Susanne Meyer-Büser (Hgn.): Die andere Seite des Mondes: Künstlerinnen der Avantgarde. DuMont 2011
Acht Klassikerinnen der Avantgarde
Von Annette Bußmann

Rund 60 Jahre ist es her, da erhielt Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ Einzug in deutsche Buchhandlungen. Doch nur wenige Wochen ist es her, da eröffnete die Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (K20) eine Ausstellung zu acht Avantgardistinnen der 1920er/30er Jahre - und nannte sie „Die andere Seite des Mondes“. Wie zeitgemäß ist es, eine Künstlerinnen-Ausstellung unter das Label „des anderen“ zu pressen, den männlichen Künstler also unverändert als Eichmaß der Dinge zu verwalten? Wer die sehenswerte, von Susanne Meyer-Büser kuratierte Ausstellung verpasste, findet die Antwort im ebenso gedeihlichen Katalog.
Dass Kuratorin und Katalogherausgeberin Susanne Meyer-Büser acht der inzwischen bekanntesten Avantgardistinnen der Zwischenkriegszeit - erstmals in dieser Konstellation – und unter dem Blickwinkel „des anderen“– gegenüberstellt, hat einen guten Grund: Die Konfrontation mit Sophie Taeuber-Arp, Hannah Höch, Sonia Delaunay, Dora Maar, Florence Henri, Claude Cahun, Germaine Dulac und Katarzyna Kobro soll „den Blick auf die historische Avantgarde … erweitern“ und um „neue Facetten … bereichern“. Schließlich halte sich hartnäckig die Meinung, so Marion Ackermann, Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein Westfalen, „Künstlerinnen seien nicht so bedeutend, das Werk von nicht so hoher Qualität wie das der männlichen Kollegen.“ Sympathisch erdverbunden zeigt sich Ackermann obendrein in ihrer Prognose, die „andere Seite des Mondes“ werde den „tradierten Blick auf die Kunst“ kaum korrigieren. Denn der Frauen-Exklusions-Kanon bestätige sich beständig von selbst, da „die einst so radikale Moderne“ immerzu in „breitenwirksamen, affirmativen Schauen gefeiert“ werde.
So desillusioniert, wenn nicht resigniert, Ackermanns Standpunkt scheint, so sehr trifft sie damit ins Schwarze: Im deutschsprachigen Raum führen seit Jahrzehnten - durchaus gut besuchte - Ausstellungen den weiblichen Anteil der Kunstgeschichte vor Augen, zuletzt in Mannheim „Entdeckt! Rebellische Künstlerinnen in der DDR“. Im Grunde aber bilden die meisten Paralleluniversen zum Mainstream-Kunstbetrieb. Dieser nämlich kauft oder preist Künstlerinnen-Exponate ungebrochen selten, es sei denn, die Biographie lässt sich so prägnant vermarkten wie die von Frida Kahlo oder Paula Modersohn-Becker. Und so schieben Gesamtschauen zu Epochen und Bewegungen Künstlerinnen unverändert gerne in Exotinnen-Nischen, obwohl beispielsweise Kunstzeitschriften der Weimarer Republik eine andere Sprache sprechen: Künstlerinnen waren hier merklich präsenter.
In puncto Androzentrismus verheißt das kommende Ausstellungsjahr kaum Linderung: Die großen publikumswirksamen Retrospektiven verbeugen sich meist vor Künstlern – vor Raffael, Gerhard Richter, Edvard Munch. Künstlerinnen-Schauen aber - etwa zu Dörte Clara Wolff, genannt „Dodo“, bleiben kleineren Häusern vorbehalten. Nicht anders der Kunstmarkt: Unbeirrt hofiert er Frauen auf der Leinwand, selten dahinter: Die Top Thirty der teuersten Gemälde bilden dutzendfach Frauen ab. Gemalt aber wurden die Topseller ausnahmslos von Männerhand. Spitzenreiter der Liste war lange Zeit Jackson Pollock, dessen Gattin Lee Krasner ein für Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts paradigmatisches Leben fristete: Als eine der wichtigsten Abstrakten ExpressionistInnen wurde sie über Jahre nicht bloß von der Alkoholsucht des Ehemanns, sondern auch von einem Kunstbetrieb gebremst, der sie ausschließlich als „Mrs. Pollock“ wahrnahm. Dieses Ehefrauen-Stigma zählt zu den unerschütterlichen Grundfesten der Kunsthistoriographie, wie u.a. Renate Bergers Anthologie „Liebe Macht Kunst. Künstlerpaare des 20. Jahrhunderts“ (2000) lehrte.
