Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick. Hatje Cantz 2011
Pikante Akte
VON ANNETTE BUSSMANN
Entrückte Promigesichter und alabasterhafte Frauenakte machten Trude Fleischmann zur meistgedruckten Wiener Atelierfotografin der 1920/30er Jahre. Dann kamen die Nazis und Fleischmann floh nach New York. Erst kürzlich ist der erste große Katalog erschienen - und thematisiert gern verschwiegene Seiten.
„Wen oder was sie nicht mochte“, notierte Fleischmann-Monograph Hans Schreiber 1995, habe sie „ohnehin nicht fotografiert“. Demnach war Trude Fleischmann (1895-1990) verdammt großherzig: Von der antiurbanen Milchkuhidylle bis zur schnieken Szene-Bar, von der Frauenrechtlerin Rosa Mayreder bis zum erzkonservativen Bundeskanzler Ignaz Seipel pickte sie ihre Motive aus einem Tohuwabohu ungleicher Gesinnungen. Allein die bei der Foto-„Bohème“ der Zwischenkriegszeit beliebten, armutsromantisch verklärten Obdachlosen fehlen - zumindest inzwischen. Denn Fleischmann, Katholikin mit jüdischen Wurzeln, zerstörte 1938, als sie vor den Nazis von Wien nach New York floh, beinahe ihr gesamtes Fotoarchiv. Was genau sie von der Ersten Republik Österreichs ablichtete, wird ein Geheimnis bleiben. Ebenso ihr Privatleben. Von ihrem Freund Peter Modley als „Mystery Lady“ tituliert, hielt sie Privates verschlossen - sogar über den Tod hinaus: Ihr Nachlass schlummert, fein säuberlich vor der Öffentlichkeit abgeschirmt, in den USA, wo sie, hochbetagt und gehörlos 1990 starb.
Trude Fleischmann mit ihrer Kamera im Atelier, Wien 1929 (Annie Schulz © Courtesy Fritsch Antiquariat Wien)
Skandal in der Vitrine

Seit rund 20 Jahren rühmt die Fachwelt Fleischmanns Werke als „visual landmarks“ (Marion Krammer) der Fotogeschichte. Doch erst jetzt, seit der ersten großen Retrospektive im Wiener Wien Museum (27.01. bis 29.05.2011), steht ein umfassender Katalog in den Regalen der Buchhandlungen. Herausgegeben von den Wiener Ausstellungs-KuratorInnen Anton Holzer und Frauke Kreutler, leuchtet er uns in frauenbewegtem Lila den Untertitel „Der selbstbewusste Blick“ entgegen. Und argwöhnisch fragt frau sich, warum. Wirkt doch die ins Cover gezwängte Tänzerin Claire Bauroff reichlich unentspannt - nackt wie sie ist, marmorhaft geölt, mit hochgekrampften Schultern und retuschiert-schlafzimmerigem Stummfilmdiven-Blick. Frauke Kreutlers Kapitel „Skandal in Berlin“ klärt auf. Das Bild gehört zu einer Aktserie, die, als unsittlich verschrien, Fotografin und Tänzerin schlagartig bekannt machte: 1925 landeten die Aufnahmen in der Vorschauvitrine des Berliner Admiralspalastes. Doch die Polizei konfiszierte sie flugs. „Stein des Anstoßes“, ergänzt Kreutler, war nicht der Tatbestand der Aktfotografie. Diese geisterte seit Geburt des Fotoapparats durch die Hinterzimmer. Prekär war vielmehr, dass „die ‚pikanten‘ Stellen“, wie Kreutler sie nennt, entgegen damaliger Gepflogenheit nicht mit Papier überklebt wurden. Unerhört schien zudem, dass sich eine Fotografin und eine Tanzkünstlerin von Rang selbstbewusst erdreisteten, einen unverhüllten Körper zum Kunstwerk zu erklären. Die Doppelmoral jener Zeit billigte Nacktheit bestenfalls anonymen Varieté-Girls zu. Die allerdings hüpften in frappant großer Zahl über die Bühnen. Bauroff und Fleischmann wollten keinem Voyeurismus dienen. Ihr Ja zum freien Körper wurzelte in der Lebensreformbewegung. Und die war, wie Kreutler absolut zutreffend betont, nicht minder doppelmoralisch: Einerseits wetterte sie gegen die Korsettprüderie des 19. Jahrhunderts, andererseits gegen die Auswüchse einer „schamlosen, weil erotisch konnotierten Nacktheit“, schreibt Kreutler .
Promikult und Bergrausch
Fleischmanns Leben birgt Stoff für ein Heldinnen-Epos: Sie zählte zu den ersten Fotografinnen, die 1920 im Zentrum Wiens ein eigenes Atelier eröffneten und sich offiziell zum Akt bekannten. Rasch gehörte sie zu den meistzitierten PortraitstInnen einer entrückt blickenden Wiener Kunst- und Theaterwelt.
