Rachel Carson – Always, Rachel

FrauenbildAlways, Rachel:
The Letters of Rachel Carson and Dorothy Freeman, 1952-1964.
The Story of a Remarkable Friendship

von Rachel Carson

1995. Hg. Martha Freeman. Boston.
Beacon Press. EUR 21,60

Mein Kommentar:

Das Dokument einer großen Liebe

Im Jahre 1995 veröffentliche Martha Freeman große Teile des Briefwechsels zwischen ihrer Großmutter, Dorothy Freeman, und der berühmten Autorin Rachel Carson, die 1962 mit “Silent Spring” (Der stumme Frühling), der “Bibel der Ökologie” die Welt aufgeschreckt hatte. Was wir nun erstmals zu lesen bekamen, war das ebenso bewegende wie ausführliche Dokument einer großen und - für heutige Begriffe - ganz ungewöhnlichen Liebe.
Frau kann süchtig werden nach den wunderbaren, tief empfundenen und anscheinend niemals erlahmenden bzw. unwillkommenen Liebeserklärungen dieser beiden Frauen im besten Großmutteralter. Wir denken doch meist, die große Liebe gibt es nur im Roman oder im Kino. Die Lektüre der Briefe wirkt da wie ein kräftiges Heilmittel gegen unsere aufgeklärte Resignation: Tatsächlich, so etwas gibt es? Wie erstaunlich, wie wunderbar - und wie tröstlich.
Wenn frau auf angenehmste Weise wirklich gutes Englisch lernen möchte, sollte sie sowieso alles von Rachel Carson lesen, wieder und wieder. Der Erfolg wird nicht ausbleiben.

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Luise F. Pusch am 30.04.2006

Doris Dörrie – Das blaue Kleid

FrauenbildDoris Dörrie
Das blaue Kleid. Roman.

Diogenes Verlag AG Zürich 2002, 178 Seiten, EUR 16,90.

Gastkommentar von Birgit Rühe:

Ein Buch, das in die Handtasche passt, nur gut 170 Seiten zählt und beim Lesen traurig stimmt, weil es viel zu schnell zu Ende sein wird ... Florian und Alfred haben das blaue Kleid aus knisterndem Organzastoff entworfen. Babette hat es gekauft: “… dieses Kleid wird Ihr Leben verändern!” ruft Alfred. Viel ist seither geschehen. Die Geschichte führt uns an die entlegensten Orte, in die skurrilsten Situationen: zum Beispiel auf den alten Friedhof von Schwabing, den der Anästhesist Thomas als Jogger umkreist. Babette findet ihn dort und ihre verquere Liebe führt sie unter anderem zusammen in das Labyrinth eines Maisfeldes. Schauplätze wie Bali, Mexiko, Bayern, Venedig, ..., Vor- und Rückblenden, Liebe, Verlust, Trauer ... miteinander verwoben zu einem vielfarbigen Teppich des Lebens. In die gelegentlich surrealistischen Situationen eingewoben ist ein leises, fragendes Nachdenken über Liebe und Tod. Dann wird die Sprache einfach und einfühlsam. Nie gibt es Antworten, nur immer neue Weisen der Begegnung. Die Fülle der Farben und Situationen erinnern an das Panorama eines mittelalterlichen Marktes mit einer bunten Bühne in der Mitte und Schauspielern, die die Weise von Liebe und Tod immer neu und anders erzählen – natürlich mit einem Happy-End nach der letzten schauerlichen Szene.
Als ich so begeistert über Das blaue Kleid schrieb, saß ich unter einem alten, ganz mit Knöterich überwucherten Kirschbaum, und der Wind warf unzählige kleine, weiße Blüten auf mein Blatt.

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Luise F. Pusch am 30.04.2006

Lebenswege von Musikerinnen im “Dritten Reich” und im Exil

FrauenbildArbeitsgruppe Exilmusik Hamburg (Hg)
Lebenswege von Musikerinnen im “Dritten Reich” und im Exil

Hamburg 2000: von Bockel Verlag. 415 S.
Musik im “Dritten Reich” und im Exil, Bd. 8

Gastkommentar von Prof. Dr. Eva Rieger:

Exilforschung beschränkte sich im Musikbereich weitgehend auf Männer, was auch mit der Erreichbarkeit der Quellen zusammenhängt. Nun aber hat sich eine Arbeitsgruppe auf die Erforschung exilierter Musikerinnen spezialisiert und durch akribische Suche eine forschungsgeschichtlich wie menschlich im höchsten Maße bewegende Sammlung präsentiert. Aus der Fülle der versprengten Spuren filterten die HerausgeberInnen 14 Namen heraus – von der Diseuse Cissy Kraner über die Operettendiva Gitta Alpár bis hin zur Komponistin für Modernen Tanz Pia Gilbert. Der Band wird durch ein Nachwort von Peri Arndt ergänzt, die die Ergebnisse zusammenfaßt.

