23.01.2011

Yo-Mama-Jokes, das Original der Mutter-Witze

Zu meiner letzten Glosse „Mutter-Witze“ schickte meine Freundin Senta Trömel-Plötz mir einen erhellenden Kommentar über deren mutmaßlichen Ursprung in der Sprache der schwarzen Jugend (=Jungs) in den USA. Die deutschen „Deine-Mutter-Witze“ sind anscheinend ein verrohter Abklatsch eines verbalen Schlagfertigkeitswettbewerbs, Sounding genannt, unter männlichen schwarzen Teenagern. Die Praxis geht mindestens bis in die 60er Jahre zurück. Damals dokumentierte der Linguist William Labov sie als Beispiel für die Kreativität der Black Kids. Labovs zentrales und revolutionäres Anliegen war es, das verachtete Black English als eine eigenständige und gleichwertige Version des Englischen zu etablieren.

Senta schrieb:

Die Yo-Mama-Jokes sind also endlich in Deutschland angekommen. Ich frage mich, warum so spät. Labov hat sie schon in den 60ern analysiert.
Stefan [Sentas Sohn] sagt, es gibt eine MTV Show, wo zwei Jungs gegeneinander mit Yo-Mama-Jokes antreten, und einer gewinnt. Er meint, dass es diese Show schon eine Weile gibt, und ich glaube, sie könnte der Grund dafür sein, dass sie nun auch in Deutschland auftreten, wie alle amerikanischen Kulturgüter. Vielleicht kamen sie auch mit dem Rap nach Deutschland.
Sie waren ursprünglich nicht krude und abstoßend wie Deine deutschen Beispiele. Vielleicht haben sie sich in 50 Jahren geändert.

Deine Mutter ist übrigens auch absolut die falsche Übersetzung; besser wäre vielleicht Deine Mama - jedenfalls ist Mama ein endearing term [Kosewort] im BLack English, das macht die Witze nicht so “offensive” im Englischen, es ist etwas komplizierter, denke ich. Mama allein ist schon ein Indikator for einen Black speaker.

apropos fett: ich erinnere mich an einen thin joke, yo mama is so thin she went down with the bath water. Nicht frauenfeindlich ODER???

Das Muster ist immer : Yo mama is so ......

Ihre Mama ist für black Kids eine Herzensangelegenheit und das Wichtigste auf der Welt. Die Yo-Mama-Jokes, an die ich mich erinnere, waren wirklich lustig, wir haben über sie gelacht. Sie sind Teil eines verbalen Wettstreits unter Schwarzen, der Sounding genannt wird.

Stefan fand auch noch einen überzeugenden Grund für das Fehlen von Yo-Daddy-jokes: Daddy ist meistens gar nicht da [hat sich abgesetzt oder sitzt im Gefängnis, wie so viele schwarze Männer].

Nach diesen Hinweisen von Senta habe ich Labovs Ausführungen über das Sounding gelesen. Labov* schreibt, es handle sich um einen ritualisierten Beleidungs-Wettstreit zwischen zwei Kontrahenten, der vor und vom Publikum entschieden wird. Gewonnen hat der, der die besten Reaktionen erzielt, z.B. das lauteste Lachen oder totale Verblüffung. 

Labov analysiert haarklein die dem Ritual zugrundeliegenden Regeln des Sounding. Die wichtigste ist die Übertreibung: Die Beleidigung muss dermaßen übertrieben sein, dass Ähnlichkeiten mit lebenden Personen unwahrscheinlich sind. Gibt es doch Ähnlichkeiten, zerfällt das Spiel alsbald, weil die Beleidigung „gesessen“ hat und der Beleidigte beginnt, sich “in echt” zu wehren.

Soweit, so gut. Was Labov nicht analysiert, ist die auffällige Tatsache (die er auch nicht leugnet), dass der Gegenstand der Verunglimpfung in der Regel die Mutter ist.

Bei aller Raffinesse und Elaboriertheit seiner feinziselierten Analyse - was ist mit dem „elephant in the room“, nämlich demjenigen Faktum, das auf der Hand liegt und sofort ins Auge springt, aber von niemandem angesprochen wird, weder von Labov vor 40 Jahren noch von Kümmel vor einer Woche?