Und nachdem die Deutschen 1938 Österreich okkupierten, glückte ihr ein ungewöhnlich schneller Neubeginn in New York. Gottlob verkneifen sich die Katalog-AutorInnen dennoch eine Hagiographie: Bewusst thematisiert Anton Holzer ihre theatralischen, unrühmlichst dem „Heimatstil“ verwandten Bergszenen. Seit 1929/30 schuf sie sie. Holzer ärgert, dass sie „gerne unter den Tisch gekehrt“ würden, wenn Fleischmann als „Repräsentantin der Moderne“ herhalten solle. Ihren Nebenjob im Sektor Heimatschwulst - parallel hielt sie an Progressivem fest - wertet er als Anpassung an das zusehends reaktionärer geratende Österreich. Es habe nach antiurbanem Pathos gelechzt. Bemerkenswert, dass die vorgestrigen Auftraggeber/innen dabei - wenngleich nur anfangs - offenkundig auch FotografInnen ehemals jüdischen Glaubens berücksichtigten.
Mondsüchtige mit Widersinn
Der Katalog leistet einen überfälligen Beitrag zur Geschichte der Wiener Zwischenkriegsfotografie. Nur mitunter will frau leise kontern: Vertraten die Fotografinnen jener Tage tatsächlich einen „meist innovativen Stil“, wie Astrid Mahler schreibt? Eine wissenschaftlich profunde Untersuchung, die das bestätigt, existiert bislang nicht. Leider. Huldigt diese Sicht nicht exakt dem Innovationsdogma, das Herausgeber Anton Holzer zu bekämpfen versucht? Wirkt zudem, wie Holzer glaubt, eine Bergszene in einer Zeitschrift wirklich weniger patriotisch, bloß weil der Falz des Heftes sie mittig schneidet? Geht Holzer am Ende - trotz gegenläufiger Ankündigung - mit Fleischmanns heiklem Heimat-Chichi nicht ähnlich wohlwollend ins Gericht wie seine VorgängerInnen? Ein wenig unglücklich geraten ist obendrein eine winzige Formulierung im Vorwort. Hier schreibt der Direktor des Wiener Wien Museums Wolfgang Kos, Fleischmann sei „als Jüdin 1938 aus Wien vertrieben“ worden. Wäre es hier nicht feinfühliger gewesen, mit Fleischmanns religiöser Vergangenheit ähnlich differenziert umzugehen, wie Marion Krammer es im selben Band leistet: Sie schreibt, Fleischmann habe 1923 dem Judentum den Rücken gekehrt und sei zu unbekanntem Zeitpunkt zum Katholizismus konvertiert.
Fleischmann hätte für einen Flug zum Mond ihr Leben gegeben, steht im Katalog. Zum Glück verließ sie die Erde erst mit 94 Jahren. Zurück blieb ein wunderbar widersprüchliches Werk, über das sich jetzt - dank Katalog - trefflich streiten lässt.
Holzer, Anton / Kreutler, Frauke (Hgn.):
Trude Fleischmann: Der selbstbewusste Blick.
Hatje Cantz 2011
deutsch/englisch, 200 Seiten, 139 Abbildungen
39,80 Euro
# | Luise F. Pusch am 16.08.2011
Anna Havemann: Gertrude Sandmann. Künstlerin und Frauenrechtlerin. Hentrich & Hentrich 2011.
Von der Schönheit im Alltäglichen
Rezension von Doris Hermanns

Wie schnell eine Künstlerin in Vergessenheit geraten kann, zeigt sich am Beispiel von Gertrude Sandmann. Wer kennt heute noch die 1981 verstorbene Künstlerin, der Anfang des Jahres im Berliner Haus am Kleistpark eine Retrospektive gewidmet war?
Die Kunsthistorikerin Anna Havemann, die auch Kuratorin dieser Ausstellung war, hat mit dieser reich illustrierten Kurzbiografie eine kleine Perle vorgelegt, die die Künstlerin einem breiteren Publikum vorstellt.
Gertrude Sandmann wurde 1893 in Berlin geboren und wuchs dort in einer assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie auf. Ihr Vater war ein begeisterter Kunstsammler.
Ihre Ausbildung begann sie in der Schule des Berliner Künstlerinnen-Vereins, ihrerzeit die zentrale Ausbildungsstätte für Malerinnen und Bildhauerinnen. Weitere berühmte Schülerinnen dieser Schule waren z.B. Käthe Kollwitz und Paula Modersohn-Becker. In dieser Zeit waren Frauen noch weitgehend von offiziellen künstlerischen Ausbildungsstätten ausgeschlossen. Welche Möglichkeiten Frauen sich trotz aller Widrigkeiten dennoch geschaffen haben, zeigt Havemann fundiert auf.
Als politisch interessierte Frau engagierte sich Sandmann immer wieder, anfangs kurz in der USPD, da diese als einzige Partei gegen den Ersten Weltkrieg gestimmt hatte, später für Frauen und für Homosexuelle. Auch war sie Mitglied des ersten überregionalen Künstlerinnenvereins GEDOK.
Nach Verlassen der Vereinsschule studierte Sandmann in mehreren Privatateliers, so z.B. in München bei Otto Kopp und in Berlin bei Käthe Kollwitz, mit der sie eine lebenslange Freundschaft verband.