Im Windschatten der Patriarchen
Auch bei den Avantgardistinnen der „anderen Seite des Mondes“ fällt die fremdverordnete Windschatten-Existenz sogleich ins Auge: Das Gros war mit Künstlern liiert - Sophie Taeuber-Arp, Hannah Höch, Sonia Delaunay, Dora Maar und Katarzyna Kobro. Und allesamt wurden sie – mal mehr, mal weniger - von der Kritik in den Schatten des Partners gezerrt. Zeitlebens und posthum. Besonders hart traf es die surrealistische Fotografin Dora Maar. Seit sie Pablo Picasso zugetan war, schwieg die Kunstszene ihr bis dahin hochgelobtes Œuvre rundweg tot, reduzierte sie auf die Existenz der (qualvoll verlassenen) Liebhaberin. Klug kontrapunktiert Karoline Hille diese Gewichtung in ihrem lesenswerten Katalogbeitrag zu Maar: Sie präsentiert das Œuvre einer hochpolitischen Künstlerin, vergleicht es mit den Arbeiten der großartigen, politisch nicht minder aktiven Gender-Switcherin Claude Cahun. Picassos Namen lässt Hille wohlbedacht nur beiläufig am Ende fallen. Dass Claude Cahun, Florence Henri und Germaine Dulac dem Schicksal des permanenten Dezimiertwerdens entkamen, hatte übrigens einen frappant banalen Grund: Sie liebten Frauen. Meistens zumindest.
„Wir müssen sehen, viel sehen, alles sehen, was Frauen bisher in der Kunst gearbeitet haben“ lautete 1977 die kämpferische Parole des Bandes „Künstlerinnen international. 1877-1977“. Auch Meyer-Büsers 288 Seiten starker Katalog ist eher bild- als textlastig geraten: Knappe Künstlerinnen-Biographien und Essays erläutern Werdegang, Verflechtungen, Parallelen und Dissonanzen zwischen den acht Künstlerinnen. Im Mittelpunkt aber stehen stattliche 200 Farbabbildungen. Diese Gewichtung ist gelungen. Verhilft sie den Künstlerinnen doch zu einer größeren Bildpräsenz und den LeserInnen zu einem unvoreingenommenen Einblick in die ungeheure Experimentierfreude der Achterriege. Fast überflüssig scheint da der omnipräsente Hinweis der fünf Katalog-AutorInnen, es handele sich bei den acht Auserkorenen nicht um mediokre Mitläuferinnen, sondern um international anerkannte Pionierinnen.
DADA tanzen
Das Multitalent Sophie Taeuber-Arp ist mit den meisten Abbildungen vertreten, ihre exzeptionelle Vielseitigkeit daher am schlüssigsten nachzuvollziehen. Taeuber-Arp brachte nicht nur den Tanz in den Zürcher Dadaismus und füllte vom Kunstgewerbe-Lehrerinnen-Gehalt den knurrenden Magen ihres wirtschaftlich oft angeschlagenen Gatten Jean Arp. Sie brillierte obendrein als Malerin, Zeichnerin, Collagistin, Weberin, Stickerin, Bau-, Garten- und Marionettenkünstlerin. Angesichts des Entstehungszeitpunkts ihrer Kreise, Quadrate und Rasterstrukturen, die sie in Textilien einarbeitete bzw. auf Papier und Leinwand brachte, mögen manche sich die Augen reiben: Sie schuf sie 1915/16 - zwei Jahre bevor Theo van Doesburg und Piet Mondrian ihr vielbeschworenes „Manifest I“ (1918) der „De Stijl“-Gruppe niederschrieben. Taeuber-Arps und Jean Arps Innengestaltung des Straßburger Café „Aubette“ (1926/27) fehlt heute in kaum einer Konstruktivismus-Monographie. Was fehlt, ist allein ihr Name: Das Café wird meist einzig Theo van Doesburg zugeschrieben.
Weiße Mäuse züchtete die russisch-stämmige Katarzyna Kobro und war nebenher kaum minder schöpferisch. Sie ist die einzige in Deutschland weniger bekannte Künstlerin des Bandes. In Osteuropa indes gilt sie längst als ganz große Konstruktivistin: Ihre aus Industriematerialien gefügten, mitunter an hauchdünne Fäden gehängten Objekte revolutionierten die Kunstgeschichte. Sie zählen zu den frühesten Beispielen kinetischer Skulptur. Seit 1921 fertigte Kobro sie – zwei Jahre bevor das in unseren Breiten als Non plus Ultra der Moderne zelebrierte Bauhaus hochoffiziell „Kunst und Technik“ zur neuen Melange erklärte.
