05.04.2008

Geburtstag

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Fünfzehnte Lektion

Vorgestern hatte Kate Geburtstag. Ich habe ihr gratuliert, aber nicht Joey, ihrer Mutter. Das fiel mir erst nachträglich ein. Als meine Mutter noch lebte, habe ich zu meinem Geburtstag immer ihr gratuliert. Wohl ist es ein Grund zum Feiern, daß ich vor Jahrzehnten mal “das Licht der Welt erblickte”, aber gratuliert wird doch meist zu einer Leistung, einer bestandenen Prüfung, einer überstandenen Operation. Sicher ist eine Geburt anstrengend auch für das Baby, aber die Mutter erlebt die Anstrengung bewußt und hat vorher monatelang Zeit, sich darauf gefaßt zu machen. Eine besonders ehrliche junge Mutter, Anke Sieber, gestand mir einmal: “Alle sagen immer, eine Geburt ist das Größte, was du erleben kannst. Wenn mir vorher jemand verraten hätte, wie grauenvoll das in Wirklichkeit ist, hätte ich mich nie darauf eingelassen. Aber dann steckst du fest und musst da durch, du kannst nicht mehr zurück.”

Das Überleben einer solchen Tortur verdient jedes Jahr ein rauschendes Fest - für Mutter und Kind.

“Ich bin in Gütersloh geboren.” Dieser Satz klingt ganz normal, dabei ist er grammatisch seltsam. Ich wurde in Gütersloh geboren, liebevoll erzogen, einige Male operiert, dann wurde ich eingeschult, später konfirmiert. Aber nie würde ich sagen: “Ich bin in Gütersloh erzogen, operiert, eingeschult und konfirmiert.”

“Ich bin in Gütersloh geboren” ist dagegen gängige Redeweise. Daß ich geboren wurde, von meiner Mutter unter großen Schmerzen und nach beschwerlicher Schwangerschaft - von dieser unwesentlichen Kleinigkeit ist in dem Satz nichts mehr übriggeblieben. Das so genannte Zustandspassiv wird mit sein statt werden gebaut und ergibt üblicherweise Sätze wie “Sie ist frisch operiert, gut versorgt und bestens untergebracht.” “Ich bin geboren”, paßt nicht in die Reihe. Geborensein ist, anders als Versorgtsein, kein Zustand. Nein, hier (und nur hier) dient die Konstruktion dem totalen Ausblenden der Mutter.

Die Feministin Marianne Wex schrieb in ihrer Selbstdarstellung für das Buch Feminismus: Inspektion der Herrenkultur, das ich 1983 herausgab: “Meine Mutter Ingeborg Magdalena gebar mich 1937 in Hamburg am 13. Juli. Sie lebte in großem Elend, in einer Situation, die Familie genannt wurde.” Ja, so kühn und eigenwillig formulierte frau damals noch.

Marianne Wex lenkt die Aufmerksamkeit von sich weg auf ihre Mutter, die sie gebar. Das ist eine sehr bewußte feministische Korrektur der allgemeinen Sehweise, die die Mutter eliminiert.

Als Herausgeberin von Frauenbiographien bekomme ich täglich Sätze wie “Sie wurde in Bebra als Tochter eines Bierkutschers geboren” auf den Tisch, auch von frauenbewußten Frauen. Sie folgen einfach gedankenlos der Tradition, nach der nur der Beruf des Vaters aussagekräftig ist. Die Mutter - war ja eh bloß  Muttertier, völlig vorhersagbar. Feministinnen wie Marianne Wex sehen das anders. Vorhersagbar oder nicht - es geht einfach darum, weibliche Leistungen zu würdigen.

Und was sollen wir von der Redeweise halten, daß meine Mutter mich am Tag meiner Geburt “zur Welt brachte”? Auf der Welt, nämlich im Bauch meiner Mutter, war ich da doch schon neun Monate lang gewesen. Oder gehörte meine Mutter während der Schwangerschaft etwa nicht zur Welt?

Am Tag der Geburt ist das Kind zwar schon monatelang “auf der Welt”, aber erst an diesem Tag “erblickt es das Licht der Welt” - falls es Lust hat, die Augen zu öffnen.

Wie all diese Beispiele zeigen, wird die Geburt eher aus der Sicht des Kindes gesehen. Ich nehme an, das liegt daran, daß Männer nicht gebären können - für die meisten eine fremde Welt, die praktisch nicht existiert. Für die Abtreibungsproblematik gilt dasselbe - wenn Männer sich auch mit der Mutter identifizieren könnten, gäbe es vermutlich viel weniger Streit. Aber sie können sich auf der kreatürlichen Ebene nur mit dem Kind identifizieren, deshalb sind die meisten instinktiv schon mal gegen die Abtreibung: Sehr beunruhigende Vorstellung, daß ausgerechnet das schwache Geschlecht am Hebel sitzt und dem Herrn der Schöpfung nicht nur “das Leben schenken”, sondern auch nehmen kann.

Ist schon recht, wenn wir dem Geburtstagskind zu seiner Überlebensleistung gratulieren. Aber nicht die Mutter vergessen, die ihr “das Leben schenkte”. Etwas blumig, der Ausdruck, und ähnlich problematisch wie “zur Welt bringen”. Bleiben wir beim guten alten “gebären”. Paßt auch am besten zu Geburtstag.


# | Luise F. Pusch am 05.04.2008 um 12:27 PM • Permalink

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Hedwig Dohm