Die Schicksale sind erschütternd. In Theresienstadt schlief die Pianistin Edith Kraus auf einem leeren Koffer; innerhalb von drei Jahren durfte sie nur einmal duschen, ihre Nachbarin starb an Typhus, und sie spielte in Ermangelung von Noten auswendig ein Konzert, um ihre Deportation nach Auschwitz zu verhindern. Besonders bedrückend sind Lebensläufe wie der der Komponistin Leni Alexander, die nach Chile auswanderte, um dort unter Pinochet wiederum verfolgt zu werden.

Angesichts solcher Schicksale fällt Kritik schwer, scheint kleinlich und fehl am Platz – daher nur kurz zwei Punkte: Die sprachliche Qualität der Beiträge ist unterschiedlich, und hier und da stehen Sätze im Raum, die man normalerweise hinterfragen würde, wie zum Beispiel “Die Tatsache, daß sie eine Frau war, (wog für sie) schwerer als Jüdin zu sein” (S. 39). Aber dies verblaßt gegenüber der Fülle des recherchierten Materials und der dahinterstehenden sorgfältigen Kleinarbeit (Besuch in Archiven, Interviews mit den Künstlerinnen selbst oder ihren Verwandten, Zusammentragen von Dokumenten, Konsultationen bei Exilforschungsinstitutionen in aller Welt u.a.) Auf jeden Fall brachte diese Arbeitsgruppe das zustande, was einer Generation vor ihnen (zu denen sich die Rezensentin zählt) nicht oder nur unzureichend gelang: das gezielte Forschen nach den Opfern des verheerenden “Dritten Reichs” im Bereich der Musikkultur.

Mehr Informationen über die seit 1997 am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg arbeitende “Arbeitsgruppe Exilmusik” erhält man, zusammen mit Angaben zu einer Diskographie sowie Kurzbiographien der Musikerinnen, im Internet, unter “www.exilmusik.de”. Ergänzt werden die Aufsätze durch Dokumente aus dem “Dritten Reich” (kulturelle Gleichschaltung, Bücherverbrennung, Judenboykott u.a.). Das Etikett “Untermenschentum”, das sie den jüdischen Mitbürgern bei der Eröffnungsrede zur Ausstellung “Entartete Musik” 1938 anhefteten, haben sich redlich die Nazis verdient, die diese Menschen aus dem Lande jagten.

Luise F. Pusch am 30.04.2006

Janet Flanner – Darlinghissima

FrauenbildDarlinghissima:
Briefe an eine Freundin.

von Janet Flanner

Herausgegeben und kommentiert von Natalia Danesi Murray
Antje Kunstmann Verlag 1995
EUR 24,54.
(Englische Ausgabe “Darlinghissima: Letters to a Friend” Harvest Books, 1986, ca. EUR 31,21)

Mein Kommentar:

