Alles klar für Sansibar von Renate Rochner

ALLES KLAR FÜR SANSIBAR

und

DAS MÄDCHEN, DAS NICHT NIEDLICH WAR

zwei Kinderbücher von
RENATE ROCHNER

Rezension von Andrea Schweers

FrauenbildDie Bremer Grafikerin und Fotografin Renate Rochner, Jahrgang 1929, ist eine wunderbare Tante! Für ihre Nichten und Neffen, Großnichten und Großneffen hat sie jeweils ein persönliches Buch geschrieben bzw. gezeichnet. Zwei davon sind jetzt im Selbstverlag erschienen und auch für andere LeserInnen zugänglich.

Alles klar für Sansibar entstand nach einer Afrikareise, die die Autorin u.a. auf die Gewürzinsel vor der ostafrikanischen Küste führte. Die dort gesammelten Eindrücke haben sie inspiriert zu der Geschichte von Billy, dem hellrosa Schwein aus Hasenbüren an der Weser. Billy geht es gut im heimischen Stall bei Ricus und Rieke, wo sie wohlversorgt und geborgen ist. Aber andererseits träumt sie – angesichts der Schiffe, die sie auf der nahen Weser vorbeiziehen sieht – von unbekannten, fernen Ländern. FrauenbildUnd zudem sind ihr beunruhigende Gerüchte über Wurstmaschinen zu Ohren gekommen. So schleicht sich Billy eines nachts als blinde Passagierin auf das Schiff „Explorer“ und landet, nach einer langen Überfahrt, schließlich im tropischen Sansibar. Dort gibt es nicht nur einen herrlichen Strand, Sonne und Mangos im Überfluss und freundliche, braune Artgenossen, sondern auch die gute Nachricht, dass die Menschen kein Schweinefleisch essen. Ein echtes Schweineparadies!!!

FrauenbildRenate Rochner hat die liebenswerte kleine Geschichte mit wunderschönen farbigen Zeichnungen illustriert, die nicht nur Kinder, sondern auch erwachsene (Vor)leserinnen zum Träumen bringen.
Das Buch im DIN-A-5-Format kann auch in einer englischsprachigen Version unter dem Titel It’s so far to Zanzibar bestellt werden.

Renate Rochner
Alles klar für Sansibar
17 Seiten, 9 farbige Zeichnungen
Selbstverlag
18,- Euro + 3,- Euro Versandkosten
für Kinder ab 3 Jahren

Das Mädchen, das nicht niedlich war erzählt von Renate Rochners eigener Kindheit in Bremen, beginnend mit ihrer Geburt 1929 bis zum Kriegsausbruch und der Evakuierung der Familie aus der bombenbedrohten Stadt. Renate hatte ein Schielauge Renate Rochner, Das Mädchen, das nicht niedlich war(das später operiert wurde), trug eine unvorteilhafte Brille, hasste Haarschleifen und prügelte sich mit Jungen – kurzum, sie war nicht niedlich, und das wusste sie damals schon. Aber sie war sich sicher, sie hatte etwas „Anderes“ – tollkühnen Mut zum Beispiel. Sie kletterte auf Bäume und Schuppendächer (von denen sie auch mal herunterfiel), sauste mit einer selbstgebauten Seifenkiste den Weserdeich hinunter (bis kurz vors Wasser), spielte unter dem Bauch der dicken Kutschpferde des nachbarschaftlichen Lumpensammlers (zum Schrecken ihrer Mutter).

Von all diesen Abenteuern erzählt Renate Rochner in einer einfachen, kindgerechten FrauenbildSprache, wobei wir nebenbei auch etwas über die schwierigen Lebensbedingungen der Familie in der Vorkriegszeit erfahren: ein arbeitsloser Vater, der manchmal Wutausbrüche bekommt; eine Mutter, die versucht, mit wenig Geld eine große Familie zu versorgen; lange Fußwege zum Jahrmarkt, weil die Straßenbahn zu teuer ist; das wöchentliche Bad in der Zinkbadewanne; das Leben im neuen Stadtteil Grolland (errichtet für arme, kinderreiche Familien), wo die Straßen 1937 noch aus Knüppeldämmen bestanden und die Häuser weder Strom noch Kanalanschluss hatten.

Illustriert ist der Text mit historischen Familienbildern aus Renate Rochners persönlichem Fotoalbum. Ein ernstes, witziges und informatives Kinderbuch, aber auch ein schönes Geschenk für Ältere, besonders natürlich aus Bremen, die mit ihrer Kindheit ähnliche Erinnerungen verbinden!

Renate Rochner
Das Mädchen, das nicht niedlich war – Eine Kindheit in Bremen
29 Seiten, 12 historische Schwarzweißfotografien
Taschenbuchformat
Selbstverlag
ab 6 Jahren
15,- Euro + 3,- Euro Versandkosten

beide Bücher zu bestellen bei:

Renate Rochner
Vehrels 47
28259 Bremen
Tel. 0421 51 32 44
email:

Luise F. Pusch am 28.04.2007

“Ich habe mir geschworen, nicht zu schweigen.” Eva Bormanns Lebensgeschichte

‘Ich habe mir geschworen, nicht zu schweigen.’
Die Lebensgeschichte der Eva Bormann

hg. von Friedrich Grotjahn.
Lutherisches Verlagshaus GmbH.
Hannover 2006

Rezension von Birgit Rühe-Freist

Frauenbild”Eva Bormann ist ein Kind ihrer Zeit. Sie heiratet jung. Beide Eheleute sind fromme ChristInnen und werden zu überzeugten NationalsozialistInnen. Ihr Mann stirbt als Soldat im Zweiten Weltkrieg. 1943, mit dreißig Jahren beginnt sie Tagebuch zu schreiben. Über ihrer “Schreiberei”, wie sie es selbst nennt, beginnt ihr Wandel. In den Jahren 1943 bis 1958 führt sie so das Gespräch mit ihrem verstorbenen Mann. Sie wird in dieser Zeit zur engagierten, kämpferischen Pazifistin, die ihren Weg geradlinig durch die deutsche Nachkriegsgeschichte geht. Aktiv bis ins hohe Alter ist sie eine aufmerksame Beobachterin der politischen Szene.” (Klappentext)

Eva Bormann lebt in einem Senior/innenheim in Oelber am weißen Wege (ein Ortsteil der Gemeinde Baddeckenstedt im Landkreis Wolfenbüttel, Niedersachsen). In diesem Jahr wird sie fünfundneunzig. Ich lernte sie in den siebziger Jahren kennen, als sie in dem Dorf Heere, in dem auch ich lebe, das ‘Herrenhaus’ gekauft hatte. Das Haus war viele Jahre eine Zigarrenfabrik gewesen und so heruntergekommen, daß die Kirche das Erbe ausschlug. Eva ließ, rechtzeitig vor den Herbststürmen, das Dach neu decken und rettete so das Haus. Sie richtete darin ein Zentrum für Friedensarbeit ein. So wohnte z.B. der Amerikaner Eric Bachmann, erster Trainer für gewaltfreie Aktionen in Deutschland, sieben Jahre in Heere. 1994 erhielt Eva Bormann das Bundesverdienstkreuz für ihre Friedensarbeit. 1988 interviewte ich Eva Bormann und schrieb vieles aus ihrem Leben auf (unter dem Titel “Eva, eine Frau für den Frieden"). Nun hat der Theologe, Schriftsteller und Journalist Friedrich Grotjahn, mein Material einbeziehend, ein Buch über sie geschrieben. Er hat in akribischer Kleinarbeit ihre Tagebücher ausgewertet, ihre Gespräche mit ihrem toten Mann notiert. Friedrich Grotjahn hat in überzeugender und spannender Weise die Wurzeln freigelegt, die Eva Bormann zur Pazifistin machten. Erkennbar wird der Weg einer Mystikerin, die ihren eigenen Weg sucht und dann mutig geht. Immer auch ist es eine Auseinandersetzung mit dem männlichen Denken: (Tagebuchnotiz vom 12.Febr. 1956 an ihren Mann) “Christus leidet, aber fügt kein Leid zu. Jeder Krieg steht in krassestem Gegensatz zu dieser Liebe...; es ist ein weiter Weg, den wir noch gehen müssen.” Bis ins hohe Alter stickte Eva Bormann Teppiche: “Die Farben locken mich, die Linien laufen wie von selbst. Sie verdichten, verschlingen, durchkreuzen sich, werden zu einem Gebilde, das mich selbst überrascht. Ich nehme alles, auch unsympathische Farben, grelle, schreiende, tote, nichtssagende - so wie Menschengeflecht, menschliche Gesellschaft, so vielfältig, so unterschiedlich nebeneinander und durcheinander lebt und webt und zusammengehört.”

Viele Jahre stickte Eva Bormann an einem Teppich für Rußland. Sie schickte ihn - die Perestroika hatte kaum begonnen - nach Artemowsk bei Kiew, wo ihr Mann 1943 begraben wurde. Der Teppich schien verlorengegangen zu sein. Doch 1994 erfuhr sie durch Freunde, daß er in einer Mädchenschule seinen Platz gefunden hat. Auf diesem Teppich stehen, parallel angeordnet in deutscher und russischer Sprache, die Worte:

Es soll geschehen
Nicht
durch Heer oder Kraft
sondern
durch Liebe und Vertrauen
1943-1985

Luise F. Pusch am 22.01.2007

Helke Sander über Eva Herman: Das EVA-Prinzip

Vorbemerkung der Redaktion: Eigentlich wollen wir hier nur Bücher empfehlen. Das Eva-Prinzip können wir natürlich nicht empfehlen (deshalb fehlt auch ein Link), wohl aber Helke Sanders Rezension. Wie jeder Text von Helke Sander bietet er wichtigen Stoff zum Nachdenken.

Barbie sucht Ken

Das EVA-Prinzip, von Eva Herman, Pendo Verlag München 2006

Jede und jeder kann natürlich jeden Blödsinn in die Welt setzen, sofern sich jemand findet, den auch zu veröffentlichen. Insofern kann ich mich über Eva Herman nicht besonders aufregen. Was mich allerdings aufregt, ist die Tatsache, dass sie von der TAGESSCHAU kommt, dem „Flaggschiff des seriösen Journalismus“, wie gerne gesagt wird.

