Jutta Schwerin: Ricardas Tochter – Leben zwischen Deutschland und Israel

Leipzig: Spector Books in Kooperation mit der Stiftung Bauhaus Dessau, 2012.
319 Seiten, gebundene Leinenausgabe mit 65 Schwarz-Weiß-Fotografien
ISBN: 978-3-940064-332,19,90 Euro


Rezension von Luise F. Pusch

FrauenbildJutta Schwerins spannende und bewegende Doppelbiographie über sich selbst und ihre Mutter, Ricarda Schwerin, beginnt in Jerusalem Ende Februar 1941. Die Bevölkerung verharrt in Schreckstarre, Mussolini hat Tel Aviv und Haifa bombardiert, Rommel scheint kurz davor, mit seinen Truppen bis nach Palästina vorzudringen. Und Ricarda Schwerin liegt in den Wehen. Heinz Schwerin, der junge Vater, steht seiner Frau durch alle Stadien bei. Als alles glücklich überstanden ist, „konnte Ricarda das Neugeborene nur wenige Sekunden in ihren Armen halten, so schwach war sie. Die Hebamme überreichte es Heinz.“

Die Geburt war auch deswegen so anstrengend für Ricarda gewesen, weil sie „die Meinung vertrat, dass Schreien sich beim Kinderkriegen nicht schickte, jedenfalls nicht für gebildete Frauen.“

Mit wenigen Worten umreißt Jutta Schwerin die Problematik dieser Mutter-Tochter-Beziehung: Die Mutter muss übermenschliche Prüfungen durchstehen, sie bewahrt dabei Haltung, ist unglaublich tapfer, fast übertrieben heroisch. Das erschöpft sie dermaßen, dass sie ihre Tochter nicht im Arm halten kann. Aber da ist der Vater, warmherzig und spontan, er übernimmt Mutterstelle an dem Kind.

Und dann ereignet sich die Tragödie ihres Lebens, Ricardas wie Juttas: Heinz Schwerin stirbt kurz vor Juttas siebtem Geburtstag.

Jutta Schwerins Eltern lernten sich gegen Ende der Weimarer Republik am Bauhaus in Dessau kennen. Heinz war Jude, und so mussten die beiden jungen KommunistInnen bald nach Hitlers Machtergreifung aus Deutschland fliehen und landeten schließlich 1935 in Palästina. Sie waren nicht zionistisch, sondern streng modern, kommunistisch und atheistisch. Nach Palästina kamen sie, weil es sonst keine Möglichkeiten für sie gab. Aber sie sind jung und lieben einander innig; sie finden sich in die neue Lage und betreiben bald mitten in Jerusalem eine kleine Holzwerkstatt und stellen edles Kinderspielzeug her, strikt nach Bauhausprinzipien. 1944 übersiedeln auch Heinz’ alte Eltern aus ihrem Exil in Lissabon nach Palästina.

1945 wird Juttas Bruder geboren, und Anfang 1948 stirbt der Vater. Er wollte an einem dünnen Wasserrohr auf ein Dach klettern, wo ihn seine Kameraden von der Hagana für einen gemeinsamen Einsatz erwarteten, aber er verlor den Halt und stürzte seiner kleinen Tochter vor die Füße. Wenige Tage später erlag er im Krankenhaus seinen Verletzungen. Es ist unklar, ob Heinz Schwerin einfach leichtsinnig war - oder ob der Unfall das Resultat einer bereits vorliegenden Hirnerkrankung war.

Heinz’ Tochter lebt noch weitere 13 Jahre in Israel, dann geht sie - mit 20 Jahren - nach Europa, zuerst als Kinderbetreuerin in ein jüdisches Kinderheim in der Schweiz, dann zum Studium nach Stuttgart. Sie studiert bei einem alten Bauhausfreund ihrer Eltern; der Name wird jedoch nie verraten. Solche Aussparungen haben mit Kritik zu tun: Der Professor, der inzwischen längst gestorben sein dürfte, wird heftig kritisiert. Dafür erfahren wir dann seinen Namen nicht.

Und der jüngere Bruder? Von ihm erfahren wir auch so gut wie nichts. Es ist der bekannte israelische Historiker Tom Segev, was sich leicht ergoogeln lässt. Warum glänzt er in den Memoiren seiner Schwester durch Abwesenheit? Niemals wird er auch nur beim Namen genannt; er ist „der Kleine“, „der Bruder“ oder „mein Bruder“. Vater und Mutter werden dafür nur beim Vornamen genannt, sie sind für die Tochter von Anfang an „Ricarda“ und „Heinz“.

Ricarda ist eine hochbegabte, intelligente und eigenwillige Frau. Das Buch heißt nicht umsonst „Ricardas Tochter“. Es hätte ja auch ebenso gut „Heinz’ Tochter“ heißen können. Aber es ist Ricarda, an der Ricardas Tochter sich abarbeitet; die beiden waren aufeinander angewiesen, besonders die Tochter auf die Mutter - aber die Beziehung war schwierig, oftmals zerstritten sie sich. Sie verstanden einander nicht gut. Die Vermutung liegt nahe, dass die Entfremdung mit dem Bruder zu tun hat. Und dass das Buch auch ein Versuch ist, die eindrucksvolle, starke, aber spröde Ricarda zu verstehen und ihr gerecht zu werden: „Immer lief ich Ricarda hinterher, immer war ich auf der Flucht vor ihr. Meine Beziehung zu ihr war ein Geflecht aus Bewunderung, Sehnsucht und Angst. Wenn ich von zu Hause weg war, hatte ich Heimweh nach Ricarda. Auch viel später, als ich schon erwachsen war. Wenn ich in ihre Nähe kam, fürchtete ich mich vor ihren Vorwürfen und Ansprüchen oder ich hatte Angst, sie könnte herausfinden, dass ich wieder Geheimnisse hatte.“ (S. 165) 

Da liegt also noch viel Stoff verborgen für eine Fortsetzung der Schwerinschen Familiengeschichte mit neuen Akzenten, auf die ich gespannt bin.