Darlinghissima ist eine interessante Parallele zu dem Briefwechsel zwischen Rachel Carson und Dorothy Freeman, den ich neulich vorgestellt habe. Obwohl Carson 15 Jahre NACH Flanner geboren wurde, wirkt der Flanner-Band moderner, politisch viel wacher und engagierter. Aber wer schrieb das politisch radikale und folgenreiche Werk? Die “politikferne” Naturfreundin Rachel Carson. Carson und Flanner lebten 1907-64 in derselben Zeit, aber nicht in derselben Welt. Obwohl sie beide im New Yorker publizierten, erwähnt keine die andere in ihren Briefen.
Wieder geht es um die Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen, die in ihren mittleren Jahren beginnt und bis zum Tod anhält. Janet Flanner, Autorin der berühmten Letters from Paris für den New Yorker, ist 48, als sie 1940 die zehn Jahre jüngere Natalia Danesi Murray kennen- und liebenlernt. Nur während der ersten vier und der letzten drei Jahre ihrer 38 Jahre währenden Beziehung leben die beiden zusammen. Die Italoamerikanerin Natalia arbeitet in New York als Repräsentantin der Verlage Mondadori und Rizzoli, und Janet weiter für den New Yorker in Paris.
Was wir auf 500 Seiten (des engl. Originals) zu lesen bekommen, sind Janets Briefe und Natalias ausführliche Erläuterungen dazu. Natalia stellt sich bescheiden als “Herausgeberin” in den Hintergrund, tatsächlich ist sie aber gleichberechtigte Mitautorin, und ihre ruhige Stimme der Weisheit und Liebe (wie Janet so oft bewundernd schreibt) ist wichtig im Gesamtbild dieses schönen Buches. Janet hat den Gegenpart der reizbaren, kritischen Intellektuellen, bekannt für leidenschaftliches Engagement und äußerst pointierte Urteile. Die Liebe zwischen den beiden bildet in diesem Briefwechsel den Hintergrund (Natalia wird vieles als “zu privat” weggelassen haben), im Vordergrund steht Janets fortlaufender eigenwilliger und bestinformierter Kommentar zur Kultur und Politik der Jahre zwischen 1944 und 1975. Überraschenderweise allerdings kein Wort zur beginnenden zweiten Frauenbewegung ...
Apropos Frauenbewegung: In den dunklen Jahren zwischen 1940 und 1970, als die erste Frauenbewegung lange vorbei und die zweite noch nicht da war, haben diese beiden den Feminismus kühn und selbstverständlich gelebt. Flanners Äußerungen über die Männerkultur sind radikaler als das meiste, was heute als Feminismus verkauft wird.

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Luise F. Pusch am 30.04.2006

Kerstin Holzer: Elisabeth Mann-Borgese. Ein Lebensportrait.

FrauenbildKerstin Holzer
Elisabeth Mann-Borgese. Ein Lebensportrait.

erschienen 2001 – gebunden – 239 S.
Kindler, Mchn – EUR 22,90 / DM 44,79

Gastkommentar von Birgit Rühe:

Elisabeth Mann Borgese war die heimliche Hauptdarstellerin in dem ARD-Dreiteiler von Heinrich Breloer Die Manns – ein Jahrhundertroman und das jüngste, zur Zeit der Ausstrahlung einzig noch lebende Kind von Katia und Thomas. Ihr verschmitztes Lachen, ihr kluges, humorvolles Reden im Film weckten den Wunsch, mehr über sie zu erfahren – nun umso mehr, nachdem sie uns, kaum daß wir sie alle solchermaßen kennen- und liebengelernt hatten, plötzlich wieder entrissen wurde.
Kerstin Holzers Elisabeth Mann Borgese ist ein subjektives Portrait, aufgezeichnet nach langen persönlichen Gesprächen. Bewunderung für die 83jährige bleibt überall spürbar. Sie lebte mit ihren Settern (denen sie Klavierspielen beibrachte), ihrem Flügel (Elisabeth war ausgebildete Konzertpianistin), dem Computer und dem allabendlich zelebrierten Glas schottischen Whiskys in ihrem Haus am Meer im kanadischen Halifax. Sie lehrte an der dortigen Universität bis zu ihrem plötzlichen Tod am 8. Februar 2002 internationales Seerecht.
1970 war Elisabeth Mann Borgese einziges weibliches Gründungsmitglied des Club of Rome, 1982 war sie maßgeblich an der UN-Seerechtskonferenz beteiligt. Für ihr Engagement wurde sie für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Ein reiches, nicht immer leichtes Leben; “ein glückliches Leben”, wie die Lieblingstochter Thomas Manns als einzige der Geschwister resümiert.
Doch gern hätte ich Ausführlicheres über ihr 1963 erschienenes Buch Ascent of Woman (dt. Abstieg der Männer) gelesen, in dem sich Elisabeth mit der Frauenfrage auseinandersetzt, die sie seit der Kindheit beschäftigt hat; denn in der Familie Mann waren Mädchen nur “gute zweite Klasse”.

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Luise F. Pusch am 30.04.2006

Elke Heidenreich – Der Welt den Rücken

FrauenbildElke Heidenreich
Der Welt den Rücken. Erzählungen.