Wenn eine derartig geschulte und durch Seriosität geprägte Journalistin praktisch auf jeder der 260 Seiten über den unheilvollen Einfluss DER Frauenbewegung und DER Feministinnen auf die bundesdeutsche Gesellschaft schreiben kann, ohne dass ihr Verlag Genauigkeit verlangt hätte oder wenigstens eine Bibliographie und Anmerkungen zur Abstützung ihrer Behauptungen, dann finde ich das weitaus bemerkenswerter als ihre Thesen - auch vor dem Hintergrund, dass gleichzeitig die Zeitungen, Nachrichten, Gesprächsrunden im Fernsehen voll sind von Ermahnungen, nicht von DEN Moslems zu schreiben, die gewaltbereit seien oder DEN Türken, die ihre Töchter zwangsverheiraten). Bei DEN Feministinnen kommt’s offenbar nicht so darauf an.

Frau Herman entdeckt als späte Mutter, dass die Gesellschaft, in der sie mit ihrem Kind nun angekommen ist, weder ihr noch dem Kind gut tut. Sie blickt sich um und sieht Misstände. Darum ist nicht alles falsch, was in dem Buch steht, aber das Richtige ist nicht etwa neu oder eine Entdeckung von Herman.

Es ist vor allem ein lausig recherchiertes Buch, das unglaublich ärgerlich zu lesen ist für alle diejenigen, die sich seit langem mit der Nachkriegsgeschichte in beiden Deutschlands befasst haben und eine Ahnung haben von den Auseinandersetzungen über die Erreichung auch nur der kleinsten Ziele, um auch Frauen das Gefühl zu vermitteln, dass ein demokratischer Staat auch sie meint und die ausserdem wissen, welchen Schwankungen, Konflikten, Richtungsstreitigkeiten alle diejenigen ausgesetzt sind, die über eine politische Bewegung die Verhältnisse ändern wollen und welche Rolle der Vernebelung die grossen Medien dabei gespielt haben.

Der Text von Herman ist durch und durch mariniert im Widerwillen oder sogar Hass der Autorin gegen DIE Feministinnen. Sie wirft ihnen vor, Kinderlosigkeit und Männerfeindlichkeit propagiert zu haben. Zum Teil stimmt das sogar. Sie unterschlägt aber, dass diejenigen in der Frauenbewegung, die andere Richtungen verfolgten, von den offiziellen Medien, zu denen Frau Herman gehörte, nicht zur Kenntnis genommen wurden.

Frauen aus der Frauenbewegung, die die Kinderfrage zu ihrem Thema machten, waren für die Medien, zu denen Frau Herman bisher gehörte, nicht attraktiv. Diese Frauen boten keine einfachen Lösungen. Sie machten das Dilemma zum Thema, dass seit Jahrhunderten die Stabilität der Familie auf der Rechtlosigkeit der Frauen beruhte und dass natürlich die formelle Gleichberechtigung (die auch erstmal errungen werden musste und muss) diese Stabilität zerstört, ohne sofort bessere Alternativen anbieten zu können. Dass Frauen-und Kinderfrage zusammen gehören, war DAS Thema der beginnenden neuen Frauenbewegung und stiess auf absolutes Desinteresse aller führenden Medien. Es bot mehr Kick, wenn in den Zeitungen Mütter vorgestellt wurden, die aus der Tatsache, dass sie ihr Kind alleine haben wollten, eine Ideologie machten. Simone de Beauvoir und ihr männerähnliches Leben ohne Verantwortung für Kinder vorzustellen war attraktiver, als die Kritik daran, die ebenfalls aus der Frauenbewegung kam. Eine Kritik an der ganzen Gendertheorie, die durchaus existiert, findet nicht den Weg in die grossen Medien; es war nicht attraktiv für die Medien, über die Planung einer feministischen Partei mit Männern, in deren Mittelpunkt das Kind stand, nicht nur zu berichten, sondern dies in einen kontinuierlichen Diskussionszusammenhang zu stellen. Das von Herman erwähnte „Müttermanifest“ ist ein Beispiel unter vielen anderen vorangegangenen, über das zwar viel intern gestritten wurde, aber eben nicht in den allgemeinen Medien usw. usw.

In einer Art Wortdurchfall schildert die Autorin, dass der Feminismus den Frauen die Sehnsucht nach Kindern ausgetrieben habe. Anstatt ihre Kinder zu geniessen, würden sie sie zu schnell in Krippen und Kindergärten geben und so wesentlich zur Zerstörung der Familien beitragen und selber schuld am kommenden einsamen Alter sein und alles nur deswegen, weil sie sich selbst verwirklichen wollen. Sie ignoriert z.B. völlig die Anstrengungen, Kindergartenplätze für Migrantenkinder zu schaffen, damit sie frühzeitig Deutsch lernen und so später in der Schule und im Beruf reale Chancen haben.

Vielleicht bewirkt der Ärger über dieses Buch, das ja eine ungeheure Auflage und Medienpräsenz hat (und vielleicht genau deswegen mit dem Holzhammer arbeitet, weil es Auflage bringt), dass kompetentere und weniger vereinfachende Leute sich berufen fühlen, die angesprochenen Konflikte mit mehr Intelligenz und Recherche zu vertiefen.

© Helke Sander Sept. 06
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FrauenbildAnm. in eigener Sache: Von Richtungsstreitigkeiten in der Frauenbewegung über die Kinderfrage handelt mein eigener selbstproduzierter (weil sich keine Sendeanstalt für das Thema interessierte) Film „Mitten im Malestream“, zu beziehen als DVD über neuevisionen.de.

Anm. 2: Eins der informativsten und aufregendsten Bücher zur Frauen- und Familienpolitik seit der Nachkriegszeit ist Robert G. Moellers Geschützte Mütter, dtv München 1997.

Luise F. Pusch am 17.09.2006

Sibylle Plogstedt: Frauenbetriebe - Vom Kollektiv zur Einzelunternehmerin

Sibylle Plogstedt:
Frauenbetriebe - Vom Kollektiv zur Einzelunternehmerin.
Ulrike Helmer Verlag 2006

Rezension von Helke Sander

Das Sein verstimmt das Bewusstsein

Man kann Plogstedts Buch mindestens unter zwei Gesichtspunkten lesen.
Zum einen ist es das, was auch der Titel sagt: eine soziologische Untersuchung über verschiedene von Frauen geleitete Betriebe. Anders als der Titel vermuten lässt, meint Sibylle Plogstedt damit allerdings ausdrücklich nur solche Betriebe, die sich durch innerhalb der neuen Frauenbewegung entstandene Bedürfnisse gebildet haben und deren Gründerinnen sich als frauenbewegt verstanden. Sie meint nicht solche Unternehmen - durchaus aus den gleichen Branchen - die schon immer von Frauen gegründet und erfolgreich geleitet wurden und werden, wie Verlage, Buchhandlungen, Kneipen, Hotels, alle möglichen Läden u.a. (durchaus auch von Feministinnen).

FrauenbildGenaue Zahlen liegen nicht vor, aber die mit oder durch die Frauenbewegung entstandenen Arbeitsplätze dürften nicht unter 10.000 liegen, manche vermuten höhere Zahlen. Allerdings erreichen sie nicht die Zahl der durch die Ökologiebewegung geschaffenen Arbeitsplätze, die entstanden sind aus Debatten über Naturschutz, Artenschutz, über die Endlichkeit der Ressourcen und daraus folgend die Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderung. Nicht dass ähnlich gewichtige Debatten nicht auch von Frauen angestossen worden wären. Sie finden aber praktisch keinen oder nur einen „privaten“ Niederschlag in diesen Betriebsgründungen. Dennoch waren diese Unternehmen in der Öffentlichkeit präsent, bildeten überregionale und bisweilen auch übernationale Netzwerke und fungierten zumindest eine zeitlang (wichtig: mit Einschränkungen! Siehe 2.Teil) als Multiplikatoren und Stützpunkte für andere aus der Frauenbewegung hervorgegangene Projekte.

Die seit Anfang der neuen Frauenbewegung aktive, ja diese sogar konstituierende Diskussion über „Das Private ist politisch“ bezog sich ursprünglich auf eine notwendige Veränderung der ganzen Gesellschaft, u.a. um Kinder und Beruf miteinander vereinbaren zu können und Frauen gesellschaftliche Definitionsmacht zu geben. Diese Überlegungen spielen aber weder bei Plogstedt noch bei den interviewten Unternehmerinnen eine Rolle. Viele, vielleicht sogar die meisten der geschilderten Betriebe entstanden nach Plogstedt spontan: lesbisches Paar + unklare Vorstellung von Kollektivarbeit und Ablehnung von Macht + mangelnde Professionalität + gleiche Bezahlung + Gleichheitsanspruch trotz unterschiedlicher Fähigkeiten + Männerausschluss. Es ist klar, dass solche Einrichtungen bei so viel vorhersehbaren Konflikten und Realitätsferne nur von sehr jungen Frauen gegründet werden konnten, die mit viel Optimismus und wenig Sachkenntnis an die Verwirklichung herangehen konnten, weil die Frauenbewegung und später die Alternativbewegungen stark waren, viele Projekte öffentliche Zuschüsse erhielten und so zumindest eine Zeitlang die Grunddefizite der Gründungen überdecken konnten. Für eine gewisse Klientel bildeten diese Gründungen über etliche Jahre eine Bereicherung der gross- wie kleinstädtischen Infrastruktur, und manche Einrichtungen waren und sind auch für alle Frauen und nicht nur für den engsten ideologischen Kreis nutzbar und brauchbar.

Sibylle Plogstedt schildert ausführlich die sich aus den oben genannten Arbeitsvoraussetzungen ergebenden Konflikte, die in den meisten Fällen die ursprünglichen Kollektive sprengten. Das hatte zur Folge, dass viele der Gründerinnen in andere Berufe abwanderten und nicht mehr auftauchten. Diejenigen aber, die blieben und aus den Erfahrungen lernten, standen vor Zeiten harter Prüfungen und Umdenkprozesse. 

