Sonntag, Oktober 30, 2011

Ruth Liepman: Vielleicht ist Glück nicht nur Zufall. Erzählte Erinnerungen. Edition fünf, 2011.

Ein Plädoyer für die Solidarität unter den Menschen

Von Doris Hermanns

FrauenbildMit 83 Jahren entschloss sich die Grande Dame des Literaturbetriebs Ruth Liepman, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben, da es nicht mehr viele ZeitzeugInnen ihrer Generation gab, die beide Weltkriege miterlebt hatten. Aus zahlreichen Gesprächen mit Helge Machow ist das beeindruckende Buch entstanden, das jetzt als Neuauflage ihrer ursprünglich 1993 veröffentlichten Erinnerungen erschien.

1909 als Ruth Lilienstein geboren, wuchs sie als Tochter einer jüdischen Arztfamilie in Hamburg auf. Mit 19 Jahren schloss sie sich der Kommunistischen Partei an (über ihre Mitarbeit berichtet sie ausführlich)  und begann Jura zu studieren. Aufgrund ihres politischen Engagements wollte sie eigentlich Jugendrichterin werden, aber nach der Machtübernahme der Nazis 1933 war sie eine der ersten, die Berufsverbot als Kommunistin erhielt. Als die Verhältnisse in Deutschland für sie unerträglich wurden, flüchtete sie 1934 in die Niederlande. Lange Zeit blieb sie davon überzeugt, dass es in Deutschland eine Revolution gegen Hitler geben würde. Daher war Amsterdam als Exilort nahe liegend für sie. Ausführlich und lebendig erzählt Liepman von ihrer Zeit in der Emigration, wie es ihr immer wieder durch glückliche Zufälle gelang, Menschen kennen zu lernen, die ihr weiterhalfen.

Dass sie inzwischen in Deutschland steckbrieflich wegen Hochverrats gesucht wurde, hielt sie davon ab, im Widerstand so aktiv zu werden, wie sie eigentlich wollte. Trotzdem machte sie immer wieder illegale Reisen nach Deutschland und führte Kurierdienste aus.

Nachdem Liepman in England bei einer Veranstaltung gesprochen hatte, wurde sie aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen, die ihr dies vorher verboten hatte. Der Ausschluss schmerzte sie, aber sie sollte noch bis zum Ende des Krieges in Kontakt mit KommunistInnen bleiben.

Bereits vor der Besetzung der Niederlande 1940, die unter EmigrantInnen große Panik auslöste, war Liepman eine Schutzheirat mit einem Schweizer eingegangen. Durch diese Heirat und ihre Stellung als Mitarbeiterin ihres Mannes, der Konsul und Anwalt in den Niederlanden war, konnte sie sich einige Zeit in Sicherheit wähnen. Detailliert zeigt sie auf, wie sie in dieser Situation dazu beitragen konnte, Menschen vor dem Tod zu retten.

Bei einem Urlaub in der Schweiz erfuhr sie von einem deutschen Offizier von der geplanten „Endlösung“. Zurück in den Niederlanden, wollte sie die Juden warnen, wurde aber nicht ernst genommen, sondern als hysterisch abgetan.
Nachdem einer der Mitarbeiter des Schweizer Konsulats sie bei der Fremdenpolizei gemeldet hatte, musste sie 1943 untertauchen. Den Rest des Krieges lebte sie als Haushaltshilfe bei einer Familie in Beverwijk, die für sie lebenslang ihre zweite Familie wurde.

Liepman macht deutlich, dass sie in ihrem Leben kaum je allein war, Zusammenleben und –arbeiten waren ihr immer selbstverständlich, sei es in ihrer Zeit im Widerstand oder in ihrer Agentur. Wie sie schreibt, war es das, was ihr die Lust am Leben erhielt.

Als sie im Winter 1945/46 wieder legal nach Deutschland zurück konnte, lernte sie den Schriftsteller Heinz Liepman kennen, der gerade aus dem amerikanischen Exil zurückkam. Mit ihm zusammen gründete sie die erste Literaturagentur der Nachkriegszeit in Deutschland. Diese zog 1961 nach Zürich, wo sie bis heute als angesehene Agentur weitergeführt wird.

Ergänzt wird ihre Lebensgeschichte durch persönliche Erinnerungen an AutorInnen, deren Arbeiten sie im Laufe der Jahre vermittelt hat, wie z.B. James Baldwin, Anna Mitgutsch und Mascha Kaléko. Der internationale Aspekt ihrer Arbeit war ihr immer wichtig, da sie davon ausging, dass es ein Schritt zum Frieden ist, wenn Völker sich besser kennenlernen – und Bücher hierbei eine wichtige Rolle spielen können.

Abgerundet wird der Band mit einer Rede, die Ruth Liepman vor der Akademie für Sprache und Dichtung 1977 in Darmstadt gehalten hat, in der sie die Tätigkeiten literarischer AgentInnen erläutert, sowie einem Nachwort zur Neuauflage von ihren beiden Mitarbeiterinnen Eva Koralnik und Ruth Weibel, die die Agentur nach ihrem Tod weiterführen. Es handelt von den Neuerungen in der Buchbranche seit Liepmans Tod 2001.

Ein sehr bewegendes Buch, das lange nachwirkt, nicht nur wegen dem, was Ruth Liepman in ihrem Leben erlebt hat, sondern auch und vor allem wegen ihrer positiven Lebenshaltung in widrigen Umständen.
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Ruth Liepman: Vielleicht ist Glück nicht nur Zufall. Erzählte Erinnerungen.
Band 9 der edition fünf im Verlag Silke Weniger, Gräfelfing 2011, 171 Seiten, Euro 18,90


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Hedwig Dohm