Carl Hanser Verlag, München 2001.
192 Seiten EUR 15,90

Gastkommentar von Birgit Rühe:

Natürlich erzählt sie wie immer mit Tempo, Charme und einem genauen Blick fürs Tragikomische. Unterhaltsam zu lesen sind diese Erzählungen allemal. Aber es bleiben eben die Befindlichkeiten einer alternden Toskana-Generation in einer priviligierten Republik, deren Tragödien, Trennungen, Glücksmomente sich ein bißchen angestaubt anfühlen und nicht wirklich ergreifen (vielleicht auch nicht ergreifen sollen ...?). Da ist zum Beispiel dieses bis ins Kleinste inszenierte Silberhochzeits-Essen, an dessen Ende die Trennung steht, oder jene langweilige, verlogene Feier zum fünfzigsten Geburtstag eines Senders… (Hier vor allem mögen autobiographische Erfahrungen der Autorin einfließen, denn eine so doppelbödige Atmosphäre lässt sich kaum erfinden.)
Boris Becker oder Bob Dylan sind es, an denen sich die Erinnerungen, die Nostalgie, das nie ganz glückliche und nie ganz unglückliche Leben dieser Generation festmachen. Wie ein Rahmen umgeben die erste und die letzte Erzählung (sie gab dem Buch seinen Titel) die anderen, übertreffen sie meiner Ansicht nach an Tiefe und Originalität. Vor allem die erste Erzählung “Die schönsten Jahre” setzt neue Maßstäbe, zeigt, dass Elke Heidenreichs Schreiben noch Möglichkeiten birgt, die über das Bisherige hinausweisen: Im Mittelpunkt steht eine dieser sperrigen Nachkriegsmütter, denen die selbstbewussten Töchter nie etwas recht machen können. Erst nach ihrem Tod gibt die Mutter das Geheimnis ihres Lebens preis: eine glückliche Beziehung zu einer Frau. Auch für die Tochter ist die große Liebe ihres Lebens eine Frau. Nie haben sie sich einander anvertraut.

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Luise F. Pusch am 30.04.2006

Margrit Kennedy – Geld ohne Zinsen

FrauenbildGeld ohne Zinsen und Inflation:
Ein Tauschmittel, das jedem dient

von Margrit Kennedy
München 1991. Goldmann TB.

Mein Kommentar:

Margrit Kennedy erklärt überzeugend und mit großem Engagement, warum durch die Hebelkraft des Zinseszinses die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden und was wir dagegen tun können. Jede, die mit einer lächerlich überteuerten Wohnungsmiete dem Bauherrn und letztlich dessen Geldgeber jahrzehntelang ein leistungsfreies Einkommen finanziert, sollte sich mit Kennedys klarer Analyse vertraut machen. Es wird höchste Zeit, dass wir alle geldtheoretisch mehr Durchblick bekommen, ganz besonders wir Frauen.

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Luise F. Pusch am 30.04.2006

Ruth Klüger – weiter leben

FrauenbildRuth Klüger
weiter leben: Eine Jugend.

München: dtv

Mein Kommentar:

Die Erinnerung an den Holocaust muß wach bleiben, gerade heute in diesem bedrohlichen Land. Die jüdische Katastrophe wurde für mich am ehesten faßbar in den Gedichten von Nelly Sachs und Hilde Domin, in den Dokumentarfilmen von Karl Fruchtmann und in dem Erinnerungsbuch weiter leben von Ruth Klüger, die im Oktober siebzig Jahre alt wird.
Ich habe Ruth Klüger 1993 während einer Lesung erlebt, wie sie, durch eine behutsame Textauswahl, mit viel Wärme und Humor, den Zuhörerinnen den Zugang zu ihren Kindheitserlebnissen in deutschen Konzentrationslagern möglich machte. Es war ein wenig wie wenn bei einer Trauerfeier die Hauptleidtragende den hilflosen, in Konvention erstarrten Trauergästen taktvoll, ja liebevoll beisteht, lebendige Gedanken und eigene Worte zu finden statt Floskeln. Genau so wirkt auch die Lektüre ihres Buches.

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Luise F. Pusch am 30.04.2006

Hertha Kräftner – Kühle Sterne

FrauenbildHertha Kräftner
Kühle Sterne: Gedichte, Prosa, Briefe.

