»Laut & Luise«
21.02.2009
Bevor morgen die Oscars verliehen werden, möchte ich hier auflisten, wie ich die Preise gerne verteilt sähe:
Bester Film: Milk
Beste Hauptdarstellerin: Meryl Streep (Glaubensfrage)
Bester Hauptdarsteller: Sean Penn (Milk)
Beste Nebendarstellerin: Viola Davis (Glaubensfrage)
Bester Nebendarsteller: Philip Seymour Hoffman (Glaubensfrage)
Eigentlich kann ich gar nicht mitreden, denn von den oscarnominierten Filmen habe ich nur zwei gesehen (Milk und Glaubensfrage), den Vorleser habe ich immerhin gelesen.
Beim Februar-Treffen der Bostoner Wiggies (Women in German) diskutierten wir heftig über den Vorleser, zumal Bernhard Schlink gerade an diversen Universitäten im Raum Boston riesige Besuchsströme angelockt hatte. Verharmlost Schlink die Schuld einer KZ-Aufseherin? Handelt das Stück von Liebe? Kann man sowas Liebe nennen?
Wie es bei Linguistinnen öfter vorkommt, interessierte mich ein scheinbar entlegener Aspekt des Films, nämlich die Tatsache, dass ”Der Vorleser” unübersetzbar ist. Aus “The Reader” läßt sich weder entnehmen, dass es sich um einen Jungen handelt, noch dass das “Lesen” ein “Vorlesen” ist (was im übrigen für die Handlung zentral ist).
Als deutsche feministische Sprachkritikerinnen loben wir seit vier Jahrzehnten die Geschlechtsneutralität der englischen Personenbezeichnungen - aber bei diesem Filmtitel erweist sich die Geschlechts- und sonstige Spezifik des “Vorlesers” und damit des Deutschen auch mal als Vorteil.
Kommen wir vom “Vorleser” zu “Milk”. Ein fabelhafter Film, über den schwulen Politiker und Märtyrer Harvey Milk aus San Francisco. Joey und ich fanden, nachdem wir ihn gesehen hatten, es sollte in den USA einen Harvey-Milk-Tag geben, so wie es auch einen Martin-Luther-King-Tag gibt. Aber es wird wohl noch dauern, bis die Rechte von Lesben und Schwulen genau so ernstgenommen werden wie die Rechte der Schwarzen.
Und wieder beschäftigte die Linguistin sich über Gebühr mit einem “Nebenaspekt”: Dieser Name “Milk” - ist doch wie geschaffen zur Diskriminierung eines Schwulen. Was hat schließlich ein “richtiger Mann” mit Milch zu tun - immerhin ein rein weibliches Nebenprodukt der immensen weiblichen Produktivität. Aber nein - davon kam in dem Film nichts vor. Ob in Harvey Milks schwerem Leben davon auch nichts vorkam? Ich habe es nicht untersucht.
Zu übersetzen hinwiederum ist “Milk” ganz einfach: Milch! Und doch geht das nicht, der Film heißt auch auf Deutsch “Milk”. Eigennamen werden schließlich nicht übersetzt.
Oder doch? Harvey Milk entstammt einer aus Litauen eingewanderten jüdischen Familie namens - Milch. Der Name wurde amerikanisiert wie so viele Namen von EinwanderInnen. Im Zeitalter des Humanismus wurden die Namen gern latinisiert oder gräzisiert, zum Bsp. wurde aus Philipp Schwarzerd Philipp Melanchthon - was für ein edler und wohlklingender Name!
Viele Gründe gibt es, einen anderen Namen anzunehmen - oder verpaßt zu bekommen. Womit ich schließlich bei dem “abgelegenen” Thema angekommen wäre, das mich bei den oscarnominierten Filmen am meisten beschäftigt hat: Diese eigenartigen Männernamen der Ordensfrauen, “Sister Aloysius” und “Sister James”, in dem Film “Glaubensfrage” (übrigens m.E. eine geniale Übersetzung von “Doubt”, ein besserer Titel als das Original). In den USA wunderte sich niemand darüber - hier sind sie ja alle möglichen Namen gewöhnt. Höchstens beschwerte man sich, dass der Name Aloysius zu kompliziert sei: Ein Blogger stöhnt: “Why, oh why… such a difficult name to spell!?”