Begegnungen im Ostseesand
Laut Meyer-Büser war ein exzellent funktionierendes Netzwerk unabdingbar für den Erfolg aller acht Avantgardistinnen. Schließlich besaßen Frauen damals keine „gesellschaftlich-historisch geprägte Plattform in Gestalt von Akademien, Kunstvereinen und Künstlergruppen“, die sie automatisch hätte bekannt machen können. Der Katalog enttarnt manch selten genannte Verbindungslinie zwischen den Künstlerinnen. Fast alle kannten sich – sei es bloß namentlich oder, weil sie sich, wie Sophie Taeuber-Arp und Hannah Höch, eine Woche lang „im feinen Sand der Ostseeküste“ (Ralf Burmeister) rekelten.
„Dada hängt mir zum Hals raus“, raunzte Hannah Höch angeblich, als ihre Dada-Collagen in den 1970ern wiederentdeckt wurden. Im Grunde aber können ihre bzw. die Arbeiten ihrer Kolleginnen niemals langweilen. Viel zu geistreich, gender- und gesellschaftskritisch, kurzum einfach viel zu inspirierend sind sie. „Unter dieser Maske ist eine andere Maske. Ich werde niemals aufhören, alle diese Gesichter abzuziehen“, schrieb Claude Cahun 1930 in ihren autobiographischen „Nichtigen Bekenntnissen“. Meyer-Büser und Ackermann rehabilitieren seit vielen Jahren Künstlerinnen – und lüften daher nicht minder unermüdlich Masken. Hierfür und für diesen lesenswerten Katalog ist ihnen ausdrücklich zu danken.
# | Luise F. Pusch am 26.01.2012
Helke Sander: Der letzte Geschlechtsverkehr und andere Geschichten vom Altern. Kunstmann 2011.
Reifeprüfung
von Luise F. Pusch
Fast ein Vierteljahrhundert nach ihrem Bestseller „Geschichten der drei Damen K.“ erzählt Helke Sander uns in „Der letzte Geschlechtsverkehr“ weitere Schnurren über traurige bis schaurige Geschlechterverhältnisse. Die „Damen“ von damals sind älter geworden. Vielfältige Kränkungen müssen sie aushalten, ihr Wunsch nach Liebe und Nähe, möglichst inklusive Geschlechtsverkehr, wird permanent enttäuscht - aber GV pur spielt bei weitem nicht die Rolle, die der Titel erwarten lässt.
Wie Sanders alternde Frauen mit den Zumutungen des Patriarchats fertigzuwerden versuchen - das ist mindestens so komisch wie Valentin/Karlstadts oder Buster Keatons aussichtslose Kämpfe mit den Tücken des Objekts. Vor allem aber ist es herzzerreißend, denn Sanders Heldinnen kämpfen mit den Tücken des Liebesobjekts. Bei allem heiteren Darüberstehen - diese Geschichten nehmen uns mit. Ob Helga, Beate oder A.: Es geht um uns, jetzt oder etwas später.
Die Geschichten lassen sich grob einteilen in Burlesken einerseits und Tragikömodien andererseits. Oder, was auf dasselbe herauskommt, in sechs Geschichten ohne GV und drei mit GV.
Da ist z.B. die gewitzte 95jährige, die der Stadtverwaltung allerlei längst Überfälliges abtrotzt - in ihr erkennen Eingeweihte unschwer Sanders Mutter. Hoffen wir, dass die Autorin deren Beständigkeit geerbt hat und wir uns noch auf viel Gutes und Böses von ihr gefasst machen dürfen.
In der Geschichte über den Ur-Konflikt Alter gegen Jugend hat die Autorin ihre erfrischende Kritik an der heutigen Jugend klüglich auf zwei alte Knacker verteilt.
In „Leichenschmaus“ ist die Heldin, die von einer quälenden Leidenschaft zu einem verheirateten Mann besessen war, bereits tot. Einmal jährlich versammeln sich ihre Freundinnen, um der früh Dahingegangen liebevoll zu gedenken und über sie herzuziehen.
„Tantra in der Wohngemeinschaft“ ist eine knochentrockene Groteske, wie sie heute in Deutschland wohl nur Helke Sander abliefert.
In den Tragikomödien „mit GV“ wird zwar auch kein GV „vollzogen“, aber es geht um ihn, mehr oder weniger ausschließlich. Allerdings ist hier wie sonst „GV“ mehr ein Code-Wort für Zweisamkeit, denn „die Sehnsucht nach Liebe und Nähe und Gemeinsamkeit und Vertrauen wagt frau sich gar nicht mehr einzugestehen.“
Die Bibliothekarin Helga ist 43; „ihre früheren Geliebten sind ihr abhanden gekommen“. Sie sehnt sich nach Liebe und nach einem Mann, aber in ihrer Lebenswelt kommen keine Männer vor, denn die Bibliothek wird fast ausschließlich von Frauen frequentiert. Sie probiert es schließlich mit einer Anzeige - kann das gutgehen?
