25.09.2009

Der Nepotismus und die Neffe

Zum 525. Todestag von Papst Sixtus IV. gab es am 12. August eine Zeitzeichen-Sendung, zu der ich aber erst gestern gekommen bin. Ich vernahm Erstaunliches: Papst Sixtus ließ nicht nur die nach ihm benannte Sixtinische Kapelle bauen; berühmt und berüchtigt ist er vor allem wegen seines hemmungslosen Nepotismus. Kaum war er 1471 zum Papst gewählt worden, eilten 25 Neffen (lat. nepotes) von ihm nach Rom, um von seiner neuen Macht zu profitieren. In den 13 Jahren seines Wirkens (1471-84) ernannte Sixtus sechs von ihnen zu Kardinälen. Insgesamt kreierte er 34 Kardinäle, nach rein machtpolitischen, nicht etwa seelsorgerischen Gesichtspunkten.

Beim Anhören seiner Untaten, die schon Macchiavelli inspirierten, ging mir erstmals auf, warum die Unsitte, die eigenen Verwandten auf hohe Ämter zu hieven, für die sie meist keinerlei Eignung mitbringen, Nepotismus genannt wird, von lat. nepos “Neffe”. Eigene Söhne sollten katholische Geistliche ja tunlichst nicht zeugen, an ihrer Stelle dienen hier die Neffen dem Machtausbau und -erhalt. Mit ihrer Hilfe hat Sixtus seine ganz eigene, eben nepotische, Dynastie errichtet.

Nepotismus ist offiziell so verpönt wie er inoffiziell floriert, genau wie die Ämterpatronage, die Vetternwirtschaft und die Amigo- oder Amiciwirtschaft. Wie stimmig, dass die Bezeichungen für Amtsmißbrauch sich alle von Bezeichnungen für Männer herleiten.

Ein nahezu undurchdringlicher Männerfilz, mit dem wir Frauen es da zu tun haben. Und wir wundern uns noch über die gläserne Decke (glass ceiling)? Die Sache hat System, und einer der Begründer des Systems war Papst Sixtus. Zum Dank für seine großartige Förderung ließ sein Neffe, Papst Julius II., die Sixtinische Kapelle von Michelangelo und anderen Künstlern so schön ausmalen, dass sie bis heute der Ort des Konklave, der Papstwahl ist. Habemus papam!

Wie der männliche Name und die päpstliche Herkunft schon erkennen lassen, sind Frauen vom Aufstieg durch Nepotismus ausgeschlossen. Die Ämter, die da zu vergeben waren, standen ihnen sowieso nicht zu. Aber es kommt noch besser. Heutzutage werden Frauen gern von Ämtern ausgeschlossen, zu denen wir uns prinzipiell schon den Zugang erkämpft haben, die uns prinzipiell schon irgendwie offen stünden - wenn nicht der Kampf gegen den Nepotismus Vorrang hätte: Viele Wissenschaftlerinnen sind mit Wissenschaftlern verheiratet. Sie ziehen automatisch mit um, wenn ihr Mann einen Karrieresprung tut, geben oft gute Stellen auf, die ihnen als Frauen widerwillig genug gewährt wurden. An des Gatten neuer Universität gibt es für sie oft keine entsprechenden Stellen - das wäre ja Nepotismus!

Kann sein, dass die neusten Entwicklungen frauenfreundlicher sind, ich lasse mich gern belehren. Bis in die jüngere Vergangenheit verliefen weibliche Karrieren jedoch öfter wie folgt:  Ich zitiere aus meiner FemBiografie über die Nobelpreisträgerin Maria Goeppert-Mayer:

1930 promovierte Maria Goeppert bei Max Born über Doppel-Photonen-Prozesse, einen quantenphysikalischen Effekt, heiratete Joe Mayer und ging mit ihm nach Baltimore, wo er eine Professur an der Johns-Hopkins-Universität bekam. Für die gleich qualifizierte Maria Goeppert-Mayer gab es wegen der Nepotismus-Beschränkung keine Stelle.

