Angela Nikoletti

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geboren am 31. Mai 1905 in Margreid an der Weinstraße (Südtirol/Italien)
gestorben am 11. Januar 1930 in Kurtatsch an der Weinstraße (Südtirol/Italien)

Südtiroler Katakombenlehrerin zur Zeit des Faschismus


BiografieZitateWeblinksLiteratur & Quellen


Biografie

In einer Zeit, als der Faschismus im deutschsprachigen Südtirol das Sprechen und Lehren der deutschen Sprache verbot, unterrichtete sie heimlich die deutsche Sprache und wurde dafür von den Behörden verfolgt. Von Jugend an schwächlich, von einer Rippenfellentzündung, die sie sich im Gefängnis zugezogen hatte, arg mitgenommen, konnte sie sich nicht mehr erholen und starb nach monatelanger Bettlägerigkeit im Alter von 25 Jahren an der Schwindsucht.

Mit ihrem Tode war ein Mythos geboren worden: Vor allem für Schützen und Südtiroler, die im Italienischen wie eh und je einen Feind sehen, den es zu bekämpfen gilt, wurde sie zur Märtyrerin gemacht, zu einer Jeanne d´Arc des Unterlandes; gestorben – so schreibt man auch jetzt noch über sie – sei sie aufgrund der Verfolgung durch den Podestà, aufgrund der Verbannung aus ihrem Heimatdorf, wegen des Kerkers: »Das Beil des Faschismus sank auch auf ihr Haupt herab«, steht in einem kleinen Büchlein über die Kurtatscher Lehrerin zu lesen, »sie hatte ihr Leben der Heimat geopfert«, heißt es bereits fünf Jahre nach ihrem Tod in der Zeitung, »ihr deutsches Herz vertrug keine Fesseln«.

Angela Nikoletti, die Tochter einer Hebamme und eines armen Tagelöhners, wurde in eine angespannte Atmosphäre hineingeboren und wuchs im Grenzraum zwischen dem deutsch- und italienischsprachigen Tirol auf. Die Mutter kränkelte oft, ihre beiden Kinder sehen sie kaum, wohnen abwechselnd bei verschiedenen Tanten und werden zur Pflege hin- und hergeschoben. Der Vater ist jahrelang im Ersten Weltkrieg, die Schwester stirbt früh an einer Blinddarmentzündung, bald stirbt auch die Mutter. Angela arbeitet als Dienstbotin und reißt mit dreizehn Jahren die Plakate von den Wänden, auf denen verkündet wird, dass Südtirol nun zu Italien gehöre.

In den letzten Monaten vor ihrem Tod verfasst Angela Nikoletti ein Tagebuch, in dem sie ihr gesamtes Leben Revue passieren lässt und auch Stellung zum Tagesgeschehen bezieht. Südtirol war mit dem Friedensvertrag von St. Germain vom Jahre 1919 zu Italien gekommen, den Südtirolern hatte man versprochen, weiterhin deutsch reden und ihrer Tradition gemäß leben zu dürfen. Mit der Machtübernahme Mussolinis, der Lex Corbinio von 1921 und der Lex Gentile des Jahres 1923 werden nicht nur alle deutschen Schulen geschlossen, es wird auch der Unterricht der deutschen Sprache verboten, das Italienische als Amtssprache eingeführt.
Trotz der schlechten Kriegs-Volksschulkenntnisse besteht Angela die Aufnahmeprüfung an der Lehrerinnenbildungsanstalt der Barmherzigen Schwestern im Nordtiroler Zams, besucht das erste Jahr, bekommt für das zweite aber die Ausreiseerlaubnis nicht: Sie hatte sich verdächtig und zur Staatsfeindin gemacht, da sie in Nordtirol zur Schule ging, und man hatte ein von ihr verfasstes Gedicht mit dem Titel »Tirolerland« bei ihr gefunden. Erst im Jahr darauf darf sie wieder nach Nordtirol, beendet im Juli 1926 ihre Ausbildung mit der Note »sehr gut« – zu einer Zeit, als die Lex Gentile längst schon gegriffen hatte, fast alle deutschsprachigen LehrerInnen in Pension geschickt, entlassen oder nach Süditalien versetzt worden waren, außer – sie hatten sich angepasst.