Hrsg. Gerhard Altmann, Max Blaeulich
Suhrkamp Taschenbuch, 2001 - EUR 12

Gastkommentar von Birgit Rühe:

... die bekannte Lust, blau auf weißes Papier zu schreiben ... (Hertha Kräftner, 1928 - 1951)

Hertha Kräftner nahm sich mit 23 Jahren mit einer Überdosis Veronal das Leben. “Nichts tut mehr weh. Der Gedanke an den Tod ist wie ein Narkotikum.” (S. 315)
Kühle Sterne, die Sammlung ihrer Gedichte, Prosa und Briefe, ist ein faszinierendes Buch, so wie auch die Autorin einst faszinierte als Wunderkind, als genial Begabte der Wiener Literaturszene. Heute wird Hertha Kräftner in einem Atemzug mit Ingeborg Bachmann und Ilse Aichinger genannt. Beim Lesen ihrer Texte wächst die Trauer, daß sie so früh starb; denn ihre Verzweiflungen haben eine andere Seite, eine helle, lebensvolle, wie sie z.B. im Pariser Tagebuch durchscheint. Und es finden sich Sätze wie dieser: “Ich liebe das Leben, ich habe es nie so geliebt.” (S.121)
Todessehnsucht, Verzweiflung, zunehmende Hoffnungslosigleit. Mögliche Erklärungen bleiben Andeutung:
– “… ich trage die alte Schuld mit mir und die alte Krankheit,...” (S. 121)
– “Und dann dieser jähe Sprung: das Ungeborene. Der Wunsch, zu sterben… Ich stand am Tod.” (S. 51)
– “Manchmal gehen den Kindern Türen auf und dahinter sehen sie, was sie nie mehr vergessen können -.” (S.65)

Hertha Kräftner wuchs in einer Zeit der Zerstörung auf. Verlogene Propaganda, zerbombte Häuser, zusammengebrochene Ideen. Sie blickt in des verzerrte Gesicht des Großvaters, der sich erhängt hat, sieht den Vater dahinsiechen, den ein Sowjetsoldat lebensgefährlich verletzte.

DAS GESICHT MEINES TOTEN VATERS,
das meinem ähnlich sieht,
wandelt in den Friedhofbäumen
hin und her.
Aber bald zerweht sein Haar
im Oktoberwind,
mit den gelben, dürren Blättern
fallen die Wangen zu Boden,
und die kleinen Vögel
mit den roten Federchen im Schwanz
picken nach den glänzenden Augen
wie nach braunen Früchten.
Da ist mein Vater wieder gestorben.

“Die Nacht ist wie aus großen schwarzen Stücken und alle fallen über mich. Irgendwo heult ein Hund vor Verlassenheit. Mein toter Vater ruft in mir.” (S. 144)
Die chronologisch angeordnete Textsammlung ist Literatur und Biographie in einem. Beim Lesen erwuchs mir daraus eine eigenartige Spannung, ein zunehmender Sog, bis ich das Buch in großer Trauer beiseite legte. “Dann ging ich nach Mitternacht allein nach Hause. Ich habe noch selten so deutlich gespürt, daß Glück und Trauer keine Grenzen haben.” (S.187)

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Luise F. Pusch am 30.04.2006

Marianne Krüll: Käthe, meine Mutter.

FrauenbildMarianne Krüll
Käthe, meine Mutter.

Christel Göttert Verlag, 2001

Mein Kommentar:

Quadratisch, unpraktisch, gut wie alle Bücher aus dem feministischen Christel-Göttert-Verlag, ist auch Käthe, meine Mutter, das für eine Bett- oder Reiselektüre recht schwer wiegt – und wann kommt frau sonst schon zum Lesen! Aber dafür ist es schön und aufwendig gestaltet. Und der Inhalt hat die sorgfältige Gestaltung verdient:
Die bekannte Familiensoziologin und Autorin von Bestsellerinnen über Familie Freud und Familie Mann knöpft sich hier ihre eigene Familie vor, mit Käthe, ihrer Mutter, als Mittelpunkt. In den Rezensionen heißt es gern, daß nicht nur das Leben berühmter Menschen interessant sei, und daß Marianne Krüll mit der Biographie ihrer Mutter einen schönen Beweis dafür erbracht habe. “Die ‘unbekannten Biographien unbekannter Frauen’ statt die Heldengeschichten über berühmte Männer wollte Virginia Woolf lesen”, so beginnt Ulla Lessmann ihre Rezension in der Emma (Juli/Aug. 2001).
Aber Käthe Höppner geb. Schiddel war ja immerhin die Mutter einer berühmten Frau – nämlich ihrer Biographin. Wir lesen das Buch auch, um mehr über Marianne Krüll zu erfahren, so wie wir in letzter Zeit Sigrid Damms Bestsellerinnen über Christiane Vulpius und Cornelia Goethe mit doppeltem Interesse gelesen haben. Das Leben von Christiane Vulpius, Cornelia Goethe und Käthe Schiddel ist interessant in sich, keine Frage, aber es wird doppelt interessant durch den Bezug zu einer anderen, weit bekannteren Persönlichkeit.
Das eigentlich Besondere an dem Buch ist nicht, daß die Hauptperson dem Publikum bis dahin unbekannt war. Bücher von – mehr oder weniger bekannten – Söhnen und Töchtern über gänzlich unbekannte Väter gibt es en masse, gerade in Deutschland hatten wir geradezu eine Epidemie von Väterbiographien zu verkraften. Ungewöhnlich und erfreulich ist, daß sich hier eine Frau auf ihre Mutter konzentriert statt auf ihren Vater. Auf so eine abstruse Idee kann auch nur eine Feministin kommen.
Ich habe aus der Lektüre viel erfahren über die Zeit und die Einflüsse, denen meine eigene Mutter (geb. 1918, sieben Jahre nach Käthe) ausgesetzt war, und viel über meine Freundin Marianne, die acht Jahre älter ist als ich. Am meisten hat mich das armselige, von dem Kind Marianne aber als glückselig empfundene Leben in der Spandauer Laubenkolonie bewegt, und das Überstehen der jahrelangen, ständigen Bombenangriffe in Berlin. Das wird ergreifend tapfer und lakonisch erzählt und hat mich (1944 in einer westfälischen Kleinstadt geboren und so dem Bombenterror knapp entkommen), bis in die Träume verfolgt. Einmal durchschug eine Brandbombe Mariannes Bettcouch: “Ich schlief weiter auf der Couch mit dem Brandloch. Der Geruch ging lange nicht weg.” Marianne war sieben Jahre alt…
Auch ich hatte, wie anscheinend die meisten Frauen im Patriarchat, einen ausgedehnten Konflikt mit meiner Mutter. Zum Glück konnten wir ihn ausräumen - inzwischen begegnen wir uns eher wie Schwestern.
Marianne Krüll verlor ihre Mutter 1974 ganz plötzlich, ohne sich mit ihr ausgesöhnt zu haben. Käthe war erst 63, Marianne 38 Jahre alt, verheiratet und selbst Mutter zweier Töchter. Dies Buch ist auch eine große, lange Trauerarbeit, eine “nachgetragene Liebe” (wie Härtling sein Buch über den Vater nannte), und das ist auch das Bewegendste daran: Der bei aller Kritik an der Nazi-Mitläuferin Käthe nie selbstgerechte Ton von Behutsamkeit, Liebe und Verstehenwollen, der das ganze Buch durchzieht.

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Luise F. Pusch am 30.04.2006

Dieter Kühn – Clara Schumann

FrauenbildClara Schumann, Klavier
von Dieter Kühn

Erweiterte Neufassung Frankfurt 1998.
Fischer TB. EUR 12,45.

Mein Kommentar:

Clara Schumann, abgebildet auf Briefmarken und (nicht mehr lange, ach!) auf dem Hundertmarkschein - in der Beliebtheitsskala der berühmten Frauen Deutschlands einsam auf Rang 1.
Warum? Sie war eine NACHschaffende Künstlerin (das Komponieren gab sie früh auf) und setzte sich unermüdlich für das Werk ihres Mannes ein. Sie gebar sieben Kinder - kurz, sie blieb bei allem Ruhm “eine richtige Frau”.
Oder vielleicht doch nicht?
Dieter Kühn zeigt in seiner genau recherchierten und spannend zu lesenden Biographie (die über 700 Seiten wurden mir nie langweilig) ein differenziertes Bild einer ganzen Epoche und einer genialen und willensstarken Frau, die ehrgeizig und geschäftstüchtig war und diese und andere “Unweiblichkeiten” klug zu verbergen wußte ...