Die Internetrecherche erbrachte dann, dass das lebende Vorbild von Sister James sich seit 1968 Sister Margaret nennt; sie ist inzwischen 69. Die Umbenennung sei möglich geworden durch die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils, erzählte sie.
Bis dahin war es anscheinend üblich, die Nonnen mit männlichen Ordensnamen zu behelligen, wenn es den Vätern gefiel. Vom umgekehrten Fall, dass ein Bruder Martin nach der Heiligen Katharina “Bruder Katharina” genannt worden wäre, hat frau dagegen nie etwas gehört.
Wie nett wäre es gewesen, hätte sich Papst Benedikt (eigentlich Joseph Ratzinger) nach der größten Heiligenpersönlichkeit des deutschsprachigen Raums benannt: Papst Hildegard.
In den 60er Jahren gab es ein skandalumwittertes Theaterstück, das dann auch verfilmt wurde. Es hieß: The Killing of Sister George (Sister George muß sterben). Ich hatte auch damals keine Ahnung von dem katholischen Brauch, die Nonnen brutal nach männlichen Heiligen umzubenennen und hielt den Filmtitel für eine der vielen Arten, “männliche/dominante” Lesben als verkappte Männer zu brandmarken.
Das sollte der Titel wohl nebenbei auch leisten, solche Assoziationen sollte er durchaus auslösen - aber eigentlich war es eben nur ein männlicher Ordensname für eine Ordensfrau, ganz normal.
Im Sinne des bekannten Slogans “Lieber Meryl Streep als Merrill Lynch!” hoffe ich nun, dass die heilige Meryl für die Rolle der Sister Aloysius ihre dritte Osca bekommt.
# | Luise F. Pusch am 21.02.2009 um 08:05 PM •
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15.02.2009
Gästinglosse von Ursula Müller
„Andrea Ypsilanti tritt zurück!“ - Wie gerne hätte ich diese Schlagzeile gelesen! So viele Tritte, so viele davon unter die Gürtellinie, hat Frau Ypsilanti einstecken müssen. Meine Wut darüber schwoll täglich an und ist noch lange nicht verebbt. Natürlich ist es sehr ehrenwert, dass Andrea Ypsilanti nicht Gleiches mit Gleichem vergilt und nun ihrerseits zum Tritt ausholt. Und klug ist es vielleicht auch, so kann sie eventuell noch eine andere Karriere machen. Das halten Sie für ausgeschlossen? Kann sein. Ich setze aber durchaus Hoffnung darauf, dass Andrea Ypsilantis Partei, die sich ja dem Gender Mainstreaming verschrieben hat, die Parteipolitik des letzten Jahres in Hessen unter geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten aufarbeiten wird.
Das möchte ich aber nicht einfach dem Lauf der Geschichte überlassen, sondern biete hier meine Hilfe an.
Vor Jahren haben Feministinnen einmal durchgespielt, wie es einer Schwester von William Shakespeare ergangen wäre. - Sie wäre in der Gosse gelandet. Ich möchte nun den Spieß umdrehen und phantasieren, wie es einem Andreas Ypsilanti ergangen wäre:
• Zuerst wäre man und frau innerhalb der SPD des Lobes über ihn voll gewesen, war es ihm doch – wider alle Erwartungen – gelungen, für seine Partei so viele Stimmen zu holen, dass erstmals nach Jahren eine SPD-geführte hessische Landesregierung möglich erschien. Jubel allerorten! Glückwünsche aus der Parteispitze. Man drängt sich danach, neben Andreas Ypsilanti abgelichtet zu werden und in die Presse zu kommen. „Der Sieger von Hessen!“ verkünden die Medien.
• Seine Bemühungen um eine Ampelkoalition wären sehr gewürdigt worden. Dagegen hätte man die FDP dafür gescholten, dass sie nicht bereit war, ihr Wahlversprechen zu brechen und mit SPD und Grünen zu koalieren. Vasallen von Roland Koch hätte man die Liberalen genannt, ihnen Nibelungentreue vorgeworfen, bis diese keine Schnitte mehr hätten machen können. Guido Westerwelle wäre angesichts von so viel Empörung kleinlaut geworden.