Für Angela gab es kein Zögern: Da es nicht möglich war, offiziell zu unterrichten, wollte sie es eben inoffiziell tun; ganz im Sinne des Volksbotenredakteurs Kanonikus Michael Gamper, der geschrieben hatte, dass man es den ersten Christen nachmachen müsse, die in den Katakomben ihre Zuflucht nahmen. Im Geheimen begann sie somit – wie viele andere Frauen landesweit – Lesen und Schreiben zu lehren, jeweils maximal fünf Kinder, insgesamt 30 am Tag, in der Stube, in der Küche. Die Schülerinnen kamen allein, ohne Schulbücher, mit dem Strickzeug zur Tarnung, um nicht aufzufallen. Ein zwei Stunden später gingen sie wieder, mit einem neuen Gedicht im Kopf und Tiroler Liedern.

Wie Nikoletti unterrichteten in Südtirol an die 500 meist ledige Frauen ohne Familie; sie wurden kaum oder nur spärlich dafür entlohnt. – Dass die eine oder andere Lehrerin aufflog, nach Süditalien in die Verbannung kam oder ins Gefängnis, machte zwar schnell die Runde, hinderte die Frauen aber nicht, weiter zu verfolgen, was sie als ihre Pflicht ansahen. Jung waren sie alle, und – wohl deswegen – ohne Furcht. 

Gedenktafel am Geburtshaus von Angela Nikoletti

Angela Nikoletti wird mehrmals verwarnt und da sie unbeeindruckt weiterunterrichtet, am 14. Mai 1927 von einer Einheit der Carabinieri festgenommen und ins Gefängnis gebracht. 30 Tage Arrest lautet das Urteil. Als sie entlassen wird, wird sie aus der Heimatgemeinde ausgewiesen. Sie versteckt sich in einer Höhle am Grauner Joch, nicht unweit von ihrem Geburtsort. Sie wird verraten und der Podestà bedeutet ihr wegzugehen. Aber ein italienischer Arzt stellt offiziell fest, dass sie so geschwächt ist, dass sie den Winter nicht überleben würde.

Erst jetzt darf sie nach Hause, zur Tante nach Kurtatsch. Gesellschaft leistet ihr eine Zeitlang der junge Nachbar Anton Weiss, bis er beschließt Theologie zu studieren – für Angela Auslöser einer Reihe sehr trauriger Gedichte.

Vom Juli 1930 stammt die letzte Tagebucheintragung, Angela ist zu schwach, einen Stift zu führen. Am 30. Oktober 1930 stirbt sie und wird zu Hause aufgebahrt. Das Begräbnis wird zur Kundgebung, das ganze Dorf geht mit und auch viele Menschen der Nachbardörfer.

Verehrung für Angela Nikoletti gibt es übrigens auch auf italienischer Seite. 1975 wurde in Bozen der Circolo Angela Nikoletti gegründet, ein Kulturverein, in dem seit jeher 80% der Mitglieder der italienischen Sprachgruppe angehören. Heute noch wird ein Büchlein der linken, antifaschistischen Bewegung über Angela Nikolettis Leben an die neuen Mitglieder verteilt. Der Untertitel der Schrift: Opfer der faschistischen Barbareien

Astrid Kofler

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Zitate

Abend. Verhör. Alles sollte ich gestehen. Wer mich angestellt, Stunden zu erteilen, wer mich bezahlt, von welchen Familien ich die Kinder unterrichte usw. […]
Ich gab zur Antwort: Wenn sie so neugierig sind, sollen sie selbst suchen gehen. Mich haben sie ja auch gefunden. Mehr brachten sie nicht heraus. Meine Tanten aus Tramin wollten mir ein Nachtessen bringen. Beide wurden samt dem Essen zur Tür hinausgeworfen, unter Drohungen und Beschimpfungen […] Um 11 Uhr nachts führten sie mich in den feuchten Keller. Bis zum Morgen lehnte ich an der naßkalten Wand. Müde, abgeschlagen …
(aus Angela Nikolettis Tagebuch)