Luise F. Pusch am 30.04.2006

Thea Leitner – Skandal bei Hof

FrauenbildThea Leitner
Skandal bei Hof: Frauenschicksale an europäischen Königshöfen.

Zahlreiche Abbildungen, 4 Stammbäume.
Piper Taschenbuch, München 1995

Mein Kommentar:

Das Buch enthält ein einfühlsames Porträt Caroline Mathildens, der unglücklichen dänischen Königin aus England, die in der Verbannung in Celle ihr Tage beschloß (weshalb dort zu ihrem 250. Geburtstag am 22. Juli 2001 allerlei tourismusfördernde Aktivitäten anlaufen). Darüberhinaus unterrichtet uns Thea Leitner kundig und kurzweilig über die Schicksale von vier weiteren Prinzessinnen, nämlich Sophie Dorothea, die Prinzessin von Ahlden (ebenfalls wg. Ehebruch in Celle in der Verbannung, nur viel länger als Mathilde), Liselotte von der Pfalz, Wilhelmine von Bayreuth (Lieblingsschwester Friedrichs des Großen) und Karoline von Braunschweig, spätere Königin von England an der Seite ihres verkorksten Cousins, Georg IV. Das Buch ist reichlich bebildert, und das Zurechtfinden in den vielfach ineinander verwickelten Familienbanden erleichtern vier Stammbaumtafeln, eine Zeittafel und ein Register.

Luise F. Pusch am 30.04.2006

Astrid Lindgren – Autobiographie

FrauenbildAstrid Lindgren
Das entschwundene Land

Oetinger Verlag, 2000 – EUR 10,90

Gastkommentar von Birgit Rühe:

Dieses kleine, autobiographische Buch liest sich wie eine Ergänzung zu Michel in der Suppenschüssel oder Ronja Räubertochter. Astrid Lindgren erzählt darin von der Liebe ihrer Eltern August von Sevedstorp und Hanna in Hult, eine Kinderliebe, die 1888 begann und ein Leben lang dauerte. Einmal mehr entwirft Astrid Lindgren das Bild einer untergegangenen Welt, die arm und hart war, aber auch auf eine Weise reich, die Astrid Lindgren ja meisterhaft zu beschwören weiß. Eine Zeit, in der ein auftauchendes Auto ein Ungeheuer darstellte, vor dem die Bauern ihre Pferde in den Wald lenkten. Das Kind Astrid entdeckte früh die Faszination der Bücher. Es war in Kristins Küche, in der ihr Edith Märchen vorlas, vom Riesen Bam-Bam und der Fee Viribunda. “Allmählich lernte ich selber lesen und ging auf die Jagd, um meinen wilden Lesehunger zu stillen.” Ein Kinderleben im Wechsel der Jahreszeiten, eine übersichtliche Familien- und Schulwelt, ein Fundus an Sicherheit und Harmonie, aus dem Astrid Lindgren lebenslang schöpfte. Aber auch eine Welt, nach der sie sich vielleicht lebenslang zurücksehnte. Denn es war ja ein verlorenes Paradies, aus dem die Achtzehnjährige vertrieben wurde, als sie schwanger war. Sie mußte sich in Stockholm als Sekretärin durchschlagen und ihr Kind in eine Pflegefamilie geben. Von dieser schwierigen Zeit ihres Lebens ist auch in diesem Buch nicht die Rede. Stattdessen gibt Astrid Lindgren Tips für künftige KinderbuchautorInnen, die in ihrer welterfahrenen Leichtigkeit wohltuend sind – und wichtig: “Welche Wörter reimen sich denn bloß auf Dreckwasser und Ölpest? Kurzum: Freiheit! Denn ohne Freiheit welkt die Blume der Poesie, wo immer sie auch blühen mag.” Astrid Lindgrens Bücher sind immer auch Überlebensbücher. Davon erzählt die Schriftstellerin Birgit Vanderbeke, die sich in der Schreibtradition von Astrid Lindgren sieht. Als Fünfjährige in einem Flüchtlingslager fand sie im Nikolausstiefel Wir Kinder von Bullerbü. Der Schwedin habe sie viel zu verdanken, sagt sie – sie habe ihre Kindheit gerettet mit ihrem Witz und ihrer kritischen Menschenliebe und sicher nicht nur ihre.

