricht finde ich drei Schaltflächen, die ich anklicken kann:
„Gefällt mir“, „Kommentieren“ und „Teilen“ - auf Englisch: „like“, „comment“ und „share“.

Wenn ich dergestalt eine Nachricht, Fotos oder Web-Fundstücke mit anderen „teile“, geht mir nicht die Hälfte davon flöten, anders als einst dem heiligen Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte. Er schnitt ihn mit seinem Schwert in zwei Teile, so die Sage, und gab dem Bettler die eine Hälfte und behielt die andere. Nicht besonders selbstlos, und nicht mal praktisch gedacht, was soll ein halber Mantel schon nützen? Aber doch irgendwie edel, und die Tat machte ihn denn auch zum Heiligen, nach dem die Martinsgans, Martin Luther und schließlich auch Martin Luther King benannt sind.

„Share“ ist verwandt mit „Schar“ und mit „Schere“. „Schere“ leuchtet sofort ein, denken wir nur an die XXL-Schere des heiligen Martin. Und „Schar“ auch, haben doch die meisten Facebook-NutzerInnen ganze Heerscharen von „Freunden“ (das Wort kommt natürlich auch bald dran), denen sie ihre Einfälle, Gefühle, Meinungen usw. mitteilen können und mit denen sie ihre Webfundstücke teilen können.

Wenn ich solcherart meine Unmengen von „friends“ an den Wechselfällen meines Lebens beteilige, betreibe ich Propaganda für mich selbst und/oder mein Geschäft (beides oft kaum voneinander zu unterscheiden) in einer Weise, die bis zum Aufkommen von Facebook unmöglich war. Jeder sein eigener PR-Agent (das Maskulinum ist intendiert). Und „share“ wäre für diese Tätigkeit am besten mit „verbreiten“, „unters Volk bringen“ übersetzt.

Der Shareholder ist ein Aktionär bzw. Anteilseigner, und wir wollen von ihm nichts wissen, es sei denn, wir sind selber Shareholder. Aber hat schon mal eine von „einer Shareholder“ gehört? Eben.

Apropos „share“ = „Anteil“. Wir haben den schönen Ausdruck „jemand Anteil nehmen lassen“, und das ist wohl in etwa das „sharing“ auf Facebook, jedenfalls soweit es meine „Statusmeldungen“ betrifft. Ich melde etwa: „War grad beim Zahnarzt, und es geht mir sowas von beschissen!“. Ich lasse meine Freunde Anteil nehmen an meinem Leid, und ja, sie nehmen Anteil, meiden den „Gefällt-mir-Knopf“, den jetzt zu drücken einfach herzlos wäre, und kommentieren in Scharen  :-((. Und das tut gut, denn:

Geteiltes Leid ist halbes Leid, 
Geteilte Freude ist doppelte Freude.

Dieser altmodische Spruch, diese Lebensweisheit ist übrigens das einzige deutschsprachige Beispiel, in dem „teilen“ mit „sharing“ voll übereinstimmt. Ein eher sehr weibliches Sharing/Teilen, denn unsere Kultur gewöhnt den armen Männern ja frühzeitig und rigoros ab, Freud und Leid mit anderen zu teilen.

Deshalb bin ich mit der „Fehlübersetzung“ des „share“ mit „teilen“ durchaus einverstanden. Möge es den Shareholders nahelegen, nicht nur mehr Anteile zu kaufen und ihre message flächendeckend zu verbreiten, sondern auch mehr Anteil zu nehmen, an sich selbst und an anderen. 

Luise F. Pusch am 28.08.2011 um 09:15 PM