Im Kerker, Mai 1927. Müde fiel ich auf die Pritsche hin. Verlassen fühlte ich mich und einsam. Ich hatte Zeit, all die Drohungen zu überdenken… Ich lächelte, als sie ausgesprochen wurden, und jetzt in der dämmrigen Einsamkeit schauderten sie mich. Ich sah sie als Wirklichkeit vor mir. Die Phantasie arbeitete mehr als gut war. Schrecklich kam mir auf einmal alles zum Bewußtsein. Und ich dachte an Noldin und Riedl. Wenn auch mir dieses Los bevorsteht? Nach den Drohungen sah es so aus. Eine Angst überfiel mich und ein Heimweh. Ich konnte nicht essen, nicht trinken, nicht schlafen. Niemand von den Meinen durfte zu mir. In den langen Nächten zitterte ich vor Kälte. Nur kurze Viertelstunden konnte ich die Augen schließen, um bald aus schrecklichen Träumen zu erwachen. Und jeden Tag wurde ich matter.

Endlich am 19. Mai nachmittags war die gerichtliche Verhandlung. Ich bat um Spiegel und Kamm. Erschreckt starrte ich den Spiegel an. War das ich? Ein grünlichgelbes, schmales Gesicht sah mir entgegen. Sieben schneeweiße Haare glänzten an der linken Seite. Ja, bin das wirklich ich? Fast wirr machte es mich. In solch kurzer Zeit solch große Veränderungen. Auch fühlte ich, daß Kleid und Wäsche mir zu weit waren. Kann Ärger und Leid solch tiefe Wirkungen haben? – an mir mußte ich es erfahren.
Sieben Männer waren zugegen und ich allein. Der Urteilsspruch lautete: 30 Tage bedingungsweise Arrest, fünf Jahre Polizeiaufsicht und – das Bitterste für mich – Ausweisung aus meiner Heimat Kurtatsch. – Also wohin?

(Angela Nikoletti, gefunden hier)



 

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Links

Blog »South Tyrol« – 1905-1930 Angela Nikoletti


1  Blog »South Tyrol«: 1905-1930 Angela Nikoletti.

ETIKA – Angela Nikoletti


2  ETIKA: Angela Nikoletti – Südtiroler Märtyrerin. Die Kornblume. Angela Nikoletti. Eine Pionierin des Unterlandes. Drama in sechs Bildern von Hans Pircher. Mit Kurzbiografie und vielen Zitaten.

Nikoletti – Im Kerker


3  Nikoletti, Angela: Im Kerker. Mit Hörprobe. Vermächtnis2 Süd-Tirol.

Wikipedia – Angela Nikoletti


4  Wikipedia: Angela Nikoletti.



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Literatur & Quellen



Nikoletti, Angela (1987): Angela Nikoletti. Leben und Gedichte. 1905 – 1930. Herausgegeben und eingeleitet von Anton Weis, Feldthurns und mit einem Lebenslauf von Othmar Parteli. Brixen. Athesia.
(Suchen bei WorldCat)



Parteli, Othmar (2002): Die Katakombenschullehrerin Angela Nikoletti. 1905 – 1930. Ein Faschismus-Opfer aus Kurtatsch. Bozen. Athesia. ISBN 88-8266-161-X.
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Schreiber 2008 – Angela Nikoletti


Schreiber, Horst (2008): Angela Nikoletti. Eine Lehrerin als Opfer des Faschismus. In: Schreiber, Horst: Nationalsozialismus und Faschismus in Tirol und Südtirol. Opfer, Täter, Gegner. Innsbruck. StudienVerlag (Tiroler Studien zu Geschichte und Politik, 8). ISBN 978-3-7065-4423-8.
(Suchen bei Amazon | Eurobuch | WorldCat)



Bildquellen

Margreid im Suedtiroler Unterland

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Hedwig Dohm