Bereits kurze Zeit nach Beendigung ihres Studiums hatte sie ein eigenes Atelier, 1923 auch schon ihre erste Einzelausstellung, und sie beteiligte sich an diversen Gemeinschaftsausstellungen. Sie verkaufte einige ihrer Werke und arbeitete gelegentlich auch als Illustratorin für Zeitschriften. Ihren Lebensunterhalt brauchte sie jedoch nicht selbst zu bestreiten, da sie vom Erbe ihres Vaters leben konnte.
Ihre Arbeiten lassen sich keiner Kunstform zuordnen. Sie hatte eine sehr eigene künstlerische Handschrift entwickelt, der sie ein Leben lang treu blieb, und die auf dem Erspüren der Gesetzmäßigkeiten und dem Erstaunen über das Leben basierte.
Ihre Arbeiten, die durch ihre Einfachheit bestechen, strahlen Zeitlosigkeit aus, wovon man sich bei den zahlreichen im Buch abgedruckten Werken ein Bild machen kann.
Durch die Machtübernahme der Nazis wurde ihre Arbeit jäh unterbrochen. 1934 wurde sie wegen „nichtarischer Abstammung“ aus dem Reichsverband der Künstler ausgeschlossen. Daher konnte sie keine Malmaterialien mehr kaufen und hatte Mal- sowie Ausstellungsverbot. Infolgedessen konnte sie nur noch im Verborgenen arbeiten.
In ihren Tagebüchern, aus denen Havemann zitiert, spricht sich Sandmann immer wieder gegen den Nationalsozialismus aus und gegen dessen Rassenwahn, der für sie nicht nachvollziehbar ist, sowie gegen die Einschränkungen für Frauen. Sie hatte bereits ein Visum für England, wollte aber ihre alte kranke Mutter nicht alleine in Berlin zurücklassen. Als diese einen Monat nach Kriegsbeginn starb, war es für eine Emigration zu spät. Sandmann überlebte den Krieg in Berlin, indem sie ihren Selbstmord vortäuschte und in den Untergrund ging. Sie wurde über Jahre hinweg von einem befreundeten Ehepaar, einer Freundin und ihrer Lebenspartnerin versteckt. Trotz deren Unterstützung litt sie an Unterernährung und Vitaminmangel. Sie reduzierte ihre Ansprüche an das Leben. Es ist beeindruckend und rührend zu lesen, wie sie sich in dieser Situation immer noch an Kleinigkeiten erfreuen kann: „So hat man kleine Freuden, wenn man sie sich macht.“
Sehr gelungen, wie Havemann immer wieder den zeitgeschichtlichen Hintergrund aufzeigt, deutlich macht , wie die Ausbildungsmöglichkeiten für Künstlerinnen, welches die jeweiligen Kunstströmungen waren, welche Rechte Frauen sich erstritten hatten, wie die politische Situation war und welche Auswirkungen dies alles für Sandmann hatte.
Nach dem Krieg wurde Sandmann, die gesundheitlich stark geschwächt war, gleich wieder aktiv. Sie beteiligte sich sofort wieder an diversen Ausstellungen, unterstützte aber auch Projekte der autonomen Frauenbewegung. Sie war aktives Mitglied von L 74, der ersten Gruppe älterer lesbischer Frauen nach dem Krieg. Für deren Zeitschrift „Unsere kleine Zeitung“ (vielen noch bekannt als UKZ) arbeitete sie als Illustratorin, schrieb aber auch Artikel. Drei Jahre lang war ihre Zeichnung „Die Liebenden“ Titelbild der Zeitung. Zudem war sie Mitbegründerin des Lesbenverlags „Coming Out“.
Gertrude Sandmann starb 1981 im Alter von 88 Jahren nach langer schwerer Krankheit.
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Anna Havemann: Gertrude Sandmann. Künstlerin und Frauenrechtlerin. Hentrich & Hentrich 2011. Jüdische Miniaturen; Band 106. 88 S., € 9,90.
# | Luise F. Pusch am 23.07.2011
Anni Egösi: Bilder und Texte. Hg. von Karin Dalla Torre (2006)
Dokumentationsstelle für neuere Südtiroler Literatur im Südtiroler Künstlerbund, Südtiroler Künstlerbund und Edition Rätia, 2006
Gefahrvoll ist’s der Sehnsucht nachzuträumen…..
Rezension von Senta Trömel-Plötz
Mitten in den heissen Sommer an der US-amerikanischen Ostküste kam aus Bozen ein zauberhaftes Buch zu mir: Karin Dalla Torres neuestes Werk, diesmal nicht über eine Dichterin, sondern über eine Malerin, die aber auch dichtete und präzise feine Texte schrieb. Vier sind in dem Buch enthalten, ein Gedicht und drei Prosatexte von jeweils einer Seite. Das Wichtigere aber sind die Bilder, geordnet in drei Themenkreise: Blumen und Früchte, Orte, Menschen.
Und dann ist da Dalla Torres Text, der uns die unbekannte Malerin, Anni Egösi (1894 – 1954) nahebringt, mehr noch: sie uns ans Herz legt. Dies versteht Dalla Torre wie keine andere – sie hat eine seltene Sensibilität, mit der sie Künstlerinnen, Frauen erfassen kann, das Wesentliche an ihnen herausarbeiten und benennen kann, sie uns gleichsam erschließen kann. Sie macht das durch ihre Auswahl der Zitate, der Titel, der Gedichte und Bilder. Durch ihre einfühlenden Worte, die immer schützend bleiben, nie aufdringlich oder verletzend werden. Sie wird zur empathischen Biografin der Malerin oder Dichterin, und am Ende ihrer Einführung haben wir die Künstlerin schon in unser Herz geschlossen, unversehens.