Luise F. Pusch am 30.04.2006

Erika Mann: Zehn Millionen Kinder: Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich.

FrauenbildErika Mann
Zehn Millionen Kinder: Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich.

Mit einem Geleitwort von Thomas Mann
Rowohlt Taschenbuch – EUR 7,50

Gastkommentar von Birgit Rühe:

Unter dem viel zutreffenderen Titel School for Barbarians erschien dieses Buch Erika Manns 1938 in den USA. Nach drei Monaten waren schon 40 000 Exemplare verkauft. Thomas Mann schrieb in der Einführung: “Der wissenschaftliche Rückgang Deutschlands, sein rapides Ins-Hintertreffen-Geraten auf allen Gebieten des Geistes ist schon heute ein öffentliches Geheimnis.”
Die deutsche Version mochte man dem ins Hintertreffen geratenen deutschen Geist erst 48 Jahre später zumuten!
Dieses Buch sollten jene lesen, die in der Nazi-Diktatur Kind waren und vielleicht – ihres Mißbrauchs nicht bewußt – noch immer sagen: “Aber wir sind gewandert und haben gesungen, die Jugend stand nicht auf der Straße.” Erika Mann weist in den Bereichen Familie/Schule/"Staatsjugend" nach, wie gezielt eine Erziehung der Kinder zum Krieg und zum Haß stattfand; wie die Kinder dem Familienleben entfremdet wurden; wie eine kriegerische Ausrichtung der Schulfächer bis hin zum Kunstunterricht stattfand; wie gezielte Kampagnen – z.B. gegen katholische Priester – kritische Stimmen entmachteten. Der genaue Blick der Autorin, ihr Wissen um Einzelheiten, ihre sorgfältige Recherche – und nicht zuletzt die immer wieder formulierte Hoffnung, daß Freiheit und Gerechtigkeit siegen werden, machen dieses Buch immer noch zu einer aufrüttelnden Lektüre. Die Leserin fragt sich, wie es kommt, daß eine Erika Mann schon 1937 alles so klar sah, während die Mehrheit der Deutschen das anscheinend Offensichtliche nicht merkte?!
Erika Mann wären nach dem Krieg mehr Einfluß und Erfolg zu wünschen gewesen.

Luise F. Pusch am 30.04.2006

Katia Mann – Memoiren

FrauenbildKatia Mann
Meine ungeschriebenen Memoiren

Fischer Verlag 1974. Neuausgabe Fischer Taschenbuch 2000. - EUR 9,90

Gastkommentar von Birgit Rühe:

“In dieser Familie muß es einen Menschen geben, der nicht schreibt”, sagte Katia Mann. So brauchte es Phantasie, Überredungskunst und Geschick, sie in hohem Alter zum Erzählen und Notieren ihres Lebens zu bewegen. Es gelang Elisabeth Plessen mit Unterstützung von Michael Mann, die Widerstände zu überwinden: “… beflissenes Herbeischaffen von Brille und Bleistift – und das Spiel war gewonnen. Dann saß die Autorin oft bis zum Abendessen über den Blättern, kopfschüttelnd, von Brille und Bleistift eifrig Gebrauch machend; und nicht selten mit der abschließenden Bemerkung, daß das doch eine recht amüsante Erzählung sei.” Ja, es ist eine sehr amüsante und spannende Erzählung, voller Details aus Katias Leben mit Thomas Mann; mit Hintergrundinformationen über die Entstehung seiner Bücher; über Freunde und SchriftstellerkollegInnen; über Heinrich Mann und den Streit der Brüder ... Katia erzählt heiter, ja leichtfüßig, als sei sie noch das junge Mädchen, das sich mit dem Trambahnkontrolleur anlegt; als hätte sie nicht auch all’ das Schwere erlebt, das sie in diesem Buch nicht erwähnt und das doch ungesagt mitschwingt. Ich lege das Buch nachdenklich beiseite und denke – wie vor 25 Jahren, als ich es zum ersten Mal las: Es gäbe Thomas Mann nicht ohne diese kluge, lebenstüchtige, humorvolle und solidarische Partnerin. Ein Satz geht mir nach: “Ich wollte nur sagen: ich habe in meinem Leben nie tun können, was ich hätte tun wollen.” (Katia Mann)

Luise F. Pusch am 30.04.2006

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Hedwig Dohm