Buchbesprechungen

Montag, Dezember 10, 2012

Jutta Schwerin: Ricardas Tochter – Leben zwischen Deutschland und Israel

Leipzig: Spector Books in Kooperation mit der Stiftung Bauhaus Dessau, 2012.
319 Seiten, gebundene Leinenausgabe mit 65 Schwarz-Weiß-Fotografien
ISBN: 978-3-940064-332,19,90 Euro


Rezension von Luise F. Pusch

FrauenbildJutta Schwerins spannende und bewegende Doppelbiographie über sich selbst und ihre Mutter, Ricarda Schwerin, beginnt in Jerusalem Ende Februar 1941. Die Bevölkerung verharrt in Schreckstarre, Mussolini hat Tel Aviv und Haifa bombardiert, Rommel scheint kurz davor, mit seinen Truppen bis nach Palästina vorzudringen. Und Ricarda Schwerin liegt in den Wehen. Heinz Schwerin, der junge Vater, steht seiner Frau durch alle Stadien bei. Als alles glücklich überstanden ist, „konnte Ricarda das Neugeborene nur wenige Sekunden in ihren Armen halten, so schwach war sie. Die Hebamme überreichte es Heinz.“

Die Geburt war auch deswegen so anstrengend für Ricarda gewesen, weil sie „die Meinung vertrat, dass Schreien sich beim Kinderkriegen nicht schickte, jedenfalls nicht für gebildete Frauen.“

Mit wenigen Worten umreißt Jutta Schwerin die Problematik dieser Mutter-Tochter-Beziehung: Die Mutter muss übermenschliche Prüfungen durchstehen, sie bewahrt dabei Haltung, ist unglaublich tapfer, fast übertrieben heroisch. Das erschöpft sie dermaßen, dass sie ihre Tochter nicht im Arm halten kann. Aber da ist der Vater, warmherzig und spontan, er übernimmt Mutterstelle an dem Kind.

Und dann ereignet sich die Tragödie ihres Lebens, Ricardas wie Juttas: Heinz Schwerin stirbt kurz vor Juttas siebtem Geburtstag.

Jutta Schwerins Eltern lernten sich gegen Ende der Weimarer Republik am Bauhaus in Dessau kennen. Heinz war Jude, und so mussten die beiden jungen KommunistInnen bald nach Hitlers Machtergreifung aus Deutschland fliehen und landeten schließlich 1935 in Palästina. Sie waren nicht zionistisch, sondern streng modern, kommunistisch und atheistisch. Nach Palästina kamen sie, weil es sonst keine Möglichkeiten für sie gab. Aber sie sind jung und lieben einander innig; sie finden sich in die neue Lage und betreiben bald mitten in Jerusalem eine kleine Holzwerkstatt und stellen edles Kinderspielzeug her, strikt nach Bauhausprinzipien. 1944 übersiedeln auch Heinz’ alte Eltern aus ihrem Exil in Lissabon nach Palästina.

1945 wird Juttas Bruder geboren, und Anfang 1948 stirbt der Vater. Er wollte an einem dünnen Wasserrohr auf ein Dach klettern, wo ihn seine Kameraden von der Hagana für einen gemeinsamen Einsatz erwarteten, aber er verlor den Halt und stürzte seiner kleinen Tochter vor die Füße. Wenige Tage später erlag er im Krankenhaus seinen Verletzungen. Es ist unklar, ob Heinz Schwerin einfach leichtsinnig war - oder ob der Unfall das Resultat einer bereits vorliegenden Hirnerkrankung war.

Heinz’ Tochter lebt noch weitere 13 Jahre in Israel, dann geht sie - mit 20 Jahren - nach Europa, zuerst als Kinderbetreuerin in ein jüdisches Kinderheim in der Schweiz, dann zum Studium nach Stuttgart. Sie studiert bei einem alten Bauhausfreund ihrer Eltern; der Name wird jedoch nie verraten. Solche Aussparungen haben mit Kritik zu tun: Der Professor, der inzwischen längst gestorben sein dürfte, wird heftig kritisiert. Dafür erfahren wir dann seinen Namen nicht.