Interessant ist dabei, über wieviel Irrtümer und Neuanfänge wenige Frauen mit Visionen die in der Betriebsgründungsphase nur idealistische Idee einer gerechten, nicht hierarchischen und einigermassen gleich bezahlten Arbeitswelt zu retten versuchten, wie z.B. die Geschichte vom Handwerkerinnenhaus zeigt. Dass gewisse Vorstellungen von „Grundwerten“ nicht von allen aufgegeben wurden, sondern mit mehr Vernunft und Sachkenntnis heute weiter verfolgt werden, das beschreibt S. Plogstedt sehr ausführlich. Allerdings gehen von den Einzelunternehmerinnen kaum neue Impulse aus, wie denn im grossen Stil Arbeit veränderbar sei. Insofern stellt sich auch immer wieder die Frage, warum diese Betriebe überhaupt sowohl „feministisch“ wie „politisch“ genannt werden. Möglicherweise liegt das eben auch daran, dass die meisten Betriebsgründungen nach Plogstedt von kinderlosen Lesben gemacht wurden, deren Ausgangspunkt die Frauenbewegung war. Nur einmal taucht in einer Rede die Grundsituation von Frauen auf, dass die meisten Frauen nämlich Kinder kriegen. Eine „gewandelte“ Unternehmerin spricht davon, dass sie keine Frauen einstelle, „denn die werden schwanger“ und verursachen Betriebskosten. Man könnte auch sagen, Plogstedt zeigt, wie die Frauen die Entwicklung hin zur Unternehmerin im Kapitalismus mal mehr, mal weniger gut vollziehen. Plogstedt beschreibt aber auch den Mief, die Abschottung, die intellektuelle Bescheidenheit mancher dieser Betriebe, was deutlicher wurde, als die Frauen nicht mehr frisch und jung waren, die Matratzen in den Zentren nicht mehr neu und die Kundinnen mehr Service und Kompetenz verlangten. Es wird gewissermassen zwischen den Zeilen deutlich, wovon sich jüngere Frauen absetzten, wenn sie die Frauenbewegung ablehnten, denn sie trat ihnen oft nur noch extrem muffig, unattraktiv und dogmatisch entgegen.

Andererseits aber erzählt die Geschichte dieser Frauenbetriebe auch etwas über die schwierige Demokratisierung der Bundesrepublik, über die Geburtsschmerzen sich emanzipierender Frauen, mit Hass, Misserfolgen und Enttäuschungen, aber auch Freuden beim Selbständigwerden. Und das ist in dieser Ausführlichkeit, soweit ich weiss, noch nie geschehen.

Der zweite Gesichtspunkt, unter dem das Buch auch gelesen werden kann und der sich wie unbeabsichtigt als Subtext hindurchzieht, ist für mich eigentlich noch interessanter. Tatsächlich erzählt das Buch etwas über das Schicksal der Richtung der neuen Frauenbewegung, die sich öffentlich durchgesetzt hat und weitgehend unter dem Begriff “autonome Frauenbewegung” zuammengefasst wird. Andere Richtungen kommen nicht vor, und so verstärkt Plogstedt mit diesem Buch den sowieso schon herrschenden Eindruck, als habe es sie nicht gegeben.

Ich muss hierzu etwas genauer ausholen, weil es mir wichtig erscheint, will man eine soziale Bewegung, ihre Erfolge und Misserfolge und geistige Entwicklung, begreifen.

Offenbar ist das allgemeine Harmoniestreben von Frauen so gross und eine Störung so bedrohlich, dass sie auf jeden Fall verleugnet werden muss.

Das hat dem Bewusstsein von der eigenen Geschichte schon beträchtlichen Schaden zugefügt , weil man sich so selber der Erkenntnis verschliesst, welche Mechanismen ablaufen, wenn sich Menschen zusammenfinden, um gemeinsam etwas gesellschaftlich zu verändern. In von Männern dominierten Bewegungen sind Abweichungen selbstverständlich, und sie werden benannt und je nach Zivilisationsgrad mit Argumenten oder mit Waffen bekämpft oder einverleibt. Im „Mainstream-Feminismus“ aber wird so getan, als sei „DIE“ Frauenbewegung eine einheitliche, starke, in die gleiche Richtung treibende Kraft gewesen, die nur ab und zu an nebensächlichen dogmatischen Verirrungen litt, über die Plogstedt auch durchaus schreibt - also Diskussionen darüber, wie jung männliche Kinder höchstens sein dürfen, um überhaupt in eine Fraueneinrichtung mitgenommen werden zu können u.ä. Sie erwähnt allerdings nicht, dass Ausschlüsse sich durch viele Projekte zogen und beispielsweise viele Zeitschriften, Bücher, Denkanstösse, an denen in irgendeiner Form auch Männer beteiligt waren, nicht Zugang zu den Frauenbuchläden und anderen Einrichtungen hatten. Das hatte gewaltige Konsequenzen für die ganze Bewegung, aber sie wurden lange nicht zur Kenntnis genommen. (*)

Leider arbeitet Plogstedt auch mit Pauschalisierungen, obwohl sie es besser wissen müsste, denn sie war sogar dabei, als in Frankfurt 1968 die zweite Phase der neuen Frauenbewegung mit der sogenannten Tomatenrede (**) begann. Wie falsch das alles wird, wenn es so wie bei Plogstedt zusammengefasst wird, soll hier an einem Beispiel demonstriert werden.

Sie schreibt: „Der erste Ausbruch des Frauenprotestes hatte die Versorgung der Kinder (Kinderläden) und die sexuelle Dominanz der Männer zum Thema“.

Das ist nicht nur vollkommen nichtssagend sondern auch falsch.

Eine Debatte über Kinderversorgung wie sie auch damals schon seit Jahrzehnten immer wieder geführt wurde, hätte die Frauen nicht zusammengetrieben und daraus eine Massenbewegung gemacht, auch keine Meckerei über Männer. Es ging den Frauen im ersten Aktionsrat Anfang 1968 sofort und für alle begreifbar um nichts anderes als um die Veränderung dieser Gesellschaft, d.h. um Macht und um die Wege dazu (wie naiv diese Vorstellungen auch gewesen sein mögen).

Die Kinderläden waren sozusagen ein Nebenprodukt dieses Wunsches, als Frau und Mutter aktiv gesellschaftlich tätig zu sein. Um diese Hauptsache zu verwirklichen, mussten sie sich selber helfen, weil von aussen keine Unterstützung zu erwarten war.

Was immer wieder vergessen wird: am Anfang waren im Aktionsrat junge intellektuelle Frauen - nur sehr wenige aus dem SDS - viele Mütter, deren grösster Wunsch es war, sich gemeinsam über bestimmte sich aufdrängende Fragen gedanklich zu verständigen. Sie wollten gemeinsam nachdenken. Es gab einen Hunger nach Sinn. Wenn man das nicht begreift, begreift man nicht den Anfang der neuen Frauenbewegung.

Warum haben Frauen keine Definitionsmacht? Was stört uns an den politischen Veranstaltungen der Linken, obwohl wir durch sie viel lernen? Wo gibt es Denkverbote? Warum sind Frauen oft reaktionär?

Die Kinderläden waren ein Ergebnis der Frage nach der Definitionsmacht: (Wir sollen zwar Kinder bekommen, haben aber keinen Einfluss auf die Gesellschaft, in die wir sie gebären). Das ist etwas anderes als der Schrei nach mehr Kindergärten. Die Frauen klinkten sich ein in die Diskussionen um eine veränderbare Gesellschaft und wollten daran mitwirken. Mit Zusammenschluss, mit MACHT, mit Witz, mit neuen Vorstellungen über eine Gesellschaft, die von Frauen mitdefiniert wird. Männer waren als Liebhaber gefragt, nicht aber mehr selbstverständlich als intellektuelle Vordenker. Selber denken war die neue und entscheidende Erfahrung.

Es ist für jede Bewegungsgeschichte falsch, wenn man nicht die Phasen sieht, in denen sie abläuft und in denen sich die Schwerpunkte vollkommen umkehren können. Die erste Phase war abgeschlossen mit der Tomatenrede. Die Gruppen, die sich daraufhin gründeten, waren links, standen dem SDS nahe oder kamen aus ihm, aber die Frauen waren nun jünger, kinderlos und hatten neue Interessen. Viele wollten z.B. den SDS „retten“, ihm eine neue Perspektive geben, in denen Frauen nicht als „Nebenwiderspruch“ vorkamen.

Nach wie vor wollten diese Frauen die Welt VERSTEHEN, hatten das Bedürfnis nach theoretischer Arbeit. Sie waren theoretisch anspruchsvoll, aber praktisch unterfordert. In Berlin gab es bald neben der „Mütterfraktion“ des Aktionsrats noch den Sozialistischen Frauenbund. Ausserdem bildeten sich bundesweit unzählige Gruppen mit verschiedenartigen Schwerpunkten in den Unis, die sich mit ihren vielfältigen Aktivitäten und Interessen z.T. auch gegenseitig lähmten. Die zweite Phase war zu Ende mit der 218-Kampagne, die 1971 begann und die dritte Phase einleitete.

Die 218-Kampagne gab der Frauenbewegung einen ungeheuren Schub, hatte sie doch ein praktisches, naheliegendes und begrenztes Ziel.

Der Widerstand gegen die geplante Gesetzgebung gab lange Kraft, die als gemeinsame zusammenbrach nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Diejenigen, die an den durch den 218 aufgeworfenen Fragen weiter arbeiteten, taten das als einzelne oder einzelne Gruppen, sie sprachen aber nicht mehr einheitlich für die „Bewegung“, die in vielfältige „autonome“Gruppen zerfiel und bis auf Ausnahmen einen höheren Organisationsgrad aus ideologischen Gründen ablehnte. Die stärkste Strömung ist normalerweise auch die faulste und die war gegen „Macht“, gegen „Strukturen“ – und akzeptierte damit gleichzeitig, ohne das allerdings zu thematisieren, dass man sich im Bestehenden als Frauenbewegung, als Subkultur, in Nischen einzurichten gedachte. (***)

In dieser vierten Phase der noch wachsenden Frauenbewegung, die nun schon in den einzelnen Projekten zusammenkam und für die die gemeinsamen Treffen in Frauenzentren immer weniger wichtig wurden, verliessen darum auch erhebliche Teile der „alten“ Frauengruppen die Bewegung leise aber unaufhörlich als ständiger Strom. Zunächst waren es hauptsächlich die Linken (trotz aller Kritik auch an linken Theorien und Organisationsformen). Das war bis gegen 1974 abgeschlossen und wird bis heute aus der Bewegungsgeschichte ausgeklammert.

