22.03.2009

Winnenden-Berichterstattung fördert zukünftige Gewalttaten

“Offener Brief der Opferfamilien aus Winnenden”. Auch die TV-Nachrichten berichteten darüber ausführlich.

Im Vorspann zu dem Brief heißt es: “Die Familien von fünf beim Amoklauf getöteten Schülern (m.H) haben in einem offenen Brief Konsequenzen gefordert. Die Familien schreiben an Bundespräsident Köhler, Kanzlerin Merkel und Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger.“

Wahr ist, dass die Familien von fünf ermordeten Schülerinnen den Brief verfaßt haben: Die Schülerinnen heißen: Steffie Kleisch, Selina Marx, Viktorija Minasenko, Nicole Nalepa und Jana Schober.

Die Familien fordern viele wichtige und überfällige Maßnahmen: bessere Waffengesetze, weniger Gewalt im Fernsehen, Verbot der Killerspiele, besseren Jugendschutz im Internet. Hoffentlich finden sie Gehör.

Neu im Katalog ist das, was die Familien unter der Überschrift “Berichte über Gewalttaten” fordern:

Wir wollen, dass der Name des Amokläufers nicht mehr genannt und seine Bilder nicht mehr gezeigt werden. Am aktuellen Beispiel von Winnenden zeigt sich, dass die derzeitige Berichterstattung durch unsere Medien nicht dazu geeignet ist, zukünftige Gewalttaten zu verhindern. Auf nahezu jeder Titelseite finden wir Namen und Bild des Attentäters. Diese werden Einzug finden in unzählige Chatrooms und Internet-Foren. Eine Heroisierung des Täters ist die Folge.
Bei Gewaltexzessen wie in Winnenden müssen die Medien dazu verpflichtet werden, den Täter zu anonymisieren. Dies ist eine zentrale Komponente zur Verhinderung von Nachahmungstaten.

Genau dies folgt auch aus Dr. Brigitta Huhnkes Medienanalyse zur Bericherstattung über den Frauenmord in Winnenden.

In der letzten Woche ist die neue Studie über die sogenannte “Jugendgewalt” erschienen. Frohe Botschaft und Balsam für das verschreckte Volk: Die Gewalt habe abgenommen. Alle möglichen Faktoren wurden untersucht, Herkunft, Wohnort, Migrationshintergrund usf. Den Faktor Geschlecht konnte ich lange nicht finden. Ganz zufällig stieß ich schließlich auf den Satz: “Jungen begehen 7,3 mal so viele Straftaten wie Mädchen.” Sie begehen also 86% der Straftaten. Aber das ist weiter kein Thema. Ist ja alles Jugend, so oder so.

Wir können mit den Familien der ermordeten Schülerinnen nur betonen, “dass die derzeitige Berichterstattung durch unsere Medien nicht dazu geeignet ist, zukünftige Gewalttaten zu verhindern.” Die Medien vermehren die Gefahr allerdings nicht nur durch die Heroisierung des Täters, sondern auch durch die Leugnung des Geschlechterkonflikts: Der Täter ist männlich, die planmäßig ermordeten oder verletzten Opfer in der Schule zu 95 Prozent weiblich. Wieso da weiter über das Motiv angestrengt gerätselt wird, statt den Frauenhaß beim Namen zu nennen und endlich Maßnahmen dagegen zu ergreifen, wird Frauen immer unheimlicher.

In seiner Trauerrede hat Horst Köhler immerhin die Opfer korrekt benannt: “Wir trauern um acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen der Albertville-Realschule in Winnenden. Wir trauern um drei Männer, die der Täter auf seiner Flucht wahllos tötete, ehe er sich selbst das Leben nahm.”