Was aber bisher vorliegt, ist aufregend genug. Jutta Schwerin schildert, höchst anschaulich und detailreich, ein Kapitel der deutsch-jüdisch-israelischen Geschichte, das den meisten nichtjüdischen Deutschen unbekannt sein dürfte: Das harte Leben der deutsch-jüdischen EmigrantInnen, der Jeckes, in der Zeit von 1930 bis 1960 - vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg in Palästina und dann dem neugegründeten Israel.

Jutta verliebt sich in den über vierzig Jahre älteren deutschjüdischen Architekten Heinz Rau und verlässt ihre Heimat Israel nach einer Abtreibung, die Ricarda organisiert hatte. Da er Heinz heißt wie Juttas Vater, wird er in dem Buch durchgehend als Rau bezeichnet. Eine Schlüsselszene ist die, als Jutta ihrer Mutter „alles gesteht“: „Ricarda reagierte fassungslos, sie war so wütend, dass ich in völlige Passivität verfiel. Kein Wort konnte ich zu meiner Verteidigung hervorbringen. Blass und elend lag ich auf meinem Bett und hörte mir die Vorwürfe meiner Mutter an und die entsetzlichen Beschimpfungen gegen Rau. Mein Kopf war ganz leer. Nicht die Spur einer Rebellion, kein eigener klarer Gedanke … Am Morgen danach suchte Ricarda Rau in seinem Büro auf, bedrohte ihn mit einem stadtweiten Skandal und verbot ihm jeglichen Kontakt zu ihrer Tochter. Zu mir sagte sie: ‚Ich habe noch meine Pistole, wenn das nicht sofort aufhört, schieße ich ihn tot und danach mich selbst!‘ Sie könnte es auch sofort tun, fügte sie hinzu, allein der jüngere Bruder würde sie jetzt noch am Leben halten.“

Jutta trifft den Geliebten aber weiter heimlich: „Vor Angst und Scham für meine Lügen verschloss ich mich meiner Mutter gegenüber mehr und mehr.“ Auch als sie längst in Deutschland ist, geht die Beziehung weiter, und Jutta muss ein zweites Mal abtreiben. Ihr Geliebter stirbt 1965 an Krebs. Jutta wendet sich einem politisch gleich gesinnten deutschen Kommilitonen zu, Ulrich Oesterle aus Ulm. Sie heiratet ihn, sie bekommen einen Sohn, Peter, und adoptieren eine Tochter, Claudia.

Die Familienarbeit füllt Jutta Schwerin nicht aus; sie geht in die Politik. Erst macht sie Kommunalpolitik für die SPD, dann geht sie als Abgeordnete der Grünen in den Bundestag. Ihre Fachgebiete sind Wohnungs- und Gleichstellungspolitik, Schwerpunkt Lesben und Schwule. Von ihrem Mann hat sie sich gütlich getrennt, als sie sich in Franziska verliebte. Sie wird bekannt als „erste offen lesbische Abgeordnete im Deutschen Bundestag“. Von Franziska ist sie inzwischen getrennt und lebt jetzt schon über zwanzig Jahre lang mit ihrer Partnerin Ingrid zusammen, mit der sie auch in New York war, das zu ihrer Lieblingsstadt wurde: „Es ist das Jüdische hier. … Am Samstag sehen die Straßen anders aus als an den übrigen Tagen, weil viele jüdische Läden geschlossen sind. Hier bekommen auch nichtjüdische Menschen es mit, wenn ein jüdischer Feiertag ist, schon weil das Empire State Building dann blauweiß leuchtet.“

Jutta Schwerins Buch läßt sich aus vielen Blickwinkeln lesen. Der Verlag brachte es in Kooperation mit der Stiftung Bauhaus in Dessau heraus - da interessierte wohl vor allem die unglaubliche Geschichte des Bauhaus-Untergangs 1933 aus der Sicht zweier Studierender und ZeitzeugInnen, die dann die Bauhaus-Ideen in Palästina weiterlebten. Die schöne Gestaltung und überaus großzügige Bebilderung des Buches unterstreicht diesen Design-Aspekt. Sehr spannend und bisher wenig beschrieben ist die Geschichte Palästinas und des jungen Israel aus der Sicht der Tochter deutscher EmigrantInnen. Dann lässt sich das Buch lesen als Zeitzeugnis der deutschen Protestbewegungen seit 1968: StudentInnenprotest, Frauenbewegung, Grüne, Friedensbewegung, Lesbenbewegung. An allen war Jutta Schwerin beteiligt, oft führend.

Ein sehr reiches, geschichts- und welthaltiges Buch also. Ins eigentliche Zentrum aber führt der Titel, den Jutta Schwerin gewählt hat: „Ricardas Tochter“. Für mich ist dies vor allem die Geschichte einer widerständigen Tochter, die ihren Mut und ihre ungewöhnliche Stärke nicht nur einer schweren Jugend in Kriegszeiten und dem Überleben schwerer Schicksalsschläge verdankt, sondern auch ihrer Mutter. An Ricarda, die eine noch viel schlimmere und meist lieblose Kindheit durchmachte (von Jutta in allen Einzelheiten erzählt) und sich schließlich als „die Deutsche“ in Israel wiederfand, die den Absprung in die USA nicht schaffte, weil sie sich um ihre alten Schwiegereltern kümmern wollte, an dieser Heldin musste Jutta sich messen, um ihre Liebe und ihr Verständnis hat sie geworben, oft vergeblich, wie es scheint.

Nun hat Ricardas Tochter den Konflikt gelöst oder zumindest ein Stück weit verarbeitet, indem sie ihr Leben aufzeichnete und damit ihrer Mutter ein Denkmal setzte. Denn die Mutter war nicht nur schwierig, fordernd und abweisend, sie war auch liebevoll und fürsorglich.