• Wenn das alles nichts genutzt hätte und die FDP bei ihrem Nein geblieben wäre, hätte die Partei umgesteuert. Klaus Wowereit hätte man nach vorne geschickt. Er hätte seine Erfahrungen mit den Linken positiv dargestellt, andere Genossinnen und Genossen aus dem Osten wären gefolgt. Man hätte groß in der Presse zusammengetragen, wo die CDU (!) im Osten mit der Linkspartei koaliert. Kurz, man hätte die Linken hoffähig geredet.
• Daneben hätte man lautstark betont, dass es schließlich um die Sache ginge und darum, den Wählerwillen umzusetzen. „Die Wählerinnen und Wähler haben Roland Koch abgewählt!“ hätte es geheißen. „Wir hören die Signale. Uns geht es um die Sache. Wir werden prüfen, welche Schnittmengen es für eine Rot-Rot-Grüne Koalition geben könnte.“
• Begleitet hätte man diese Kehrtwendung mit einer Unterstützung des Kandidaten Andreas Ypsilanti. „Vorwärts, Andreas!“ hätte es geheißen. „AY, AY, AY“-Rufe wären ertönt. Lauthals hätte man die Schandtaten und Lügen von Roland Koch in den Vordergrund gestellt, hätte den brutalstmöglichen Aufklärer an die Parteispendenaffäre erinnert, an das „jüdische Erbe“. Hätte sich der so Angegriffene dann doch noch getraut, den Schritt von Andreas Ypsilanti hin zur Linkspartei als Wortbruch zu kritisieren, hätte es geheißen: „Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen!“
• Und falls sich auch gegen Herrn Ypsilanti vier Abtrünnige gefunden hätten, hätte die Partei dem Genossen Andreas einen Sitz im Bundestag in Aussicht gestellt, wenn nicht gar eine noch höhere Position in der Partei: „Andreas hat uns gezeigt, in welche Richtung wir gehen müssen! Männer wie ihn braucht die SPD.“
Aber so? Ich muss an Al Gore denken, den Beinahe-US-Präsidenten, der seine Anliegen so konsequent in die Öffentlichkeit trägt und nun sogar einen Oscar in seinem Regal stehen hat. Andrea Ypsilanti, die Beinahe-Ministerpräsidentin von Hessen, als mutige Kämpferin für eine alternative Wirtschaft, so wie sie sie in Hessen hat realisieren wollen? Nicht nur, dass ihr dafür sicher das Geld fehlt. Auch als Umweltkämpferin und ökologische Wirtschaftstheoretikerin hat sie das falsche Geschlecht. Ich überlasse es Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, durchzuspielen, wie es einer Schwester von Al Gore, Ann Gore, ergangen wäre.
7.2.09
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Dr. Ursula G.T. Müller, Jahrgang 44, Soziologin und Frauenpolitikerin, kam Ende der 1960er/Anfang der 1970er in die US-amerikanische Frauenbewegung und hörte mit Feminismus nicht mehr auf. Von 1986 bis 1996 war sie Frauenbeauftragte der Stadt Hannover, von 1996 bis 1998 Staatssekretärin im Frauen-, Jugend-, Wohnungs- und Städtebauministerium von Schleswig-Holstein. Ihre Erfahrungen hat sie aufgezeichnet in dem Buch “Die Wahrheit über die Lila Latzhosen: Höhen und Tiefen in 15 Jahren Frauenbewegung”, Gießen: Psychosozial-Verlag 2004, 390 S.
