FemBio-Special: Künstlerinnen und Kunstförderinnen der GEDOK

Elfriede Lohse-Wächtler

(Wächtler, Anna Frieda [Geburtsname]; Nikolaus Wächtler [Künstlername])

also available in English

geboren am 4. Dez. 1899 in Dresden-Löbtau
gestorben am 31. Juli 1940, ermordet, Heil-und Pflegeanstalt Sonnenstein in Pirna

deutsche Malerin
70. Todestag am 31. Juli 2010


BiografieZitateWeblinksLiteratur & QuellenBildquellen


Biografie

Die Tragik des Lebens dieser großen Künstlerin ist kaum vorstellbar.

Sie wird in ein beengtes bürgerliches Milieu geboren, die Eltern sind mit der Genialität und Exzentrik der Tochter schlichtweg überfordert, versuchen sie an einer Laufbahn als Malerin zu hindern, was ihnen aber nicht gelingt. Elfriede besucht die Kunstakademie in Dresden, zieht im Alter von sechzehn Jahren aus der elterlichen Wohnung aus und verdient sich ihren Lebensunterhalt mit Batikarbeiten. Sie verkehrt in der Dresdner Boheme, ist Anhängerin von Dada, besucht auch Veranstaltungen des Spartakusbundes und bildet sich politisch und sozial wie viele von den Greueln des ersten Weltkrieges aufgeschreckte sensible junge Menschen.

Zum großen Erstaunen ihrer FreundInnen heiratet sie einen nicht zu ihr passenden Mann, den rücksichtslosen und verschwenderischen Gelegenheitskünstler Kurt Lohse, der nicht nur sein Geld sondern auch das ihre hinauswirft. Grenzenlose Armut ist das Kennzeichen ihres Lebens.

Elfriede Lohse-Wächtler

Das Paar trennt sich, Lohse zieht nach Hamburg und erkrankt. Elfriede Wächtler hat Erbarmen mit ihm, will ihn pflegen und zieht zu ihm. Bald hat Lohse eine andere Frau. Elfriede Wächtler lebt und arbeitet nun in Hamburg unter jämmerlichen emotionalen und finanziellen Bedingungen, bis es zu einem Nervenzusammenbruch kommt. Die Ruhe und die regelmäßigen Mahlzeiten in einer Nervenheilanstalt bringen ihr Erholung. In diesem mehrwöchigen Aufenthalt in der Anstalt entsteht die von der Kunstkritik enthusiastisch gepriesene Porträtserie “Friedrichsberger Köpfe”, Porträts ihrer Mitpatientinnen. Elfriede Wächtler wird jetzt zwar berühmt, doch bleibt sie weiterhin arm.

Es ist erstaunlich, welch großartiges Werk Elfriede Wächtler, trotz brennender Alltagssorgen, emotionaler Vereinsamung und zeitweiliger Obdachlosigkeit geschaffen hat. Hauptthema ihrer Bilder sind Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, soziale AußenseiterInnen, Geächtete und Minderheiten. Sie entlarvt, doch moralisiert sie nicht. Die Kunstkritik stellt sie in eine Reihe mit Otto Dix, Oskar Kokoschka, Jeanne Mammen und Egon Schiele.

Nach den künstlerisch sehr fruchtbaren, doch menschlich fast vernichtenden Jahren in Hamburg flüchtet sie zu ihren Eltern zurück nach Dresden, die nun wieder aus ihrer bürgerlichen Ruhe aufgeschreckt werden. Der Vater läßt seine Tochter 1932 in die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Arnsdorf bei Dresden einweisen, sicherlich nicht in böswilliger Absicht. Überforderung, Ratlosigkeit und Gedankenlosigkeit, natürlich auch eigene finanzielle Not, lassen ihn einen “Aufbewahrungsort” für seine ihm so fremdartige Tochter finden.

Elfriede Lohse-Wächtler

Jetzt ist das Schicksal Elfriede Wächtlers endgültig besiegelt. Sie bekommt das Etikett “Schizophrenie” , Lohse läßt sich 1935 von ihr wegen “unheilbarer Geisteskrankheit” scheiden; seine Lebensgefährtin hatte inzwischen mehrere Kinder geboren. Schließlich wird das nationalsozialistische “Erbgesundheitsgesetz” der Anlaß für eine 1935 durchgeführte Zwangssterilisation.