Also eine ganz gewöhnliche Geschichte eines ganz gewöhnlichen Mutter-Tochter-Konflikts? Ja, auch - aber wie das beschrieben wird, lässt es die Leserin nicht los. Micha Brumlik spricht in seiner taz-Kolumne von Jutta Schwerins “nüchternem, beinahe bauhausartig gehaltenem Stil”. Die Bauhaus-Ästhetik kann auch zu sehr sterilen Ergebnissen führen, aber dieser Text vibriert. Aus den kargen Bauhaus-Prinzipien Nüchternheit, Klarheit, Sachlichkeit, Funktionalität entsteht eine eigene Schönheit, wenn - wie in diesem Buch - die wichtigsten Zutaten nicht fehlen: Leidenschaft und Liebe.

 

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# | Luise F. Pusch am 10.12.2012

Eva Rieger: Friedelind Wagner: Die rebellische Enkelin Richard Wagners.

München: Piper 2012. 502 Seiten. 24,99 EUR.

Rezension von Luise F. Pusch

FrauenbildDie Bayreuther Festspiele sind eine einzigartige Kulturinstitution und erfreuen sich seit fast 150 Jahren weltweiter Beliebtheit. Sogar die deutsche Kanzlerin ist eine begeisterte Wagnerianerin und besucht jedes Jahr mit ihrem Mann die Festspiele.

Friedelind Wagner (1918-1991), deren Biografie nun erstmals vorliegt, war die älteste Tochter von Winifred und Siegfried Wagner, Richards einzigem Sohn und „Thronerben“. Friedelinds Brüder Wieland und Wolfgang prägten nach dem zweiten Weltkrieg die aus dem Nazisumpf wiedererstandenen Festspiele. Wie die beiden ihre hochbegabte, eigenwillige, einsatzbereite und als Erbin gleichberechtigte Schwester Friedelind dabei ausbooteten und mit Hilfe Winifreds und der braunen, finanzstarken „Gesellschaft der Freunde Bayreuths“ austricksten, das ist einer der spannendsten Erzählstränge des Buchs.

Friedelind war zu Zeiten der Nazidiktatur die Einzige des Wagner-Clans, die Hitler, den Wagner-Fan, Freund Winifreds und Förderer der Festspiele, noch rechtzeitig durchschaute. Sie ging ins Exil und nutzte dort ihren berühmten Namen (ähnlich wie Thomas, Klaus und Erika Mann), um Widerstand gegen Hitlerdeutschland zu leisten. Nach dem Krieg war sie somit die Einzige, die politisch unbelastet war und schien deshalb prädestiniert, die Leitung der kompromittierten Festspiele zu übernehmen. Ihre beiden Brüder aber waren entschlossen, endlich Schluss zu machen mit der Bayreuther „Weiberherrschaft“: Nach Richards Tod hatte seine Witwe Cosima die Festspiele jahrzehntelang geleitet, und nach Siegfrieds Tod stand seine Witwe Winifred 15 Jahre an der Spitze des Familienunternehmens. Cosima wie auch Winifred fanden pikanterweise jedoch eine männliche Leitung der Festspiele angemessener und bedienten sich ethisch mehr als fragwürdiger Methoden, um ihren Töchtern und deren Nachkommen ihr Recht vorzuenthalten.

Eva Rieger, ausgewiesene Wagnerkennerin und Pionierin der Musik-und-Gender-Forschung, hat eine ausführliche und die meisten Quellen erstmals erschließende Biografie der rebellischen Wagner-Enkelin vorgelegt, die sich spannend, ja geradezu süffig liest und Friedelinds unfriedliches, immer leidenschaftlich für Kunst, KünstlerInnen und Wagners Musik engagiertes Leben empathisch vor uns ausbreitet. Rieger ergreift Partei für die in Deutschland (ähnlich wie Marlene Dietrich) als Verräterin Geschmähte, sieht aber die im Ausland Bewunderte und Gefeierte auch durchaus kritisch. Friedelind Wagner ist eine angenehm ausgewogen urteilende Biografie von profunder Sachkenntnis, die die aufregende, oft auch enervierende Geschichte der „deutschen Royals“ rechtzeitig vor Beginn des Wagner-Rummels zu Richards 200. Geburtstag im kommenden Jahr um die bisher vernachlässigte Perspektive der Außenseiterin, des „enfant terrible“ Friedelind ergänzt.

Die biografischen Fakten werden auf 450 Seiten breit aufgefächert und auf 50 Seiten akribisch belegt. Müssen wir aber etwa unbedingt wissen, dass sie mal neben Peter Ustinov saß und Elisabeth Bergner nach Hause fuhr? (S. 399). Dass Friedelind aufgrund ihres Namens und ihrer Ausstrahlung mit zahllosen bekannten Künstlerinnen und Künstlern und anderen VIPs bekannt und überhaupt erstklassig vernetzt und eine Netzwerkerin erster Güte war, wissen wir da schon. Die Freude am Detail und am „Name-Dropping“ scheint bisweilen übertrieben. Diese Ausführlichkeit macht das Buch für die Wagnerforschung allerdings umso wertvoller. Sie wird um Friedelind Wagner und ihren Beitrag nicht mehr herumkommen, dafür hat Eva Rieger gesorgt.

Das Buch enthält viele erstmals veröffentlichte, aussagekräftige Fotos. Ein Stammbaum der weit verzweigten Familie fehlt leider, soll aber in der nächsten Auflage nachgeliefert werden.

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# | Luise F. Pusch am 21.10.2012

Rolf Löchel: Utopias Geschlechter. Gender in deutschsprachiger Science Fiction von Frauen. 2012.

Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach im Taunus 2012.
345 Seiten, 34,95 €.
ISBN 978-3-89741-336-8

Rezension von Luise F. Pusch

FrauenbildRolf Löchel ist vermutlich unter den KennerInnen feministischer Literatur der beste. Für das online-Magazin literaturkritik.de hat er seit 1999 sagenhafte 952 Rezensionen geschrieben, das sind sechs pro Monat über einen Zeitraum von 13 Jahren. Ich versuche, keine dieser Rezensionen zu verpassen, und so sind Rolf Löchels Rezensionen oft die einzigen, zu denen ich komme. Als Arbeitsschwerpunkte gibt er bei literaturkritik.de folgendes an: Geschlecht in Literatur, Film und Philosophie; feministische Literaturwissenschaft; dekonstruktiver Feminismus und Gender Studies; feministische Science Fiction; Geschichte der Frauenbewegung.

Löchel will mit seinem Buch eine Forschungslücke zwar nicht „schließen, denn dies wäre ein allzu prätentiöses Unterfangen, aber […] doch […] minimieren“: „angesichts dieser Vielfalt von in der SF-Literatur von Frauen verwirklichten Sexualitäts- und Geschlechterphantasien erstaunt es wenig, dass sich die Gender Studies ihrer zunehmend angenommen haben. Eine ganz bestimmte Forschungslücke besteht aber nach wie vor. Denn einschlägige Literatur von Frauen deutscher Zunge gerät dabei bislang nur ausnahmsweise in den Blick. So ist sie zwar ein inzwischen weites, aber noch immer unausgeleuchtetes Feld.“  [11]
Löchel geht chronologisch vor, wobei er den Untersuchungszeitraum feministisch periodisiert. Auf die Zeit vor der Ersten Frauenbewegung (bis 1888) folgt die Zeit der Ersten Frauenbewegung (1889 bis 1918), danach der bei weitem längste Abschnitt „Zwischen den Frauenbewegungen (1919-1967)“, dann die Zweite Frauenbewegung (1968-1985) und schließlich „nach der Zweiten Frauenbewegung (1986-2010)“. Für Löchel hört die Zweite Frauenbewegung also auf genau zu dem Zeitpunkt, da ihre Institutionalisierung und Akademisierung in Deutschland einsetzt (erste Stellen für Frauenbeauftrage, Einrichtung der ersten Häuser für geschlagene Frauen, erste Professuren für feministische Forschung). Mir scheint diese Einteilung nicht immer einleuchtend.

Über das weitere Vorgehen informiert Löchel am besten selbst:

Innerhalb der chronologisch orientierten Ordnung werden die Werke der Autorinnen nicht jeweils separat untersucht, sondern gemeinsam unter je bestimmten Aspekten beleuchtet. Dabei werden insbesondere in den die Zeiten während und unmittelbar nach den beiden Wellen der Frauenbewegung behandelten [sic] Abschnitten auch die Bezüge der untersuchten Werke zu diesen Bewegungen in den Blick genommen. Zunächst aber werden die Autorinnen und ihr jeweiliges Oeuvre in meist nur wenigen Zeilen vorgestellt. Diesen Angaben schließt sich ein inhaltlicher Abriss ihrer hier näher behandelten Werke an. Sodann beginnt die eigentliche Untersuchung der Geschlechterkonstruktionen mit den durch die Werke transportierten allgemeinen Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen und einer erörternden Darstellung der die einzelnen Figuren (namentlich die Protagonistinnen) charakterisierenden Geschlechterkonstruktionen sowie der geschlechtlichen Tönung ihrer Beziehungen zueinander.  [15] (m.H.)

Es empfiehlt sich, dieses Programm während der Lektüre ausgedruckt vor sich liegen zu haben, sonst verliert frau in der „eigentlichen Untersuchung“ leicht den Überblick, zumal die meisten der erörterten Werke den meisten LeserInnen unbekannt sein werden. Mich jedenfalls hat die Informationsdichte oft angestrengt und zu häufigem Vor- und Zurückblättern gezwungen.

Natürlich ist hohe Informationsdichte eine Eigenschaft wissenschaftlicher Texte. Lockere Lesbarkeit erhoffen wir uns, meist wird diese Hoffnung allerdings enttäuscht. So auch bei Löchel. Er breitet seine spannenden Fakten vor uns aus und belegt seine Erkenntnisse in großer Ausführlichkeit. Für ein Seminar über „Gender und SF“ wird seine Untersuchung zweifellos Standardlektüre sein; für eine wir mich, die an dem Thema mehr allgemein interessiert ist, würden die Einleitung, Höhepunkte der „eigentlichen Untersuchung“ sowie das Schlusskapitel ausreichen.

Auch stilistisch hält Löchel sich an die Tradition speziell deutscher Wissenschaftsprosa: Die Informationsdichte wird noch gesteigert durch seine Vorliebe für eingebettete Relativsätze, wie ich sie im obigen Zitat kursiv markiert habe. Die Unpersönlichkeit der Passivkonstruktion gilt als „wissenschaftlich“ - für mich macht sie die Texte unpersönlicher und damit weniger ansprechend. Ich fühle mich nicht eingeladen, sondern ausgeladen. Nicht selten wird der spröde Wissenschaftston jedoch belebt durch Ironie und Sarkasmus - die ja bei dem Thema wahrhaftig auch angebracht sind.

