Gisela May

geboren am 31. Mai 1924 in Wetzlar

deutsche Schauspielerin und Diseuse, Brecht-Interpretin


BiografieZitateLiteratur & Quellen


Biografie

Gisela May, die in vielen Ländern bekannte und geachtete Schauspielerin und Diseuse, wird hierzulande leider fast nur noch mit einem Satz aus der TV-Serie Adelheid und ihre Mörder zitiert: "Sag nicht immer Mutti zu mir!" Berühmt wurde sie jedoch in erster Linie als Theaterschauspielerin – u.a. elf Jahre Deutsches Theater in Berlin, dreißig Jahre Berliner Ensemble – und als Interpretin: Brecht-Lieder nach Kompositionen von Kurt Weill, Hanns Eisler und Paul Dessau waren und sind seit mehreren Jahrzehnten ihr besonderes Markenzeichen.

Die außerordentlich vielseitige und engagierte Schauspielerin wächst auf in einem künstlerisch und politisch wachen, gastfreundlichen Elternhaus, das sie selbst als "wunderbar" charakterisiert hat. Die Mutter, Käte May, eine gebildete Frau von untrüglichem Stilgefühl, ist Schauspielerin und Kommunistin. Ferdinand May, der Vater, Schriftsteller, Sozialdemokrat und Kriegsgegner, ist während des Zweiten Weltkriegs kaufmännisch tätig, da er wegen seiner politischen Einstellung gefährdet ist. Nach 1945 wird er Kabarett-Chef, später Chefdramaturg der Leipziger Bühnen. Er schreibt mehrere Bücher. Die Mays erziehen ihre Kinder in Distanz zum herrschenden nationalsozialistischen System.

Gisela erfährt im Elternhaus eine umfassende musische Bildung, mit Brechts "Dreigroschenoper" statt Schlagern, mit Schallplatten von Ernst Busch und Lotte Lenya, mit Chor und Klavierunterricht. Ihr Klavierlehrer Alfred Schmidt-Sas, ein geliebter und bewunderter Freund, lehrt sie klassische Musik kennen und lieben, schult ihren literarischen Geschmack, geht mit ihr ins Theater. (Er wird später in Plötzensee hingerichtet – eine gegen den Krieg gerichtete Parole reicht als Verurteilungsursache.)

Schon in der Schule macht sich ihr Drang nach schauspielerischer Betätigung bemerkbar; Gisela gilt als Spaßmacherin und Pausenclown. Gisela Mays Kindheit ist aber auch gezeichnet von vielen schlimmen Erfahrungen: von Krieg und Nazizeit, dem Verlust des Bruders (vermisst), von Hunger und Trümmern. Aus dem Grauen flieht sie in "die reine Welt einer humanistischen Kunst", und bereits mit dreizehn Jahren weiß sie, dass sie Schauspielerin werden möchte. Dieser Wunsch wird von ihren Eltern begrüßt und unterstützt. Nach der mittleren Reife muss sie ein Pflichtjahr ableisten – sie macht schwerste Haus- und Gartenarbeit bei einer Nazifamilie.

Von 1940 bis 1942 besucht Gisela May die Theaterschule in Leipzig. Die folgende Zeit bezeichnet sie als ihre "Lehr- und Wanderjahre" – Engagements an verschiedenen Theatern und unterschiedlichste Rollen zeigen ihre vielseitige Begabung: 1942 Komödienhaus Dresden, 1942/43 Landesbühnen Danzig, 1943/44 Stadttheater Görlitz, nach Krieg bei ersten Aufführungen im Herbst 1945 wieder in Leipzig an den Städtischen Bühnen, 1947 Staatstheater Schwerin unter Lucie Höflich - allmählich wird sie auch überregional bekannt -, 1950/51 Landestheater Halle.

1951 wird sie von Wolfgang Langhoff ans Deutsche Theater in Berlin geholt – ein für ihre künstlerische Entwicklung wichtiger Wechsel, der sie stark prägt. Gefördert von Langhoff, arbeitet sie sich durch zuverlässige Leistungen in die erste Reihe des Theaterensembles vor. Sie spielt die unterschiedlichsten Rollen und ist nicht auf einen Typ festgelegt – Kritikerzitat: "Ihre spezifische Einmaligkeit ist Vielseitigkeit." Das hat Vor- und Nachteile. Einer der Nachteile: Hauptrollen werden meist typgerecht besetzt, so dass sie manche Rolle erst viel später als erhofft spielen darf.

Um diese Zeit erhält Gisela May ihre ersten Rollen in Film- und Fernsehproduktionen, und sie zeigt sich von einer ganz neuen Seite bei ihren gefeierten Abstechern auf die Musical-Bühne.