Und der jüngere Bruder? Von ihm erfahren wir auch so gut wie nichts. Es ist der bekannte israelische Historiker Tom Segev, was sich leicht ergoogeln lässt. Warum glänzt er in den Memoiren seiner Schwester durch Abwesenheit? Niemals wird er auch nur beim Namen genannt; er ist „der Kleine“, „der Bruder“ oder „mein Bruder“. Vater und Mutter werden dafür nur beim Vornamen genannt, sie sind für die Tochter von Anfang an „Ricarda“ und „Heinz“.

Ricarda ist eine hochbegabte, intelligente und eigenwillige Frau. Das Buch heißt nicht umsonst „Ricardas Tochter“. Es hätte ja auch ebenso gut „Heinz’ Tochter“ heißen können. Aber es ist Ricarda, an der Ricardas Tochter sich abarbeitet; die beiden waren aufeinander angewiesen, besonders die Tochter auf die Mutter - aber die Beziehung war schwierig, oftmals zerstritten sie sich. Sie verstanden einander nicht gut. Die Vermutung liegt nahe, dass die Entfremdung mit dem Bruder zu tun hat. Und dass das Buch auch ein Versuch ist, die eindrucksvolle, starke, aber spröde Ricarda zu verstehen und ihr gerecht zu werden: „Immer lief ich Ricarda hinterher, immer war ich auf der Flucht vor ihr. Meine Beziehung zu ihr war ein Geflecht aus Bewunderung, Sehnsucht und Angst. Wenn ich von zu Hause weg war, hatte ich Heimweh nach Ricarda. Auch viel später, als ich schon erwachsen war. Wenn ich in ihre Nähe kam, fürchtete ich mich vor ihren Vorwürfen und Ansprüchen oder ich hatte Angst, sie könnte herausfinden, dass ich wieder Geheimnisse hatte.“ (S. 165) 

Da liegt also noch viel Stoff verborgen für eine Fortsetzung der Schwerinschen Familiengeschichte mit neuen Akzenten, auf die ich gespannt bin.

Was aber bisher vorliegt, ist aufregend genug. Jutta Schwerin schildert, höchst anschaulich und detailreich, ein Kapitel der deutsch-jüdisch-israelischen Geschichte, das den meisten nichtjüdischen Deutschen unbekannt sein dürfte: Das harte Leben der deutsch-jüdischen EmigrantInnen, der Jeckes, in der Zeit von 1930 bis 1960 - vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg in Palästina und dann dem neugegründeten Israel.

Jutta verliebt sich in den über vierzig Jahre älteren deutschjüdischen Architekten Heinz Rau und verlässt ihre Heimat Israel nach einer Abtreibung, die Ricarda organisiert hatte. Da er Heinz heißt wie Juttas Vater, wird er in dem Buch durchgehend als Rau bezeichnet. Eine Schlüsselszene ist die, als Jutta ihrer Mutter „alles gesteht“: „Ricarda reagierte fassungslos, sie war so wütend, dass ich in völlige Passivität verfiel. Kein Wort konnte ich zu meiner Verteidigung hervorbringen. Blass und elend lag ich auf meinem Bett und hörte mir die Vorwürfe meiner Mutter an und die entsetzlichen Beschimpfungen gegen Rau. Mein Kopf war ganz leer. Nicht die Spur einer Rebellion, kein eigener klarer Gedanke … Am Morgen danach suchte Ricarda Rau in seinem Büro auf, bedrohte ihn mit einem stadtweiten Skandal und verbot ihm jeglichen Kontakt zu ihrer Tochter. Zu mir sagte sie: ‚Ich habe noch meine Pistole, wenn das nicht sofort aufhört, schieße ich ihn tot und danach mich selbst!‘ Sie könnte es auch sofort tun, fügte sie hinzu, allein der jüngere Bruder würde sie jetzt noch am Leben halten.“

Jutta trifft den Geliebten aber weiter heimlich: „Vor Angst und Scham für meine Lügen verschloss ich mich meiner Mutter gegenüber mehr und mehr.“ Auch als sie längst in Deutschland ist, geht die Beziehung weiter, und Jutta muss ein zweites Mal abtreiben. Ihr Geliebter stirbt 1965 an Krebs. Jutta wendet sich einem politisch gleich gesinnten deutschen Kommilitonen zu, Ulrich Oesterle aus Ulm. Sie heiratet ihn, sie bekommen einen Sohn, Peter, und adoptieren eine Tochter, Claudia.