Dennoch bewirkt die bisweilen mühevolle Lektüre etwas Wichtiges - weshalb auch die nur allgemein Interessierte davon durchaus profitieren kann. Löchel klopft jeden seiner Texte unerbittlich auf Geschlechterklischees, Biologismen, Essentialismen ab, und er wird (fast) überall fündig - was denn doch bei dem Genre SF von Frauen überrascht. Wir hätten von unseren Schwestern mehr Originalität erwartet und erhofft. Was uns Löchel aber wieder und wieder, Buch für Buch und manchmal Satz für Satz, vor Augen führt ist, dass es aus dem Käfig der Geschlechterklischees, in den wir nun mal alle hineingeboren werden, anscheinend nur schwer ein Entrinnen gibt, denn diese Klischees sind normalerweise wenig bewusst - ähnlich der grammatischen Struktur unserer Muttersprache. Nur einem wie Löchel, der sich berufsmäßig und Tag für Tag mit dem Thema beschäftigt, bleibt nichts verborgen, und indem er uns alle Fundstücke vorführt, entwickeln auch wir allmählich ein immer empfindlicheres Sensorium. Ich würde sogar so weit gehen, dass ein männlicher Feminist mit der Wissensausstattung Löchels hier eine noch reichere Ausbeute vorlegen kann als eine Feministin. Um es politisch unkorrekt mit einem satten Geschlechterklischee auszudrücken: Als Mann reagiert er auf klischeehafte Männerfiguren wahrscheinlich empfindlicher als ich. Nach vielfältigen schmerzhaften Zusammenstößen mit dem „real existierenden Patriarchat“ neige ich doch öfter dazu, die Untaten, die Männer gegen uns verüben, für „Hormonstörungen“ oder sonstwie biologisch bedingt zu halten. Anders ausgedrückt: Wo ich die Hoffnung fast aufgegeben habe, sieht er als Mann „naturgemäß“ noch Spielraum für Hoffnung. Wo ich den untersuchten Autorinnen zustimme mit: „Ja, genau so isses!“ ruft er aus: „Hab ich dich, Geschlechterklischee!“

Im Kapitel 4.2 werden die BRD und die DDR bis zum Beginn der Zweiten Frauenbewegung 1968 behandelt. Löchel ortet für diesen Zeitraum ganze zwei Kurzgeschichten (von Keun und Büttner) sowie zwei Romane der Österreicherin Friedlinde Cap. Marlen Haushofers Roman „Die Wand“, der 1963 im Sigbert Mohn Verlag in Gütersloh erschien, hat er in seine Sammlung nicht aufgenommen, weil er seiner Meinung nach nicht der Gattung SF zuzurechnen ist (briefl. Mitteilung). Das ist schade, besonders angesichts der von Löchel doch so bedauerten „denkbar dürftigen Quellenlage“. Das m.E. literarisch wie feministisch wohl bedeutendste Exemplar der Gattung hätte die „dürftige Quellenlage“ vielleicht zur fruchtbarsten, mindestens zur interessantesten gemacht. Am 11. Oktober kommt “Die Wand” mit Martina Gedeck in die Kinos. Schade auch, dass der aktuelle Bezug verpasst wurde.

Interessant sind die „Ausgrabungen“, die Löchel uns präsentiert - Autorinnen, von denen wir (oft zu Recht) noch nie etwas gehört haben und vergessene Werke von bekannteren Autorinnen, wie Suttners „Maschinenzeitalter“ und „Der Menschheit Hochgedanken“, Keuns „Nur noch Frauen…“ oder Seghers’ „Sagen von Unirdischen“ (1972). Insgesamt analysiert Löchel 36 Werke, darunter auch so bekannte und oft untersuchte wie Harbous „Metropolis“ und Wolfs „Selbstversuch“. In der Nazizeit kam die weibliche SF-Produktion komplett zum Erliegen, die männliche hingegen keineswegs. Was sagt uns das? Dass Frauenbewegung und weibliche SF-Produktion miteinander zu tun haben, wenn nicht gar voneinander abhängen. Bekanntlich erstarb die Frauenbewegung in der Nazizeit ebenfalls sang- und klanglos.

Seine wichtigsten Forschungsergebnisse fasst Löchel am Ende des Buchs zusammen unter der Überschrift „Unterwegs zum Sex“. Das Kapitel enthält folgende Unterabschnitte:

Frauenbewegungen und weibliche Science Fiction: Sie hängen zusammen, weibliche SF behandelt die jeweils wichtigsten Themen der jeweils zeitgenössischen Frauenbewegung.

Die Befreiung aus dem Ehejoch: Auch hier spiegelt die weibliche SF weitgehend die Auffassungen ihrer Zeit. War während der Ersten FB nur ehelicher Geschlechtsverkehr legitim, so hat sich das in der Folgezeit gründlich geändert.

Der Verkehr der Geschlechter: Er wird im Laufe der Zeit immer expliziter thematisiert, nicht selten auch negativ dargestellt. Erstaunlich selten kommt Homosexualität vor.

Techniken der Reproduktion: „In den 1920er Jahren war man im Prinzip noch immer nicht über die Vorstellungen von Goethe und E.T.A. Hoffmann hinausgekommen, die einen Homunculus in einer Phiole aufzogen bzw. einen Mann einen ’weiblichen’ Automaten bauen ließen.“ Dies änderte sich erst mit den realen biotechnologischen Neuerungen gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Die Möglichkeiten werden entweder gefeiert (Sophie Behr), als Bedrohung gesehen (Jutta Heinrich) oder ambivalent beurteilt (Streeruwitz).

Das weinende Geschlecht: Löchel beschließt seine Betrachtungen mit den schönen Worten:
„Ein Geschlechterstereotyp scheint zumindest in der Vorstellung der Literatinnen unwandelbar: Frauen sind das weinende Geschlecht.  […] Hingegen entrinnt nur höchst selten einmal eine Träne dem Auge eines Mannes.  […] Höchste Zeit, dass sich das ändert. Und so manches andere auch.“

Noch eine weibliche Träne rinnt, diesmal aus dem Auge der Rezensentin: Das Buch ist leider ziemlich oberflächlich lektoriert; es enthält zahlreiche Druckfehler.  Aber der Apparat ist beachtlich, vor allem gibt es auch ein Register, was in deutschen feministischen Publikationen nicht selbstverständlich ist. Mir z.B. wurden sie öfters verweigert mit dem Hinweis: Zu teuer!

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# | Luise F. Pusch am 07.10.2012

Signe von Scanzoni: Als ich noch lebte. Ein Bericht über Erika Mann. Hg. Irmela von der Lühe.