Dalla Torre arbeitet mit ihrer hohen Intellektualität und ihrem hohen ästhetischen Anspruch. Nur mit dieser Ausstattung kann es überhaupt gelingen, Künstlerinnen wie Santifaller* oder Egösi, die beide hochsensibel, ästhetisch streng und dabei extrem klar, logisch und “einfach” sind, zu erfassen. Sich einzufühlen in ihre “Einfachheit,” die täuscht, die keine ist, die frau und mann erst einmal erreichen muss, das ist hier die Aufgabe. Ihre Einfachheit nicht abzutun als Mangel, sondern sie zu sehen als Ergebnis einer intellektuellen Klarheit und Ehrlichkeit, eines guten Lebens, in dem Integrität und Verantwortung zählen, das ist Dalla Torres Verdienst. So trifft sie vielleicht unbewusst ihre Auswahl: Maria Ditha Santifaller*, die Dichterin, und jetzt Anni Egösi, die Malerin, bestechend beide in ihrer Klarheit und Einfachheit sowohl in ihrer Kunst wie in ihrem Leben. Eine Spiegelung dieser Eigenschaften auch dieses Buch, das klar, einfach, sparsam, elegant in der Aufmachung und Strukturierung ist. Es befriedigt unser Bedürfnis nach wenigen Worten, nach klaren Linien, nach heiterer Gelassenheit, nach Ruhe, nach Schönheit.
Was für ein zauberhaftes Geschenk für mich mitten im heißen Sommer:
Einen festen Einband halte ich in den Händen, knapp hundert Seiten, schönes, dickes Papier, auf der Titelseite nur die Signatur Anni Egösi unten in der rechten Ecke. Ihre Handschrift nicht groß, gerade lesbar, klar die zwei i-Tüpfelchen unterschieden vom Akzent über dem ungarischen E und dem Umlautzeichen über dem o. Einfachheit.
Ich öffne den Band und lese rechts unten:
Gefahrvoll ist’s der Sehnsucht nachzuträumen!
Sie führt dich fort aus den vertrauten Räumen
in fernes, unbekanntes Land.
Diese schönen Zeilen von Egösi wählte Dalla Torre als Motto für das Buch.
Danach sehen wir ein Foto von Egösi mit 46 Jahren: ein schönes ruhiges nachdenkliches Gesicht, eine leise Trauer vielleicht, schmucklos, ungeschminkt.
Auf der gegenüberliegenden Seite: Anni Egösi: Bilder und Texte. Dalla Torres Name erscheint nicht als Herausgeberin – ein Indikator dafür, um wen es hier geht.
Ein Vorwort der Landesrätin für Familie, Denkmalpflege und deutsche Kultur folgt.
Dann die erste Reproduktion: Pfingstrose, eine kleinformatige Rötelzeichnung in den Farben Ocker, Beige, Rost, die wir vom Einband und der Signatur her schon kennen. Farben, die dann beim Blättern wiedererscheinen in den vergilbten Fotos, in den Bildern von Blumen, Häusern, Menschen.
Pfingstrose -
Ich erinnere mich an ein Haiku:
the peonie was THAT big
said the little girl
opening her arms wide.
Gegenseite: der Inhalt - mit den Bilderthemen gedruckt in Rost. Kleine minimalistische Überraschung.
Und so geht es weiter: Dalla Torres Text ist von einer schmalen Auswahl von Fotos, Bleistiftzeichnungen und Aquarellen begleitet, danach folgen die Bilder (begleitet von ausgewählten Egösi Texten, darunter eine Abhandlung über die notwendige Einfachheit von Vasen – absolut keine Verzierung, keine Ablenkung von den Blumen!): zarteste Blumen, südliche Häuser, einsame Berggehöfte, ein buntes Murnau-Dorf, ein fastabstrakter Garten, zwei Mädchenportraits, die mich an Modersohn-Beckers Kinder erinnern.
Am Ende eine kurze Lebensskizze mit einem Foto von Egösi, als sie über 50 Jahre alt war. Ein leichtes Lächeln, elegant in Hut und Kostüm, Ausstrahlung von Güte.
Neben dem Dank, den Karin Dalla Torre an viele Menschen ausspricht, die letzte Reproduktion: Rosen, fast nicht erkennbar, eine ungewöhnliche spektakuläre Komposition, ein hängender Zweig, hängende Rosen - ein Abschiedsbild.
Anni Egösi stirbt am 6.Sept.1954, einen Tag vor ihrem 60. Geburtstag. Sechzig Jahre ist nicht genug, aber sechzig Jahre ist besser als 25 Jahre, Maria Bashkirtseffs Lebenszeit, besser als 31 Jahre, Paula Modersohn-Beckers Lebenszeit, besser als 34 Jahre, Eva Hesses Lebenszeit.
