»Laut & Luise«
20.05.2006
In diesem Monat wird allenthalben des 150. Geburtstages von Sigmund Freud am 6. Mai gedacht. So wollen denn auch wir nicht zurückstehen und an zwei besonders merk-würdige Freudsche Fehlleistungen erinnern. Folgende Erkenntnis überkam den Jahrhundertdenker im Jahre 1933:
Man meint, daß die Frauen zu den Entdeckungen und Erfindungen wenig Beiträge geleistet haben, aber vielleicht haben sie doch eine Technik erfunden, die des Flechtens und Webens. Wenn dem so ist, so wäre man versucht, das unbewußte Motiv dieser Leistung zu erraten. Die Natur selbst hätte das Vorbild für diese Nachahmung gegeben, indem sie mit der Geschlechtsreife die Genitalbehaarung wachsen ließ, die das Genitale verhüllt. Der Schritt, der dann noch zu tun war, bestand darin, die Fasern aneinander haften zu machen, die am Körper in der Haut staken und nur miteinander verfilzt waren.
(aus “Die Weiblichkeit”, zitiert nach Freud-Studienausgabe Bd. 1: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse und Neue Folge. Frankfurt/M. Fischer, 3. Aufl. 1978, S. 562)
Damit nicht genug, mußte er auch noch folgende Altersweisheit zum besten geben (ebd., S. 565):
Vergessen Sie aber nicht, daß wir das Weib nur insofern beschrieben haben, als sein Wesen durch seine Sexualfunktion bestimmt wird. Dieser Einfluß geht freilich sehr weit, aber wir behalten im Auge, daß die einzelne Frau auch sonst ein menschliches Wesen sein mag.
Das ist doch sehr beruhigend! - Den Hinweis auf diese Schwachstellen verdanke ich Sibylle Duda.
# | Luise F. Pusch am 20.05.2006 um 10:21 PM •
mannhaft •
Permalink
19.05.2006
In der Mai-Nummer des Magazins der Deutschen Bahn, genannt mobil, erfahren wir auf S. 33, daß Berliner Männer sind und eine kleine Frau haben: großbusig, barbusig und geschmückt mit einer langen blonden Mähne. Die Frau des Berliners ist noch kleiner als seine beiden Kinder. Klicken Sie auf das Bild, dann erscheint der Berliner à la DB in seiner ganzen Schönheit, inklusive Winzfrauchen auf dem Arm.
Der Begleittext verrät auch keinerlei Einsicht darüber, daß “die Berliner” zu 52 Prozent weiblich sind (jedenfalls sagt mann uns das doch immer, wenn wir verlangen, daß die Doppelform “Berlinerinnen und Berliner” benutzt werden soll). “Der Berliner”, wie die Deutsche Bahn ihn sieht, wird den Bahnreisenden nähergebracht auf “Kanal 4 - Literatur im Zug”. An Literaturschaffenden fanden die Bahn, der Hörverlag und die Kulturwelle des Hessischen Rundfunks, die für das Programm verantwortlich sind, ebenfalls nur Männer. Ihre Namen will ich hier nicht nennen, dies ist ja kein Reklame-Blog für Männer.
15.05.2006
Hier werden Fundstücke des alltäglichen Sexismus zu einer ständigen Ausstellung versammelt. Bedienen Sie sich mit Beispielen und Argumentationshilfen, für den Deutschunterricht, Sozialkundeunterricht, usw. Auch für die ständige Auseinandersetzung mit ahnungslosen Freundinnen und verstockten Männern, die uns mit ihrem “Habt euch doch nicht so!” nerven.
# | Luise F. Pusch am 15.05.2006 um 11:59 AM •
Permalink
07.05.2006
Heute war Anatol Gotfryd zu Gast in der schönen Sendereihe Zwischentöne des Deutschlandfunks (sonntags 13:30-15 Uhr). Gotfryd hat im letzten Herbst seine Erinnerungen veröffentlicht unter dem Titel Der Himmel in den Pfützen. Ein Leben zwischen Galizien und dem Kurfürstendamm. Leider habe ich sie noch nicht gelesen. Nach dem, was ich in dem Interview über den Autor erfahren habe, muß es ein sehr lesenswertes Buch sein. Gotfryd, ca. Jahrgang 1930, wurde als Kind zusammen mit seiner Mutter in einen Viehwaggon gestopft, Richtung Auschwitz. Nachdem viele schon erstickt waren, gelang es einem Ingenieur, die Luftluke zu öffnen und Anatol aus dem fahrenden Zug zu werfen und so zu befreien. Anatol landete in einem Tümpel, konnte sich herausarbeiten und irrte dann bis Kriegsende durch Polen. Er erlebte viel Gemeinheit, aber auch viel Hilfsbereitschaft.
Der Interviewer, Joachim Scholl, fragte Gotfryd, der am Kurfürstendamm mit seiner Frau eine Zahnarztpraxis hatte, auch nach seiner Meinung zum Holocaust-Denkmal.
Darauf Gotfryd: “Wenn man das selbst erlebt hat und diesen Stelenwald da sieht, frage ich mich oft, wo ist die Frau, der man ins Gesicht geschlagen hat, wo ist der Verlust ihrer Würde oder sowas? Diese Denkmäler sind für mich so, als ob Gefühle irgendwie im rechten Winkel abgebildet werden, also damit kann ich verdammt wenig anfangen. Ich finde es toll, daß man im Zentrum der Hauptstadt ein Areal zur Verfügung gestellt hat als Art von Denkmal für das, was sich ereignet hat, aber ich hätte das nicht formal noch ausgeschmückt. Also es würde vollkommen reichen, wenn da kniehoch Gras wachsen würde, und man wüßte, weswegen.”
Joachim Scholl: “Das sagt auch ein Kunstkenner, Anatol Gotfryd - ein Kommentar in diese Richtung.”
Es war aber nicht nur ein Kommentar des Kunstkenners Anatol Gotfryd “in Richtung Kunst”, sondern auch der Kommentar eines Mannes, der schon mal über Gewalt gegen Frauen nachgedacht hat.
# | Luise F. Pusch am 07.05.2006 um 07:16 PM •
Permalink
Seite 1 von 1
Seitenanfang