Der Traum vom NiemandslandFrauenbild

Rezension von Doris Hermanns

Noch ein Buch über Erika Mann? Ist nicht langsam alles gesagt und geschrieben über die Familie Mann? Schon allein, dass es von der letzten Lebensgefährtin von Erika Mann geschrieben ist, deren Existenz bis vor kurzem noch nicht einmal wahrgenommen wurde, lässt aufhorchen, auch dass diese bewusst Abstand zu dieser Familie gehalten hat.

In der ersten Fassung der Biografie Erika Manns von der Herausgeberin dieses Buches, Irmela von der Lühe, fehlte Signe von Scanzoni völlig, in der späteren Neuauflage wird sie eher am Rande erwähnt, als ob sie keine wirkliche Bedeutung gehabt hätte. In diesem Buch nun, in dem ihre Wichtigkeit in den letzten Lebensjahren Erika Manns überdeutlich wird, geht Irmela von der Lühe jetzt im Nachwort näher auf Scanzonis Lebensweg ein.

Signe von Scanzoni, die Dramaturgin und Musikjournalistin war, hat einen Abschiedsbrief an die Frau geschrieben, mit der sie deren letzte zwölf Jahre geteilt hat. Eingearbeitet in den bewegenden Bericht über die letzen Monate, die Erika Mann nach einer Hirnoperation bis zu ihrem Tod im Zürcher Kantonsspital verbrachte und in denen Signe von Scanzoni täglich an ihrer Seite war, sind Erinnerungen an ihren gemeinsamen Jahre: wie sie sich 1957 zufällig wieder trafen, wie sehr sich Erika Mann um sie bemühte, wie sich ihre Beziehung entwickelte. Zahlreiche Gespräche über die unterschiedlichsten Themen, z.B. über Literatur, Musik, Kunst, Theater, Politik und aktuelles Tagesgeschehen, werden nacherzählt, immer wieder spielt Thomas Mann eine große Rolle, sei es als Autor, sei es sein Nachlass, sei es sein Werk. Und all das wirft ein teilweise anderes Licht als das bislang bekannte auf diese Familie, gerade weil es nicht literarisch aufbereitet wird, sondern aus Alltagsgesprächen hervorgeht. So kann Erika Mann ihren Vater dann auch beiläufig einen „gewöhnlichen Homosexuellen“ nennen, kann verdeutlichen, warum sie die Aufgabe der „Nachlasseule“ auf sich genommen hat und reflektieren, was die Rolle der Ältesten in der Familie ihr Leben lang für sie bedeutet hat. Vieles ist erhellend, weil sie es einer vertrauten Person erzählt.

Es ist das Porträt von zwei Frauen, die sich mit 52 bzw. 62 Jahren wiedertrafen; als Kinder in München hatten sie sich nur flüchtig gekannt. Es beschreibt die Schwierigkeiten zweier Persönlichkeiten, die einen sehr unterschiedlichen Lebensweg gegangen sind. Wo Erika Mann als direkt Bedrohte 1933 keine andere Wahl hatte, als ins Exil zu gehen, war Signe von Scanzoni, die als damals 18jährige nicht akut gefährdet war, in Deutschland geblieben: „Ich konnte mir den Luxus einer Stellungnahme nicht leisten.“

Wie einschneidend diese Entscheidung für Erika Mann war, zeigt sich an diversen Gesprächen in diesem Buch, auch wie unterschiedlich die beiden Frauen gewisse Situationen und Menschen sahen, was vor allem an ihrer Auseinandersetzung über Gustaf Gründgens deutlich wird.

Aber es gab auch zahlreiche Gemeinsamkeiten; die beiden unterstützen sich in ihrer jeweiligen Arbeit wo immer möglich und wurden wichtige Vertraute füreinander.
Es wird deutlich, wie sehr die editioriale Arbeit an Familienwerken Erika Mann zur Last geworden war, wie sehr sie sich angekettet fühlte, wie sehr sie sich mit Arbeit überhäufte, die sie nicht mehr erfreuen konnte (aber Hilfe von anderen Familienmitgliedern lehnte sie ab). Selber nannte sie die Zeit vor dem „Nachlasseulen-Amt“ mit „als ich noch lebte.“

Signe von Scanzoni zeigt, dass ein Ausbruch Erika Manns aus dem „Familiengefängnis“, das für sie zur Sackgasse geworden war, in ein eigenes Leben sehr wohl geplant war. Im Jahr vor ihrem Tode trafen sie sich häufiger zu „Höhlenexpeditionen“, wie sie ihre gemeinsamen Aufenthalte in Hotels nannten, als Vorbereitung zur Loslösung aus Erika Manns häuslicher Situation. Auch ein gemeinsames Haus in Klosters hatten sie bereits gefunden, dass „Fluchtziel für Dich und neue Heimstätte für mich“ werden sollte, das sie „Niemandsland“ nannten.

Wie Erika Mann sagte: „Wir wollen zusammen noch was hinbringen!“ Durch ihre Krankheit ist es nicht mehr zum geplanten Zusammenleben gekommen.

Auch Pläne für ihr eigenes Schreiben hatte Erika Mann sehr wohl noch, zu deren Ausführung es jedoch leider auch nicht mehr gekommen ist. Zu lange hatte sie andere an erste Stelle in ihrem Leben gestellt, wodurch sie letztendlich nicht mehr zu ihrem eigenen kam.

Die gleichzeitige Nähe und Distanz lassen diesen langen Abschiedsbrief zu einem liebevoll geschriebenen Porträt Erika Manns werden, das ihre Stärken aufzeigt, wie auch Signe von Scanzonis Faszination vor deren „unbedingtem Passioniertsein,“  aber das auch vor Kritik nicht Halt macht: Scanzoni thematisiert auch den jahrzehntelangen schrittweisen Selbstmord mit Tabletten und Alkohohl, ohne ihr Verhalten zu bewerten. Reflexionen über die andere gehen in Überlegungen über das eigene Leben über.