Von Frauenhaß spricht aber immer noch niemand außer ein paar Feministinnen und tapferen Männerforschern. Warum nicht? Dafür gibt es zwei mögliche Erklärungen:

A) Korruption und Kollusion: Die Täter liegen mit den Ermittlern, der Politik und den Medien im Bett, sie sind Komplizen, ähnlich wie wenn die Mafia die Machteliten infiltriert hat. Dann erfährt das Volk auch nichts mehr über wahre Beweggründe von Verbrechen, sondern nur noch gezielte Desinformation. Was hier abgeht, habe ich schon vor 20 Jahren in meinem Aufsatz: “Wie mann aus seiner Mördergrube ein Herz macht: Strategien männlicher Imagepolitik”* analysiert. Die Strategien sind: Ignorieren, Leugnen - und wenn das nicht mehr geht: Verschleiern bis hin zur Verkehrung ins Gegenteil, heute auch gern “Spinning” genannt. Das erledigen gewiefte “spin doctors”. Zur Zeit spinnen sie aus einem Massenmord an Frauen eine Benachteiligung junger Männer, der “Bildungsverlierer”.

B) Genau wie es eine gute Idee ist, den Täter zu anonymisieren, könnte die Anonymisierung der Opfer dem Schutz von Mädchen und Frauen dienen, damit nicht die gezielte Auslöschung des weiblichen Geschlechts zum neuen Schießsport wird.

Die Erklärung (B) halte ich für eher unwahrscheinlich. Falls sie doch zutrifft, wäre außerdem abzuwägen, ob das, was durch die Verschleierung der Stoßrichtung des Massenmords gewonnen wird, nicht mit fortgesetzter Desorientiertheit und Zahnlosigkeit bei der Verbrechensverhütung zu teuer erkauft ist.

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Hier noch ein wichtiges Interview mit Douglas Kellner, dem Autor von Guys and Guns Amok, zum Thema Waffen, Männlichkeiten und School Shootings.

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*Pusch, Luise F. 1990. “Wie mann aus seiner Mördergrube ein Herz macht: Strategien männlicher Imagepolitik”, in: Pusch, Luise F.1990.  Alle Menschen werden Schwestern: Feministische Sprachkritik. Frankfurt/M. edition suhrkamp 1565. S. 112-120.


# | Luise F. Pusch am 22.03.2009 um 11:01 AM • Permalink

13.03.2009

Herr Koma kommt: Der Frauenmord in Winnenden

Stellen Sie sich vor, ein junger Deutscher erschießt an einer deutschen Schule elf Menschen, zehn davon “mit Migrationshintergrund”, sieben weitere MigrantInnen schießt er krankenhausreif.

Oder: In den USA stürmt ein Weißer in die Schule und erschießt zehn Schwarze und einen Weißen. Weitere sieben Schwarze schießt er krankenhausreif.

Glauben Sie, über das Motiv der Taten hätten Deutschland oder die USA auch nur eine Minute lang gerätselt?

Nein - zu Recht wäre extremer Fremden- bzw. Rassenhass vermutet worden, von den Medien, den Behörden, der Bevölkerung und der Polizei.

Der Massenmörder von Winnenden hat an der Schule acht Schülerinnen und einen Schüler erschossen, sieben weitere Schülerinnen hat er krankenhausreif geschossen. Aber alle reden nur von den getöteten oder verletzten Schülern. Tim Kretschmer hat auch drei Lehrerinnen ermordet. Die wurden auch immer korrekt als Lehrerinnen bezeichnet. Wäre ein Lehrer dabei gewesen, hätten wir gehört, der Täter habe neun Schüler und drei Lehrer getötet.

Streng eingehalten werden die Regeln der deutschen Männersprache: Ein einziges männliches Wesen macht jede noch so große Gruppe von Frauen und Mädchen zu einer männlichen Gruppe. Acht Schülerinnen und ein Schüler sind zusammen neun Schüler. (Die Schülerinnen wurden auch nicht ermordet, sondern nur getötet.) Über den Massenmord in Erfurt heißt es in Wikipedia (16.3.2009): “...erschoss der 19-jährige Robert Steinhäuser zwölf Lehrer, eine Sekretärin, zwei Schüler und einen Polizisten.” Tatsächlich erschoss Steinhäuser nicht nur eine Frau: Zehn seiner sechzehn Opfer waren Frauen: acht Lehrerinnen, eine Schülerin, eine Sekretärin.