A. geht auf die 60 zu, kommt „meist gut mit dem Alleinsein zurecht“ und sinniert über „die vielen älteren, allein wohnenden, gut ausgebildeten Frauen und parallel dazu die mit ihnen gleich alten Männer mit neuen jüngeren Frauen“. Plötzlich packt sie wilde Lust auf einen Orthopäden. Er ist anscheinend auch nicht abgeneigt…
In der Titelgeschichte muss E. damit zurechtkommen, dass Sex ihr zunehmend gleichgültig wird, dass sich das aber in ihren Kreisen nicht schickt.
Bleibt noch festzustellen, dass dies alles sehr notwendige Geschichten sind, die ein Thema ausloten, das ungefähr so wichtig ist wie Gesundheit und damit wie das Leben selbst. Das Thema Sex im Alter war lange tabu, inzwischen wird es marktschreierisch breitgetreten. Helke Sander findet ihren ganz eigenen Weg durch dies Labyrinth. Es geht nicht nur um den letzten Geschlechtsverkehr, sondern überhaupt um letzte Dinge, und das vergnüglich, lakonisch, auf höchstem Niveau. Das soll der Autorin erstmal jemand nachmachen.
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(Diese Rezension erschien zuerst in der Literaturbeilage der NZZ am Sonntag am 30. Oktober 2011.)
Helke Sander: Der letzte Geschlechtsverkehr und andere Geschichten vom Altern. München. Verlag Antje Kunstmann 2011. Gebunden. 165 Seiten 16.90 EUR
# | Luise F. Pusch am 11.12.2011
Monika Jaeckel: (M)ein bewegtes Leben. Aufgeschr. v. Katrin Rohnstock & Rosita Müller. Helmer 2011.
Ein geschlossener Lebenskreis
Von Doris Hermanns
„Ich habe ein ganzes Leben gelebt und runde mit sechzig Jahren einen großen Lebenskreis ab. Das gibt mir Frieden. Ich denke nicht, etwas versäumt zu haben – im Grunde habe ich alles getan, was ich tun wollte: meine Träume verwirklicht, meine Projekte abgeschlossen und meine Missionen erfüllt. Es bleibt keine Gefühl der Sehnsucht nach einem nicht gelebten Leben.“
Monika Jaeckel wurde 1949 als jüngstes von fünf Kindern einer Missionarsfamilie in Japan geboren. Ihrem Vater blieb sie in dem Wunsch, die Welt zu verbessern, zeitlebens nah. Wichtig blieben ihr Erfahrungen aus dieser Zeit: das Gefühl von Gemeinschaft, ebenso wie die Erfahrung interkulturellen Lebens und der Mehrsprachigkeit. Reisen waren immer ein selbstverständlicher Teil ihres Lebens.
Ihr Kinderparadies Japan musste sie im Alter von elf Jahren verlassen, da ihre Eltern wieder zurück nach Deutschland gingen. Dort erlebte sie einen Kulturschock in den kleinkarierten 1960er Jahren. „Eine enge Welt, deren Regeln ich nicht kannte und nicht verstand, in der ich unentwegt aneckte.“ Aber sie fand einen Weg für sich; über ihre Leistungen konnte sie sich in dem fremden System behaupten, darüber errang sie Anerkennung und gewann die ersehnte Sicherheit. Sie sollte Außenseiterin bleiben, aber eine Exotin mit guten Karten, da sie Englisch sprach und bereits viel von der Welt gesehen hatte.
Schon früh suchte sie intellektuelle Herausforderungen und schloss sich bereits als Schülerin der Studentenbewegung an.
Nach dem Abitur ging sie zum Studium nach Tübingen. Sie hatte sich für Soziologie entschieden, da sie wissen wollte, wie Gesellschaft funktioniert und wie sie verändert werden kann.
Es folgen lebendig beschriebene Erzählungen aus ihrer Zeit in der Studentenbewegung, vom Frankfurter Häuserkampf, von ihrer Sponti-Zeit, ihrem Leben im Kollektiv bis sie sich der Frauenbewegung anschließt. Sie merkt, dass die feministische Analyse weiter führt als die marxistische, und entdeckt ihre Liebe zu Frauen. Immer wieder bleibt ihr Erleben nicht auf Deutschland beschränkt, häufig zieht es sie ins Ausland, wo sie andere Erfahrungen machen kann. Es entsteht ein spannendes Zeitbild der verschiedenen Bewegungen, die auch eigene persönliche Erinnerungen wach werden lassen.
