Mathilde Franziska Anneke

(geb. Giesler, gesch. von Tabouillot)

geboren am 3. April 1817 auf Gut Ober-Leveringhausen (oder Lerchenhausen), Gemeinde Haßlinghausen (heute Stadt Sprockhövel), Westfalen
gestorben am 25. November 1884 in Milwaukee, Wisconsin, USA

deutsch-amerikanische Freiheitskämpferin, Frauenrechtlerin, Journalistin und Schriftstellerin, Schulgründerin und Erzieherin
195. Geburtstag am 3. April 2012


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

“Es gilt ..., die Stellung des Weibes innerhalb der Gesellschaft zu vertreten. Es gilt die äußeren Rechte des Weibes gegen die Gewalten dieser Erde offen zu verteidigen!” (zit. nach Anneke/Wagner 1980; 312). Mit diesen Worten ruft die junge Mathilde Anneke 1847 alle Frauen auf, für ihre Rechte zu kämpfen. In ihrer Streitschrift zur Verteidung der aus Berlin ausgewiesenen, emanzipierten Schriftstellerin Louise Aston nimmt Anneke ihr eigenes Programm vorweg. Denn obwohl die unerschrockene Freiheitskämpferin zunächst für die Sache der deutschen BürgerInnen und ArbeiterInnen und später gegen das amerikanische Sklavereisystem zu Felde zog, lag ihr doch lebenslang vor allem die Verbesserung der Lage der Frauen am Herzen, sei es als Rednerin und politische Aktivistin oder als Gründerin und Leiterin einer fortschrittlichen Schule für Mädchen.

Die älteste Tochter aus gutem Hause verlebt eine idyllische Kindheit, zuerst auf dem westfälischen großväterlichen Gut und dann in Blankenstein an der Ruhr, wo sie von ihrer katholischen Mutter und von Privatlehrern erzogen wird. Als Mathilde 17 ist, zieht die Familie nach Hattingen – Vater Giesler hat sich mit Eisenbahn- und Bergbauaktien verspekuliert und einen großen Teil seines Vermögens verloren.

Durch eine Heirat mit dem zehn Jahre älteren adligen Mülheimer Weinhändler Alfred von Tabouillet rettet die hübsche 19-jährige Mathilde ihre Familie vor dem Ruin, denn seine reichen Verwandten übernehmen die Schulden der Gieslers. Sehr bald aber entpuppt sich der Mann, den Mathilde zu lieben glaubte, als Trinker und gewalttätiger Tyrann, der nicht davor zurückschreckt, seine schwangere Frau zu schlagen. Kurz nach der Geburt ihrer Tochter Johanna (“Fanny”) 1837 trennt sich Mathilde von ihrem Mann und reicht die Scheidung ein. Die wird nach zwei erfolglosen Gerichtsverfahren schließlich gewährt, aber ein drittes Verfahren gibt ihr wegen “böslicher Verlassung” des Ehemannes 1843 die Alleinschuld. Später schreibt sie: “Nach dem Ausgang eines unglücklichen Scheidungsprozesses meiner ersten Ehe, worin ich ein Opfer der preußischen Justiz wurde, war ich zum Bewusstsein gekommen und zur Erkenntnis, dass die Lage der Frauen eine absurde und der Entwürdigung der Menschheit gleichbedeutende sei.” (zit. nach Wunderlich 52).

Mathilde von Tabouillet zieht nach Wesel und dann nach Münster, wo die geschiedene Frau und alleinerziehende Mutter versucht, sich und ihre Tochter mit Veröffentlichungen durchzubringen. Sie gibt zwei “Gebetbücher für die christ-katholische Frauenwelt” heraus, schreibt für Zeitungen, gewinnt für ihre Jahrbücher Literaten und DichterInnen wie Ferdinand Freiligrath und Annette von Droste-Hülshoff. Allerdings wird sie von den Kreisen der “guten Gesellschaft” als “genant” möglichst gemieden: Annette schreibt ablehnend, “…die Tabouillet würde mich ganz aussaugen an Beutel, Geist und Körper. Sie ist nämlich blutarm und muß sich und ihr Kind allein mit Schriftstellerei ernähren, kann nichts anderes, hat keine Kenntnisse zum Unterricht geben und kein Geschick zu arbeiten…”. (zit. nach Anneke/Wagner 1980; 29).

