Tatjana Nikolajewa

geboren am 4. Mai 1924 in Beschitz, Rußland
gestorben am 23. November 1993 in San Francisco, während eines Konzerts

russisch-sowjetische Pianistin und Komponistin
90. Geburtstag am 4. Mai 2014


BiografieZitateLiteratur & Quellen


Biografie

Die Künstlerin empfand es als einen “besonderen Glücksfall”, daß ihre Mutter Pianistin war, denn diese gründete in der Kleinstadt, in der Nikolajewa als Kind lebte, eine Musikschule und förderte die Tochter nach Kräften, ohne sie zu überfordern.

Mit dreizehn Jahren machte Tatjana die Aufnahmeprüfung an der berühmten Moskauer Zentralmusikschule “Semsha”, die eine Vorstufe zum Konservatorium darstellt und aus der hervorragende MusikerInnen hervorgegangen sind. Von 600 BewerberInnen konnten nur 25 angenommen werden, und ihre Mutter hatte schon vorsorglich eine Rückfahrtkarte besorgt, doch die Tochter bestand mit Bravour.

Tatjana Nikolajewa studierte anschließend am Moskauer Tschaikowsky-Konservatorium und beendete das Studium 1947 als preisgekrönte Pianistin mit zahlreichen Auszeichnungen. Aber sie spürte den Drang, weiter zu lernen, und kurz darauf trat sie wieder ins Konservatorium ein und studierte Komposition. 1959 wurde sie als Lehrkraft ans Moskauer Konservatorium berufen, 1965 erhielt sie eine Professur.

Tatjana Nikolajewa konzertierte ihr Leben lang regelmäßig und erarbeitete sich ein außerordentlich umfangreiches Repertoire, das von Johann Sebastian Bach bis hin zu modernen Komponisten reicht. Bach war ihr großer Favorit, und sie hat sich einen Namen als eigenwillige und kompetente Interpretin seiner Tastenwerke gemacht. Sein Werk kommt ihrem luziden und auf polyphone Entfaltung zugeschnittenen Interpretationsstil entgegen, denn man hört stets heraus, wie sich die einzelnen Stimmen eines Stückes zu Wort melden, mit anderen korrespondieren, Echos und Kontrapunkte schaffen.

1950 gewann Nikolajewa beim Bach-Klavierwettbewerb in Leipzig zu Bachs 200. Todestag den ersten Preis. Sie hat auch alle Klaviersonaten von Beethoven sowie dessen fünf Klavierkonzerte gespielt, Werke von Chopin, Schostakowitsch, Rachmaninow, Bartók, Prokofieff und vielen anderen.

Die Kantaten, Liederzyklen, Klavierstücke und Konzerte, die sie komponierte, sind spätromantisch beeinflußt und galten daher leider als wenig zeitgemäß, daher wurden sie kaum aufgeführt.

Tatjana Nikolajewa spielte mit Kraft und Energie in der romantischen Tradition, aber dennoch mit großer Präzision. Sie pflegte eine Kunst der unabhängigen Stimmen, wobei aber der singende Klavierton niemals zu kurz kam. Ihre expressive Kantabilität überzeugt durch den Reichtum an Kontrasten, den sie ebenso durch ihre differenzierte Anschlagtechnik wie durch die geistige Durchdringung erreicht.

Die große Pianistin starb während eines Konzerts in San Francisco an einem Gehirnschlag. Sie spielte die Präludien und Fugen von Schostakowitsch, die er 1950 zum Bach-Jubiläum für sie komponiert hatte.

Eva Rieger

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Zitate

Trotz Dorothea von Ertmann und Elly Ney, die wohl als einzige Frau das opus 111 für die Schallplatte einspielte, scheint diese letzte Beethoven-Sonate eine Domäne der Männer zu sein. Diesen Eindruck konnte auch Tatjana Nikolajewa nicht widerlegen. (Albrecht Dümling, Rezension von 1986)

Ich war ein völlig normales Mädchen mit normalen Kinderinteressen, habe mit anderen Kindern gespielt, war nicht isoliert, und bis heute habe ich das Glücksgefühl und das Vergnügen nicht verloren, für andere Menschen zu spielen. (Tatjana Nikolajewa)

Eine unbeirrte, mütterliche Frau, die ein wenig an Helene Weigel erinnert. Soll man sie auch eine Mutter Courage des Klaviers nennen? (Hans-Jörg von Jena)

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Literatur & Quellen


“Nicolaeva, Tatiana. L’opinion de quelques pianistes”, Schweizer musikpädagogische Blätter, 74 (1986) 3, S. 138-139.
Pâris, Alain. 1997 [1992]. Klassische Musik im 20. Jahrhundert: Instrumentalisten, Sänger, Dirigenten, Orchester, Chöre [=Dictionnaire des interprètes et de l’interprétation musicale au XXe siècle]. 2. erweiterte, völlig überarbeitete Auflage April 1997. Aus dem Französischen von Rudolf Kimmig. Bearbeitet von Ralf Noltensmeier. Einleitung von Peter Gülke. München. dtv TB 32501.
Range, Hans-Peter. 1964. Die Konzertpianisten der Gegenwart. Lahr, Schwarzwald.
Rohde, Gerhard. 1987. “Huldigung an Beethoven, verdoppelt für Bach”, Neue Musikzeitung, Dezember 1987.

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Hedwig Dohm