Die Frauenbewegung sieht sie als DIE Bewegung der Stunde, sie sucht Kontakte zu Frauen, weil sie mit ihnen offen sein kann und nicht konkurrieren muss. Es ist nahe liegend, dass sie auch auf dem internationalen Frauencamp auf Femø war, bei dem neben internationalen Diskussionen viel Kreativität gelebt wurde. Hier erlebte sie eine neue, eine andere Art des Zusammenlebens und -arbeitens mit Frauen. Sie war beeindruckt von dieser Erfahrung: „Wir gingen bewusst wertschätzender miteinander um in dieser ersten Phase der Frauenbewegung. Erst später gab es alle möglichen Schwestern-Streite.
Wir setzten eine Gegenerfahrung zu Abwertung und Selbstabwertung der Frauen.“
Musik spielte eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Bereits an der ersten Schallplatte mit Frauenliedern „Von heute an gibt´s mein Programm“ hatte Monika Jaeckel mitgearbeitet. Als 1974 eine englische Frauenrockband für ein Frauenfest ausgefallen war, gründeten sich spontan die Flying Lesbians, deren Sängerin sie war. Es war die erste Frauenrockband und sie sollte in den nächsten Jahren mit ihrer Musik die Aufbruchstimmung der Frauenbewegung transportieren. Wie Monika Jaeckel schreibt: „ Jede Bewegung braucht ihre Lieder, ihre Rituale, ihren Kult. Das schafft Identifikation und stellt Gemeinsamkeiten her.“ Die von ihnen aufgenommene LP wurde Kult, und diejenigen, die diese Zeit aktiv miterlebt haben, kennen fast alle Texte heute noch auswendig!
„Du kannst viele Barrieren brechen, wenn du das Thema mit Selbstbewusstsein angehst, statt dich diskriminiert zu fühlen und Angst zu spüren wie ein Hund. Weil wir unser Coming-out innerhalb der Frauenbewegung hatten, konnten wir so selbstbewusst werden und zu einem anderen Leben in der Gesellschaft beitragen.“
Monika Jaeckels Einschätzung der Frauenbewegung war, dass sie ausschließlich gebildete, unabhängige, berufstätige und karriereorientierte Frauen repräsentierte und somit nicht für alle Frauen sprechen konnte. Ihr Kritikpunkt war vor allem, dass es der Bewegung nicht gelang, Mütter und Kinder mit einzubeziehen. Sie selber wollte jedoch genau dies: heterosexuelle, verheiratete Frauen und Mütter kennen lernen. Aus dieser Überlegung heraus entwickelte sie nach ihrem Berufseinstieg am Münchener Deutschen Jugendinstitut ein Konzept für Mütterzentren, damit Mütter öffentlichen Raum in Anspruch nehmen könnten. Das erste Mütterzentrum wurde 1980 in Salzgitter eröffnet. Bis heute gibt es über 400 Mütterzentren, die sie als Bilderbuchbeispiele aktivierender Forschung beschreibt. Aufgrund mangelnder Bündnispartnerinnen in der deutschen Frauenbewegung suchte und fand diese Bewegung Unterstützung in den internationalen Grassroots-Frauengruppen.
Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte Monika Jaeckel zusammen mit ihrer Lebenspartnerin Marieke van Geldermalsen in den Niederlanden, wo sie gerade einen gemeinsamen Betrieb aufgebaut hatten, als sie erfuhr, dass sie Krebs hatte.
Unterbrochen wird der Lesefluss nach jedem Kapitel von den in Englisch abgedruckten circular letters, mit denen Monika Jaeckel von 2008 bis 2009 während ihrer Krankheit ihr weltweites Netzwerk über ihre Situation auf dem Laufenden hielt. Diese Rundbriefe waren für sie eine Möglichkeit, in Kontakt zu bleiben und noch dazu zu gehören. Auch wenn es ergreifende Briefe sind, wären sie m.E. in einer deutschen Übersetzung zu Ende des Buches besser aufgehoben gewesen.
Monika Jaeckel starb am 6. November 2009 im Bewusstsein, ein abgerundetes Leben gelebt zu haben.
Abgerundet wird das Buch mit einem Nachwort ihrer Frau Marieke van Geldermalsen-Jaeckel, in dem sie darauf eingeht, wie Monikas Ideen und Initiativen weiterleben: „Monika hätte sich gefreut, dass ihr Samen auch ohne ihr eigenes Bemühen Wurzeln schlägt.“
Ein spannend zu lesendes Buch über ein beeindruckendes Leben: für diejenigen, die die Zeit selber miterlebt haben, eine gute Möglichkeit, diese Zeit zu reflektieren, für alle anderen ein interessantes Zeitbild über soziale Bewegungen, vor allem über die Anfangszeit der Frauenbewegung.