Diejenigen, die gingen, gingen mit neuem Selbstbewusstsein, aber ohne feministische Konzepte sowohl in die neu entstehenden dogmatischen linken Parteien, in die Raf oder auch in die etablierten Parteien. Auf jeden Fall war das ein jeweils individueller Protest gegen die Strukturlosigkeit, zunehmende theoretische Enge und damit Perspektivlosigkeit der Frauenbewegung. Innerhalb der Frauenbewegung gab es über lange Jahre jedoch einige kontinuierlich arbeitende oder auch neu entstehende Gruppen, die sich – mit wieder eigenen Defiziten – gegen die Organisationsfeindlichkeit und Machtablehnung wehrten, (besonders das Frauenforum München), die sich aber langfristig nicht durchsetzen konnten, sondern einfach ausgeklammert wurden und heute normalerweise nicht einmal mehr erwähnt werden. Und wieder andere Frauen verliessen die ihnen diffus erscheinende Frauenbewegung, indem sie in ihren eigenen Berufen an speziellen Frauenfragen arbeiteten. Es ging ihnen nicht um Männer, es ging um patriarchale Politik und die Entwicklung des Widerstands dagegen mit unterschiedlichen Konzepten.

In den „autonomen“, die Bewegung immer noch nach Aussen repräsentierenden Resten breitete sich –Ausnahmen immer mitzudenken – eine zunehmende Theoriefeindlichkeit aus. So stimmt es z.B. nicht, dass, wie Plogstedt schreibt, „DIE“ Frauen mit heissen Ohren Beauvoir oder Firestone lasen. Es gab durchaus vehemente Kritik an beiden.

Die Theoriefeindlichkeit hatte z.B. das Ergebnis, dass schon zehn Jahre später die frauenbewegten Frauen ihre eigene kurze Geschichte nicht mehr kannten.

Als Christina Thürmer-Rohr mit ihrer Mittätertheorie wieder Bewegung in die Bewegung brachte, war weder ihr noch ihrem Publikum bewusst, dass sie damit an etwas anknüpfte, was schon im Aktionsrat und später im Sozialistischen Frauenbund ein wesentlicher Diskussionsstoff war: nämlich die Tendenz zu reaktionären Haltungen bei Frauen.

Diese lange Ausführung über die Selbstdarstellung der Frauenbewegung zeigt aber auch, dass dieses Buch eine Fundgrube ist für alle diejenigen, die jenseits akademischer Fragestellungen wissen wollen, mit welchen konkreten Visionen, Problemstellungen, Schwierigkeiten, Unzulänglichkeiten sich die neue Frauenbewegung herumschlug und noch schlägt, um auf vielen Umwegen sich doch immer wieder dem Ziel anzunähern, in dieser Welt gleichberechtigt den eigenen Ton zu finden. Wie verstimmt er sich auch bisweilen anhören mag. (****)

August 2006

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* Z.B. frauen und film wurde in vielen Frauenbuchläden nicht verkauft, weil die Zeitschrift – 1974 gegründet und immer noch existierend – bei Rotbuch erschien, also in einem „Männerverlag“. Der Zeitschrift Der Feminist, ging es ebenso, wegen des Namens, der Programm war, weil das Frauenforum München ausdrücklich eine feministische Politik propagierte, die auch Männer zu ihrer eigenen machen sollten. 

** Die Rede auf der 23. Delegiertentagung des SDS in Frankfurt/M.  Sept. 68 habe ich gehalten. Sie war die Auslöserin zur Gründung vieler Frauengruppen in allen Universitäts- und vielen anderen Städten.

*** So gab es z.B. keine unterstützenden Demonstrationen mehr für die von den Mullahs im Iran massenhaft verfolgten und hingerichteten Frauen 1978/79, die gegen ihre Entrechtung kämpften, es waren nur einzelne Frauen, wie z.B. Alice Schwarzer, die in der BRD den Protest aufrechterhielten.

**** Von Richtungskämpfen mit Konzentration auf die Kinderfrage handelt auch mein Film Mitten im Malestream – Richtungskämpfe in der neuen Frauenbewegung. www.neuevisionen.de

Luise F. Pusch am 28.08.2006

Linda Koldau: Frauen - Musik - Kultur: Ein Handbuch zum deutschen Sprachgebiet der Frühen Neuzeit

Koldau, Linda Maria.
Frauen - Musik - Kultur: Ein Handbuch zum deutschen Sprachgebiet der Frühen Neuzeit
Köln; Weimar; Wien 2005. Böhlau.
1188 Seiten, 110 EUR.

Rezension von Prof. Dr.Eva Rieger

FrauenbildLinda Koldau hat sich einem Forschungsbrachland angenähert und es nach allen Regeln der Wissenschaft gründlichst bearbeitet. In der musikwissenschaftlichen Frauenforschung bildeten aus verständlichen Gründen das 19. und 20. Jahrhundert einen Schwerpunkt der Untersuchungen; der Frühen Neuzeit näherte man sich nur zögerlich. Wie Koldau schreibt, schienen die Quellen anfangs kaum etwas herzugeben, so daß rasch der Eindruck entstand, es habe nur im engsten Rahmen – wenn überhaupt - eine Musizierpraxis von Frauen gegeben. (Dies bezieht sich auf den deutschen Sprachraum; in Italien sind beispielsweise im 17. Jahrhundert zahlreiche Musikerinnen nachweisbar.) In den 1980er Jahren gab es vereinzelte Veröffentlichungen, z.B. die von Anthony Newcomb über die allmähliche Anerkennung professioneller Musikerinnen in Italien (in Bowers/Tick 1986), sowie einige wenige Studien zu Sänge-rinnen und Instru-mentalistinnen in Italien und Frankreich, die seit der Mitte des 16. Jahrhunderts musikalisch aktiv waren, während Arbeiten zum deutschen Sprachraum kaum existieren. Mit dem verstärkten Interesse an der Aufführung, dem Studium und der Veröffentlichung auch früher Kompositionen von Frauen entstand 1994 eine erste Bibliographie (B. Garvey Jackson), die bei der Suche nach den Fundorten von Werken von Frauen Hilfe leisten konnte. Sie liefert aber noch keinen Hinweis auf die Musizierpraxis selbst.

Linda Koldau hat einen Perspektivwechsel vollzogen, der sich notwendigerweise aus der Arbeit ergab. Nach wie vor ist es allgemein üblich, der Betätigung von Frauen in der Musikkultur mit der Frage nach möglichen Komponistinnen nachzuforschen (um dann festzustellen, daß es nur wenige gab). Sie hat jedoch entdeckt, daß eine solche Frage wie eine „self-fulfilling prophecy“ wirkt und an der Struktur eines frauenspezifischen Musiklebens völlig vorbeigeht, weil Frauen eine professionelle Ausbildung, beispielsweise zum Kapellmeister damals nicht zugänglich war. Dafür waren Frauen auf dem Gebiet des Mäzenatentums und des Liebhabertums (im besten Sinne, bis hin zu professionellem Niveau) einflußreich und bedeutend. Dieser Perspektivwechsel, der die Opferperspektive verläßt und Frauen als aktive Subjekte thematisiert, trifft sich im übrigen mit entsprechenden Bemühungen auch seitens der Genderforschung.
Durch die Dreiteilung der umfangreichen Studie (Frauen an den Adelshöfen, im Bürgertum und Musik in Frauenklöstern) entsteht eine überzeugende Übersicht mit einer verzweigten Auffächerung einzelner Punkte. Die Dreiteilung ist deswegen sinnvoll, weil jeder der gesell-schaftlichen Bereiche seine beson-dere Problematik in der Entfaltung und Dokumentation der Musikausübung von Frauen aufweist.

Der erste große Block widmet sich den adeligen Frauen und der Musik an Adelshöfen, wobei sich das erste Kapitel chronologisch mit den Höfen der Habsburger befaßt, das zweite Kapitel weitere Fürstenhöfe des Hochadels behandelt, das dritte schließlich in das Lebensumfeld des niederen Adels wechselt und zudem die größtenteils vom Adel geprägten Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts berücksichtigt. Koldau weist zu Recht darauf hin, daß zwar in letzter Zeit zahlreiche Arbeiten zu den Frauen der Habsburger erschienen sind, diese jedoch darin auf ihre politischen Funktionen reduziert werden. Sie belegt dann mit großer Sorgfalt, daß und wie Frauen sich vielfältig und vielseitig musikalisch betätigten, Kontakte zu bedeutenden Komponisten pflegten (so Maria von Bayern zu Orlando di Lasso), aber auch als Mäzeninnen segensreich wirkten oder als Regentinnen Musikkapellen einrichteten. Die Überlappung deutscher und italienischer Einflüsse führte zu einem Kulturtransfer, der zu einem großen Teil Frauen zu verdanken ist (S. 63). Besonders reizvoll ist die Nachzeichnung des Weges, den die Einrichtung von Akademien nahm (S. 74ff.). Der letzte Abschnitt verdeutlicht wiederum mit wissenschaftlicher Akribie, wie allgegenwärtig die Integration der Fürstenfrauen und –töchter in das Musikleben der führenden deutschen Fürstenhöfe war, und zwar in verschiedenen Bereichen. 

