»Laut & Luise«
23.11.2008
Gestern mußte ich am Hauptbahnhof Hannover vier Minuten auf meine U-Bahn warten. Direkt vor uns Wartenden hatte sich zwischen den Gleisen unentrinnbar ein riesiges Reklameschild von Lavazza aufgepflanzt:

Offenbar eine Anspielung auf Romulus und Remus und die römische Wölfin: Gezeigt wird eine wild blickende Frau, unter ihrem Gesäuge sitzen zwei herzige Kindlein unklaren Geschlechts. Der Rücken der schönen Wilden ist mit einem knappen Fell bedeckt, das aber - Gott bewahre - nicht etwa den Blick auf die superlangen Beine verdeckt.
Was das Bild mit Lavazza Espresso zu tun hat, konnte ich nicht so schnell erkennen, nur die Anspielung auf Rom -> Italien -> Espresso. Ecco!
Vierzig Jahre Protest der Frau gegen ihren Missbrauch als Blickfang haben also nichts genutzt, dachte ich missmutig. Trotzdem beschloss ich, mich beim Deutschem Frauenrat und Deutschen Werberat über diese Umweltverschmutzung und gezielte Entgleisung zu beschweren.
Bevor ich das tat, recherchierte ich im Internet über das Lavazza-Plakat und fand zu meiner Verblüffung heraus, dass es Teil einer Photo-Serie ist, die keine Geringere als Annie Leibovitz für den Lavazza-Kalender 2009 inszeniert hat.
Also werde ich die Beschwerde erstmal sein lassen, habe ich doch Annie Leibovitz gerade erst in meinem eigenen Kalender Berühmte Frauen 2009 zum 60. Geburtstag für ein Wochenporträt ausgewählt, nachdem im Jahr zuvor ihre verstorbene Lebensgefährtin Susan Sontag sogar das Titelbild zierte.
Macht es aber einen Unterschied, ob ein sexistisches Plakat von einem Mann oder einer Frau stammt? Wohl nicht - das Problem mit Annie Leibovitz ist, dass sie eine Feministin ist. Jedenfalls habe ich sie immer für eine gehalten. Die “bedeutendste Ikonographin der amerikanischen Popkultur” (FAZ) “hat das kollektive Bildgedächtnis seit den 70-er Jahren maßgeblich mitbestimmt. Zu ihren bekanntesten Bildern zählen: John Lennon, der sich nackt und in embryonaler Haltung an Yoko Ono schmiegt, ... oder Demi Moore, hochschwanger als Akt auf dem Titelcover von Vanity Fair.” (Linda Marie Schulhof in ihrem Leibovitz-Porträt im Kalender 2009).
Vielleicht sieht Annie Leibovitz das aber alles nicht so verkniffen und verbissen wie ich. Warum soll eine Feministin nicht auch mal mit einer nackten Frau, lecker und al dente auf einem Teller Spaghetti serviert, für Lavazza Reklame machen und so ihr Geschäft ankurbeln? Vielleicht hat Annie ihr Vermögen durch Lehman Brothers verloren und muß dringend Knete ranschaffen.

Den Titel des Lavazza-Leibovitz-Kalenders ziert ein Venedig-Motiv. Venedig, die Stadt der Maskenbälle, wird symbolisiert durch eine Frau in weißer Unterwäsche mit einer weißen Halbmaske in Form einer Espressotasse. Hintergrund ist der photogene Markusplatz.

Und wie wäre es, wenn da stattdessen ein cooler Schwarzer nackt als Othello posiert hätte? Oder wenn Annie Leibovitz einen leckeren nackten Kerl in die parmesan-verschmierten Nudeln gesteckt hätte? Bezüge zwischen männlicher Nacktheit und Nudeln gibt es ja genug. Auch der Kaufmann von Venedig wäre nackt sicher ein echter Hingucker.
Leider musste ich jeglichem Espresso schon vor Jahrzehnten entsagen, denn ich bekomme davon Durchfall. Aber ich fürchte, ich muss trotzdem mal bei Lavazza vorsprechen und mich als Ideenlieferantin empfehlen, um die arme Annie etwas zu entlasten. - Einen Titel für mein Projekt habe ich auch schon: La pazza e Lavazza (die Verrückte und Lavazza).
# | Luise F. Pusch am 23.11.2008 um 09:14 PM •
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16.11.2008
Nichts gegen Bücher zum Einschlafen! Für Menschen mit Schlafstörungen sind sie ein Segen. Und da wir immer älter werden und somit immer schlechter schlafen, brauchen wir ein wirksames Mittel gegen Schlafstörungen. Ich habe eins gefunden.
