17.05.2008
Zum Kuckuck mit den „Kuckuckskindern“
Gästinglosse von Gudrun Nositschka
Kürzlich meldete der Kölner Stadt-Anzeiger, dass das höchste deutsche Gericht den Männern den Rücken gestärkt hätte, die nicht für „Kuckuckskinder“ zahlen wollten. Sogar im Kommentar der feministischen Journalistin Marianne Quoirin wurde der Begriff ganz selbstverständlich und ohne Anführungsstriche gebraucht, als ob es solche speziellen Kinder ohne Zweifel gäbe.
Das Wort „Kuckuckskind“ steht weder im Wahrig noch in der Brockhaus-Enzyklopädie - aber im Duden wurde ich fündig und las: „ugs. für Kind, dessen leiblicher Vater nicht der Mann ist, der sich dafür hält“. Merkwürdig, daß der Duden hier nur auf die männliche Verwandtschaft des Kindes Bezug nimmt. Na ja, so merkwürdig nun auch wieder nicht, definierte sich doch unser nationales Abstammungsrecht bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts im Falle eines ehelichen Kinds nur über den Vater. Ein Erbe aus der griechisch-patriarchalen Antike, in der Mutter und Kind nicht als verwandt galten, war die Frau doch nur das Gefäß für das Sperma. Deshalb wurde auch der Muttermörder Orest freigesprochen.
Beim Begriff „Kuckuckskind“ für ein Menschenkind haben wir es mit einer patriarchalen Sinnverschiebung zu tun, die das Kind diffamiert und dessen Mutter dazu als eine amoralische Person treffen will.
Kuckucke sind bei uns eigentlich recht beliebt. Wir besingen sie in Frühlingsliedern („Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus dem Wald“, „Der Kuckuck und der Esel“), aber auch in Freiheitsliedern aus dem 19. Jahrhundert („Auf einem Baum ein Kuckuck saß“), in denen es dem Jäger (Verkörperung der Staatsmacht) nicht gelingt, Kuckucke niederzuhalten, auch wenn er sie erschießt. Weniger beliebt ist der Kuckuck, wenn der Gerichtsvollzieher damit unsere Wertgegenstände verziert.
Auffallend scheel wird der Nachwuchs der Kuckucke angesehen, betreiben doch viele Eltern der zahlreichen Arten in Europa bei 100 verschiedenen Vogelwirtsarten Brutparasitismus. Das heißt, nachdem die Kuckuck – oft farblich passende - Eier gelegt hat, werden diese von ihr und ihm vorher ausgesuchten Vogelpaaren ins Nest gelegt, von denen diese fremden Eier dann ahnungslos ausgebrütet und die geschlüpften Kuckuckskinder großgefüttert werden. Falls das Nest zu stark belegt ist, werfen die Kuckucke auch schon mal Eier der Wirtsarten hinaus; auch wächst das Kuckuckskind so schnell, dass der biologische Nachwuchs der Wirtseltern zu kurz kommt und kaum eine Chance hat, zu überleben.
Nach dieser realistischen Schilderung der Fortpflanzungsstrategien der Kuckucke ist es offensichtlich, dass es bei Menschen keine „Kuckuckskinder“ geben kann, solange Kinder von der eigenen Mutter ausgetragen, geboren, genährt und umsorgt werden, auch wenn der Partner der Mutter nicht der biologische Vater ist.
Bei Männern ist das Unterschieben von befruchteten Eizellen gänzlich ausgeschlossen, sind sie doch weder mit einer Gebärmutter zum Austragen, noch hormonell fürs Gebären und auch nicht für die Nährung eines Kindes per Brust ausgestattet. Für ihre Bereitschaft wiederum, das Kind ihrer Partnerin mit zu ernähren, wird ihnen auf vielfältige Weise gedankt.
Seit einigen Jahren ist allerdings die Menschheit nicht frei vom Brutparasitismus. Dieser kommt in der sog. Reproduktionsmedizin dann vor, wenn eine Frau ein Kind austrägt und aufzieht, das nicht aus ihrer Eizelle stammt. Einen Grund zu dem absurden Geschehen gibt es auch: Wenn sie schon keine eigenen, gemeinsamen Kinder gebären kann, dann soll sie wenigstens die Kinder austragen, mit denen sich der Ehemann per Eizelle einer sog. Spenderin „fortpflanzen“ darf, die dann der unfruchtbaren Ehefrau implantiert wird, um seinetwillen.
Fast unbemerkt sorgt die sog. Reproduktionsmedizin für Irrtümer und öffnet auch dem Verbrechen ein weites Feld. So wurden absichtlich oder aus Versehen Frauen, die sich diesem System anvertrauten, fremde befruchtete Eizellen eingesetzt. Woran uns das erinnert? Jawohl – das ist die Methode „Kuckuck“.
Und was machen wir mit den deutschen, höchstrichterlichen „Kuckuckskindern“? Die biologisch irrige und zudem kinderfeindliche Bezeichnung sollten wir höchstrichterlich verbieten, zum Kuckuck schicken lassen.
# | Luise F. Pusch am 17.05.2008 um 12:19 PM •
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