Die Sprachregelung hilft mit, das Offenkundige nicht wahrzunehmen zu müssen: Alle sind vollkommen ratlos und fassungslos, es fehlen ihnen die Worte. Die Frage nach dem Warum treibt alle um, auch heute noch, zwei Tage nach dem Frauenmord. Und da werden besonders gern Johannes Raus Worte zum Massenmord in Erfurt zitiert: “Wir sollten uns eingestehen: Wir verstehen diese Tat nicht. Wir werden sie - letzten Endes - auch nie völlig erklären können.”

Was ist denn daran so schwer zu verstehen? Ist nicht Gewalt von Männern gegen Frauen, bis hin zum Mord, alltäglich bei uns und weltweit?

Manche, aber viel zu wenige Männer, ein paar Sozialpsychologen und Männerforscher, haben schon etwas begriffen von dem, was Feministinnen seit Jahrzehnten umtreibt: Es gehört zur männlichen Identität, Frauen zu dominieren, sich ihnen überlegen zu fühlen. Frauen, die Männern die Stirn bieten (z.B. Feministinnen), Mädchen, die Jungen zurückweisen und/oder überflügeln (z.B. in der Schule), Frauen und Mädchen also, die die männliche Hegemonie in Frage stellen und das zarte männliche Ego verletzen, gehören bestraft. Nur so kann die Geschlechterhierarchie wiederhergestellt und die beschädigte männliche Identität repariert werden - im Extremfall durch den Tod.

Der Frauen- und Mädchenhass des Tim Kretschmer drückt sich deutlich in seiner Tat aus. Er hat nicht “wild um sich geschossen”, wie die Medien immer wieder berichteten, er hat seine weiblichen Opfer gezielt mit Kopfschuss ermordet.

Für mich fast noch erschütternder als der Massenmord ist die völlige Blindheit all derjenigen, die über ihn berichten und über die Natur dieser Tat und ihr Motiv rätseln. Als läge das Motiv nicht klar auf der Hand: Frauenhass, Männlichkeitswahn.

Erschütternd deshalb, weil damit die nächsten Massenmorde programmiert sind, denn eine vernünftige Prävention setzt zuallererst eine korrekte Analyse des Tatmotivs voraus. Eine solche Analyse findet nicht statt, es wird rumgenebelt in einem unfassbaren Ausmaß.

Oder eben auch wieder nicht unfassbar, sondern vorhersagbar. Aber ich hätte doch gedacht, nach über 40 Jahren Frauenbewegung wären die Zuständigen und die Öffentlichkeit schon etwas weiter, aufgeklärter.

Aber in den Medien war wieder mal Alice Schwarzer die einzige, die den Mord und sein Motiv auf den Punkt brachte - auf einen Punkt übrigens, den sie seit dem Mord an Angelika B. in Köln 1991 immer wieder betont: Frauenhass ist ein Politikum wie Fremdenhass und gehört genau so streng geahndet, ja strenger, ist Frauenhass doch viel weiter verbreitet. Er ist, wie gesagt, völlig alltäglich. Hier geht’s zum Schwarzer-Artikel.

Eines wird durchaus zugegeben, es lässt sich ja auch nicht verheimlichen: Dass die Amokläufer alle männlich sind. Und mit diesem widerwilligen Eingeständnis hat es sich dann aber auch schon. Da wird nie weitergefragt: Wieso denn nur Jungen und Männer? Was machen wir falsch bei der Erziehung von Jungen, was uns bei Mädchen anscheinend mühelos gelingt? Was können Jungen von Mädchen lernen?

Eben. Das ist der Punkt. Jungen sollen und wollen von Mädchen nichts lernen. Das wäre nämlich unter ihrer Würde. Sie würden dadurch ja - zu Mädchen, es bestünde jedenfalls die Gefahr. Und nichts ist in unserer Herrenkultur schrecklicher für einen Jungen.