Schon vor Jahren wollte ich eine Glosse über Bücher zum Einschlafen schreiben, aber meine Recherchen und mein Selbstversuch sind erst jetzt zur Reife gelangt, dank einer bösen Schlafkrise im Sommer. Das Ratgeberbuch Say Good Night to Insomnia hatte leider bei mir den gegenteiligen Effekt, genau wie die Werke von unserem Schlafpapst Zulley: Die Sorge, ob ich auch alle Ratschläge der Experten befolgt hatte, machte mich jeweils so nervös, dass an Schlaf nicht mehr zu denken war.
Ich besann mich auf gute Erfahrungen, die ich mit Christa Wolfs dröger Stimme beim Einschlafen gemacht hatte: Während ich normalerweise ein Hörbuch zügig durchhöre, dauerte es mit Christa ewig, weil ich jeweils nach zehn Minuten sanft entschlummert war. Es war das Buch Ein Tag im Jahr, und es lieferte mir die erste wichtige Regel:
Ein Buch zum Einschlafen sollte interessant sein, aber nicht aufregend. Für mich jedenfalls sind Thriller nichts zum Einschlafen: Entweder interessieren sie mich nicht, oder sie halten mich wach.
Im August, auf dem Höhepunkt meiner Schlaflosigkeit, die mich mehr und mehr entmutigte und besorgt machte, weil ich tagsüber nur noch herumschlich und jeglichen Elan verloren hatte - im August entdeckte ich mit Kaiser Hadrian die ultimative Schlaftablette oder besser Einschlafhilfe. Tabletten wollen wir ja gerade vermeiden.
Marguerite Yourcenars berühmtes Buch Ich zähmte die Wölfin: Die Memoiren des Kaisers Hadrian stand schon lange vorwurfsvoll und ungelesen in meinem Regal; eigentlich sollte Frau das Hauptwerk der ersten Frau in der Académie Française doch mal gelesen haben. Aber ich brachte es nicht über mich. Das Buch ist intelligent und kenntnisreich und voller Weisheit, aber nur leidlich interessant.
Als Buch zum Einschlafen aber ist es unübertroffen. Seit drei Monaten höre ich es jede Nacht, und nie verfehlt es seine Wirkung! Jetzt habe ich es einmal durch und fange damit wieder von vorne an, denn große Teile habe ich verschlafen. Trotz ständiger Wiederholungen einzelner Kapitel habe ich nur einen verschwommenen Eindruck von dem Werk.
Besonders zu loben ist auch die angenehme Stimme von Johannes Steck, sanft modulierend, aber nicht zu sehr.
Und so wird es gemacht: Am besten kaufen Sie sich eine Ipod oder eine sonstige MP3-Player mit Einschlaf-Timer-Funktion. Sie stellen das Gerät so ein, dass es nach 30 Minuten mit dem Abspielen aufhört. Schließen Sie es an irgendeine Lautsprecheranlage an, ein kleiner Computen-Lautsprecher für 10 Euro reicht völlig. Die Lautstärke sollte so sein, dass Sie es grade noch verstehen können, und ab geht die Post.
Früher las uns die Mutter etwas vor, damit wir besser einschliefen. Älteren Menschen sind die Eltern meist schon weggestorben, oder sie wohnen ganz woanders, außerdem würden sie uns was husten.
Die Ipod oder etwas Ähnliches ist ein vorzüglicher Ersatz. Früher las ich immer was im Bett, das mache ich jetzt nicht mehr, das Licht und das krampfhafte Halten des Buchs helfen nicht beim Einschlafen. Mein Hörbuch wird mir im Dunkeln vorgelesen, und das ist optimal für das Hinübersinken in den Schlaf.
Und warum hilft es beim Einschlafen, wenn wir etwas vorgelesen bekommen? Ablenkung ist das Zauberwort - wie bei kleinen Kindern. Deswegen darf das Buch auch nicht langweilig sein! Ich brauche Ablenkung von Alltagssorgen, aber auch von Ängsten der Marke “Alle Menschen müssen sterben, vielleicht auch ich?”, die nachts viel nagender und unangenehmer sind als tagsüber - eine Folge der Melatonin-Ausschüttung: Wenn das Melatonin uns nicht zum Schlafen bringt, wie es geplant ist, verstärkt es schwarze Gedanken.
Was mache ich, wenn Hadrian mal nicht mehr wirkt? Das nächste Buch zum Einschlafen wartet schon: Orhan Pamuks Der Blick aus meinem Fenster machte beim Reinhören einen vielversprechenden Eindruck.
Einen wichtigen Rat noch aus dem Artikel über “Schlafräuber” in der letzten HörZu (Nr. 45/2008, S. 18): “Ohne Mann schlummern Frauen besser, ergab eine Untersuchung der Universität Wien. Studienleiter John Dittami: ‘Sie reagieren auf Männer, als ob diese Babys wären, und registrieren empfindlich jede Bewegung.’ Dreht er sich um, wird sie wach.”