Und über die Nobelpreisträgerin Gerty Cori:

Seit 1931 leitete Carl Cori das Pharmakologie-Department der Washington-Universität in St. Louis, und Gerty bekam dort eine Forschungsstelle mit einem nur symbolischen Gehalt, denn es war verboten, dass zwei Mitglieder einer Familie an derselben Uni arbeiteten. Die Coris wechselten bald zur Biochemie-Abteilung. Eine Professur bekam Gerty Cori dort jedoch erst 1947 – in dem Jahr, in dem sie auch den Nobelpreis bekam!

***
Als ich im Grimmschen Wörterbuch unter “Neffe” nachschaute, erfuhr ich zu meinem Erstaunen, es bedeute “Blattlaus”. Allerdings war das die Bedeutung des mir bis dahin unbekannten Femininums “die Neffe”. Das trifft es doch irgendwie genau, gell? Zwischen die Neffe und der Neffe ist eben ein himmelweiter Unterschied. Und Nichten? Die sind überhaupt ganz nichtig.

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Zum Weiterlesen: Über Vetternwirtschaft im Gutachterwesen (dank an Anne Beck für den Link)

ZEIT-Artikel “Männer sind die Hüter der gläsernen Decke” vom 29..09 (dank an Joey Horsley und Brigitta Huhnke für den Link)


# | Luise F. Pusch am 25.09.2009 um 08:39 PM • Permalink

20.09.2009

Heutige Feministinnen

Zum 75. Geburtstag von Kate Millett am 14. September wurde ich vom Schweizer Rundfunk DRS interviewt. Ich erging mich voller Begeisterung über den einsamen Rang dieser Vordenkerin. Sie sei das A und O der Neuen Frauenbewegung, habe ihr die Initialzündung gegeben und zugleich ihr theoretisches Fundament gelegt.  Der Slogan “Das Private ist politisch”, den Helke Sander 1968 prägte, werde durch Milletts Hauptwerk Sexus und Herrschaft (Sexual Politics) von 1970 bestätigt und breit belegt. 

“Gut”, sagte der Interviewer, “und wie denken heutige Feministinnen über Kate Millett?”

Darauf ich: “Wie meinen Sie das, ‘heutige Feministinnen’? Ich habe doch gerade ausgeführt, was ich als heutige Feministin über Kate Millett denke. Und alle Feministinnen, die ich kenne, denken genau so. Wir leben noch, genau wie Kate Millett.”

Dieser Passus wurde übrigens aus dem Interview herausgeschnitten.

Der Vorgang erinnerte mich an einen Briefwechsel, den ich vor zwei Jahren mit den Autorinnen der schönen Webseite In.put hatte. Ich hatte mich sehr erfreut über die Webseite geäußert, die im Rahmen von Judith Rauchs Lehrauftrag “Einführung in den Wissenschaftsjournalismus” an der Uni Tübingen entstanden war und mitgeteilt, ich würde sie gern auf FemBio verlinken, könne das aber erst tun, wenn die 12 Autorinnen die irreführende Selbstbezeichnung “Autoren” zu “Autorinnen” abgeändert hätten.

Die Webseite existiert noch, sie wird weiterhin von Autorinnen gemacht (inzwischen 18 an der Zahl) die sich weiterhin Autoren nennen. Hier meine Antwort auf ihre Begründung dafür, mit den relevanten Zitaten aus der Mail der “Autoren”.

Sehr geehrte Frau—-,
danke für Ihre Mail. Ihre Entscheidung finde ich sehr schade.

Wir sind uns der Bedeutung der Frauenbewegung der 1960er und 1970er bewusst und achten die Leistungen und Errungenschaften dieser Generation.
Die Frauenbewegung existiert übrigens noch, ich auch. Die Forschung, um die es hier geht, ist aktuell und stammt aus den letzten Jahren. Es handelt sich nicht um die Marotte einer einzelnen Femi-Oma, sondern um ein Anliegen (sprachliche Gerechtigkeit), für das sich zahllose politische Gremien einsetzen.

Trotzdem ziehen wir unsere Identität eher aus der Qualität und den Inhalten unserer Arbeit als aus einem Suffix an der Berufsbezeichnung. Wir sehen Gleichberechtigung als die Möglichkeit, Leistungen wirklich geschlechtsneutral zu bewerten. Die Bezeichnung “Autoren” ist Ausdruck dieser Haltung und bewusst gewählt.
Diese Bezeichnung ist nicht neutral, sondern nur pseudoneutral. Wenn der Oberbegriff (“Autoren”) mit einem seiner Unterbegriffe (“Autoren” vs. “Autorinnen”) identisch ist, kann er nicht neutral sein. Anders ausgedrückt: Nur wenn es “das Autor” hieße und wir neben “die Autorin” auch “der Autorich” hätten, wäre “Autor” neutral.