„Alles, was wir gedacht, geplant und getan haben – in den letzten Jahren -, es hat nicht mehr die Kraft, Dich diesem Sog zu entziehen.
Du scheinst lebenstüchtig, überwältigend sicher, dominant und lebensvoll strahlend. Die Abseite, das Dunkel-leidenschaftliche war doch immer die stärkere Kraft.“

Auch ohne näheres Interesse an der Familie Mann ein überaus lesenswertes Buch, das durch seine Vielschichtigkeit fesselt.

Signe von Scanzoni: Als ich noch lebte. Ein Bericht über Erika Mann.
Hg. & Nachwort: Irmela von der Lühe.
Wallstein 2010. 243 S., € 22,00

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# | Luise F. Pusch am 29.02.2012

Susanne Meyer-Büser (Hgn.): Die andere Seite des Mondes: Künstlerinnen der Avantgarde. DuMont 2011

Acht Klassikerinnen der Avantgarde

Von Annette Bußmann

FrauenbildRund 60 Jahre ist es her, da erhielt Simone de Beauvoirs „Das andere Geschlecht“ Einzug in deutsche Buchhandlungen. Doch nur wenige Wochen ist es her, da eröffnete die Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen (K20) eine Ausstellung zu acht Avantgardistinnen der 1920er/30er Jahre - und nannte sie „Die andere Seite des Mondes“. Wie zeitgemäß ist es, eine Künstlerinnen-Ausstellung unter das Label „des anderen“ zu pressen, den männlichen Künstler also unverändert als Eichmaß der Dinge zu verwalten? Wer die sehenswerte, von Susanne Meyer-Büser kuratierte Ausstellung verpasste, findet die Antwort im ebenso gedeihlichen Katalog.

Dass Kuratorin und Katalogherausgeberin Susanne Meyer-Büser acht der inzwischen bekanntesten Avantgardistinnen der Zwischenkriegszeit - erstmals in dieser Konstellation – und unter dem Blickwinkel „des anderen“– gegenüberstellt, hat einen guten Grund: Die Konfrontation mit Sophie Taeuber-Arp, Hannah Höch, Sonia Delaunay, Dora Maar, Florence Henri, Claude Cahun, Germaine Dulac und Katarzyna Kobro soll „den Blick auf die historische Avantgarde … erweitern“ und um „neue Facetten … bereichern“. Schließlich halte sich hartnäckig die Meinung, so Marion Ackermann, Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein Westfalen, „Künstlerinnen seien nicht so bedeutend, das Werk von nicht so hoher Qualität wie das der männlichen Kollegen.“ Sympathisch erdverbunden zeigt sich Ackermann obendrein in ihrer Prognose, die „andere Seite des Mondes“ werde den „tradierten Blick auf die Kunst“ kaum korrigieren. Denn der Frauen-Exklusions-Kanon bestätige sich beständig von selbst, da „die einst so radikale Moderne“ immerzu in „breitenwirksamen, affirmativen Schauen gefeiert“ werde.

So desillusioniert, wenn nicht resigniert, Ackermanns Standpunkt scheint, so sehr trifft sie damit ins Schwarze: Im deutschsprachigen Raum führen seit Jahrzehnten - durchaus gut besuchte - Ausstellungen den weiblichen Anteil der Kunstgeschichte vor Augen, zuletzt in Mannheim „Entdeckt! Rebellische Künstlerinnen in der DDR“. Im Grunde aber bilden die meisten Paralleluniversen zum Mainstream-Kunstbetrieb. Dieser nämlich kauft oder preist Künstlerinnen-Exponate ungebrochen selten, es sei denn, die Biographie lässt sich so prägnant vermarkten wie die von Frida Kahlo oder Paula Modersohn-Becker. Und so schieben Gesamtschauen zu Epochen und Bewegungen Künstlerinnen unverändert gerne in Exotinnen-Nischen, obwohl beispielsweise Kunstzeitschriften der Weimarer Republik eine andere Sprache sprechen: Künstlerinnen waren hier merklich präsenter.

In puncto Androzentrismus verheißt das kommende Ausstellungsjahr kaum Linderung: Die großen publikumswirksamen Retrospektiven verbeugen sich meist vor Künstlern – vor Raffael, Gerhard Richter, Edvard Munch. Künstlerinnen-Schauen aber - etwa zu Dörte Clara Wolff, genannt „Dodo“, bleiben kleineren Häusern vorbehalten. Nicht anders der Kunstmarkt: Unbeirrt hofiert er Frauen auf der Leinwand, selten dahinter: Die Top Thirty der teuersten Gemälde bilden dutzendfach Frauen ab. Gemalt aber wurden die Topseller ausnahmslos von Männerhand. Spitzenreiter der Liste war lange Zeit Jackson Pollock, dessen Gattin Lee Krasner ein für Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts paradigmatisches Leben fristete: Als eine der wichtigsten Abstrakten ExpressionistInnen wurde sie über Jahre nicht bloß von der Alkoholsucht des Ehemanns, sondern auch von einem Kunstbetrieb gebremst, der sie ausschließlich als „Mrs. Pollock“ wahrnahm. Dieses Ehefrauen-Stigma zählt zu den unerschütterlichen Grundfesten der Kunsthistoriographie, wie u.a. Renate Bergers Anthologie „Liebe Macht Kunst. Künstlerpaare des 20. Jahrhunderts“ (2000) lehrte.