Elfriede Wächtlers Schaffenskraft erlischt nach dieser unmenschlichen Demütigung nahezu vollständig. Vorher hatte sie immer noch gemalt und gezeichnet, ihren Überlebens- und Schaffenswillen in die Kunst gerettet. In ihrem einundvierzigsten Lebensjahr wird Elfriede Wächtler schließlich Opfer der “Aktion T 4”, dem nationalsozialistischen Massenvernichtungsprogramm “lebensunwerten Lebens”.

Weitere Bilder finden Sie in der englischen Version.

Sibylle Duda

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Zitate

Elfriede Lohse-Wächtler ragt gegenüber dem heutigen Plätscher-Niveau empor – sie ist entschieden eine Entdeckung.

(Hamburger Anzeiger, Mai 1929)

Elfriede Lohse-Wächtler

Ich bin blöde genug, trotz aller Erfahrungen immer noch zu glauben, dass es doch noch Menschen gibt.

(Elfriede Lohse-Wächtler, gefunden hier)

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Links

Deutsche Bank Art – Beruf: KünstlerinDeutsche Bank Art: Beruf: Künstlerin – Die Dresdner Malerin Elfriede Lohse-Wächtler (1899-1940)
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Elfriede Lohse-WächtlerElfriede Lohse-Wächtler. Seite des Förderkreises Elfriede Lohse-Wächtler e.V. Hamburg, mit Biografie, Galerie und Bibliografie.
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Fischer Kunsthandel – Elfriede Lohse-WächtlerFischer Kunsthandel: Elfriede Lohse-Wächtler. Werke
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Freitag – Das Grauen einer begnadeten FrauFreitag, Michael: Das Grauen einer begnadeten Frau. Biografie mit vielen Details. Psychiatrienetz.
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Katalog der Deutschen Nationalbibliothek – Lohse-WächtlerKatalog der Deutschen Nationalbibliothek: Lohse-Wächtler, Elfriede, 1899-1940
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Kunstsammlungen Böttcherstrasse – Paula Modersohn-Becker MuseumKunstsammlungen Böttcherstrasse: Paula Modersohn-Becker Museum – Ausstellungen Rückblick. Elfriede Lohse-Wächtler – 1. März bis 3. Mai 2009
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Kuratorium Gedenkstätte Sonnenstein e.VKuratorium Gedenkstätte Sonnenstein e.V.
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Landeshauptstadt Dresden, Gleichstellungsbeauftragte für Frau und Mann (Hg.) 2006 – Straßennamen in DresdenLandeshauptstadt Dresden, Gleichstellungsbeauftragte für Frau und Mann (Hg.) (2006): Straßennamen in Dresden – reine Männersache? PDF, mit Biogrammen.
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Radio Bremen 2009 – Elfriede Lohse-Wächtler in BremenRadio Bremen (2009): Elfriede Lohse-Wächtler in Bremen. Audiodatei, 3:38 min.
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Ruppert 2008 – Bilder eines kurzenRuppert, Harald (2008): Bilder eines kurzen, schlimmen Lebens. In: Südkurier, 08.11.2008.
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Schulte 2005 – Ich allein weiss wer ichSchulte, Henrike (2005): Ich allein weiss wer ich bin. artnet® Magazin.
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Literatur & Quellen

Hinweis: Dies sind keine Literaturempfehlungen, sondern die zum Thema erschienenen Titel – ohne Wertung unsererseits.

Blübaum (Hg.) 2008 – Elfriede Lohse-Wächtler

Duda 1999 – Elfriede Lohse-Wächtler

Kirsten, Lühr (Hg.) 2005 – Künstler in Dresden im 20

Blübaum, Dirk (Hg.) (2008): Elfriede Lohse-Wächtler. 1899 – 1940.
Ausstellungskatalog Tübingen ; Berlin. Wasmuth. ISBN 978-3-8030-3328-4.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Bock, Gisela (1986): Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Studien zur Rassenpolitik und Frauenpolitik. Opladen. Westdeutscher Verlag. ISBN 3-531-11759-9.
(WorldCat-Suche)

Böhm, Boris (Hg.) (2003): »Ich allein weiß, wer ich bin«. Elfriede Lohse-Wächtler (1899 - 1940). Ein biografisches Porträt.
Ausstellungskatalog Pirna. Kuratorium Gedenkstätte Sonnenstein.
(WorldCat-Suche)