Darüber hinaus war das von Frau Rauch geleitete Seminar in diesem Semester - im Unterschied zum vergangenen - für Frauen und Männer konzipiert. Mit diesem Wissen haben wir das Seminar belegt und es war uns wichtig, eine Webpage zu gestalten, die Männer und Frauen gleichermaßen anspricht.
Sie ist in der Tat sehr ansprechend, Kompliment! Aber die Bezeichnung “Autoren” für eine Gruppe von Autorinnen erinnert mich an jenen alten Spruch auf dem Beipackzettel der Tampon-Packung: “Die Menstruation ist bei jedem ein bißchen anders”.

Deshalb lehnen wir eine Änderung des Begriffs in seine weibliche Form ab, da diese uns unnötig und als der Gleichberechtigung entgegengesetzt erscheint. Wir sind zwar dem Geschlecht nach Frauen, aber im Rahmen der Arbeit an der Website waren wir in erster Linie Journalisten.
Nicht einmal die Kanzlerin nennt sich Bundeskanzler.

Sollte diese Entscheidung einer Verlinkung von In.Put auf Ihrer Homepage entgegenstehen, bedauern wir das, nehmen es aber in Kauf.
Vielleicht können Sie ja diese interessante Streitfrage zum Gegenstand einer zukünftigen Recherche machen.
Freundliche Grüße,
Luise F. Pusch

Falls diese jungen Frauen und “Autoren” überhaupt Feministinnen sind (vielleicht eher Feministen?), sind sie jedenfalls keine heutigen, sondern von vorgestern. So wie sie argumentierten wir nicht einmal in präfeministischen Zeiten. 18 Autorinnen waren schon in den 50er und 60er Jahren 18 Autorinnen. Kam ein Autor hinzu - ja dann waren es plötzlich 19 Autoren. Bis Kate Millett auf den Plan trat und all die anderen.

Aber vielleicht sind sie auch morgige Feministinnen und benutzen schon das Schema “das Autor, die Autor, der Autor” (mein Vorschlag für eine sonnige Sprachzukunft aus dem Jahr 1980). Frauen sind zu allem fähig.


# | Luise F. Pusch am 20.09.2009 um 01:32 PM • Permalink

12.09.2009

20Elf von ihrer schönsten Seite

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Vierzigste Lektion.

Eine Leserin meines Blogs schrieb mir am 1. September:

Liebe Luise F. Pusch,
als begeisterte Anhängerin Ihrer Feminare und des Frauenfußballs musste ich leider ein wahres MeistERwerk entdecken. Der offizielle Slogan der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2011 lautet: 20ELF VON SEINER SCHÖNSTEN SEITE!
Mir verschlägt es dabei leider die Sprache…

Konnte ich nur zu gut verstehen! Nach dem strahlenden Sieg der deutschen Fußballfrauen über die Engländerinnen in Helsinki äußerte auch Mister Tagesthemen Tom Buhrow Missfallen über den Slogan, allerdings nur leichtes - er fand ihn “nichtssagend”. Warum nicht stattdessen “Die Welt zu Gast bei Freundinnen”, meinte er und lächelte ich weiß nicht wie. Recht hat er, warum nicht?

Eine andere Leserin schickte mir mit dem lakonischen Vermerk “Buntes Kuddelmuddel in der Sprache” folgenden Text von Spiegel-online:

Frauenfußball-EM
Deutschland feiert Titelgewinn gegen England
Sechs Treffer bringen Titel Nummer sieben: Deutschlands Fußballfrauen sind Europameister. In einem großartigen Endspiel demontierten sie die Auswahl Englands. Doppeltorschützen waren Spielführerin Birgit Prinz und Stürmerin Inka Grings, die auch noch Torschützenkönigin des Turniers wurde.