Die Quellenlage ist für den zweiten großen Abschnitt der Studie, „Musik im Bürgertum“, ungünstiger als im Fall der Adelshöfe. Ein zunächst sparsames Mosaik verwandelt sich jedoch nach und nach in ein reichhaltiges und vielfältiges Bild des musikalischen Engagements. Koldau geht zunächst auf die schriftlichen Verbote und Ermahnungen ein, die den Frauen die Grenzen der erlaubten Tätigkeiten aufzeigten, um dann ihre Quellen zu nennen, die sie detailliert ausgewertet hat. Frauen sind Zielpublikum von Gesangbüchern und Musiklehren; in Widmungen wird ihre Musikausübung erwähnt, Clavierbücher zeugen von der Verbreitung des Tastenspiels unter den bürgerlichen Töchtern. Weltliche und geistliche Liedersammlungen von und für Frauen bzw. die Gesangspraxis in Gemeinde, Schule und Haushalt sind Schwerpunkte, die Koldau immer wieder mit interessanten und aufschlussreichen Ergebnissen auszuschmücken weiß. Der letzte Teil dieses Abschnitts ist den Frauen im Musikgewerbe gewidmet sowie den Spielfrauen und professionellen Musikerinnen, wobei die „Ausbeute“ zwar noch schmal ausfällt, aber dennoch eine beruflich-professionelle Tätigkeit einzelner Frauen nachgewiesen werden kann. Nach der Rolle der Frauen in Musikerfamilien ist bislang ebenso wenig gefragt worden wie nach der Arbeit und Bedeutung der Musikdruckerinnen und –verlegerinnen. Hier besteht noch ein großer Forschungsbedarf, und es ist Koldaus Verdienst, die ersten Grundlagen gelegt zu haben. (An dieser Stelle sei auf die bemerkenswerte Hypothese der Autorin verwiesen, wonach Erzherzog Ferdinand II. von Tirol möglicherweise in Nachahmung des Ferrareser Ensembles ein eigenes concerto delle dame an seinem Hof in Innsbruck eingerichtet habe. Sollte sich dieses bestätigen, stellte es eine musikhistorische Novität par excellence dar).

Auch der letzte große Abschnitt, der sich mit Musik in Frauenklöstern und religiösen Frauengemeinschaften befaßt, bedeutet für die Fragestellung nach der Rolle von Frauen im Musikleben der Frühen Neuzeit eine wissenschaftliche Herausforderung, weil bislang sowohl in der Musikwissenschaft als auch in der allgemeinen Kirchen- und Ordensgeschichte gezielte Studien zu den Frauenklöstern fehlen.  Da es zu keiner Zeit eine für alle Orden verbindliche Regelung des liturgischen Gesangs in den Frauenklöstern gab, war es schwierig, ein zusammenhängendes Bild der klösterlichen Musizierpraxis zu rekonstruieren, zumal die Zeugnisse so verstreut und versteckt sind. Koldau klärt Termini, gibt eine Einführung in die Geschichte des liturgischen Gesangs und geht dann auf einzelne Orden ein, deren Musikpflege sie rekonstruiert. Dadurch wird ein faszinierendes Panorama entfaltet; besonders hervorzuheben ist dabei die Beschreibung des Leinenschwingenfestes aus dem Klostertagebuch von 1491, das uns zum ersten Mal eine Vorstellung gibt, wie die Frauenliederbücher des 15. Jahrhunderts entstanden sein könnten, oder das scheinbar paradoxe Phänomen, daß ausgerechnet die verschärfte Klausurregelung im 17. Jahrhundert dazu führte, daß die Frauen in den Klöstern musikalisch eigenständig werden mußten, ganze Orchester gründeten und Kapellmeisterinnen und Komponistinnen wurden.

Linda Koldau listet niemals nur die Quellen auf, sondern zeigt stets den sozial- und kulturgeschichtlichen Rahmen der Musikbetätigung auf, was zu einem umfassenden Verständnis der damaligen Situation beiträgt. Das fachübergreifende Vorgehen erweist sich hier als besonders sinnvoll. Sie verweigert sich der herkömmlichen musikwissenschaftlichen Methode, Musikwerke mit den im musikalischen Kanon der Zeit enthaltenen Spitzenwerken zu vergleichen und Kleinmeister den großen Meistern zuzuordnen. Obwohl das Sammeln, Zusammentragen und Bewerten der verschiedenen Quellen einen der wichtigsten Pfeiler ihrer Arbeit bildet, achtet sie stets darauf, die musikalische Betätigung von Frauen in den Einstehungs-, Lebens- und Sozialkontext einzubetten und dadurch verständlich zu machen.  Sie folgt damit einer Maxime der Genderforschung, wonach eine neue Musikgeschichtsschreibung die Berücksichtigung sozialer Implikationen erfordert, und betreibt eine eher kulturgeschichtlich orientierte Forschung, die sich im Sinne des „Cultural Turn“ auf den Bezug zur Handlungspraxis umstellt. Insbesondere die angloamerikanische „New Musicology“ hat sich in den letzten Jahren unter der Ägide von WissenschaftlerInnen entwickelt, die das soziokulturelle Geschlecht (gender) als eine wichtige Analysekategorie anerkennen und anwenden: Musik existiert nicht unabhängig von soziokulturellen Kontexten, sie ist von zahlreichen Differenzen geprägt (Klasse, Ethnie, Geschlecht, sexuelle Präferenz, Religion, Ökonomie usw.) und sollte mit Blick auf die historisch variablen Diskurse erforscht werden. Das erkenntnisleitende Interesse achtet auf andere Schwerpunkte als bisher, beispielsweise auf die Funktion der jeweiligen Musik. Geschlechtsspezifische Konventionen herauszufinden wird sicherlich einer späteren Untersuchung überantwortet sein. Musik als „gendered discourse“ zu begreifen, bedeutet aber auch den erweiterten Blick auf die Musik als „gendered practice“.  Das könnte man beispielsweise bei einer intensiveren Untersuchung des Liedguts an Frauen- und Männerklöstern erkunden. So ist diese Arbeit nicht als Abschluß, sondern als Anfang aufzufassen, von der aus mannigfaltige Impulse ausgehen können.

Linda Koldau hat eine imponierende Studie vorgelegt, die höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Die Vielfalt der von ihr nachgewiesenen musikalischen Betätigungsfelder ist beeindruckend und auf eine fachübergreifende und minutiöse Forschungsarbeit zurückzuführen. Sie ist allen erdenklichen Spuren nachgegangen, und sie verbindet diese mit den Ergebnissen aus der Sekundärliteratur, die für sich gesehen schon sehr breit gefächert ist. Aufgrund des Umfangs des behandelten Zeitraums und der komplexen Quellenlage kann die Recherche als hervorragend bezeichnet werden, denn das Wissen um die Existenz und Verfügbarkeit historischer Quellen mußte erst geschaffen werden. Obwohl sie sich in dieser Studie nicht explizit mit den Ergebnissen der Genderforschung auseinandersetzt, hat Koldau in deren Sinne gearbeitet. Die Kategorie Geschlecht wird zwar weder theoretisch noch methodisch thematisiert, dafür aber auf der Ebene der Fragestellung. Damit ist eine Darstellung gelungen, von der mit größter Sicherheit behauptet werden kann, daß sie als musikgeschichtliches Standardwerk gelten wird.

Eva Rieger, Vaduz, 7. März 2005
(für FemBio leicht bearbeitet und gekürzt von Luise F. Pusch)

weitere Rezensionen:
Claudia Opitz, Universität Basel
Pressetext zur Verleihung des Cornelia-Goethe-Preises an Linda M. Koldau, 2005
Gerhard R. Koch, FAZ

Luise F. Pusch am 27.08.2006

Bettina Röhl: So macht Kommunismus Spass

FrauenbildSo macht Kommunismus Spass. Ulrike Meinhof, Klaus Rainer Röhl und die Akte Konkret
von Bettiina Röhl.
Deutsche Verlagsanstalt 2006.
677 Seiten, EUR 29,90

Vorgeschichten und Mutationen

Rezension von Helke Sander

Wenn die Mutter Ulrike Meinhof hiess, der Vater Klaus Röhl ist, SIE lange Chefredakteurin, ER Herausgeber der Zeitschrift Konkret war, für die das Geld aus der DDR kam, wenn beide sowohl Mitglieder der Kommunistischen Partei (Meinhof bis zu ihrem Tod) als auch Teil der Hamburger Mediengesellschaft waren, bis die Mutter die Kinder zugunsten eines Lebens im Untergrund verliess und sich mit spätpubertierenden und grössenwahnsinnigen und in ihren Geschlechterrollen sehr verunsicherten jungen Männern und Frauen zusammentat, die den Umsturz der bundesrepublikanischen Gesellschaft planten, um sie besser zu machen und am Ende eine Spur von Leichen hinter sich liessen sowie verschärfte Gesetze für alle, wenn also eins der Kinder dieses Paares ein Buch schreibt über die eigenen Eltern, dann greift man mit einer gewissen Furcht danach. Weil man selber zur Elterngeneration gehört, ein paar Hintergründe und einige der Protagonisten des Buches kennt oder kannte. Wird die Tochter die Eltern verherrlichen oder verdammen, wird sie von Anekdote zu Anekdote eilen, wird nur das verletzte, sich endlich rächende Kind sprechen, will sie auch noch ihren Schnitt beim Thema RAF machen, wenn schon andere Spiel-und Dokumentarfilme darüber machen? Nichts war vorher ausgeschlossen, alles war zu befürchten und für alles wäre sogar Verständnis da gewesen.

Aber Bettina Röhl hat etwas Erstaunliches geleistet: Sie hat ein überaus materialreiches Buch über deutsche, hauptsächlich Hamburger Intellektuelle in den fünfziger und sechziger Jahren geschrieben, indem sie die Geschichte des Entstehens und Werdens der Zeitschrift KONKRET verfolgt, alte noch lebende Mitarbeiter aufsucht und befragt und dabei fast zwangsläufig DIE Intellektuellen dieser Zeit beschreibt. Dabei entsteht für mich ein noch gut erinnertes aber selten beschriebenes Nachkriegsbild. Bettina Röhl ist eine besessene Rechercheurin, mit vielleicht ein bisschen zuviel Hinwendung zum Hamburger Prominentenklüngel. Anderseits gehören diese Namen zum Inhalt des Buches. Ob sie nun Heinemann oder Enzensberger oder Rau oder Rühmkorf hiessen; Wenn sie berühmt waren, berühmt werden wollten, Männer waren, etwas zu sagen hatten oder dies von sich glaubten, dann sagten sie das seinerzeit in KONKRET oder sie wurden wenigstens dort das Objekt von Kritik. Die einzige Königin im Bau war Ulrike Meinhof und offenbar duldete sie auch keine andere Frau neben sich.