Angesichts solcher Ablehnung verwandelt sich die königstreue, schwärmerisch katholische Bürgerstochter allmählich in eine demokratisch gesinnte Freidenkerin, die über die erste Seite des von ihr herausgegebenen Gebetsbuches schreibt: “Von den Göttern, die der Mensch in seiner Not erschuf.” In den liberalen Debattierclubs der Zeit trifft sie in Wesel und Münster freiheitlich denkende Menschen wie Fritz Anneke, einen jungen Offizier a.D., der wegen seiner demokratischen Ideen unehrenhaft entlassen wurde. Die beiden heiraten 1847 und ziehen nach Köln, wo ihre Wohnung bald zum Treffpunkt oppositioneller und demokratischer SchriftstellerInnen und JournalistenInnen wie Georg und Emma Herwegh, Ida und Ferdinand Freiligrath, Karl Marx und Ferdinand Lassalle wird. Mathilde erregt Aufsehen durch ihre feministische Streitschrift zur Verteidigung von Louise Aston, Das Weib im Conflict mit den socialen Verhältnissen (1847).

Als ihr Mann 1848 als Oppositioneller von der preußischen Verwaltung verhaftet und für sechs Monate eingekerkert wird, übernimmt Mathilde die Redaktion der gemeinsam geplanten, als Sprachrohr der Kölner ArbeiterInnen gedachten Neuen Kölnischen Zeitung, bis diese der Zensur zum Opfer fällt. Daraufhin gibt sie ihre eigene revolutionäre Frauen-Zeitung heraus, die erste deutsche Frauenzeitung, die allerdings nach zwei Nummern auch verboten wird. Mathilde versteht Frauenrechte als Teil der allgemeinen Menschenrechte, will mehr Frauen für die demokratische Bewegung gewinnen. “Warum auch sollte das Weib überhaupt die schweigsame Dulderin sein? Warum noch länger die demütige Magd, die ihrem Herrn die Füße wäscht?” (zit. nach Anneke/Wagner 1980; 313)

1849 bricht die Revolution in Baden aus, Fritz Anneke nimmt als Artillerieoffizier teil. Mathilde eilt ihm nach und erlebt den Feldzug als sein Ordonnanzoffizier und berittener Kurier; später veröffentlicht sie ihre Memoiren einer Frau aus dem badisch-pfälzischen Feldzug (1853). Als die Festung Rastatt von den Preußen eingenommen wird, fliehen die Annekes über Straßburg und die Schweiz in die USA.

Die Familie läßt sich in Milwaukee, Wisconsin nieder, einer Stadt mit einem großen deutschen Bevölkerungsanteil. Mathilde hält Vorträge über deutsche Literatur und Politik, ist tätig als Korrespondentin für deutsche Zeitungen. Beide Annekes streiten weiter für ihre politische Ziele, beide stehen entschieden auf der Seite der AbolitionistInnen gegen die Sklaverei.

1852 gründet Mathilde die Deutsche Frauen-Zeitung und hält Vorträge vor deutschen ZuhörerInnen in vielen Städten von Boston bis Louisville: “(Ich) sprach in öffentlichen Versammlungen über die Erhebung des Weibes, verlangte die soziale Verbesserung ihrer Stellung, Recht auf Arbeit und vor allem das politische Stimmrecht.” (zit. nach Anneke/Wagner 1980; 323). 1853 redet sie in New York zum ersten Mal vor einer amerikanischen Frauentagung. Auch hier ist sie radikal, wie einst Sarah Grimké kritisiert die Freidenkerin die Lehren der Kirche und deren Ableitung einer untergeordneten Rolle der Frau aus der Bibel. In der amerikanischen Frauenrechtsbewegung wird Anneke zu einer der wichtigsten Mitarbeiterinnen von Susan B. Anthony und Elizabeth Cady Stanton. Anthony soll gesagt haben: “Ich bin durch den Einfluß einer deutschen Frau, Madame Mathilde Franziska Anneke, eine Suffragette geworden.” (zit. nach Anneke/Wagner 1980; 410)

Mathilde Anneke gebiert sieben Kinder, vier von ihnen sterben schon früh. Danach wird die Ehe mit Fritz Anneke langsam schwierig; Mathilde wird immer wieder enttäuscht durch seine Unfähigkeit, in Amerika Fuß zu fassen und durch seine komplizierte Persönlichkeit. Schließlich proklamiert sie ihre Freiheit: “dies Herz hat nach langer Probezeit endlich seine Unabhängigkeit wieder erlangt” (6.9.1864, zit. nach Anneke/Wagner 1980; 206). Die beiden leben seit 1859 meist getrennt, bleiben aber freundschaftlich verbunden.

