Emmy Ball-Hennings

(geb. Emma Maria Cordsen, verw. Hennings)

geboren am 17. Januar 1885 in Flensburg
gestorben am 10. August 1948 in Sorengo b. Lugano

deutsche Dichterin, Schriftstellerin, Kabarettistin, Biographin
125. Geburtstag am 17. Januar 2010


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

Es waren wohl vor allem die phantasievollen Geschichten der geliebten Mutter und die spannenden Erzählungen des seefahrenden Vaters - Kostbarkeiten in beengten Verhältnissen -, die der Phantasie des kleinen Mädchens und ihrem Sinn für Poesie, Musik und Theater Flügel verliehen. Schon bevor sie mit 14 die Schule verließ, hatte sie sich u.a. mit dem Verkauf von selbstbearbeiteten Hasenfellen “und alle[n] möglichen Abfälle[n]” Karten für das Stadttheater erspart und z.B. Schillers Dramen gesehen; Hanneles Himmelfahrt beeindruckte sie so, daß sie sich den Text von Die versunkene Glocke (Urauff. 1896) bestellte und das Drama für ihre NachbarInnen in Eigenregie und -ausstattung und als praktisch alleinige Darstellerin aufführte—in einer Waschküche.

Eine “richtige” Theaterausbildung verweigerten die Eltern der Tochter; stattdessen arbeitete sie als Haushalts- und Küchenhilfe und als Kopiererin und Schriftenmalerin in einem Photoatelier. Mit 19 heiratete sie und begann mit ihrem Mann ein kleines Lebensmittelgeschäft. Doch kaum macht eine Wanderbühne bei ihnen Station, bricht sich beider Theaterbegeisterung Bahn: Sie lassen alles stehen und liegen (das Baby wird bei der Mutter deponiert) und ziehen mit. Ab jetzt singt und spielt Emmy Hennings “alles”: Chansons, Volklieder, Operette, Oper, Kabarett, Schauspiel (u.a. Männerrollen und das Hannele) ...

1906 verschwindet ihr Mann, wenige Tage später stirbt der kaum zweijährige Sohn, die Truppe wird aufgelöst, und sie schlägt sich, zumeist zu Fuß, mit der gerade geborenen Tochter von Schlesien zur Mutter durch, überläßt ihr auch dieses Kind und zieht - “von einer Spielgier besessen, von einer Wander- und Melodiesucht ... als triebe mich ein Dämon” - z.T. mit verschiedenen Theaterunternehmungen bis Odessa, Moskau, Budapest durch die Lande, bessert ihr mageres, unregelmäßiges Einkommen durch das Hausieren mit Toilettenartikeln auf.

Das zweite Lebensdrittel der inzwischen Weitbekannten beginnt 1908: Endlich landet Emmy in Berlin und dann München, den brodelnden Zentren des beginnenden Expressionismus, tauscht sich aus mit den revolutionären jungen Dichtern (Liaisons mit Becher und van Hoddis), arbeitet als Diseuse im Café des Westens und in Künstlerkabaretts wie dem Simplizissimus, schreibt für neugegründete programmatische Zeitschriften, nimmt teil an Ausstellungen und Lesungen. Erste Gedichte entstehen. Emmy muß sich auch als Modell und Straßensängerin über Wasser halten, einmal wegen angeblicher Paßfälschung sechs Wochen ins Gefängnis.

Es kommt zum Weltkrieg, und der Simplizissimus kündigt der zu freigeistig und zuwenig patriotisch auftretenden Künstlerin; die Müncher Kammerspiele, an die der Dramaturg Hugo Ball sie geholt hatte, werden geschlossen, und beide fliehen vor der erschreckend wachsenden Kriegsbegeisterung und dem kulturellen Kahlschlag. Zürich scheint auch ihnen eine “Insel des Friedens” und ist doch keineswegs ein El Dorado: Hennings und Ball sind gefährliche Ausländer, Arbeitslose und immer von Ausweisung bedroht, hungern sich durch. Verzweifelt und müde des Gassenlebens und Tingelns gründet Emmy Hennings - Überlebenskünstlerin, schmächtig, mystisch, theatralisch, witzig, naiv, respektlos, warmherzig, femme fatale und Organisationstalent - 1916 zusammen mit Ball, Arp, Tzara, Janco und Huelsenbeck die “Varieté -Miniatur” Cabaret Voltaire - Geburtsstätte des DADA und experimentelles Forum für alle Künste und so viele desillusionierte Exilkünstler aus den kriegsgebeutelten Ländern.

1920 - die Trennung von DADA ist vollzogen - heiraten Hennings und Ball. Als immer tragfähiger für ihre durch viele äußere Schwierigkeiten, Armut und Krankheit beeinträchtigten Lebensumstände erweist sich beider tiefe Religiosität und Zuneigung, auch gegenüber Emmys Tochter Annemarie, sowie seit dem Umzug ins Tessin die vertraute Freundschaft mit Hermann Hesse.

In den letzten 21 Lebensjahren, seit Hugos Tod 1927, nimmt Hennings sich des Nachlasses an und schreibt autobiographische Werke, Erzählungen, Märchen und Legenden.