# | Luise F. Pusch am 15.02.2009 um 05:11 PM •
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Keine Panik - es gibt sie noch, aber nicht mehr online:
Soeben erschien der Band Der Kaiser sagt Ja, und andere Glossen im Wallstein Verlag. Darin findet ihr die folgenden Glossen, die Mitte Februar 2009 aus dem Netz genommen wurden:
Alles so konfus hier
Auf dem Weihnachtsmarkt
Commencement
Das Hohelied der Liebe von Edeka
Der amerikanische Traum
Der Bikinibereich
Der Kaiser sagt Ja
Die Frau als Nacktschnecke
Die kleine Bärjungfrau
Die mannhaften 68er
Die Mutter aller Geiger
Die reine Jungfrau zart
Der Deutsche Buchpreis oder Die einzige Dame unter den sechs Herren
Die Wohlgesinnten, die Ausgebufften und andere seltsame Titel
Edo und seine männliche Endung
Ein liebendes Pferd
FC Köln in der Aufzugin
Großmama packt aus, Großpapa kann einpacken
Helden der Liebe und Gnadenhochzeit
Herrenausstatter
Hillary und die Weisen Frauen von New Hampshire
Hurrikan Hillary
Inniger
Iris von Roten, ihrer Zeit Jahrzehnte voraus
Jürgen Flimm über erwachsene Knaben, die Leute und ihre Mädels
Knut, Flocke, Mägdefreu
Krake im Bauch
Kultur am Sonntagmorgen
Landsfrau Maxima
Lessings Neffe
Lili Marleen oder Dürfen Frauen Männerlieder singen?
Little Women
Mac-TV für Macker
Männer mit Damenbart und fläumige Frauen
Männlichkeiten
Mehr Stolz, ihr Frauen! (Hedwig Dohm)
Mutter Schimanskis Sohn
Muttersprache oder Herkunftslandssprache?
Oh du fröhliche, oh du lesbische…
Oscar 2007
Papst sind wir nicht - wir sind Impressionistin
Pippi Langstrumpf, Harry Potter und Co.
Sag mir, wo die Frauen sind - wo sind sie geblieben?
Schluß mit der Duldungsstarre
Simone, Hillary und die Schürzenjäger
The L-Word / Das L-Wort
Weihnachtsgeschenke
Wer donnert denn da?

Schon im letzten Frühjahr wurden viele Glossen aus dem Netz genommen, die aber alle im ersten Glossenband von Luise F. Pusch - Die Eier des Staatsoberhaupts, und andere Glossen - greifbar sind. Immer wieder wurde z.B. gefragt, wo die beiden Rackerinnen Heidi und Klara sich herumtreiben - hier sind sie:
Ärztinhelfer und Garderobenmann
Bitch und Bastard
Damen auf der Documenta
Das Geheimnis der positiven Ausstrahlung
Der Duft von Männern - nicht gefragt
Der Stall der Nonnen
Deutschlands beliebtester Politiker
Die Eier des Staatsoberhaupts
Die Familien-Managerin 2007
Die Männer der Brentanos
Die Mark und der Euro
Die Rote Falke und die Bundesadlerin
Die schönsten Jahre
Doch nicht so alternativ?
Ein Kind ist ein Junge, es sei denn…
Eva Herman oder Wie frau einen Bestseller landet
Figaros Hochzeit und der Tristan-Akkord
Gedanken zum Karfreitag
Gender – wer braucht es und wozu?
Glenn Gould als Jesus Christ Superstar
Globale Entmannung
Goethes Christiane & Luthers Käthe
Hausfrau und Haustier
Heidi und Klara im Heu
Herrkömmliche und feministische Dissidenz
Hillary und Barack
Im Fitness-Studio
In alter Frische
Integration, Macht und Schluckbeschwerden
Ist die Frauenbewegung tot?
Jeder, der selbst ein Kind bekommen hat
Jüngere Geliebte
Katharina die Große und ihre Verehrerin
Kinder und Hunde die Hälfte
Klaus-Mannhaft
Kopftuchverbot für Referendare
Männlicher Kulturbetrieb
Menschenrechte für die Frau
Merklich besser
Sancta Propecia oder Ein Mann muß nicht immer schön sein…
Schuld und Söhne
Warum ich nicht autofahre
Zeugungsmaschinen - Gedanken zum Muttertag
Zufallsgrößen
# | Luise F. Pusch am 15.02.2009 um 12:10 AM •
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07.02.2009
Während und nach der Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten waren die Medien erfüllt von der historischen Bedeutung der Stunde. Sie zeigten weinende Schwarze auf der Mall, und immer wieder wurde ein Satz zitiert, in vielen Variationen: “Ich hätte nie gedacht, dass ich das noch erleben würde. Nicht zu meinen Lebzeiten!” Auch hieß es: “Erst jetzt fühle ich mich wirklich als Amerikanerin (Amerikaner), fühle, dass dies Land auch mein Land ist.”