Gisela May, durch Kindheitserlebnisse und Erziehung politisch links stehend, entschließt sich, in die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) einzutreten und wird politisch tätig (z. B. übernimmt sie für lange Zeit den Vorsitz der Berliner Bezirksorganisation der Gewerkschaft Kunst).

In die Zeit am Deutschen Theater fällt der Start ihrer "zweiten Karriere" als Diseuse. Anekdotisch überliefert ist der Beginn: 1957 singt sie vertretungsweise bei einem Brecht-Weill-Programm; Hanns Eisler hört sie und ermutigt sie, mit dem Singen weiterzumachen, und wird ihr in der Folgezeit ein verständnisvoller Förderer. Ernst Busch, Marlene Dietrich, Helene Weigel, Edith Piaf, Lotte Lenya – diese Namen nennt die May, befragt nach Vorbildern im weitesten Sinne.

Für das internationale Parkett bahnt ihr der italienische Theatermann Paolo Grassi den Weg: begeistert von ihrer Vortragskunst, macht er ihr das Angebot, mit einem eigenen Programm aufzutreten. Sie erarbeitet ein enthusiastisch aufgenommenes Brechtprogramm nach Kompositionen von Hanns Eisler, Kurt Weill und Paul Dessau, und der weitere Erfolg lässt nicht auf sich warten. Weitere Solo-Programme folgen (Tucholsky, Kästner, Kabarett-Chansons u.a.).

Mit mehr als dreißig Jahren heiratet die May. Georg Honigmann, ein jüdischer Deutscher, kam aus englischem Exil, ist Gründungsjournalist bei ADN und Chefredakteur der "Berliner Zeitung" und lässt sich ihretwegen von seiner jüdischen Ehefrau scheiden. Nach einem Seitensprung in Italien, für Gisela eher unbedeutend, für ihren Mann jedoch eine Katastrophe, wird die Ehe geschieden.

Bis 1962 gehört die May zum Deutschen Theater, dann wechselt sie ans Berliner Ensemble (BE), dem Theater Bertolt Brechts, das von Helene Weigel geleitet wird. Dreissig Jahre lang, bis 1992, wird sie Mitglied dieses Ensembles bleiben. Ein neuer Lernprozess beginnt. Die Spielweise des BE ist anders, als sie es gewohnt ist: Ausdrucksmöglichkeiten werden nicht illustrierend, sondern unabhängig voneinander eingesetzt, auffällig werden "Brüche" anstelle weicher Übergänge beim Wechsel von Stimmungen und Haltungen dargestellt. Besonderen Wert legt man auf szenisches Arbeiten, darauf, die Rolle im Gesamtzusammenhang aufzufassen.

965 lernt die May Wolfgang Harich (nach dessen Zuchthausaufenthalt wegen Verschwörung gegen den Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht) kennen und lieben. Bis 1974 leben sie zusammen, befreundet bleiben sie bis zu Harichs Lebensende.

Gisela May beginnt 1969 mit ihrer bis heute andauernden Lehrtätigkeit zur Chanson-Interpretation, sie wird im In- und Ausland zu einer außerordentlich gefragten Dozentin. Diese Arbeit führt sie z. B. nach Schweden, Finnland, Norwegen, Italien, Belgien und in die Schweiz. 1972 wird sie Mitglied der Akademie der Künste (DDR) und 1993 der Akademie der Künste Berlin und Brandenburg.

1978 spielt sie erstmals die Rolle, in der sie wohl am bekanntesten wird: die Mutter Courage. Schwierig ist für sie dabei, ihre eigene Gestaltung unabhängig vom übermächtigen Vorbild der Weigel, die diese Figur vorher am BE spielte, zu finden. Es gelingt ihr nach massiven Startschwierigkeiten - die Mutter Courage gilt als Höhepunkt ihrer schauspielerischen Entwicklung, und sie spielt sie, solange sie am BE arbeitet.

Das immense Arbeitspensum der May umfasst zu DDR-Zeiten Theaterarbeit (Berliner Ensemble, Gastspiele in anderen Theatern, u.a. Musiktheater), Auftritte als Chanson- und Songinterpretin und kabarettistische Abende mit Alfred Müller, Tourneen in zahlreiche Länder in Europa, Amerika und Australien, Teilnahme an Festivals, Schallplattenproduktionen (25 Platten bis 1988), Fernsehproduktionen (ca. 30 zu DDR-Zeiten), Arbeit als Gastgeberin der Unterhaltungssendung "Die Pfundgrube", Synchronisationen und Rollen in Kinofilmen.