Die Familienarbeit füllt Jutta Schwerin nicht aus; sie geht in die Politik. Erst macht sie Kommunalpolitik für die SPD, dann geht sie als Abgeordnete der Grünen in den Bundestag. Ihre Fachgebiete sind Wohnungs- und Gleichstellungspolitik, Schwerpunkt Lesben und Schwule. Von ihrem Mann hat sie sich gütlich getrennt, als sie sich in Franziska verliebte. Sie wird bekannt als „erste offen lesbische Abgeordnete im Deutschen Bundestag“. Von Franziska ist sie inzwischen getrennt und lebt jetzt schon über zwanzig Jahre lang mit ihrer Partnerin Ingrid zusammen, mit der sie auch in New York war, das zu ihrer Lieblingsstadt wurde: „Es ist das Jüdische hier. … Am Samstag sehen die Straßen anders aus als an den übrigen Tagen, weil viele jüdische Läden geschlossen sind. Hier bekommen auch nichtjüdische Menschen es mit, wenn ein jüdischer Feiertag ist, schon weil das Empire State Building dann blauweiß leuchtet.“

Jutta Schwerins Buch läßt sich aus vielen Blickwinkeln lesen. Der Verlag brachte es in Kooperation mit der Stiftung Bauhaus in Dessau heraus - da interessierte wohl vor allem die unglaubliche Geschichte des Bauhaus-Untergangs 1933 aus der Sicht zweier Studierender und ZeitzeugInnen, die dann die Bauhaus-Ideen in Palästina weiterlebten. Die schöne Gestaltung und überaus großzügige Bebilderung des Buches unterstreicht diesen Design-Aspekt. Sehr spannend und bisher wenig beschrieben ist die Geschichte Palästinas und des jungen Israel aus der Sicht der Tochter deutscher EmigrantInnen. Dann lässt sich das Buch lesen als Zeitzeugnis der deutschen Protestbewegungen seit 1968: StudentInnenprotest, Frauenbewegung, Grüne, Friedensbewegung, Lesbenbewegung. An allen war Jutta Schwerin beteiligt, oft führend.

Ein sehr reiches, geschichts- und welthaltiges Buch also. Ins eigentliche Zentrum aber führt der Titel, den Jutta Schwerin gewählt hat: „Ricardas Tochter“. Für mich ist dies vor allem die Geschichte einer widerständigen Tochter, die ihren Mut und ihre ungewöhnliche Stärke nicht nur einer schweren Jugend in Kriegszeiten und dem Überleben schwerer Schicksalsschläge verdankt, sondern auch ihrer Mutter. An Ricarda, die eine noch viel schlimmere und meist lieblose Kindheit durchmachte (von Jutta in allen Einzelheiten erzählt) und sich schließlich als „die Deutsche“ in Israel wiederfand, die den Absprung in die USA nicht schaffte, weil sie sich um ihre alten Schwiegereltern kümmern wollte, an dieser Heldin musste Jutta sich messen, um ihre Liebe und ihr Verständnis hat sie geworben, oft vergeblich, wie es scheint.

Nun hat Ricardas Tochter den Konflikt gelöst oder zumindest ein Stück weit verarbeitet, indem sie ihr Leben aufzeichnete und damit ihrer Mutter ein Denkmal setzte. Denn die Mutter war nicht nur schwierig, fordernd und abweisend, sie war auch liebevoll und fürsorglich.

Also eine ganz gewöhnliche Geschichte eines ganz gewöhnlichen Mutter-Tochter-Konflikts? Ja, auch - aber wie das beschrieben wird, lässt es die Leserin nicht los. Micha Brumlik spricht in seiner taz-Kolumne von Jutta Schwerins “nüchternem, beinahe bauhausartig gehaltenem Stil”. Die Bauhaus-Ästhetik kann auch zu sehr sterilen Ergebnissen führen, aber dieser Text vibriert. Aus den kargen Bauhaus-Prinzipien Nüchternheit, Klarheit, Sachlichkeit, Funktionalität entsteht eine eigene Schönheit, wenn - wie in diesem Buch - die wichtigsten Zutaten nicht fehlen: Leidenschaft und Liebe.

 


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Hedwig Dohm