FrauenbildMathilde findet mit ihrer Wisconsiner Freundin, der Schriftstellerin Mary Booth, weit mehr als einen Ersatz für die erloschene Liebe zu ihrem Mann. Die beiden führen eine Art Boston Marriage: fünf Jahre leben sie mit ihren Kindern in Zürich zusammen, wo Mathilde versucht, als Schriftstellerin und Journalistin die Familien zu ernähren. Als die todkranke Mary 1864 nach Milwaukee zurückkehrt, schreibt Mathilde: “Der Schmerz hat mich … so gepackt, daß ich die Feder habe hinlegen müssen….– ich weiß nicht wo ichs suchen soll, was ich für alle Ewigkeit verloren habe.…der Traum ist vorbei…” (2.7.1864, zit. nach Anneke/Wagner 1980; 202).

Obwohl sie Marys Tod nie verwindet, bleibt Mathilde nicht lange ohne eine liebende Partnerin. Die junge Schweizerin Cäcilie Kapp schreibt ihr nun leidenschaftliche Briefe und begleitet die Familie nach Milwaukee zurück, wo die beiden Frauen eine Schule für Mädchen gründen. Das “Milwaukee Töchter-Institut” wird sehr bekannt; es gilt als “freisinnig” und “fortschrittlich” und bietet eine hochqualifizierte Ausbildung, sogar auf den für Mädchen damals ungewöhnlichen Gebieten Mathematik und Naturwissenschaften. Mathilde Franziska Anneke will die nächste Frauengeneration für ein gleichberechtigtes Leben rüsten: “Was in der Frau nicht länger unterdrückt werden kann, was frei sein will unter allen Umständen … ist der natürliche Durst nach wissenschaftlicher Erkenntnis … Wissen um des Wissens willen zu suchen … Wissen um Ideen, Folgerungen und alle höheren Dinge…” (Rede auf der Tagung des Jahres 1869, zit. nach Anneke/Wagner 1980; 308).

Joey Horsley

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Literatur & Quellen

Anneke, Mathilde Franziska. 1983. Die gebrochenen Ketten: Erzählungen, Reportagen und Reden (1861-1873). Hg und mit einem Nachwort versehen von Maria Wagner. Stuttgart. Heinz.

Anneke, Mathilde Franziska; Wagner, Maria.1980. Mathilde Franziska Anneke in Selbstzeugnissen und Dokumenten. Hg Maria Wagner. Frankfurt am Main. Fischer.

Gebhardt, Manfred. 1988. Mathilde Franziska Anneke: Madame, Soldat und Suffragette: Biografie. Berlin. Neues Leben.

FrauenbildHorsley, Joey. 2010. “‘Wenn’s überhaupt angeht, die verschiedenen Stadien der liebenden Verhältnisse und die Kategorien von Freundschaft und Liebe einzuteilen’: Mathilde Franziska Anneke (1817-1884)”, in: Horsley, Joey & Luise F. Pusch. Hg. 2010. Frauengeschichten: Berühmte Frauen und ihre Freundinnen. Göttingen. Wallstein. S. 50-91

Schmidt, Klaus. 1999. Mathilde Franziska und Fritz Anneke: Eine Biographie; aus der Pionierzeit von Demokratie und Frauenbewegung. Köln. Schmidt von Schwind.

Wittke, Carl. 1971. “Anneke, Mathilde Franziska Giesler.” In: Notable American Women. 1607-1950. A Biographical dictionary. Vol I. Hg. Edward T. James, Janet Wilson James, Paul S. Boyer. Cambridge, MA and London. Belknap Press of Harvard UP. S. 50-51.

Wunderlich, Dieter. 2008 (2004). “Mathilde Franziska Anneke (1817-1884) Pionierin der Frauenbewegung” In: WageMutige Frauen: 16 Porträts aus drei Jahrhunderten. München. Piper.

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Hedwig Dohm