Es wäre doch nicht unwichtig oder uninteressant gewesen, der Frage nachzugehen, warum ausgerechnet die Mutter Gegenstand all dieser kunstvoll aufeinander gehäuften Verunglimpfungen ist. Und warum sich Mädchen an dem Wettstreit nicht beteiligen.

Aber so war das damals, als die zweite Frauenbewegung noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen war. Über solche nebensächlichen, inhaltlichen statt formalen Fragen dachte mann nicht nach. Da fiel dem Linguisten gar nichts auf.

Insofern bleibt meine Analyse aus der Glosse “Mutter-Witze” wohl weiterhin gültig.

••••••••••••••••••••

Das Stichwort „Übertreibung“, das für diese rituellen Beleidigungen zentral ist, erinnerte mich an die große amerikanische Humoristin Erma Bombeck. Sie trat mit Vorliebe in der Rolle der entnervten Hausfrau und Mutter auf, die ihrem Unmut über den öden Gatten und die nervenden Sprösslinge in unsterblichen Sprüchen Ausdruck verlieh, welche ihre Leserinnen entzückten und bis heute das Internet als „Erma Bombeck Quotes“ beleben. Hier eine Auswahl:

Über Männer:

Anybody who watches three games of football in a row should be declared brain dead.

God created man, but I could do better.

I haven’t trusted polls since I read that 62% of women had affairs during their lunch hour. I’ve never met a woman in my life who would give up lunch for sex.

Über die Sprösslinge:

Never lend your car to anyone to whom you have given birth.

Why would anyone steal a shopping cart? It’s like stealing a two-year-old.

It goes without saying that you should never have more children than you have car windows.

My kids always perceived the bathroom as a place where you wait it out until all the groceries are unloaded from the car.

I take a very practical view of raising children. I put a sign in each of their rooms: “Checkout Time is 18 years.”

Being a child at home alone in the summer is a high-risk occupation. If you call your mother at work thirteen times an hour, she can hurt you.

Do you know what you call those who use towels and never wash them, eat meals and never do the dishes, sit in rooms they never clean, and are entertained till they drop? If you have just answered, “A house guest,” you’re wrong because I have just described my kids.

You become about as exciting as your food blender. The kids come in, look you in the eye, and ask if anybody’s home.

Über Hausarbeit:
Housework, if you do it right, will kill you.

My second favorite household chore is ironing. My first being hitting my head on the top bunk bed until I faint.

Genau wie sie den Gatten, die Kinder und die Hausarbeit mitleidslos aufs Korn nimmt, so karikiert sie auch sich selbst, am liebsten mit dem rhetorischen Mittel der Übertreibung (Hyperbel im Rhetoriklehrbuch).

Wir sehen, was die „kreativen black kids“ können, können wir schon lange. Und wir haben auch jede Menge Gründe und Ziele für solchen befreienden Humor. Wir sollten Erma Bombecks Kunst genau studieren und ihre Technik jederzeit parat haben.

Wenn also jemand sagt: “Deine Mutter ist so fett die benutzt ne Matratze als Tampon!” können wir das natürlich ignorieren (immer eine gute, weil energiesparende Taktik, sie ärgert den Beleidiger vielleicht am meisten und stoppt ihn am zuverlässigsten). Wenn uns aber grade nach Wettkampf zumute ist, können wir auch kontern.

Was würde Erma sagen? Vielleicht: “Deine Sprüche sind so doof, dass sie sich auch noch Matratzen in die Ohren stopft.”

Oder so ähnlich. Vielleicht wissen die Leserinnen Sinnsprüche, Werkzeuge, Webseiten zur schwungvollen Bewältigung des verbalen Geschlechterkampfs. Bitte unten im Kommentarfeld der Allgemeinheit zur Verfügung stellen.

••••••••••••••
*Labov, William. 1972. Language in the Inner City: Studies in the Black English Vernacular. Philadelphia, PA. University of Pennsylvania Press. (Teilweise online nachzulesen bei Google books)

Luise F. Pusch am 23.01.2011 um 06:55 PM