Das Buch beschreibt den Hintergrund zum späteren Vordergrund:

Die Familien Meinhof und Röhl, die Kindheiten der Eltern, beider Jugend und Engagement. Ulrike Meinhof erlebt ihre ersten Erfolge als Aktivistin bei den Ostermärschen, wo sie als kommende Rosa Luxemburg gefeiert wird bis hin zur Glanzzeit von Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl in der Hamburger Gesellschaft, zu der sich beide bald zählen durften mit Geld, Ruhm, Sylt-Urlauben an der richtigen Buhne (16), bei gleichzeitiger, heimlich genossener Wichtigkeit über ihre Untergrundarbeit, sich auf der richtigen Seite wissend, weil ausgehalten durch die DDR, das Schillernde, Anrüchige auch geniessend.

Die vielen Leute in Hamburg haben Namen, die später in Berlin wichtigen dann kaum mehr. Sie bleiben merkwürdig blass. Die Berliner setzten sich ganz anders zusammen: bis auf die späteren RAF-Leute waren es normale, nicht berühmte, eher arme, oft sehr junge WG-Mitglieder, Kinderladenleute, Politstudenten- und Studentinnen, (mit denen Meinhof bei Vorträgen z.B. die Kasse klaute), unter ihnen immerhin einige, die das Leben für die Meinhof-Kinder erträglich machten, als die Mutter schon im Untergrund war. Diese Leute sind offenbar nicht im Bewusstsein der Autorin, was ich nur feststelle und nicht bewerte. Das Fehlen dieser Namen schafft aber doch ein Problem, wie mir scheint. Nämlich das Problem, diese Zeit zu erfassen und jenseits der berechtigten Röhl-Kritik an der Anfälligkeit für den Maoismus beispielsweise und an allen Auswüchsen und Blödsinnigkeiten, die sich auch mit der Studentenbewegung verknüpfen lassen, die kurze Zeit zu begreifen, in der radikales Fragen erlaubt war und sich gegenseitig förderte. Die sektiererischen späteren fundamentalistischen Gruppen, seien sie nun RAF, KPD/AO, ML oder was immer, waren ja der unglückliche Versuch, die aufgebrochenen Fragen einzuschränken und zu einfachen Lösungen zu finden.

Auch heute noch haben die Zeitschrift und der Name Meinhof einen solchen Klang, dass es Bettina Röhl offenbar ohne Schwierigkeiten gelang, auf allen offiziellen Ebenen, sei es beim früheren Bundespräsidenten oder bei Kommunistenführern Zugang zu bekommen und lange Gespräche führen zu können. Dabei fällt dann auf, dass es über Leute wie Jan Carl Raspe, Holger Meins oder Horst Mahler, Männer also, die auch am Anfang der RAF standen, praktisch keine ernsthaften Bücher gibt, über Ulrike Meinhof, die ja schon ein Star war, als sie dazu stiess, aber massenhaft. Es ist hier offenbar noch etwas anderes am Werk, das Patty-Hearst-Syndrom, die Faszination der Prinzessin, die zum Aschenputtel wird, wobei sich Patty Hearst wieder rückverwandelt hat in die Prinzessin, die Dollar-Millionärin, während ihre Kampfgenossen z.T. noch heute im Gefängnis sitzen, wenn sie nicht schon dort gestorben sind. Das Drama von Ulrike Meinhof war, dass sie nicht mehr zurück konnte, es vielleicht nicht wagte, sich mit den Scherben ihres Lebens und ihres Irrtums zu konfrontieren.

Bettina Röhl interpretiert wenig, sie sammelt Fakten. Das ist sehr wohltuend und muss für die schreibende Tochter schwer gewesen sein, aber auch ein Anreiz. Sie hat eine Mutter, die sie nur als kleines Mädchen kannte, die aber gewissermassen bei jedem ihrer Gegenüber präsent ist. Das lässt sich fast nicht vermeiden und ist eine Bürde. Am Schluss bleibt jedenfalls die Erkenntnis, dass die Tochter ihren eigenen Ton singt und sich nicht mehr an der Mutter abstrampeln oder messen muss.  Sie ist für sich genommen einfach eine interessante Autorin.

© Helke Sander Juni 2006

Luise F. Pusch am 25.06.2006

Widerspenstige Rebellinnen Suffragetten

FrauenbildHannelore Schröder
Widerspenstige Rebellinnen Suffragetten
ein-Fach-verlag, Aachen 2001.

Gastkommentar von Birgit Rühe

Das Manuskript von Hannelore Schröders Widerspenstige Rebellinnen Suffragetten lag 20 Jahre in der Schublade, bis es im Jahr 2001 veröffentlicht wurde. Der schonungslose Text, der ursprünglich ein Projekt der Hessischen Landeszentrale für Politische Bildung gewesen war, fand wegen seiner frauenpolitischen Brisanz damals keine Veröffentlichung.

Hannelore Schröder, Philosophin und eine der ersten feministischen Politikwissenschaftlerinnen, gehört zu den Frauen, die Ende der siebziger Jahre an den Männerbünden der Universitäten (in ihrem Fall Göttingen) scheiterten.

Auch an der Universität Amsterdam, wo sie als erste Dozentin Frauenstudien-Sozialphilosophie lehrte, arbeitete sie unter so unzumutbaren Bedingungen, dass sie in Hungerstreik trat (Foto am Ende des Buches), um ihre Rechte einzuklagen.

Ihr scharfer analytischer Blick spiegelt auch die Verbitterung über das eigene wissenschaftliche Schicksal. Die Passagen über den Aufbruch der Frauen in England (1969 -1979) und in Deutschland (1970-1980) sind polemisch scharf formuliert.

Hannelore Schröder war selbst Aktivistin der Frauenbewegung. Sie hält es für tragisch, dass es nicht gelang, eine Frauenpartei als wirkungsvolle Gegenmacht aufzubauen, um Fraueninteressen durchzusetzen.

Durchweg spannend und informativ - und da werden die intellektuellen Möglichkeiten dieser Wissenschaftlerin deutlich - ist die Geschichte des Aufbruchs seit 1792 in England und seit 1843 in Deutschland. Die Pankhursts in England, Louise Otto in Deutschland… Damals waren selbst die Töchter von Göttinger Professoren Analphabetinnen. Und von Marianne Friederike Bürger (Tochter des Dichters) sagt ihre Freundin: “Ich glaube,...dass es Dein Hauptfehler ist, dass du zu viel Verstand hast.”

Wie wichtig ist es für Frauen, um ihre Wurzeln zu wissen!

Hier Inhaltsangabe und Auszüge

Luise F. Pusch am 13.06.2006

Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn

FrauenbildMartin Doerry (Hg.):
Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn 1900 -1944.
dtv. München 2004 (Erstausgabe 2002) EUR 10

Gastkommentar von Birgit Rühe

Von all den Veröffentlichungen zum Holocaust sind die Briefe zwischen Lilli Jahn und ihren Kindern wohl eines der ergreifendsten Zeitdokumente.
Lilli Schüchterer, aus wohlhabender jüdischer Familie stammend, wurde Ärztin. Sie heiratete ihre große Liebe, den protestantischen Studienkollegen Ernst Jahn und gründete mit ihm eine erfolgreiche Praxis in Immenhausen bei Kassel.
Mit dieser Lebensentscheidung legte sie den Grundstein für ihr tragisches Schicksal. Ihr Mann ließ sich 1942 von ihr scheiden und heiratete eine ‘arische’ Kollegin, obwohl das Paar fünf gemeinsame Kinder hatte. Lilli wurde am 30. August 1943 durch die Gestapo verhaftet und in das Arbeitserziehungslager Breitenau bei Kassel gebracht. Im Juni 1944 starb sie im Konzentrationslager Auschwitz.
Es waren die Kinder, vor allem ihre Töchter Ilse, Johanna und Eva, die in liebevollen, hilflosen, erschütternden Briefen den Kontakt zu ihrer Mutter aufrecht erhielten und ihr das Leben im Lager auf alle nur erdenkliche Weise zu erleichtern suchten.
Dagegen stand die Gleichgültigkeit der Erwachsenen.
Lilli Jahn gelang es, vor ihrer Deportation nach Auschwitz die Briefe aus dem Lager zu schmuggeln, wahrscheinlich durch eine Aufseherin, die ihr diesen letzten Gefallen tat.
1999 fanden sich die Briefe dann im Nachlaß ihres ältesten Sohnes Gerhard Jahn (Bundesjustizminister im Kabinett Willly Brandt). Er hatte zeitlebens eine Veröffentlichung der Briefe scharf angelehnt und auch unterbunden.
Martin Doerry, ein Enkel Lillis, (Sohn ihrer ältestenTochter Ilse, heute stellvertretender Chefredakteur beim ‘Spiegel’) hat das Leben der Lilli Jahn rekonstruiert und ihren Briefwechsel mit den Kindern aufgezeichnet: ‘Aber die Zeit scheint reif für eine Rekonstruktion dieser - nur auf den ersten Blick - privaten Katastrophe.’ (Martin Doerry).  Entstanden ist ein Dokument, das neben dem Tagebuch der Anne Frank seinen Platz hat.

Luise F. Pusch am 28.05.2006

Mein verwundetes Herz. Das Leben der Lilli Jahn (2 CDs)

FrauenbildMein verwundetes Herz: Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944.
Hg. Martin Doerry. 2 CDs.
Gesprochen von Martin Doerry, Sunnyi Melles und Beate Jensen
Der Audio Verlag, Dav (2003).
EUR 19,95

Alle, die nicht genug Zeit (und vielleicht auch nicht die seelische Kraft) haben, die 350 Seiten des Buches Mein verwundetes Herz: Das Leben der Lilli Jahn 1900-1944 zu lesen, können es mittels dieser Hörfassung wenigstens kennenlernen. Und kennenlernen sollten es alle.