Aus den so abgerichteten Jungen werden unsere Männer - die, die wir zu Hause haben und die in Politik, Medien und Wirtschaft. Sie haben kein Interesse und wohl auch nur selten das Rüstzeug, dem wahren Motiv dieses Verbrechens und all der anderen alltäglichen Männerverbrechen an Frauen auf den Grund zu gehen. Hier kommt ein wenig Nachhilfe von Rolf Pohl, Sozialpsychologe an der Uni Hannover:

Zur männlichen Identität gehört das unbewusste Bedürfnis, sich aufzuwerten, indem Frauen abgewertet werden. Sich als einzelner Mann von dieser Konstruktion abzugrenzen ist sehr schwer. Die Ambivalenz gegenüber Frauen prägt sich dem kleinen Jungen ein - und erfährt immer wieder Nachprägungen.
Interviewer: Die Abwertung von Frauen gehört fest zur männlichen Identität?
Wenn man sich anschaut, was in unserer Gesellschaft als männlich gilt, dann finden sich immer wieder zwei dominante Merkmale: zum einen eine Hierarchie innerhalb der Männergruppe - Status- und Rangkämpfe sind für eine männliche Identität sehr wichtig. Und zum anderen die Abgrenzung zur Weiblichkeit, die alle Männer in ihrer Überlegenheit miteinander vereint.

Hier mehr…

Auf RTL gab der Psychologe Gebert heute früh zum besten, was er für den Grund hält, dass Tim Kretschmer gezielt Frauen und Mädchen ermordet und angeschossen hat: Nein, sagte er, das sei wohl nicht gezielt gewesen. “Jungs werfen sich blitzschnell untern Tisch, während Frauen zur Salzsäule erstarren und nicht wissen, was sie machen sollen.” Selber schuld, die dummen Frauen. 

So lange die Mehrheit auf diesem Niveau der Reflexion verharrt, werden Männer weiter Gewalt ausüben, gegeneinander, vor allem aber gegen Frauen.

Aber schuld daran ist niemand, es ist und bleibt ein Rätsel, und wir sind alle fassungs-, rat- und sprachlos.

Oder noch besser, wie oben: Die Frauen sind schuld. Wie hieß doch der vereinbarte Code-Spruch zur Ankündigung des Grauens: “Frau Koma kommt!”

(Dank an Brigitta Huhnke für einen hilfreichen Email-Austausch und die Hinweise auf den Pohl-Artikel und das RTL-Interview mit Gebert. Dank an Evelyn Thriene für den Hinweis auf den Artikel von Alice Schwarzer.)

Über das Thema Jungengewalt und ihre gängige sprachliche Verunklarung als “Jugendgewalt” habe ich schon vor einem Jahr eine Glosse geschrieben: “Busch, Beauvoir und böse Buben”. Sie finden sie hier.

Inzwischen (16.3.09) hat die Medienwissenschaftlerin Dr. Brigitta Huhnke die ersten fünf Tage der Berichterstattung zum Mädchen- und Frauenmord in Winnenden analysiert: Ihren Artikel “Fünf Tage MedienGAU: Der Mädchen- und Frauenmord in Winnenden” finden Sie hier. 

Der zweite Teil ihrer Untersuchung ist nun auch online: Ein Interview mit dem Pornografieforscher und Kommunikationswissenschaftler Robert Jensen, betitelt: “Am Ende angekommen: Pornografie und männliche Normalität”. Jensen appelliert an seine Geschlechtsgenossen, angesichts zunehmender profitgetriebener und verrohender Pornografisierung der Kultur ihre Humanität einzuklagen und zu verteidigen.


# | Luise F. Pusch am 13.03.2009 um 04:32 PM • Permalink

07.03.2009

GM Große Mutter

Vorbemerkung: Immer wieder wurde ich in den letzten Tagen und Wochen gefragt, wie es zu Ausdrücken wie “Mutterkonzern” und “Tochtergesellschaft” komme. Meinem Unmut über diese sprachlichen Missbildungen habe ich schon vor Jahrzehnten in einer Glosse Luft gemacht. Sie trug den Titel “Wir leben im Matriarchat” (1983). Für den heutigen Gebrauch habe ich - aus gegebenem Anlass - nur einige Akteure, ach was: Akteurinnen ausgetauscht.