Immer wenn ich dies hörte, war ich bewegt und freute mich mit über den längst fälligen Fortschritt. Gleichzeitig war ich mächtig sauer. Niemandem fiel es ein, die offenkundige Parallele zu sehen und zu thematisieren: US-amerikanische Frauen (die Mehrheit der Bevölkerung!), ob schwarz, braun, weiß oder gelb, haben bis heute keine der Ihren in diesem Amt gesehen, und entsprechend müssen sie sich fühlen - so, als ob dies nicht ihr Land ist und als ob sie nicht dazugehören. Dies Gefühl bleibt allerdings unklar, weil die Medien ihm wie gesagt keinen Ausdruck erlauben. Und wir fühlen eben oft nur das, was in der Öffentlichkeit zugelassen ist und diskutiert wird.
Kurze Zeit nach der Premiere “Erster Schwarzer wird US-Präsident” gab es die nächste Weltpremiere: “Erste Lesbe wird Regierungschefin”. Aber solche und ähnliche Schlagzeilen über Johanna Sigurdardottir, die neue Ministerpräsidentin Islands, sahen wir in Deutschland nur in der lesbischwulen Presse, z.B. bei queer.de.
Über eine derartig unfeine Behandlung der neuen isländischen Ministerpräsidentin ließ die Welt-online folgendes verlauten:
Liebe Leser (sic!),
wir haben uns nach Ihren zahlreichen Hinweisen dafür entschieden, die Überschrift zu ändern. Sie lautete zuvor “Weltpremiere - Lesbe wird Regierungschefin in Island.” In der Tat geht es in diesem Text nicht um die sexuelle Orientierung von Frau Sigurdardottir. Daher sollte sich auch die Überschrift nicht darauf beziehen.
Vielen Dank für Ihre Anregungen.
Offenbar fanden die “lieben Leser” die Bezeichnung einer Ministerpräsidentin als “Lesbe” etwa so ungehörig, wie wenn man den geliebten Obama “Nigger” genannt hätte. Von diesem Dilemma sichtlich überfordert, führte die deutschsprachige Presse einen sprachlichen Eiertanz auf. Die Weltpremiere brachten sie nicht etwa in der Schlagzeile wie die englischsprachige Presse durchweg, sondern sie versteckten sie (meist) im dritten Absatz, etwa so wie der Spiegel am 1.2.:
Sigurdardottir erste Regierungschefin Islands
(Folgen 3 Absätze, und dann):
Die neue Regierungschefin … ist seit 2002 mit der 54-jährigen Autorin Jonina Ledsdottir verheiratet.
Typisch für die Berührungsängste der deutschen Medien ist der Text der Tagesschau. Der Makel wird umschrieben und in einem Nebensatz versteckt:
Die 66-Jährige, die seit 2002 mit einer Frau verheiratet ist, hat aus einer früheren Ehe zwei Söhne und ist sechsfache Großmutter.
Dito die NZZ:
Die 66-Jährige ist seit 2002 mit einer Frau verheiratet. Sie ist wohl weltweit die erste offen in einer homosexuellen Ehe lebende Chefin einer Regierung. Sie hat aus einer früheren Ehe zwei Söhne und ist sechsfache Grossmutter.
Die Tatsache, dass Sigurdardottir zwei Söhne hat und sechsfache Großmutter ist, finden die führenden englischsprachigen Medien nicht so wichtig, dafür titeln sie aber alle mit dem Wort gay:
Johanna Sigurdardottir, world’s first openly gay leader, to take power in Iceland (timesonline, 29.1.)
World gets its first gay leader (The Independent, UK, 29.1.)
Johanna Sigurdardottir - Veteran MP set to become the first female leader of Iceland, and first openly gay prime minister in the world (The Guardian, UK, 30.1.)
