26.07.2009

Sie sucht sie, er sucht er

aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Sechsunddreißigste Lektion.

Wir wissen schon lange, dass es nicht leicht ist, über Frauen zu schreiben, uns fehlen einfach die Worte.

Vieles haben wir bereits zurechtgerückt; wir haben die Ratsfrau, die Amtfrau und die PhysikerInnen; statt Wenn man sein Kind stillt sagen wir heute Wenn frau ihr Kind stillt, und das Pronomen frau steht sogar seit 2006 im Duden (30 Jahre hat’s gebraucht!).

Über die passenden Pendants zu Bauherr (Baufrau?) und Schirmherr (Schirmfrau?) wird noch diskutiert.

Kaum diskutiert wird der Mangel an “weiblichen Formen” in der deutschen Sprache, obwohl doch die weiblichen Formen angeblich so beliebt sind.

Nehmen wir die Überschriften in Partnerschaftsanzeigen: Er sucht sie, Sie sucht ihn, Sie sucht sie, Er sucht ihn. Nur wenn eine Frau eine Frau sucht, bleiben die Formen sich gleich (wie in diesem Satz, den Sie grade lesen). Nicht so, wenn ein Mann einen Mann sucht. Sie sucht sie heißt es, aber nicht Er sucht er.

Wird ein Femininum dekliniert, kommen wir auf ganze zwei Formen:
Die Frau, der Frau, der Frau, die Frau

Der Mann bekommt hingegen vier Formen, damit ist er für alle Ausdrucksprobleme gerüstet:
Der Mann, des Mannes, dem Manne, den Mann.

Nun werden manche gutmütigen Frauen wieder ausrufen: “Na und? Was soll daran schon schlimm sein?”
Schlimm wird der Mangel an Formen genau dann, wenn ich darüber reden möchte, wie Frauen miteinander umgehen, was sie miteinander alles unternehmen. Aber dieses schöne Thema ist nicht erwünscht; jedenfalls kommt es in der hohen und niedrigen Literatur offenbar so selten vor, dass es sich in Wörterbüchern, die ihre Belege aus dieser Literatur entnehmen, nicht niedergeschlagen hat:

Als ich 1983 das Duden-Bedeutungswörterbuch analysierte*, kam ich zu dem betrüblichen Schluss, dass die Grundregel dieses Werks lautet: Frauen kümmern sich um den Mann und die Kinder - mit Frauen haben sie nichts zu tun. Männer dagegen hatten in dem Werk wenig mit Frauen zu tun, hauptsächlich gingen sie mit Männern um, im Guten (er lieh ihm sein Fahrrad) wie im Bösen (er haute ihm ein Ohr ab). “Sie zeigte ihm Ansichtskarten von Berlin” lese ich da als Beispiel für den korrekten Gebrauch von Ansichtskarte. “Sie zeigte ihr Ansichtskarten” - sowas kommt auf 80 Seiten (Umfang des Buchstabens A) nicht vor. Überhaupt kommen niemals zwei Frauen in einem Satz vor, bis auf dieses Beispiel: Sie fuhr anstelle ihrer Schwester mit (Beispielsatz für das Wort anstelle). Die armen Schwestern kommen in dem Satz zwar gemeinsam vor, unternehmen aber wieder nichts zusammen!

FrauenbildSeit den siebziger Jahren aber gibt es sie, die Literatur von Frauen über Frauen, und der Mann ist immer noch eine beliebte, aber nicht wie ehedem notwendige Zutat.

Frauen, die über Frauen schreiben, stellen fest, dass die fehlenden weiblichen Formen das Schreiben erheblich behindern können. Joey Horsley und ich geben gerade Band 2 unserer (geplanten) Tri- oder Tetralogie Berühmte Frauenpaare heraus. Selten stößt frau auf so viele Sätze mit dem hässlichen diese wie bei dieser Thematik, nur damit die Beziehungen nicht im Kuddelmuddel enden.

Hatte Irma nach der Silvesterfeier noch Zweifel daran, ob ihre Gefühle für Gabi nicht einseitig wären, war sie sich jetzt deren Gefühle sicher. Diese stand zu ihrer Liebe und schien keine Probleme damit zu haben.

Sprachlich viel einfacher sind da Heterobeziehungen:

Hatte Jan nach der Silvesterfeier noch Zweifel daran, ob seine Gefühle für Gabi nicht einseitig wären, war er sich jetzt ihrer Gefühle sicher. Sie stand zu ihrer Liebe und schien keine Probleme damit zu haben.

Oder nehmen wir diese Idee:

Niemand kannte ihn so gut wie sie.
Niemand kannte er so gut wie sie.
Niemand kannte er so gut wie ihn.
Niemand kannte ihn so gut wie er.
Niemand kannte sie so gut wie ihn.
Niemand kannte sie so gut wie sie.

Nur beim letzten Beispiel bleibt es völlig im Dunkeln, welche der beiden “sie” die andere so gut kennt.
Ich könnte Bände erzählen über diese Problematik, die sich erst dann im vollen Maße auftut, wenn wir über Frauen schreiben wollen. Die deutsche Sprache stellt uns dafür zu wenig “weibliche Formen” bereit.