Die beiden Sprecherinnen Sunnyi Melles und Beate Jensen und der Sprecher (und Herausgeber und Enkel von Lilli Jahn) Martin Doerry leisten Außerordentliches. Doerry nimmt sich völlig zurück; er läßt die Fakten sprechen - wohl die einzig mögliche Art der Vermittlung bei so einem Stoff: Doerrys Großvater, der Arzt Ernst Jahn, lieferte Doerrys Großmutter, die Ärztin Lilli Jahn, den Nazis aus. Doerrys Mutter, die Tochter Ilse Jahn, ging daran fast zugrunde.

Sunnyi Melles als Lilli Jahn und Beate Jensen als ihre Tochter Ilse vermitteln die Angst, Verzweiflung und Zärtlichkeit dieser Briefdokumente mit beklemmender Intensität. Ich konnte mich nicht entziehen und habe beide CDs ohne Pause bis zum Ende angehört.

Es gibt inzwischen viele Erinnerungsbücher über die Nazizeit. Dokumente wie diese, die unmittelbar aus der Zeit des Terrors stammen, sind seltener. Wir haben das Tagebuch der Anne Frank, die Aufzeichnungen von Viktor Klemperer. Einen Briefwechsel wie diesen, der neben dem Leid Lilli Jahns auch das Leid ihrer Kinder zur Sprache bringt, die tödliche Angst um die Mutter haben und den Krieg ohne sie überstehen müssen, was wiederum die Mutter schier in den Wahnsinn treibt, kenne ich nicht.

Diese beiden CDs gehören zum Besten, was ich in den letzten Jahren gehört habe. Und ich höre sehr viele Hörbücher. 

Luise F. Pusch am 28.05.2006

Frauen vom Hof der Welfen

Frauen vom Hof der Welfen
20 Biographien von Elisabeth E. Kwan und Anna E. Röhrig
256 Seiten. Matrixmedia 2006. EUR 19,50

gelesen von Birgit Rühe

Die Schlösser und Parks beleben sich wieder. Ein immer gleiches Spiel aus Intrigen, Liebeshändeln, Skandalen, eine unterhaltsame Geschichtsstunde, die interessante Details aus der Vergessenheit zurückruft. Spürbar die Freude beider Autorinnen am Auffinden versteckter Kostbarkeiten aus dem Leben dieser priviligierten Frauen - einem oft tragisches Leben aus Abhängigkeiten und Schwangerschaften.

FrauenbildDa ist z.B. das Schicksal der Eva von Trott (1506 - 1567), Geliebte des Herzogs von Braunschweig-Wolfenbüttel, offiziell an der Pest gestorben, in Wirklichkeit versteckt auf immer anderen Schlössern. Sie gebar ihm acht Kinder und geisterte als Gerücht von der weißen Frau durch die Köpfe der Menschen.

Ganz anders handelte Herzog Rudolf von Braunschweig: er heiratete die bürgerliche Rosina Elisabeth Menthe (1668 - 1701), überließ die Regentschaft seinem Bruder und entschied : Eine rechte Liebe wolle auch eine rechte Hand haben (eine Anspielung auf “Ehen zur linken Hand").

Da ist der “Krimi” um Sophie Dorothea (1666 - 1726), die es wagte, den Grafen Königsmarck zu ihrem Liebhaber zu machen und zur Strafe 32 Jahre lang, bis zu ihrem Tod, in der Verbannung in Ahlden leben mußte. Elisabeth Christine Ulrike von Braunschweig (1746 - 1840) hatte das gleiche Schicksal. Aber sie ging erstaunlich selbstbewußt mit ihrer Situation um. Ihre Verbannung nach Stettin nahm sie gelassen hin. Sie wurde 93 Jahre alt und war so beliebt, daß ihr zu Ehren bei ihrem Tod alle Glocken der Stadt läuteten. - Bei den “alten Kerls in Braunschweig” wollte sie nicht begraben sein und baute sich ein eigenes Mausoleum in ihrem geliebten Park.

Charlotte von Großbritannien (1796 - 1817), die sich in einen Kapitän verliebt hatte, wurde von ihrem Vater im düsteren Warwick House isoliert, und er gab die Anweisung: “Denken Sie daran,… daß Charlotte diese unsinnige Idee, einen eigenen Willen zu haben, ablegen muß.”

Geburten konnten zum Horror werden. Unter den Medizinern der führenden Schicht herrschten Eitelkeit, Neid und Unwissen. Auch Charlotte starb mit 22 Jahren im Kindbett.

Caroline Mathilde, die später zusammen mit dem Arzt Struensee in Dänemark Reformen durchzusetzen versuchte, wuchs als achtes Kind einer fast bürgerlich lebenden Familie in England auf. Ihre Mutter, Augusta von Sachsen-Coburg-Altenburg, legte den berühmt gewordenen botanischen Garten von Kew an.

Anna Amalia (1739 - 1807), Musenfürstin von Weimar, wird - eine gelungene Überraschung für Leserinnen und Leser - als Geliebte Goethes geoutet, Frau von Stein war nur die vorgeschobene “Strohfrau”, um die Beziehung zu tarnen. Goethe wollte mit Anna Amalia nach Amerika fliehen, um dort ein gemeinsames bürgerliches Leben zu führen. Die Gerüchteküche brodelte. Der Herzog, Anna Amalias Sohn, stellte Goethe zur Rede. Er gestand und “floh” von Karlsbad aus nach Italien.

Immer wieder spannend der feministische Blick der Autorinnen: “Die im sechsten Monat schwangere Sechzehnjährige mußte sich sagen lassen, Prinz Friedrich könne ihr gegenüber niemals Unrecht haben, denn Gott wolle, daß die Frau gehorche.” So ist hier ein Buch entstanden, daß Geschichte und Geschichten einmal anders erzählt, eben aus dem Blickwinkel der Frauen vom Hof der Welfen. 

Luise F. Pusch am 27.05.2006

Waris Dirie – Nomadentochter

FrauenbildWaris Dirie
Nomadentochter

Blanvalet Verlag München 2002, 287 Seiten, EUR 21,90

Gastkommentar von Birgit Rühe:

Nomadentochter ist das zweite Buch von Waris Dirie. Mit ihrem ersten Buch Wüstenblume schrieb sie einen Bestseller, rüttelte auf, faszinierte, erschütterte.
Waris Dirie kommt aus Somalia, aus einer Nomadenfamilie vom Stamm der Darod. Die Familie zog mit ihren Tieren von Wasserstelle zu Wasserstelle; es war ein ständiger Kampf ums Überleben. Als Fünfjährige erlebte Waris Dirie ihre Geschlechtsverstümmelung als einschneidenden Lebensschock. Die Dreizehnjährige wollte ihr Vater an einen alten Mann verheiraten. Waris gelang die Flucht durch die Wüste. Sie schaffte es, nach London zu kommen, wurde als Model entdeckt, machte Karriere in New York. Inzwischen ist Waris Dirie Sonderbotschafterin der UNO zum Thema Genitalverstümmelung.
Auch ihr zweites Buch will die Menschen für dieses Thema sensibilisieren. Waris Dirie erzählt, wie sie nach über zwanzig Jahren ihre Familie in Somalia besucht. Sie erlebt das eigene Zerrissensein zwischen den Kulturen, die skandalöse Unterdrückung der Frauen in dem von Krieg, Chaos und Fanatismus gebeutelten Somalia. Aber sie findet auch ihre Eltern und Geschwister wieder, erlebt familiäre Nähe und Wärme, entdeckt die Schönheit der Wüste neu. Es ist eine Rückkehr zu den Wurzeln, ein Versuch, das moderne, aufreibende Leben in New York zu relativieren (Waris Dirie hat dort einen acht Monate alten Sohn und einen Mann, von dem sie sich trennen will, trennen muss). Wie gern nähme sie ihre Mutter mit zurück nach New York, dass sie “meinem Sohn, meinem Leben Frieden brächte.” Aber die Mutter hat immer in dem kargen Land gelebt. Sie kennt nichts anderes und will nicht fort. Sie besitzt etwas, “das mehr wert ist als aller Reichtum des Westens. In ihrem Leben herrschen Gelassenheit und Frieden.” Doch der Weg der Tochter ist ein anderer. Sie fragte sich schon als Kind: Warum ist ein Kamel wichtiger als eine Tochter?

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Luise F. Pusch am 30.04.2006

Douglas Adams u.a. – Sinn des Labenz

FrauenbildDer tiefere Sinn des Labenz
Das Wörterbuch der bisher unbenannten Gegenstände und Gefühle.

Douglas Adams, John Lloyd und Sven Böttcher

334 S. Deutsch/Deutsch, Englisch/Englisch.
Illustrationen von Bert Kitchen
Heyne TB, München 1996

Mein Kommentar:

Am 11. Mai 2001 starb Douglas Adams mit 49 Jahren völlig unerwartet an einem Herzinfarkt. Ich habe seine Millionenbeststeller, angefangen mit Per Anhalter durch die Galaxis, leider alle noch nicht gelesen, aber ich LIEBE sein Buch Der tiefere Sinn des Labenz (im Original: The deeper meaning of Liff) und war deshalb sehr traurig über diesen Verlust.
Liff ist eine Ortschaft in England, Labenz heißt ein Kaff in Deutschland. Die Idee dieses gänzlich alternativen Lexikons ist, die vielen Wörter, die “nutzlos auf Ortsschildern herumstehen”, mit Konzepten und Gegebenheiten sinnig zu verbinden, für die es trotz großer Dringlichkeit noch immer keine Wörter gibt - ein bekanntlich auch zutiefst feministisches Anliegen. Sven Böttcher übertrug die geniale Idee von Adams und Lloyd ins Deutsche und fand hier jede Menge “Paarungen” - manche durchaus fragwürdig bis sexistisch, aber wegen der famosen Grundidee und Böttchers wortschöpferischer Virtuosität drücken wir mal ein Auge zu und freuen uns z.B. über die Umfunktionierung des Ortsnamens Hemme zur Bezeichnung von “Personen, die erst gegangen sein müssen, bevor es auf einer Party richtig lustig wird” (oder so ähnlich, ich habe mein Exemplar gerade nicht zur Hand).
Ich benutze das Buch oft als Einstieg und Anregung für Wortspiel-Feminare. Es animiert die Feminar-Teilnehmerinnen zu den schönsten Kreationen. So wurde etwa der österreichische Ortsname Liesing erkannt als Bezeichnung eines “Mannes für gewisse Stunden”. Graz dient nunmehr als Gegenstück zur Grazie und bezeichnet einen “graziösen Herrn.” Kaum hatten wir das Wort ernannt, entdeckten wir auf den Straßen lauter flanierende Graze, möglicherweise gar Liesinge ...