(Text von 1997)

Zitate:
So einzigartig erscheint mir jeder Mensch für sich, und gerade um allen dienbar zu sein, darf er seine Gesichtszüge, seine Weltanschauung nicht so sehr verwischen und verallgemeinern lassen, daß sein Leben unkenntlich und unscheinbar wird. (Ball-Hennings 1940: 10)

Als wir von Berlin fortgingen, sagtest Du, wir sind wie Nachtwandler, Seiltänzer noch im Dunkeln. Daß wir es bleiben dürften, immer. Ich liebe die Gefahr. Ich liebe alles, was den Tod bringen kann. Ich liebe das große Abenteuer und die Überwindung des Abenteuers. Ja, ich gestehe, ich selbst möchte ein Abenteuer werden und sein, das man nie vergißt. Man lebt nur einmal und das ist immer ... HB 1930 p. 104

[Unser] Herr Lehrer war recht neugierig ... wie entzückt war er - leider nicht von mir - zu vernehmen, daß zwei und zwei vier sind. Das Rechnen schien seine schwache Seite zu sein ....[doch] machte [er] auffallende Fortschritte ... Als der Lehrer mir dann gesagt, daß zehn und zehn zwanzig sind, hatte ich betrübt den Kopf geschüttelt und gesagt: “Ich kann’s nicht glauben.” (EB-H 1938: 50-1)

Eine Magenverstimmung läßt sich viel leichter kurieren als eine geistige Überladung. Es gibt Menschen, die mit großer Sorgfalt ihren Speisezettel zusammenstellen und die jede unbekömmliche Speise streng vermeiden, während sie geistig mit vollendeter Unbedenklichkeit alles verschlingen, was ihnen geboten wird und wonach sie zufällig Appetit verspüren. ... Mit dem Studium wird es sich ähnlich verhalten. (Ball-Hennings 1938: p 55)

Für zwei Felle bekam ich sechzig Pfennig ... Klassikervorstellungen zu halben Kassenpreisen konnte ich nur noch mit Hasenfellen und umgekehrt in Verbindung bringen. (EB-H 1938: 100)

Der Stern dieses Kabaretts aber ist Frau Emmy Hennings. Stern wie vieler Nächte von Kabaretts und Gedichten. Wie sie vor Jahren am rauschend gelben Vorhang eines Berliner Kabaretts stand, die Arme über die Hüften emporgerundet, reich wie ein blühender Busch, so leiht sie auch heute mit immer mutiger Stirn denselben Liedern ihren Körper, seither nur wenig ausgehölt [sic] von Schmerz. (Kritik aus NZZ, in Bolliger 1985: 275)

 

 

Swantje Koch–Kanz

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Literatur & Quellen

Ball, Hugo & Emmy Ball-Hennings. 1978. Damals in Zürich: Briefe aus den Jahren 1915-1918.  Zürich. Arche.

Ball-Hennings, Emmy. 1913. Die letzte Freude [Gedichte]. Bücherei “Der jüngste Tag” 5. Leipzig. Wolff.

Ball-Hennings, Emmy. 1919. Gefängnis: Aufzeichnungen. Berlin. Reiß. [Neuausgaben: 1985. Mit einem Nachwort von Heinz Ohff. Berlin. Ullstein TB Frau in der Literatur 30167. - 1992. Frankfurt. Suhrkamp TB 1936.]

Ball-Hennings, Emmy. 1930 [1929]. Hugo Ball: Sein Leben in Briefen und Gedichten. Mit einem Vorwort von Hermann Hesse. Berlin. Fischer.  [Neuausg.: 1991. Frankfurt. Suhrkamp TB 1811]

Ball-Hennings, Emmy. 1932. Die Geburt Jesu, für Kinder erzählt mit einem Bild von Annemarie Hennings. Nürnberg. Karl Borromäus Glock.

Ball-Hennings, Emmy. 1943. Märchen am Kamin.
Einsiedeln; Köln. Benziger. [Neuausg.: 1986. Frankfurt. Insel TB 945]. 

Ball-Hennings, Emmy. 1953. Ruf und Echo: Mein Leben mit Hugo Ball. Einsiedeln. Benziger. [Neuausg.: 1989. Mit einem Nachwort von Christian Döring. Frankfurt. Suhrkamp TB 1726].

Ball-Hennings, Emmy. 1956. Briefe an Hermann Hesse. Herausgegeben und eingeleitet von [Tochter] Annemarie Schütt-Hennings. Frankfurt. Suhrkamp. [Neuausg.: 1984. Frankfurt. Suhrkamp TB 142].

Ball-Hennings, Emmy. 1987 [1938]. Blume und Flamme: Geschichte einer Jugend. Geleitwort Hermann Hesse. Frankfurt/M. Suhrkamp TB 1355.

Ball-Hennings, Emmy. 1987 [1940]. Das flüchtige Spiel: Wege und Umwege einer Frau. Frankfurt/M. Suhrkamp TB 1502.

Ball-Hennings, Emmy. 1990. Betrunken taumeln alle Litfaßsäulen: Frühe Texte und autobiographische Schriften 1913-22. Mit einem Nachwort hg. von Bernhard Merkelbuch. Reihe Randfiguren der Moderne. Hannover. Postscriptum.

Bolliger, Hans & Guido Magnaguagno & Raimund Meyer. 1985. Dada in Zürich. In Zusammenarbeit mit dem Kunsthaus Zürich. Zürich. Arche. [darin:  Bibliographie zu Emmy Ball-Hennings].

Gass, René. 1998. Emmy Ball-Hennings: Wege und Umwege zum Paradies. Biographie. Zürich. Pendo.

Reetz, Bärbel. 2001. Emmy Ball-Hennings: Leben im Vielleicht. Eine Biographie. Frankfurt am Main. Suhrkamp.

Süllwold, Erika. 1999. Das gezeichnete und ausgezeichnete Subjekt: Kritik der Moderne bei Emmy Hennings und Hugo Ball. Stuttgart. Metzler.

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Hedwig Dohm