Matthias Behlert, der kühne Pionier für eine gerechte Sprache, hat das Problem meines Wissens als erster erkannt und auch gleich zu lösen versucht**:
Er meint, dass alle deutschen Substantive wie folgt dekliniert werden sollten:

Die Frau, der Frau, dem Frau, den Frau
Die Mann, der Mann, dem Mann, den Mann
Die Kind, der Kind, dem Kind, den Kind.

Tja. Durchschlagend, aber gewöhnungsbedürftig, ich gebe es zu.

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* Pusch, Luise F. 1984 [1983]. “‘Sie sah zu ihm auf wie zu einem Gott’. Das DUDEN-Bedeutungswörterbuch als Trivialroman”, in: Pusch, Luise F. 1984. Das Deutsche als Männersprache:  Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik. Frankfurt/M. edition suhrkamp 1217. S. 135-144.
** Behlert, Matthias. 1998. Die Häsis und die Igelin: 15 Grimmsche Märchen, überarbeitet und in entpatrifiziertes (gerechtes) Deutsch übertragen. Mit einer Erläuterung. Unveröff. Ms., Hier online als Pdf-Datei. style=“padding:5px;” width=“150” height=“244” />


# | Luise F. Pusch am 26.07.2009 um 06:49 PM • Permalink

11.07.2009

Frauen satt und platt

Meine Freundin Brigitta Huhnke, promovierte Medienwissenschaftlerin, lebt am Puls der Zeit und beschickt mich regelmäßig mit den gröbsten Klöpsen aus dem Reich der fortschreitenden Patriarchose, so dass mir bisweilen schon vor dem Frühstück übel wird (wegen des Zeitunterschieds zwischen Hamburg und Boston).

Heute früh informierte sie mich über die “Flatrate im Bordell” und schickte Links zu Artikeln in der Frankfurter Rundschau. Ich habe keine Lust, diese Links hier einzubauen. Informieren Sie sich selbst bei Google oder Bing; Sie werden mehr finden, als Sie jemals wissen wollten.

Erfunden wurde das Flatrate-Bordell im März in Berlin; eine Bordellbesitzerin wollte mit diesem Schnäppchen-Angebot in der Wirtschaftskrise ihr Geschäft ankurbeln. Berlin nahm es anscheinend gelassen, als sie aber im Juni eine Filiale ihres “Pussy-Clubs” in Fellbach bei Stuttgart aufmachte, reagierte das Ländle mit heftigen Protesten.

Die Frage ist: Warum? Auch mir kam sofort die Galle hoch, als ich von der Flatrate im Bordell las, während ich mich mit “normalen” Bordellen und “normaler” Prostitution anscheinend irgendwie abgefunden habe, wie mit einem unausrottbaren Übel. Aber die Flatrate als weitere Drehung der Schraube überschritt bei mir und vielen anderen klar die Schmerzgrenze.

Die Flatrate im Bordell schreckt uns “Solide” hoch, weil sie die Verramschung der Frau nicht mehr als “Arbeit wie jede andere auch” beschönigt. Heißt es sonst “Kaffee und Kuchen satt” und “Telefonieren/Surfen so viel Sie wollen”, so bekommt nun eben der Freier für einen Festpreis (tagsüber 70 EUR, nachts 100) Sex bis zum Gehtnichtmehr, d.h. Frauen satt. “Sex mit allen Frauen! Solange, so oft und wie du willst” verspricht der Pussy-Club. Der Kuchen kann nur einmal vernascht werden, dann hat er es überstanden. Nicht so die Frau als Leibeigene des Plattrate-Freiers. Lea Ackermann von Solwodi, die es wissen muss, spricht von “Entfesselter Frauenerniedrigung”.

Das bißchen Wert, dass die “Sexarbeit” hat, wenn sie selbstbestimmt und als “Einzelleistung” erbracht wird, verflacht buchstäblich in der Flatrate. Der Freier will für sein Geld das Letzte aus dem Angebot rausholen, so wie er sich auch bei “Kaffee und Kuchen satt” regelmäßig überfrisst. Für zehnfaches Geficktwerden, Blasen oder sonstwas bekommt die Frau dasselbe wie für einmal. Sie wird nicht nur flachgelegt, sondern plattgemacht - symbolisch, psychisch und körperlich: Was macht der Pussy-Club mit einem Sexberserker, der auf sein “gutes Recht” pocht und immer noch “kann”, wenn alle “Pussys” schon total platt sind? Oder mit einer Horde Jungbullen auf Betriebsausflug, die es den Kollegen mal zeigen wollen?

Protestschreiben sollten vor allem an die SPD (und die Grünen) gehen, die die Prostitution zur “Arbeit wie jede andere auch” erklärten und die schließlich den Slogan erfanden “Leistung muss sich wieder lohnen”.

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Nachtrag am 15. Juli 2009:
Bigitta Huhnke und andere schickten Informationen, dass die Flatrate-Bordelle in Fellbach und Heidelberg geschlossen werden sollen bzw. schon geschlossen wurden:

SWR-Nachrichten

Nun wird es Zeit, das nur scheinbar “unausrottbare” Übel Prostitution überhaupt abzuschaffen, wie in Schweden:

“Glückliche Huren gibt es nicht” (Spiegel online Nov. 2007)

 


# | Luise F. Pusch am 11.07.2009 um 02:40 PM • Permalink

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Hedwig Dohm