In den Industrienationen hat die Gebärfräudigkeit der Frauen letzthin erschreckend nachgelassen. Während noch bei unseren Groß- und Urgroßmüttern 10-20 Kinder keine Seltenheit waren, ziehen die meisten von uns die Null-Lösung vor. Wo aber nichts hervorgebracht wird, kann auch nichts wachsen. Und vom Wachstum hängt schließlich unser aller Wohlergehen ab.

Da also die Frauen sich so schnöde ihrer Gebärpflicht entziehen, hat die Industrie selbst diese Aufgabe übernommen. Die Industrie ist, anders als unsere wahllos drauflosgebärenden Großmütter, auf Effektivität bedacht. Sie produziert grundsätzlich nichts Unrentables - also keine Söhne, denn die können nunmal nichts aus sich selbst hervorbringen, diese Wachstums-Flops. Die Industrie gebiert nur Töchter, streng parthenogenetisch, denn diese Methode verursacht den geringsten Aufwand. Die Töchter heißen Tochtergesellschaften. Wenn eine Firma oder Gesellschaft oder ein Konzern eine solche Tochter geboren hat, darf sie sich Mutterfirma, Muttergesellschaft oder Mutterkonzern nennen. Bringt die Tochtergesellschaft wieder eine Tochtergesellschaft hervor, wird die Tochtertochter auch wohl Enkelin genannt. Die Firma Saab ist z.B. eine Opel-Tochter und damit Enkelin der Großen Mutter GM, General Motors. Nun mag die GM zwar zahllose Enkelinnen haben, deshalb ist sie aber noch lange keine Oma-Gesellschaft. Bis vor kurzem jedenfalls produzierte sie noch laufend eigene Töchter - Urbild einer vitalen Mutter in den allerbesten Jahren und Umständen. Wir müssen also unterscheiden zwischen altmodischen Müttern, die noch Töchter und Söhne gebären und Gefahr laufen, irgendwann auch mal Oma zu werden, und jenen ewigjungen Müttern, denen die Zukunft gehört, weil sie sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Da suchen wir immer nach Spuren des Matriarchats in der grauen Vorzeit - und haben es direkt vor unserer Nase! Ein Matriarchat von geradezu utopischer Kühnheit und Konsequenz! Kein männliches Wesen ward jemals gesehen in diesem vor Gebärlust vibrierenden Mütter-Töchter-Clan. Nicht mal bei Hochzeiten (auch Fusionen genannt) - und was sind das doch für gewaltige Mammutti-Hochzeiten!

Ja die Industrie, diese hocheffiziente Supermutter, ist mindestens so schlau wie eine Krebsgeschwulst. Die bringt nämlich auch nur Tochtergeschwülste hervor, denn nur die garantieren weiteres Wachstum. Von einer Sohngeschwulst ist mir noch nie etwas zu Ohren gekommen.


# | Luise F. Pusch am 07.03.2009 um 02:37 PM • Permalink

01.03.2009

Wir sind schwanger?

Wenn frau sich das Zeit-Magazin Nr. 8 vom 12.2.2009 zur Brust nimmt, kann sie was erleben. Da ich normalerweise weder die Zeit noch das Zeit-Magazin lese, blieb ich verschont, bis meine Freundin Gertrud es mir mit wütenden Kommentaren schickte.

Das Titelbild ist eine Reproduktion der berühmten Kampagne “Wir haben abgetrieben” im Stern, 1971. Beim Umblättern des Titelbilds sehen wir neun Männerporträts, darüber ein schräges Banner: “Wir auch!” Innendrin ein langer Artikel (der inzwischen auch online nachzulesen ist) über die Leiden der Männer von Frauen, die abgetrieben haben.