Auf die spannende Frage, ob frau mit einer Frau besser schläft, ist der Studienleiter wohl gar nicht erst gekommen.
# | Luise F. Pusch am 16.11.2008 um 02:14 PM •
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09.11.2008
Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar: Fünfundzwanzigste Lektion.
“Der amerikanische Präsident wird nicht vom Volk, sondern von Wahlmännern gewählt” - hörten wir in der vergangenen Woche wieder und wieder in den Medien. Nur ganz wenige sprachen von Wahlmännern und -frauen - oder gar Wahlfrauen und -männern.
Auf Englisch heißen die Wahlfrauen und -männer electors (geschlechtsneutral); sie bilden das electoral college, das Wahlkollegium. Weitere technische Einzelheiten zum Wahlsystem der USA erfahren Sie hier.
Solange in den USA nur Männer wählen durften (bis 1920), war die Übersetzung “Wahlmänner” korrekt. Seither aber hätte mann die obsolete Bezeichnung gern schon mal korrigieren dürfen, aber diese Mühe macht mann sich hier nicht, geht es doch nur um die Interessen von Frauen. Und so fragt das Volk ein übers andere Mal verwundert nach: “Wahlmänner - sind das wirklich nur Männer?” Und wird mit flapsigen bis übel frauenfeindlichen Antworten abgefertigt:
Diese Menschen heißen Wahlmänner. Früher waren das wirklich nur Männer. Heute sind es auch Frauen.
Jeder Bundesstaat bekommt eine gewisse Anzahl von Wahlmännern - (Bevor ein Emma-Einsatzkommando hier die Tür eintritt: Natürlich können das inzwischen auch Frauen sein. Der englische Begriff elector ist geschlechtsneutral, aber anscheinend hat man sich im Deutschen auf “Wahlmänner” festgelegt, warum auch immer. Wer will, kann das Wort im Geiste durch etwas politisch korrektes wie “Wahlmännerinnen” ersetzen.) (Scot W. Stevenson in seinem Blog “Usa erklärt”)
Für solche mannhafte Rede gibt es im Englischen eine treffende Bezeichnung, nämlich “to add insult to injury”: Es genügt nicht, die Wahlfrauen zu übergehen und so zu schädigen. Bevor wir Frauen uns auch nur beschweren, werden wir für eine solche Unverschämtheit schon mal vorsorglich als brutales türeintretendes “Emma-Einsatzkommando” verunglimpft, und mann stellt uns frei, uns mit der Ekelbezeichnung “Wahlmännerinnen” zu “trösten”.
Putzmänner und Hausmänner gibt es noch nicht lange - aber seit es sie gibt, werden diese Männer korrekt bezeichnet und nicht als “Putzfrauen” und “Hausfrauen” lächerlich gemacht. Denn Feminisierung ist in unserer Herrenkultur für einen Mann unzumutbar, die letzte Erniedrigung. Die Liste der Neuschöpfungen speziell für den Mann, der in weibliche Berufsfelder eindringt, ist lang und wohlbekannt:
Krankenschwester > Krankenpfleger; Hebamme > Geburtspfleger; Stewardess > Flugbegleiter; Kindergärtnerin > Erzieher. Usw. usf.
Maskulinisierung der Frau ist im Deutschen hingegen die Norm: Nicht nur sind 99 Sängerinnen und 1 Sänger auf Deutsch zusammen 100 Sänger - auch Wahlfrauen kann mann ruhig 90 Jahre lang unter “Wahlmänner” subsumieren, kräht doch kein Hahn danach.
Die “Wahlmänner” erinnern an die “Buschmänner” aus Afrika. Auch die Buschmänner sind eine typisch männerdeutsche Fehlübersetzung aus dem Englischen, wo sie bushmen heißen, also Buschmenschen oder Buschleute. In ihrer eigenen Sprache heißen sie San oder Khoi.
Auch das Volk der Buschleute oder San besteht mehrheitlich aus Frauen - das ist aber kein Grund, auf die schöne Bezeichnung Buschmänner zu verzichten. Und wenn mann schon von den Frauen reden muß, ja dann heißen sie eben - nein, nicht Buschmännerinnen, aber so ähnlich: Buschmannfrauen.
Ich schlage vor, statt “Mann” demnächst “Weibling” zu sagen, also “Wahlweiblinge”, “Buschweiblinge”, “Feuerwehrweiblinge” undsofort. Das Wort erinnert bildhaft an ihren Ursprung und hilft vielleicht dem verkümmerten männlichen Einfühlungsvermögen ein wenig auf die Sprünge.
# | Luise F. Pusch am 09.11.2008 um 02:29 PM •
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