Anni Egösi hatte vier Monate vor ihrem Tod ihre erste Einzelausstellung - sie kam, wie Dalla Torre sagt, zu spät. Modersohn-Becker hatte während ihrer Lebenszeit keine Einzelausstellung, dafür aber zahlreiche nach ihrem Tod, als ihr Mann und ihre Freunde ihr Werk “entdeckten”.
Nun kommen Einzelausstellungen nicht zu spät oder zu früh oder von selbst, sondern sie werden gemacht, zumeist von Männern. EIN Galerist oder EIN Kurator eines Museums muss sich für eine Künstlerin und ihre Arbeiten interessieren, z.B. wenn er sie in einer Gemeinschaftsausstellung sieht. Zunächst muss er sie wirklich SEHEN können. Meistens sieht er nichts. Dabei könnte ihm EIN Kritiker mit einem besonderen Hinweis auf die Bilder einer Künstlerin behilflich sein. Hier lag schon zu Modersohn-Beckers Zeiten das Problem – ein dummer aber damals hochangesehener Kritiker gab eine unsäglich herabsetzende Rezension und Modersohn-Becker hängte ihre paar Bilder in der Bremer Kunsthalle ab – und hier liegt bis heute das Problem. Bis heute werden Künstlerinnen von männlichen Kritikern, Galeristen, Kuratoren, Museumsdirektoren und Sammlern weniger beachtet, weniger positiv bewertet, weniger ausgestellt, weniger gekauft.
Egösi hatte ähnlich wie Modersohn-Becker nicht verkaufen können. Das hatte Konsequenzen für ihre Kunst und ihr Leben.
Modersohn-Becker ging hauptsächlich um der finanziellen Sicherheit willen zu ihrem Mann zurück und starb kurz darauf im Kindbett. Bei Egösi, die unverheiratet blieb, bat ein Freund den Präsidenten des Südtiroler Künstlerbundes, um Käufer für Egösis Bilder in seinem Bekanntenkreis zu werben. Auf normalem Weg war “mit Bildverkauf nicht zu rechnen.” (S.23) Bei beiden Frauen trug ihre finanzielle Notlage indirekt zu ihrem frühen Tod bei. Wie hätte ihnen der Verkauf von - sagen wir – nur einem Dutzend Bilder und damit der “Durchbruch” als Künstlerin Bestätigung, Sicherheit, Selbstgefühl, Arbeitslust und Lebensfreude gegeben. Bei Modersohn-Becker wissen wir, wie sehr sie durch ein einziges Lob eines älteren Bildhauers, den sie schätzte, an Schaffenskraft und Energie gewann:
“ Dass Sie an mich glauben, das ist der schönste Glaube von der ganzen Welt…..Sie haben mir Wunderbarstes gegeben. Sie haben mich selber mir gegeben. Ich habe Mut bekommen…..Ich fange jetzt auch an zu glauben, dass etwas aus mir wird. Und wenn ich das bedenke, dann kommen mir die Tränen der Seeligkeit….Ich danke Ihnen für Ihre gute Existenz. Sie haben mir so wohl getan. Ich war ein bisschen einsam. Ihre ergebene Paula Modersohn” (Paris, 5.Mai, 1906)
“Liebe Schwester, ich werde etwas – ich verlebe die intensiv glücklichste Zeit meines Lebens”....(Paris, Mai 1906)
“ Ich male lebensgroße Akte und Stilleben mit Gottvertrauen und Selbstvertrauen.”....(Paris, 21. Mai 1906)
In den folgenden eineinhalb Jahren bis zu ihrem Tod malte Modersohn-Becker weit über 100 große Bilder.
So manches haben die beiden Künstlerinnen, die nur 18 Jahre im Alter auseinander waren, gemein: die ungenügende Bestätigung der Kunstwelt, die Einsamkeit als Künstlerin, den harten Kampf um ihre Kunst, die finanzielle Notlage – gesellschaftliche Bedingungen für Frauen in der Kunst. Beide wussten sie als junge Mädchen, von Anfang an, dass sie malen wollten und sonst nichts. Mit fünzehn Jahren geht Egösi allein nach München zum Kunststudium, mit sechzehn nimmt Modersohn-Becker ersten Mal- und Zeichenunterricht. Beide folgen nur sich selbst: “Es genügt doch, wenn ich weiß, wer ich bin und was ich als Malerin tun muss. Und das habe ich auch immer gewusst,” sagte Egösi. Beide verfolgen in ihrer Kunst Einfachheit. Modersohn-Becker spricht von der großen Einfachheit der Form. Für beide war Malen das Leben.
Wie Egösi sagte: “Aber Malen ist doch das Schönste.” Und beide gelangen am Ende - unbemerkt von der Kunstwelt - zum großen ganz eigenen Ausdruck.
Mein großer Dank an Karin Dalla Torre für eine Künstlerin, die ich ohne sie nicht kennengelernt hätte, und für ein bezauberndes feines neues Buch.
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*Karin Dalla Torre: “Blumen aus Blut und Schmerz”: Die Gedichte von Maria Ditha Santifaller (1904 – 1978) IN: Karin Dalla Torre (Hg.): filadressa: Kontexte der Südtiroler Literatur 03:05, Edition Rätia.