Gertrud schreibt dazu:
So eine heimtückische Manipulation! Ich bin sauer und wütend. Von Jugend an kenne ich viele “Fälle”, da es die Männer waren (im besonderen Professoren und Chefs aller Arten), die auf einer Abtreibung bestanden, wohingegen die Frauen/Mädchen nichts gegen ein Kind gehabt hätten.- Hier in der “Zeit” leiden und schluchzen die verhinderten Väter ein Leben lang und die Frauen sind eine herzlose Meute, die ohne Skrupel einen Mord begeht…

Ich kann ihr nur zustimmen, und die inzwischen 236 Kommentare, die zu dem Artikel eingegangen sind, zeigen, dass die meisten Gertruds Meinung teilen und einfach sauer und wütend sind.

Mich interessiert an der Geschichte auch ein verräterischer sprachlicher Aspekt. “Wir haben abgetrieben”, sagen diese Männer. Ja können sie das denn überhaupt? Müssten sie dazu nicht erstmal schwanger sein? (Ich lasse das medizinische Personal, das Abtreibungen vornimmt, hier mal außer acht. Darunter sind natürlich auch Männer, die dann rechtens von sich sagen können “Wir haben abgetrieben.”)

Die neue männliche Redeweise “Wir haben abgetrieben” ist die logische Fortführung jener anderen neuen Redeweise “Wir sind schwanger”, die inzwischen sogar Titel einer Doku-Soap und einer Online-Schwangerschaftsratgeberin wurde. Zuerst hörte ich das in den USA. Ein junger Mann erzählte stolz von sich und seiner Partnerin: “We are pregnant”. Und sie redete auch so.

Damals fand ich das zwar seltsam, aber sympathisch, ja richtungweisend und feministisch. Die neuen Väter kümmern sich liebevoll, dachte ich, sie übernehmen Verantwortung, auch sprachlich.

Inzwischen bin ich nicht mehr so naiv, und dazu hat der larmoyante Zeit-Artikel entscheidend beigetragen. Der rote Faden, der sich durch den Artikel zieht, ist nämlich das Gefühl männlicher OHNMACHT. Ohnmacht gegenüber einer Frau? Das erträgt er nicht gut, und folglich findet er, er müsse an der Abtreibungsentscheidung beteiligt werden, möglichst mit Rechtsanspruch.

Das fehlte uns gerade noch, dass sie nur abtreiben darf, wenn es auch ihm passt.

Auffällig ist, dass die Wir-Formeln sich nur auf die Schwangerschaft bzw. ihren Abbruch beziehen. Kein Mann hat je gesagt “Wir haben unsere Tage”, “Wir sind in der Menopause”. Auch “Wir haben Gebärmutterhalskrebs” wird er kaum sagen, obwohl er doch durch seine Papilloma-Viren dafür weit mehr Verantwortung trägt als für eine Schwangerschaft.

Aber - wenn Frau und Mann “gemeinsam schwanger” sind, dann muss die Entscheidung über die Abtreibung auch von beiden gefällt werden.

Und so kommt die Kontrolle der Männer über den Bauch der Frau durch die Hintertür der “neuen Väterlichkeit” und scheinbar liebevoller männlicher Empathie wieder ins Spiel und bedroht wichtige Rechte und Freiheiten, die Frauen sich mühsam erkämpft haben.

FrauenbildMänner haben immer versucht, die Sexualität der Frau zu kontrollieren, durch männliche Gesetzgebung, Vergewaltigung in und außerhalb der patriarchalen Familie, durch Frauen- und Mädchenhandel, Pornographie und männliche Gynäkologie. Derzeit schreiben die Männer der katholischen Kirche Millionen von Frauen die Zwangerschaft vor, die fundamentalistischen “Lebensschützer” anderer Religionen eifern ihnen nach und gewinnen rapide an Boden.

“Wir sind schwanger?” Komm zu dir, Mann! Das finden auch die Bloggerin Crabmommy und viele ihrer Leserinnen: “Sie ist schwanger, nicht du”, erklärt Crabmommy dem werdenden Vater streng, “es sei denn, du bist ein Seepferdchen.” 


# | Luise F. Pusch am 01.03.2009 um 04:33 PM • Permalink

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Hedwig Dohm