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Luise F. Pusch am 30.04.2006

Ilse Aichinger – Die größere Hoffnung

FrauenbildIlse Aichinger
Die größere Hoffnung

Neuauflage 2000 – gebunden – 253 S.
S. Fischer – EUR 14,32

Gastkommentar von Birgit Rühe:

Es ist, als hinge der graue Winterhimmel auf einmal tiefer über dem Dorf, als stünde eine fahle Sonne bleicher über meinem Garten, als ergriffe mich eine Trauer, die aus Ilse Aichingers Roman Die größere Hoffnung aufsteigt, eine Trauer, die so alt ist wie Krieg, Angst, Verfolgung überhaupt.
Ilse Aichinger schrieb dieses Buch 1948 mit 27 Jahren. Es hat auch nach 53 Jahren - obwohl wir seither viel gelesen haben über diese dunklen zwölf Jahre - nichts von seiner literarischen und geistigen Gültigkeit verloren. Die größere Hoffnung ist aus einem tiefen Wissen um Fremdheit und Ausgestoßensein heraus geschrieben.
Ilse Aichinger, 1921 in Wien geboren (am 1. November 2001 feierte sie ihren 80. Geburtstag), überlebte die Kriegsjahre mit ihrer jüdischen Mutter, einer Ärztin, in einem Zimmer in Wien in der Nähe der Gestapo. Ihre Zwillingsschwester konnte mit einer Tante nach England fliehen. Die Großmutter wurde deportiert. Diese biografischen Hintergründe spiegeln sich verschlüsselt im Roman:
“ - und da stimmt ja auch etwas mit den Großeltern nicht: zwei sind richtig und zwei sind falsch!” schreit das Mädchen Ellen. Sie kämpft verzweifelt um ein Visum, denn ein Visum ist “Die große Hoffnung”; bis dieser seltsame, hilflose Konsul sie selbst ihr Visum unterschreiben läßt ...
Es sind gespenstische, groteske, surreale, immer neue Situationen und Bilder um das Thema Krieg, Verfolgung, Deportation. Nur einzelne Wörter wie Stern, Jude, Visum, Amerika, Polen tauchen in einer Fülle fantastischer Situationen und Geschichten auf, in deren Mittelpunkt das Mädchen Ellen steht. Sie schließt sich den jüdischen Kindern an, die am Kai unter den Brücken spielen, auf dem alten Friedhof den Kutscher erwarten, der sie über die Grenze bringen wird. Aber er fährt nur im Kreis, denn alle Grenzen sind schon geschlossen.
Ellen trägt keinen Stern, und die Großmutter hat ihr verboten, einen zu tragen. Darum ist sie die einzige, die beim Konditor die prächtige Geburtstagstorte für Georg kaufen kann. Die Kinder mit dem Stern - Herbert, Ruth, Bibi, Leon und Georg - sitzen um den Tisch und warten auf Ellen. Aber Ellen hat sich selbstbewußt den Stern angeheftet. Sie will dazugehören. Die Konditoreibesitzerin verkauft Ellen die Torte nicht und wirft sie hinaus.
“Der Stern bedeutet den Tod”, sagt Bibi.
Ellen will mitspielen, als die Kinder das Weihnachtsspiel proben in dem verlassenen, dunklen Mietshaus. Maria und Josef, der Stern, drei Landstreicher als Heilige Drei Könige… Immer wieder unterbricht schrilles Klingeln das Spiel. Die Kinder lassen den großen Fremden herein.
“Warum spielt ihr im Dunkeln?” fragt er.
“Wir sehen besser so!”
Der Fremde spielt mit. Dann weint er, denn er soll die Kinder aufhalten, bis sie fortgebracht werden. Er ist ein Häscher.
Auch die Großmutter ist gestorben. Ellen irrt allein durch die belagerte Stadt. Auf der Suche nach den Kindern gerät sie in die Hände der Polizei:
“Wie heißt du?”
“Mein Halstuch ist himmelblau”, sagt Ellen, “und ich sehn mich weg von hier.” Durch Ellens seltsame Antworten beflügelt, beginnen auch die Polizisten Unerwartetes und Ungewöhnliches zu sagen. Der Oberst tobt. Eine verwandelte Wirklichkeit mit biblischen Anklängen.
Die Stadt wird von den fremden Soldaten erobert. Ellen wird verschüttet. Die Schlachthöfe stehen offen. Sie trifft den fremden Soldaten Jan. Auch er will nach Hause, auch er will zu den Brücken. So gehen sie zusammen. Die Stadt brennt. Ellen versorgt den verwundeten Jan, entzündet ein Feuer in einem verlassenen Haus. “Noch immer hielt Jan den heilen Arm um Ellen.”
Aber Ellen geht allein weiter. “Zu den Brücken muß man allein.”
“Nicht dorthin!” schreit eine Frau. Doch Ellen geht todesmutig weiter, so wie sie immer ihren Weg gegangen ist.
Es folgt ein Dialog mit dem toten Georg.
“Georg, die Brücke steht nicht mehr!”
“Wir bauen sie neu!”
“Wie soll sie heißen?”
“Die größere Hoffnung, unsere Hoffnung!”
“Georg, Georg, ich sehe den Stern!”
Das vielschichtige Motiv des Sterns ist nur eines, wenn auch das wesentlichste, in einer Fülle von Mythen, Symbolen, Geschichten und Bildern, die diesen Roman ausmachen. Immer lebt im Dunkel die Hoffnung, die größere Hoffnung.
Eine explodierende Granate zerreißt Ellen, als sie auf den zersplitterten Rest der Brücke springen will.
“Über der umkämpften Brücke stand der Morgenstern.”
So endet der Roman.

Das Bild des Sterns findet sich wieder in Ingeborg Bachmanns Gedicht Alle Tage: ...
Die Uniform des Tages ist die Geduld,
die Auszeichnung der armselige Stern
der Hoffnung über dem Herzen ...

Nach dem Krieg beginnt Ilse Aichinger ein Medizinstudium, das sie nach sechs Semestern abbricht, um ihren Roman Die größere Hoffnung zu schreiben.

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Luise F. Pusch am 30.04.2006

Ingeborg Bachmann – Werke

FrauenbildIngeborg Bachmann
Werke in vier Bänden

Piper TB, Oktober 1993
EUR 39,90

Mein Kommentar:

Die maßgebliche Ausgabe der Bachmannwerke in der wohlfeilen Taschenbuchausgabe. Für die, die lieber NOCH Handlicheres hätten, empfiehlt sich die von Ingeborg Bachmann 1964 selbst zusammengestellte Auswahl “Gedichte, Erzählungen, Hörspiele, Essays”, in der allerdings das gesamte, für Frauen so relevante, Spätwerk fehlt.

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Luise F. Pusch am 30.04.2006

Ida Baker – Katherine Mansfield

FrauenbildEin Leben für Katherine Mansfield. Erinnerungen.
von Ida Baker

315 Seiten – Fischer-Taschenbuch
Frankfurt/Main 1998

Mein Kommentar:

Diese wichtige biographische Quelle zu Katherine Mansfield, gerade mal vor drei Jahren im TB auf Deutsch erschienen (das Orginal erschien 1971), fand ich vor ein paar Monaten im Ramsch, wo die meisten frauenrelevanten Bücher des Fischer-TB-Verlags immer erstaunlich schnell landen. Also eilen Sie in Ihre Buchhandlung, vielleicht finden Sie noch ein Exemplar, vielleicht sogar zum Ramschpreis.

Katherine Mansfield gehörte schon während der Schulzeit zu meinen Lieblingsautorinnen. Aus ihrer 20 Jahre, bis zu ihrem Tod, währenden verkorksten Beziehung zu Ida Baker (genannt LM), die sie in ihren Briefen mal verleumdet und mal vergöttert, bin ich allerdings nie richtig schlau geworden. Ida Bakers Erinnerungen bringen etwas Licht in die verfahrene Chose. Was herauskommt, ist nicht schön. Ida Baker war der charismatischen, tuberkulösen Katherine bedingungslos ergeben. Wegen ihrer tödlichen Krankheit war Katherine zunehmend auf Hilfe angewiesen, die ihr Mann, der Literat J.M. Murry, nicht geben wollte oder konnte. Katherine brauchte Ida, aber deren Unterwürfigkeit ging ihr oft auf den Geist. Ida übernahm alle Aufgaben, die bei männlichen Genies üblicherweise der züchtig waltenden Ehefrau zufallen. Aber die entsprechenden bürgerlichen Belohnungen und Sicherheiten einer Ehefrau hatte sie gerade nicht, im Gegenteil - ihr Status war sowohl gesellschaftlich als auch in dem Dreieck Mansfield-Murry-Baker äußerst prekär.

Das Buch ist sehr interessant, aber quälend zu lesen. Eine geniale Frau, die wir gern auch bedingungslos verehren würden, beutet die andere aus, weil sie aus eigener Kraft nicht mehr existieren kann, weil ihr Ehemann zur Fürsorge nicht fähig ist - und weil die Ausgebeutete, in sehr weiblicher Manier, dies alles mit sich geschehen läßt. Zum Kotzen.

Luise F. Pusch am 30.04.2006

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Hedwig Dohm