# | Luise F. Pusch am 22.07.2011
Christine Krause: Die Malerin Lisel Oppel, 1897-1960: Ein faszinierendes Leben in Worpswede
Rezension von Senta Trömel-Plötz
In einem sehr ansprechenden, reich bebilderten Buch von Christine Krause kommt ein Portrait von Lisel Oppel auf uns zu, das unsere Herzen erfreut:
Sie bemalt Wände, Schränke, Türen als Gastgeschenk, oder überreicht ein Bild zum Dank für ihren Aufenthalt – gern wäre ich ihre Gastgeberin gewesen. Lisel Oppel, immer ohne Geld, ist eine Lebenskünstlerin. Aber zuallererst eine Künstlerin, was es sie auch kosten möge, von der Enttäuschung ihrer Eltern – “ in den Augen meiner Eltern bin ich natürlich verfehlt “ – bis zu dem lächelnden Unverständnis der Worpsweder Umwelt –“die etwas irregulär dahinlebende Frau”.
Sie lebte ganz ihrer Kunst, ohne Förderung, ohne Ehemann. Auch ihr Sohn, den sie liebte, musste hinter ihrer Kunst zurückstehen. Sie reiste immer wieder in ihre Traumländer und malte und malte. Die Reisen gaben ihr eine Freiheit und eine Souveränität, die sie unangreifbar machten in der norddeutschen Provinz, sogar noch wenn sie einen schönen Prinzen und Maler und Geliebten mitbrachte aus Marrakesch.
Sie war eine aufrechte Frau und stand zu ihrem Herzen – die “unerlaubte Beziehung zu einem französischen Kriegsgefangenen” büßte sie lieber im Gefängnis als sie aufzugeben.
Und in ihren Bildern liegt beides: die Worpsweder Melancholie und die Leichtigkeit des Südens: Spätsommerblumenbilder, ernste Kinderbilder, nachdenkliche Portraits, dunkle Landschaften hier - Tessin, Italien, Spanien, Ägypten, Tanger, Marrakesch in heitersten hellen bezaubernden Farben dort. Sie war überall zuhause, liess sich nicht einengen, lebte ihr eigenständiges Leben, ihrer Zeit voraus. Lebte es uns vor, ein materiell anspruchsloses, intellektuell reiches kreatives und autonomes Leben, uns Frauen heute, vielleicht erst für die Frauen von morgen.
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Christine Krause: Die Malerin Lisel Oppel, 1897-1960: Ein faszinierendes Leben in Worpswede und am Mittelmeer
Bremen: Kellner Verlag, 2010
312 Seiten, 19,90 EUR
# | Luise F. Pusch am 15.07.2011
Heli Ihlefeld: AUF AUGENHÖHE oder wie Frauen begannen, die Welt zu verändern: Erinnerungen.
“Eine Traumtänzerin, die war ich schon.”
Rezension von Senta Trömel-Plötz
So wie Iris von Roten mit FRAUEN IM LAUFGITTER dem Feminismus der 70er Jahre um Jahrzehnte voraus war, war auch Heli Ihlefeld vielen Frauen und nicht wenigen Feministinnen um einiges voraus. Es verbindet die beiden Frauen, dass sie ihre innovativen Ideen ganz allein kreierten und entwickelten: Iris von Roten am Schreibtisch und Heli Ihlefeld in der journalistischen und politischen Praxis. Beide waren zu früh zu gut – manche ihrer Ideen werden erst heute rezipiert und langsam umgesetzt, andere warten noch auf die Realisierung. Glücklicherweise erlebte und erlebt Heli Ihlefeld auch Erfolg und viel Anerkennung für ihre Arbeit, im Gegensatz zu Iris von Roten, die die Neuauflage ihres Buches 1991 und die große Resonanz samt dem Interesse an ihrer Person nicht mehr erlebte.
Um bei Heli Ihlefeld zu bleiben: ihre Erinnerungen sind ein Lehrbuch der politischen Praxis. Und da hauptsächlich für Frauen, die beruflich nach oben streben oder auch nur verstehen wollen, wie ein großer Betrieb oder eine Partei oder das Zeitungswesen oder ein Ministerium im Hinblick auf Frauen funktionieren, wie Entscheidungen getroffen werden, wer redet, wer schweigen darf, wer sich abmüht, wie Änderungen verhindert werden oder auch installiert werden können – wie Frauen da eingebettet sind. Die Autorin hat eine breit gefächerte Laufbahn in diesen diversen Organisationen vorzuweisen und zwar in statushohen Positionen. Es ist faszinierend zu verfolgen, was sie erreichte in ihrem langen Berufsleben, wie sie sich entwickelte, wie sie sich Kompetenz aneignete und immer größere Kompetenz einsetzte von Station zu Station auf ihrem Weg - von der Journalistin, die mit Brandt und anderen deutschen Politikern reiste und alle, die Rang und Namen auf dem internationalen politischen Parkett hatten, kennenlernte oder interviewte (Queen Elisabeth, Senghor, John F.Kennedy, Indira Gandhi, Sekou Toures, Kenyatta) zur persönlichen Pressereferentin der Bundestagspräsidentin Annemarie Renger, von der Ministerialrätin im Postministerium zur Generalbevollmächtigten der Deutschen Telekom.