Im Gefolge der politischen Wende in der DDR wird Gisela May 1992 nach dreissig Jahren Zugehörigkeit zum BE durch eine neue fünfköpfige Intendanz in der Interimszeit entlassen. Sie fällt "in ein tiefes Loch". Aber auch das ist nicht das Ende – sie arbeitet bald wieder: zuerst am Theater (Renaissance-Theater u. a.), inzwischen vor allem im Fernsehen, z.B. als Mutter von Evelyn Hamann in der Serie "Adelheid und ihre Mörder". Mit einem begeistert gefeierten Brecht-Weill-Programm ist sie mittlerweile auch auf die Bühne des Berliner Ensembles zurückgekehrt.

Einige Auszeichnungen

Almut Nitzsche

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Zitate

Niemand hat mich entdeckt. Mein künstlerischer Weg ging unsensationell, mühsam und langsam bergan. Dass ich ihn gehen musste, stand außer Frage.

Dieser Beruf ist unser Leben. Wir sind süchtig nach immer neuer Beschäftigung mit ihm. Wir sind ihm verfallen mit Haut und Haar. Als ich diese Unentrinnbarkeit begriff, wuchs bei mir im Laufe der Jahre, sozusagen als Gegenwehr, eine Art Hassliebe zu ihm heran. Erst als zu meiner schauspielerischen Arbeit sich die Musik gesellte, betrat ich wieder festeren Boden. Dimensionen eröffneten sich, die überwiegend vergnüglich waren. Neue Ausdrucksmöglichkeiten wurden frei.
Für mich besteht die Hauptaufgabe des Schauspielers darin, den Zuschauern von der Bühne her zu Erkenntnissen über seine Umwelt zu verhelfen und dabei ihren Verstand und ihr Gefühl (wie Brecht es fordert) gleichermaßen anzusprechen und ihnen das Vergnügen am Denken, am Weiterdenken zu vermitteln. Zu den Besonderheiten von Brechts Dichtungen gehört, dass er in einzigartiger Weise den Song, das Lied in die Dramatik eingebunden hat. Bei Brecht fand also nicht nur mein Interesse an der darstellenden Kunst, sondern auch die Liebe zum gesungenen Vortrag die besten Vorlagen, so dass es für meine künstlerische Entwicklung geradezu notwendig wurde, der Interpretation seines Werks den Vorrang in meiner Arbeit zu geben.

Zitate über Gisela May
Gisela May ist eine der intelligentesten europäischen Schauspielerinnen unserer Epoche, eine moderne und wirklich “vollständige” Schauspielerin im absoluten Sinne des Wortes. (La Voce Republicana)

Sowohl als Sängerin wie auch als Rezitatorin hat sich Gisela May als eine ideale Interpretin Brechts erwiesen, von einer Einfachheit und Sachlichkeit, die die Frucht langer Arbeit ist. (La Stampa, Turin)

Gisela May zeigte uns eine große Sensibilität in einem äußerst differenzierten Vortrag: Härte, Gemeinheit, Liebe, Sehnsucht. Jede Stimmung vermochte den Zuschauer zu packen. (Neue Zürcher Zeitung)

Was die Sängerin und ihren Reichtum an Nuancen betrifft, so ist man versucht, da auch von einem Ensemble zu sprechen, selbst wenn es nur aus einer einzigen Frau besteht, die künstlerisch so viel zu bieten hat wie manchmal sieben andere. (Lothar Kusche)

Es heißt nicht “Gisela May” – es heißt “Die May”! Das ist uns ein Begriff, der Begriff des politischen Liedes und Chansons, wie er für uns einmalig ist. (Paul Dessau)

Sie kokettiert nicht, sie ist nicht zickig, sie hat nicht einmal die Masche mit der gebrochenen Stimme oder des nichts versprechenden umflorten Diseusen-Schlafzimmerblicks; sie schmückt sich auch nicht mit kritischem Tiefsinn oder wirksamer Sehnsucht. Alles das braucht sie nicht, weil sie Schwung, Verstand und Stimme besitzt. (Süddeutsche Zeitung)

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Literatur & Quellen

Gisela May. 1976. Mit meinen Augen. Begegnungen und Impressionen. Berlin. Buchverlag Der Morgen. 

Gisela May. 2002. Es wechseln die Zeiten. Erinnerungen.Leipzig. Militzke Verlag. ISBN 3-86189-269-3

Dieter Kranz. 1988. Gisela May: Schauspielerin und Diseuse. Bildbiographie. Berlin. Henschel. ISBN 3-362-00262-5

Günter Gaus. 2001. Zur Person. Band 5. Berlin. edition ost im Verlag Das Neue Berlin. ISBN 3-360-01025-6

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Hedwig Dohm