Die Website von Monika Jaeckel, auf der auch Musik von ihr zu finden ist: http://monikajaeckel.com
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# | Luise F. Pusch am 06.12.2011
Ruth Liepman: Vielleicht ist Glück nicht nur Zufall. Erzählte Erinnerungen. Edition fünf, 2011.
Ein Plädoyer für die Solidarität unter den Menschen
Von Doris Hermanns
Mit 83 Jahren entschloss sich die Grande Dame des Literaturbetriebs Ruth Liepman, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben, da es nicht mehr viele ZeitzeugInnen ihrer Generation gab, die beide Weltkriege miterlebt hatten. Aus zahlreichen Gesprächen mit Helge Machow ist das beeindruckende Buch entstanden, das jetzt als Neuauflage ihrer ursprünglich 1993 veröffentlichten Erinnerungen erschien.
1909 als Ruth Lilienstein geboren, wuchs sie als Tochter einer jüdischen Arztfamilie in Hamburg auf. Mit 19 Jahren schloss sie sich der Kommunistischen Partei an (über ihre Mitarbeit berichtet sie ausführlich) und begann Jura zu studieren. Aufgrund ihres politischen Engagements wollte sie eigentlich Jugendrichterin werden, aber nach der Machtübernahme der Nazis 1933 war sie eine der ersten, die Berufsverbot als Kommunistin erhielt. Als die Verhältnisse in Deutschland für sie unerträglich wurden, flüchtete sie 1934 in die Niederlande. Lange Zeit blieb sie davon überzeugt, dass es in Deutschland eine Revolution gegen Hitler geben würde. Daher war Amsterdam als Exilort nahe liegend für sie. Ausführlich und lebendig erzählt Liepman von ihrer Zeit in der Emigration, wie es ihr immer wieder durch glückliche Zufälle gelang, Menschen kennen zu lernen, die ihr weiterhalfen.
Dass sie inzwischen in Deutschland steckbrieflich wegen Hochverrats gesucht wurde, hielt sie davon ab, im Widerstand so aktiv zu werden, wie sie eigentlich wollte. Trotzdem machte sie immer wieder illegale Reisen nach Deutschland und führte Kurierdienste aus.
Nachdem Liepman in England bei einer Veranstaltung gesprochen hatte, wurde sie aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen, die ihr dies vorher verboten hatte. Der Ausschluss schmerzte sie, aber sie sollte noch bis zum Ende des Krieges in Kontakt mit KommunistInnen bleiben.
Bereits vor der Besetzung der Niederlande 1940, die unter EmigrantInnen große Panik auslöste, war Liepman eine Schutzheirat mit einem Schweizer eingegangen. Durch diese Heirat und ihre Stellung als Mitarbeiterin ihres Mannes, der Konsul und Anwalt in den Niederlanden war, konnte sie sich einige Zeit in Sicherheit wähnen. Detailliert zeigt sie auf, wie sie in dieser Situation dazu beitragen konnte, Menschen vor dem Tod zu retten.
Bei einem Urlaub in der Schweiz erfuhr sie von einem deutschen Offizier von der geplanten „Endlösung“. Zurück in den Niederlanden, wollte sie die Juden warnen, wurde aber nicht ernst genommen, sondern als hysterisch abgetan.
Nachdem einer der Mitarbeiter des Schweizer Konsulats sie bei der Fremdenpolizei gemeldet hatte, musste sie 1943 untertauchen. Den Rest des Krieges lebte sie als Haushaltshilfe bei einer Familie in Beverwijk, die für sie lebenslang ihre zweite Familie wurde.
Liepman macht deutlich, dass sie in ihrem Leben kaum je allein war, Zusammenleben und –arbeiten waren ihr immer selbstverständlich, sei es in ihrer Zeit im Widerstand oder in ihrer Agentur. Wie sie schreibt, war es das, was ihr die Lust am Leben erhielt.
Als sie im Winter 1945/46 wieder legal nach Deutschland zurück konnte, lernte sie den Schriftsteller Heinz Liepman kennen, der gerade aus dem amerikanischen Exil zurückkam. Mit ihm zusammen gründete sie die erste Literaturagentur der Nachkriegszeit in Deutschland. Diese zog 1961 nach Zürich, wo sie bis heute als angesehene Agentur weitergeführt wird.
Ergänzt wird ihre Lebensgeschichte durch persönliche Erinnerungen an AutorInnen, deren Arbeiten sie im Laufe der Jahre vermittelt hat, wie z.B. James Baldwin, Anna Mitgutsch und Mascha Kaléko. Der internationale Aspekt ihrer Arbeit war ihr immer wichtig, da sie davon ausging, dass es ein Schritt zum Frieden ist, wenn Völker sich besser kennenlernen – und Bücher hierbei eine wichtige Rolle spielen können.