Für mich ist ihr Buch, die Beschreibung ihres Weges, aus vielen Gründen spannend:
Ihr Studium und Berufsleben beginnt lange vor dem Feminismus, sie ist gescheit und kann denken, sie ist nachdenklich und hat von Kindheit an einen Gerechtigkeitssinn und eine klare Sicht; offensichtlich ist das alles, was nötig ist, denn so ausgestattet entwickelt sie sich vor unseren Augen ganz allein zur Feministin. Was für ein Vorbild für unsere angepaßten und nicht-reflektierenden Frauen heute, die nicht hinsehen wollen.
Sie ist Beispiel und Beleg für meine linguistische Forschung, weil sie alle weiblichen konversationellen Eigenschaften, die ich in meinem Buch FRAUENGESPRÄCHE isolierte, realisiert: ihr berufliches Tun ist ja in allen Berufen und Positionen ein konversationelles, sprachliches Handeln. Hier demonstriert sie immer wieder, was ich in meinen Analysen von zumeist statushohen Frauen vorfand: Konstruktion von Symmetrie und Gleichheit, konversationelle Großzügigkeit, das Herstellen von Erfolg für andere, konversationelle Aktivität, Herstellen von Kompetenz bzw. Ermächtigung von jüngeren Frauen, Unterstützung von Frauen, Fairness, Integrität, Herstellung von Kreativität.
Dazu kommen die Eigenschaften des persönlichen Redens, der Offenheit, der Ehrlichkeit, mit denen sie ihr privates Leben, Eltern, Partner und Kinder beschreibt.
Diese letzteren Qualitäten zeigen sich vor allem im Kapitel über ihre Kindheit, das mich sehr berührte. Das innige Schreiben über eine verlorene Vergangenheit als Kriegskind, von der doch so viel im Herzen blieb, kleine Erinnerungen, die auch meine Kindheitserinnerungen, an die ich lange nicht mehr dachte, wieder weckten, sei es auch nur die Arbeit während des größten Hungers nach dem Krieg mit Käfern auf den Kartoffelfeldern, oder die Tabakpflanzen unserer Väter oder die Identifizierung mit einer lehrenden Klosterschwester. Auch die Bomben, die neben uns einschlugen und uns verschonten, haben wir gemeinsam, vor allem aber die Kindheit im Krieg, dass wir keinen anderen Zustand kannten als Krieg. Ich erinnere mich an den 1. Mai in München beim Einmarsch der Amerikaner, dass ich meinen Vater fragte, was wird jetzt anders, denn ich wollte verstehen was das bedeutete: Der Krieg ist zuende. Was bedeutete die Kindheit im Krieg für unsere Herzensstimmung – Angst, Einsamkeit, unerklärliche Traurigkeit für ein ganzes Leben, unterdrücktes Weinen, die Schwere der Abschiede. Die Innigkeit des Schreibens – ich kann es nicht anders nennen – weckt auch die Empathie – ich trauere mit der Autorin über das gebrochene Herz ihrer Mutter, über die Liebe zu ihrem Vater, die nicht gelebt werden konnte, freue mich mit ihr an ihren erfolgreichen Kindern, spüre ihren Stolz. Suche, nachdem sie Wiederholungen in ihrem Leben aufzeigte, nach den Wiederholungen in meinem Leben, von meinen Eltern zu mir und zu meinen Kindern.
Eine Fülle von Material, von Lernstoff, von Anregungen weiterzudenken und Anregungen, aktiv zu werden, finden wir in diesem Buch, das nicht Ihlefelds erstes ist - sie ist Autorin vieler Bücher - und hoffentlich nicht ihr letztes, denn sie hat uns noch viel zu lehren. Z.B habe ich ihre Überlegung, was wäre gewesen, wenn nach Kriegsende nicht nur die deutsche Industrie mit neuen Maschinen angefangen hätte, sondern auch die Frauen mit ihrem neugewonnenen Selbstbewußtsein, noch nirgendwo gehört: “Auf jeden Fall hätten sich die Frauen neben ihre Männer gestellt und wären nicht wieder ins zweite Glied zurückgetreten, so als sei nur dann die Welt in Ordnung. Eine andere Verfassung, ein anderes Rollenverständnis, ein anderes Lenbensgefühl hätte entstehen können. Und die wenigen “Mütter des Grundgesetzes” hätten den “Vätern des Grundgesetzes” nicht den Artikel 3 und jedes Wort von ihm in zähem Kampf abtrotzen müssen: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Dann säßen heute vielleicht die Frauen paritätisch in allen Gremien und Deutschland stünde nicht an einer der letzten Stellen im Vergleich mit anderen Staaten der Welt. Und das Menschenrecht der Ebenbürtigkeit und Gleichstellung von Frauen und Männern wäre bei uns kein Thema mehr.” ( S.67)
Ein paar Lektionen aus diesem Buch sind:
Wie sie sich von einer Journalistin, die differenziert schreiben wollte, zur politischen Journalistiin entwickelte - zu einer Zeit als es im politischen Journalismus nicht einmal eine Handvoll Frauen gab. Sie hatte immer schon Ebenbürtigkkeit von Frauen und Männern und Parität im Kopf, so daß sie Gleichberechtigungsthemen wie Namensrecht, Recht auf Berufstätigkeit, Recht auf den eigenen Körper ganz selbstverständlich interessierten. Mit ihrem Gerechtigkeitsgefühl und mit ihren offenen Augen sah sie alsbald – allen weit voraus - weitere Ungerechtigkeit, die bis heute besteht: die steuerrechtliche Benachteiligung von alleinerziehenden Frauen, die fehlende Altersversorgung für alle Frauen, auch der Hausfrauen, die fehlenden Ganztagskindergärten, etc. Die Geschichtslektion für junge Frauen ist, wie lange es dauert und was es braucht bis Änderungen, die für Frauen wichtig sind, durchgesetzt werden können. Und was die konkreten Hindernisse sind.