Iceland’s PM marks gay milestone (BBC, 1.2.)
Iceland Picks the World’s First Openly Gay PM (time, 30.1.)
First gay premier takes helm in Iceland (CNN, 1.2.)
Wie kommt es, dass die Deutschen sich mit der frohen Botschaft so schwertun und dafür nicht den richtigen Ort (Schlagzeile) und nicht die passenden Worte finden?
Nun, einmal haben wir da unsere Nazivergangenheit, die nachwirkt und uns ja auch in Sachen Frauenemanzipation bis heute weit hinter anderen Staaten zurückhinken lässt.
Zweitens ist gay ein selbstgewähltes, “fröhliches” und obendrein geschlechtsneutrales Wort mit positiven Assoziationen, das Männern und Frauen gleich gut steht. Hingegen haben schwul, homosexuell, Lesbe und lesbisch für viele Deutsche einen äußerst negativen Beigeschmack. Auch die “Betroffenen” selbst brauchen sehr viel sprachpolitische Unterstützung und Therapie, bis sie diese einstigen Schimpfwörter stolz als Selbstbezeichnungen akzeptieren und tragen können.
Fortschrittlichen Organen wie queer.de bleibt gar keine andere Wahl als mit “Lesbe” zu titeln. Würden sie Sigurdardottirs Lesbischsein im dritten Absatz verstecken, schamhaft mit “ist mit einer Frau verheiratet” umschreiben und mit der Hervorhebung der zwei Söhne und sechs Enkel quasi entschuldigen wollen - dann widersprächen sie ja ihrer eigenen Botschaft, dass nämlich Lesbischsein kein Makel ist.
Die konservative Presse aber findet durchaus, dass Lesbischsein ein Makel ist, der sich mit dem höchsten Regierungsamt nicht gut verträgt, allerdings durch die vorherige Produktion von zwei Söhnen verzeihlicher wird. Auch weiß sie natürlich, dass es politisch nicht korrekt und neuerdings sogar außenpolitisch unangebracht ist, so rückständige Meinungen zu pflegen. Von dieser Seite hören wir daher üblicherweise das Argument, das wir auch im Falle Sigurdardottir dauernd vernehmen - dass es doch nun wirklich überhaupt nicht darauf ankomme, was die Politikerin zu Hause, im Privatleben, im Bett so treibe.
Und ob es darauf ankommt. Vergessen wir nicht, dass Islands Wirtschaft vollständig zusammengebrochen ist. Wenn ein Karren aus dem Dreck zu ziehen ist, darf auch mal eine Frau (Merkel), ein Schwarzer (Obama) oder sogar eine Lesbe (Sigurdardottir) an die Regierung. Wenn sie dann ihre Sache gut machen, werden die nächsten Frauen, Schwarzen, Schwulen, Lesben es leichter haben, gewiss.*
Aber bis dahin ist es schon empfehlenswert, die richtige Hautfarbe, das richtige Geschlecht und die richtige sexuelle Orientierung zu haben.
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*Lesben sind Frauen, und die Hälfte der Schwarzen sind Frauen, und unter diesen sind viele Lesben. Meine Ausdrucksweise ist also missverständlich. Ich habe diese Gruppen hier nur der Einfachheit halber jeweils nach ihrem spezifischen “Makel” zusammengefaßt und benannt.
Zum Weiterlesen:
Ich habe mich mit dem Thema “Sprache und Homophobie” schon öfter befaßt. Hier eine Auswahl meiner Texte dazu:
Glosse “O du fröhliche, o du lesbische”
“Ein Streit um Worte? Eine Lesbe macht Skandal im Deutschen Bundestag”, in: Pusch, Luise F. 1999. Die Frau ist nicht der Rede wert: Aufsätze, Reden und Glossen. Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921. S. 37-67.
“‘Eine gewisse Wehmut’: Homophobie und Sexismus im neuen Litearaturbrockhaus”, in: Pusch, Luise F. 1999. Die Frau ist nicht der Rede wert: Aufsätze, Reden und Glossen. Frankfurt/M. Suhrkamp TB 2921. S. 68-86
# | Luise F. Pusch am 07.02.2009 um 11:04 PM •
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