Abgerundet wird der Band mit einer Rede, die Ruth Liepman vor der Akademie für Sprache und Dichtung 1977 in Darmstadt gehalten hat, in der sie die Tätigkeiten literarischer AgentInnen erläutert, sowie einem Nachwort zur Neuauflage von ihren beiden Mitarbeiterinnen Eva Koralnik und Ruth Weibel, die die Agentur nach ihrem Tod weiterführen. Es handelt von den Neuerungen in der Buchbranche seit Liepmans Tod 2001.
Ein sehr bewegendes Buch, das lange nachwirkt, nicht nur wegen dem, was Ruth Liepman in ihrem Leben erlebt hat, sondern auch und vor allem wegen ihrer positiven Lebenshaltung in widrigen Umständen.
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Ruth Liepman: Vielleicht ist Glück nicht nur Zufall. Erzählte Erinnerungen.
Band 9 der edition fünf im Verlag Silke Weniger, Gräfelfing 2011, 171 Seiten, Euro 18,90
# | Luise F. Pusch am 30.10.2011
Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick. Hatje Cantz 2011
Pikante Akte
VON ANNETTE BUSSMANN
Entrückte Promigesichter und alabasterhafte Frauenakte machten Trude Fleischmann zur meistgedruckten Wiener Atelierfotografin der 1920/30er Jahre. Dann kamen die Nazis und Fleischmann floh nach New York. Erst kürzlich ist der erste große Katalog erschienen - und thematisiert gern verschwiegene Seiten.
„Wen oder was sie nicht mochte“, notierte Fleischmann-Monograph Hans Schreiber 1995, habe sie „ohnehin nicht fotografiert“. Demnach war Trude Fleischmann (1895-1990) verdammt großherzig: Von der antiurbanen Milchkuhidylle bis zur schnieken Szene-Bar, von der Frauenrechtlerin Rosa Mayreder bis zum erzkonservativen Bundeskanzler Ignaz Seipel pickte sie ihre Motive aus einem Tohuwabohu ungleicher Gesinnungen. Allein die bei der Foto-„Bohème“ der Zwischenkriegszeit beliebten, armutsromantisch verklärten Obdachlosen fehlen - zumindest inzwischen. Denn Fleischmann, Katholikin mit jüdischen Wurzeln, zerstörte 1938, als sie vor den Nazis von Wien nach New York floh, beinahe ihr gesamtes Fotoarchiv. Was genau sie von der Ersten Republik Österreichs ablichtete, wird ein Geheimnis bleiben. Ebenso ihr Privatleben. Von ihrem Freund Peter Modley als „Mystery Lady“ tituliert, hielt sie Privates verschlossen - sogar über den Tod hinaus: Ihr Nachlass schlummert, fein säuberlich vor der Öffentlichkeit abgeschirmt, in den USA, wo sie, hochbetagt und gehörlos 1990 starb.
Trude Fleischmann mit ihrer Kamera im Atelier, Wien 1929 (Annie Schulz © Courtesy Fritsch Antiquariat Wien)
Skandal in der Vitrine

Seit rund 20 Jahren rühmt die Fachwelt Fleischmanns Werke als „visual landmarks“ (Marion Krammer) der Fotogeschichte. Doch erst jetzt, seit der ersten großen Retrospektive im Wiener Wien Museum (27.01. bis 29.05.2011), steht ein umfassender Katalog in den Regalen der Buchhandlungen. Herausgegeben von den Wiener Ausstellungs-KuratorInnen Anton Holzer und Frauke Kreutler, leuchtet er uns in frauenbewegtem Lila den Untertitel „Der selbstbewusste Blick“ entgegen. Und argwöhnisch fragt frau sich, warum. Wirkt doch die ins Cover gezwängte Tänzerin Claire Bauroff reichlich unentspannt - nackt wie sie ist, marmorhaft geölt, mit hochgekrampften Schultern und retuschiert-schlafzimmerigem Stummfilmdiven-Blick. Frauke Kreutlers Kapitel „Skandal in Berlin“ klärt auf. Das Bild gehört zu einer Aktserie, die, als unsittlich verschrien, Fotografin und Tänzerin schlagartig bekannt machte: 1925 landeten die Aufnahmen in der Vorschauvitrine des Berliner Admiralspalastes. Doch die Polizei konfiszierte sie flugs. „Stein des Anstoßes“, ergänzt Kreutler, war nicht der Tatbestand der Aktfotografie. Diese geisterte seit Geburt des Fotoapparats durch die Hinterzimmer. Prekär war vielmehr, dass „die ‚pikanten‘ Stellen“, wie Kreutler sie nennt, entgegen damaliger Gepflogenheit nicht mit Papier überklebt wurden. Unerhört schien zudem, dass sich eine Fotografin und eine Tanzkünstlerin von Rang selbstbewusst erdreisteten, einen unverhüllten Körper zum Kunstwerk zu erklären. Die Doppelmoral jener Zeit billigte Nacktheit bestenfalls anonymen Varieté-Girls zu. Die allerdings hüpften in frappant großer Zahl über die Bühnen. Bauroff und Fleischmann wollten keinem Voyeurismus dienen. Ihr Ja zum freien Körper wurzelte in der Lebensreformbewegung. Und die war, wie Kreutler absolut zutreffend betont, nicht minder doppelmoralisch: Einerseits wetterte sie gegen die Korsettprüderie des 19. Jahrhunderts, andererseits gegen die Auswüchse einer „schamlosen, weil erotisch konnotierten Nacktheit“, schreibt Kreutler .