Duda, Sibylle (1999): Elfriede Lohse-Wächtler. . In: Duda, Sibylle (Hg.): WahnsinnsFrauen. Dritter Band. Frankfurt am Main. Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch, 2834). ISBN 3-518-39334-0S. 139–171
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Haase, Norbert (1998): Doppelte Last – doppelte Herausforderung. Gedenkstättenarbeit und Diktaturenvergleich an Orten mit doppelter Vergangenheit. Herausgegeben von Bert Pampel. Frankfurt am Main. Lang. ISBN 3-631-32807-9.
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Kirsten, Wulf und Lühr, Hans-Peter (Hg.) (2005): Künstler in Dresden im 20. Jahrhundert. Literarische Porträts. Dresden. Verlag der Kunst. ISBN 3-86530-073-1.
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Klee 1995 – Euthanasie im NS-Staat

Lohse-Wächtler 2000 – … das oft aufsteigende Gefühl

Reinhardt 1996 – Im Malstrom des Lebens versunken…

Klee, Ernst (1995): »Euthanasie« im NS-Staat. Die »Vernichtung lebensunwerten Lebens«. Frankfurt am Main. Fischer-Taschenbuch-Verlag. (Fischer, 4326) ISBN 3-596-24326-2.
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Küster, Bernd (Hg.) (1995): Malerinnen des XX. Jahrhunderts. Dora Bromberger, Maria von Heider-Schweinitz, Elfriede Lohse-Wächtler, Erna Schmidt-Caroll, Ursula Schuh, Rose Sommer-Leypold.
Ausstellungskatalog Bremen. Donat. ISBN 3-924444-95-1.
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Lohse-Wächtler, Elfriede (2000): »… das oft aufsteigende Gefühl des Verlassenseins«. Arbeiten der Malerin Elfriede Lohse-Wächtler in den Psychiatrien von Hamburg-Friedrichsberg (1929) und Arnsdorf (1932 - 1940). Herausgegeben von Stiftung Sächsische Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer Politischer Gewaltherrschaft. Dresden. Verlag der Kunst. ISBN 90-5705-152-4.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Luckhardt, Ulrich; Bruhns, Maike et al. (2006): Künstlerinnen der Avantgarde in Hamburg zwischen 1890 und 1933. Band 2 – Dorothea Maetzel-Johannsen, Elsa Haensgen-Dingkuhn, Elfriede Lohse-Wächtler, Hella Jacobs, Ursula Wolff Schneider.
AusstellungskatalogHerausgegeben von Hamburger Kunsthalle. Bremen. Hachmannedition. ISBN 978-3-939429-10-4.
(WorldCat-Suche)

Peters, Anne; Smitmans, Adolf (1996): Paula Lauenstein, Elfriede Lohse-Wächtler, Alice Sommer. Drei Dresdener Künstlerinnen in den zwanzigen Jahren.
Ausstellungskatalog Albstadt. Städtische Galerie. (Veröffentlichung der Städtischen Galerie Albstadt, 108) ISBN 3-923644-74-4.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Reinhardt, Georg (1996): Im Malstrom des Lebens versunken… Elfriede Lohse-Wächtler 1899-1940. Leben und Werk. Köln. Wienand. ISBN 3-87909-471-3.
(Amazon-Suche | Eurobuch-Suche | WorldCat-Suche)

Scheffer, Lohse-Wächtler et al. 2008 – Die verschollene Generation

Sondermann 2008 – Kunst ohne Kompromiss

Scheffer, Sandra (2008): Die »verschollene Generation«. Elfriede Lohse-Wächtler und Erna Schmidt-Caroll. Zwei Künstlerinnen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Saarbrücken. VDM Verlag Dr. Müller. ISBN 978-3-8364-5386-8.
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Sondermann, Regine (2008): Kunst ohne Kompromiss. Die Malerin Elfriede Lohse-Wächtler 1899 – 1940. Berlin. Ed. Weißensee. ISBN 978-3-89998-994-6.
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Bildquellen

Artnet
Deutsche Bank Art
Fischer Kunsthandel
Förderkreis Elfriede Lohse-Wächtler e.V. Hamburg
frank e. langenfeld
Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V.
Kunstsammlungen Böttcherstrasse
Wikipedia

Elfriede Lohse-Wächtler

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