Im Windschatten der Patriarchen
Auch bei den Avantgardistinnen der „anderen Seite des Mondes“ fällt die fremdverordnete Windschatten-Existenz sogleich ins Auge: Das Gros war mit Künstlern liiert - Sophie Taeuber-Arp, Hannah Höch, Sonia Delaunay, Dora Maar und Katarzyna Kobro. Und allesamt wurden sie – mal mehr, mal weniger - von der Kritik in den Schatten des Partners gezerrt. Zeitlebens und posthum. Besonders hart traf es die surrealistische Fotografin Dora Maar. Seit sie Pablo Picasso zugetan war, schwieg die Kunstszene ihr bis dahin hochgelobtes Œuvre rundweg tot, reduzierte sie auf die Existenz der (qualvoll verlassenen) Liebhaberin. Klug kontrapunktiert Karoline Hille diese Gewichtung in ihrem lesenswerten Katalogbeitrag zu Maar: Sie präsentiert das Œuvre einer hochpolitischen Künstlerin, vergleicht es mit den Arbeiten der großartigen, politisch nicht minder aktiven Gender-Switcherin Claude Cahun. Picassos Namen lässt Hille wohlbedacht nur beiläufig am Ende fallen. Dass Claude Cahun, Florence Henri und Germaine Dulac dem Schicksal des permanenten Dezimiertwerdens entkamen, hatte übrigens einen frappant banalen Grund: Sie liebten Frauen. Meistens zumindest.

„Wir müssen sehen, viel sehen, alles sehen, was Frauen bisher in der Kunst gearbeitet haben“ lautete 1977 die kämpferische Parole des Bandes „Künstlerinnen international. 1877-1977“. Auch Meyer-Büsers 288 Seiten starker Katalog ist eher bild- als textlastig geraten: Knappe Künstlerinnen-Biographien und Essays erläutern Werdegang, Verflechtungen, Parallelen und Dissonanzen zwischen den acht Künstlerinnen. Im Mittelpunkt aber stehen stattliche 200 Farbabbildungen. Diese Gewichtung ist gelungen. Verhilft sie den Künstlerinnen doch zu einer größeren Bildpräsenz und den LeserInnen zu einem unvoreingenommenen Einblick in die ungeheure Experimentierfreude der Achterriege. Fast überflüssig scheint da der omnipräsente Hinweis der fünf Katalog-AutorInnen, es handele sich bei den acht Auserkorenen nicht um mediokre Mitläuferinnen, sondern um international anerkannte Pionierinnen.

DADA tanzen
Das Multitalent Sophie Taeuber-Arp ist mit den meisten Abbildungen vertreten, ihre exzeptionelle Vielseitigkeit daher am schlüssigsten nachzuvollziehen. Taeuber-Arp brachte nicht nur den Tanz in den Zürcher Dadaismus und füllte vom Kunstgewerbe-Lehrerinnen-Gehalt den knurrenden Magen ihres wirtschaftlich oft angeschlagenen Gatten Jean Arp. Sie brillierte obendrein als Malerin, Zeichnerin, Collagistin, Weberin, Stickerin, Bau-, Garten- und Marionettenkünstlerin. Angesichts des Entstehungszeitpunkts ihrer Kreise, Quadrate und Rasterstrukturen, die sie in Textilien einarbeitete bzw. auf Papier und Leinwand brachte, mögen manche sich die Augen reiben: Sie schuf sie 1915/16 - zwei Jahre bevor Theo van Doesburg und Piet Mondrian ihr vielbeschworenes „Manifest I“ (1918) der „De Stijl“-Gruppe niederschrieben. Taeuber-Arps und Jean Arps Innengestaltung des Straßburger Café „Aubette“ (1926/27) fehlt heute in kaum einer Konstruktivismus-Monographie. Was fehlt, ist allein ihr Name: Das Café wird meist einzig Theo van Doesburg zugeschrieben.

Weiße Mäuse züchtete die russisch-stämmige Katarzyna Kobro und war nebenher kaum minder schöpferisch. Sie ist die einzige in Deutschland weniger bekannte Künstlerin des Bandes. In Osteuropa indes gilt sie längst als ganz große Konstruktivistin: Ihre aus Industriematerialien gefügten, mitunter an hauchdünne Fäden gehängten Objekte revolutionierten die Kunstgeschichte. Sie zählen zu den frühesten Beispielen kinetischer Skulptur. Seit 1921 fertigte Kobro sie – zwei Jahre bevor das in unseren Breiten als Non plus Ultra der Moderne zelebrierte Bauhaus hochoffiziell „Kunst und Technik“ zur neuen Melange erklärte.

Begegnungen im Ostseesand
Laut Meyer-Büser war ein exzellent funktionierendes Netzwerk unabdingbar für den Erfolg aller acht Avantgardistinnen. Schließlich besaßen Frauen damals keine „gesellschaftlich-historisch geprägte Plattform in Gestalt von Akademien, Kunstvereinen und Künstlergruppen“, die sie automatisch hätte bekannt machen können. Der Katalog enttarnt manch selten genannte Verbindungslinie zwischen den Künstlerinnen. Fast alle kannten sich – sei es bloß namentlich oder, weil sie sich, wie Sophie Taeuber-Arp und Hannah Höch, eine Woche lang „im feinen Sand der Ostseeküste“ (Ralf Burmeister) rekelten.

„Dada hängt mir zum Hals raus“, raunzte Hannah Höch angeblich, als ihre Dada-Collagen in den 1970ern wiederentdeckt wurden. Im Grunde aber können ihre bzw. die Arbeiten ihrer Kolleginnen niemals langweilen. Viel zu geistreich, gender- und gesellschaftskritisch, kurzum einfach viel zu inspirierend sind sie. „Unter dieser Maske ist eine andere Maske. Ich werde niemals aufhören, alle diese Gesichter abzuziehen“, schrieb Claude Cahun 1930 in ihren autobiographischen „Nichtigen Bekenntnissen“. Meyer-Büser und Ackermann rehabilitieren seit vielen Jahren Künstlerinnen – und lüften daher nicht minder unermüdlich Masken. Hierfür und für diesen lesenswerten Katalog ist ihnen ausdrücklich zu danken.

Susanne Meyer-Büser (Hgn.): Die andere Seite des Mondes. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, DuMont Buchverlag Köln, 2011, gebunden. 288 Seiten, 39,95 Euro

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# | Luise F. Pusch am 26.01.2012

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Hedwig Dohm