Ihlefelds Erfahrung beim STERN ist dabei für schreibende Frauen besonders zu empfehlen, die etwas über Dominanzgesten von Männern wie auch über unterlassene Unterstützung von sog. “wohlgesinnten” Männern lernen wollen.
Wie sie sich ganz automatisch von der politischen Journalistin zur Feministin entwickelte. Sie verstand schnell, z.B. dass eine Frau abgewertet wird durch die Beschreibung ihrer Kleidung und Frisur, dass sie dann nicht mehr ernstgenommen wird; sie verstand, dass der Erfolg hergestellt wird, hauptsächlich für Männer, die nicht nach ihrem Aussehen beschrieben und bewertet werden. Und so machte sie es sich zur Aufgabe, den Erfolg von Annemarie Renger herzustellen und war dabei erfinderisch, kreativ und vor allem solidarisch; sie änderte damit nicht nur das Image von Renger, sondern ihre Bedeutung in der Geschichte. Sie öffnete diese hohe Position potentiell für Frauen. Sie änderte damit überdies, wie Frauen in hohen Positionen wahrgenommen werden und damit unsere Geschichte.
Ihlefeld ist der Beweis einer alten These von mir: dass es oft nur EINE gute Frau in einer Institution braucht, um diese ein für allemal zu verändern. Sie war diese eine Frau in verschiedenen Organisationen. Wir Frauen müssen ihr dankbar sein.
Ihlefeld verstand schnell und lernte schnell; von Renger lernte sie, dass Macht wichtig ist für Frauen: “Ohne Macht – in Ohnmacht – gibt es für Frauen keine Veränderung.” (S. 209). Vielleicht kam daher auch ihre Solidarität: die Idee, Frauen müssen sich zusammenschließen, auch über Parteigrenzen hinweg. Ihlefeld gründete einen Frauenstammtisch in Bonn und strebte eine interfraktionelle Frauenlobby an – weit vor ihrer Zeit. Der Frauenstammtisch aber überlebt bis heute.
Wie sie als wirklich statushohe Frau sich dann selbst Arbeitsgebiete suchte, wo sie Frauen fördern konnte. Das ist ganz und gar nicht selbstverständlich, daß eine Frau eine berufliche Demontage in Kauf nimmt, um andere Frauen voranzubringen und einen ganzen Betrieb auf mehr Fairness Frauen gegenüber zu verpflichten: Frauen und Männer auf Augenhöhe eben. Ihlefeld fing als Generalfrauenbevollmächtigte bei der Telekom (130 000 MitarbeiterInnen) mit einer einzigen Sachbearbeiterin an und ging mit einem Stab von 30 Mitarbeiterinnen ab. Wie sie das geschafft hat, empfehle ich jeder und jedem nachzulesen. Wo sie bei aller Intelligenz, Energie und auch Erfahrung die Kraft und die Insistenz hernahm, die unglaublich mühselige Arbeit zu leisten gegenüber massiven Widerständen auch von Frauen, das ist ihr selbst etwas rätselhaft. Jedenfalls konnte sie ihr Arbeitsgebiet und ihre Fragen selbst definieren – ein großer Faktor was Zufriedenheit und Leistung angeht und nur bei hohem Status möglich, z.B. die Frage, wie mehr Frauen für technische Berufe motiviert werden können oder die Frage, wie mehr Frauen in das Management kommen können Dabei war sie von Jahr zu Jahr immer erfolgreicher mit ihren Ideen, und ihre Ideen gingen weit über den eigenen Betrieb hinaus.
Ihlefeld wurde einmal abwertend von einem Mann Paradiesvogel genannt, weil ihm ihre Ideen zu phantastisch erschienen – er selbst hatte wohl eher keine Phantasie. Diese Beschreibung wollte sie nicht für sich annehmen – ich finde sie sehr positiv, sie sah sich anders: “Nein, ich war kein Paradiesvogel, ...... aber eine Traumtänzerin, die war ich schon.“ (S.269)
Paradiesvögel und Traumtänzerinnen – vielleicht hilft das Buch Frauen, dieses Engagement und diesen Mut anzustreben, wie Ihlefeld sie hatte. Denn solche Paradiesvögel und Traumtänzerinnen wie Heli Ihlefeld brauchen wir so viele wie nur möglich.
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Heli Ihlefeld:
AUF AUGENHÖHE oder wie Frauen begannen, die Welt zu verändern: Erinnerungen.
München: Herbig, 2008
gebunden, 351 Seiten, neu 19,90 €, antiquarisch ab 4,20 €.
# | Luise F. Pusch am 05.07.2011