Promikult und Bergrausch
Fleischmanns Leben birgt Stoff für ein Heldinnen-Epos: Sie zählte zu den ersten Fotografinnen, die 1920 im Zentrum Wiens ein eigenes Atelier eröffneten und sich offiziell zum Akt bekannten. Rasch gehörte sie zu den meistzitierten PortraitstInnen einer entrückt blickenden Wiener Kunst- und Theaterwelt.
Und nachdem die Deutschen 1938 Österreich okkupierten, glückte ihr ein ungewöhnlich schneller Neubeginn in New York. Gottlob verkneifen sich die Katalog-AutorInnen dennoch eine Hagiographie: Bewusst thematisiert Anton Holzer ihre theatralischen, unrühmlichst dem „Heimatstil“ verwandten Bergszenen. Seit 1929/30 schuf sie sie. Holzer ärgert, dass sie „gerne unter den Tisch gekehrt“ würden, wenn Fleischmann als „Repräsentantin der Moderne“ herhalten solle. Ihren Nebenjob im Sektor Heimatschwulst - parallel hielt sie an Progressivem fest - wertet er als Anpassung an das zusehends reaktionärer geratende Österreich. Es habe nach antiurbanem Pathos gelechzt. Bemerkenswert, dass die vorgestrigen Auftraggeber/innen dabei - wenngleich nur anfangs - offenkundig auch FotografInnen ehemals jüdischen Glaubens berücksichtigten.
Mondsüchtige mit Widersinn
Der Katalog leistet einen überfälligen Beitrag zur Geschichte der Wiener Zwischenkriegsfotografie. Nur mitunter will frau leise kontern: Vertraten die Fotografinnen jener Tage tatsächlich einen „meist innovativen Stil“, wie Astrid Mahler schreibt? Eine wissenschaftlich profunde Untersuchung, die das bestätigt, existiert bislang nicht. Leider. Huldigt diese Sicht nicht exakt dem Innovationsdogma, das Herausgeber Anton Holzer zu bekämpfen versucht? Wirkt zudem, wie Holzer glaubt, eine Bergszene in einer Zeitschrift wirklich weniger patriotisch, bloß weil der Falz des Heftes sie mittig schneidet? Geht Holzer am Ende - trotz gegenläufiger Ankündigung - mit Fleischmanns heiklem Heimat-Chichi nicht ähnlich wohlwollend ins Gericht wie seine VorgängerInnen? Ein wenig unglücklich geraten ist obendrein eine winzige Formulierung im Vorwort. Hier schreibt der Direktor des Wiener Wien Museums Wolfgang Kos, Fleischmann sei „als Jüdin 1938 aus Wien vertrieben“ worden. Wäre es hier nicht feinfühliger gewesen, mit Fleischmanns religiöser Vergangenheit ähnlich differenziert umzugehen, wie Marion Krammer es im selben Band leistet: Sie schreibt, Fleischmann habe 1923 dem Judentum den Rücken gekehrt und sei zu unbekanntem Zeitpunkt zum Katholizismus konvertiert.
Fleischmann hätte für einen Flug zum Mond ihr Leben gegeben, steht im Katalog. Zum Glück verließ sie die Erde erst mit 94 Jahren. Zurück blieb ein wunderbar widersprüchliches Werk, über das sich jetzt - dank Katalog - trefflich streiten lässt.
Holzer, Anton / Kreutler, Frauke (Hgn.):
Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick.
Hatje Cantz 2011
deutsch/englisch, 200 Seiten, 139 Abbildungen
39,80 Euro
# | Luise F. Pusch am 16.08.2011