Ja, die Sprache und die Sprachbeherrschung (auch so ein hässliches Wort) der Journalisten entwickeln sich offensichtlich nicht so rasant wie der Frauenfußball - (haben wir übrigens im Jahre 2006, als “Die Welt zu Gast bei Freunden” war, jemals das Wort Männerfußball gehört?) Aber Frauen nehmen die Verrenkungen inzwischen nicht mehr kommentarlos hin. Big Sister is watching you, Brother!

Über die Probleme, die die deutschen Fußballerinen (von Ballerina) wie auch die Kanzlerin und viele andere Frauen in ungewohnten Funktionen für unsere deutsche Männersprache aufwerfen, habe ich vor ziemlich genau zwei Jahren in der siebten Lektion des Feminars, “Wir sind Weltmeista” schon lang und breit geredet; große Fortschritte sind seither nicht zu vermelden.

Doch zurück zu dem offiziellen Slogan “20Elf von seiner schönsten Seite”. Das sperrige Maskulinum seiner ist gar kein Maskulinum, sondern ein Neutrum; es stammt von dem im Spruch weggelassenen “Das Jahr”:

Das Jahr 20Elf von seiner schönsten Seite.

Aber die Schreibweise 20Elf ist ja auch recht eigenwillig und soll auf die Elf, unsere Frauen-National-Elf verweisen. Noch nachdrücklicher hätte die FIFA auf sie verwiesen mit “20Elf von ihrer schönsten Seite”.

Also, liebe Sprach- und Fußballfreundinnen: Nutzen Sie die Gunst der Stunde, schreiben Sie an die FIFA, Sie hätten wesentliche Verbesserungsvorschläge zu machen, die FIFA könne sich mit Ihrer Hilfe von ihrer schönsten Seite zeigen.


# | Luise F. Pusch am 12.09.2009 um 05:34 PM • Permalink

08.09.2009

Romantische Korsage

Am Samstag gerade frisch aus Boston zurück, ging ich zu Aldi, um meinen Kühlschrank wieder aufzufüllen. Ich kaufte, nachdem ich mir im Sommer wieder zu viele Gin & Tonics und Kartoffelchips gegönnt habe, allerlei Gesundes, Äpfel, Zwiebeln, Kartoffeln, Tomaten, Gurken und Zucchini.

Zum Schluss kam ich am Wühltisch mit Schwerverkäuflichem vorbei und blieb an einem kleinen würfelförmigen Pappkarton hängen. Er war schon ziemlich zerknautscht und abgegriffen, ein rosa Kleidungsstück hing heraus. Es handelte sich um eine “romantische Korsage”, erfuhr ich durch den Karton-Aufdruck. Neugierig geworden, las ich weiter:

Verspielte Korsage im trendigen Romantik-Look. 3-fach verstellbarer Haken-Ösen-Verschluß im Rückenteil.

FrauenbildIrgendwo habe ich neulich gelesen, dass die Leute die angeblichen Eigenschaften einer Sache, die ihnen suggeriert werden, auch zuverlässig an der Sache entdecken.

Einen “seidigen Schokoladenpudding” oder ein “saftiges Steak” fanden die Testpersonen eindeutig seidiger bzw. saftiger und wohlschmeckender als einen bloßen “Schokoladenpudding” oder ein schlichtes “Steak”, obwohl die Speisen identisch waren. Also passen Sie gut auf sich auf! Sonst kommen Sie am Ende demnächst von Aldi mit einer blöden Korsage nach Hause, nur weil Ihnen verspielt oder romantisch zumute war. Wirkliche Probleme könnten Sie kriegen, wenn Sie Ihre Liebste oder Ihren Liebsten bitten, verspielt an den Haken und Ösen herumzunesteln und Ihnen romantisch aus der Schnürbrust herauszuhelfen. Die werden sich ja kaum wieder einkriegen können.

Nachdem nun der Pornoschick schon bei Aldi angekommen ist und auch uns biedere Hausfrauen erfassen soll, ist es Zeit, sich über Sinn und Zweck solcher Damenoberbekleidung mal wieder Gedanken zu machen.

Mit Haken und Ösen im Rückenteil wurden ab Mitte des 19. Jahrhunderts die Taillen der Damen der guten Gesellschaft eingeschnürt, ähnlich wie zur gleichen Zeit die Füße der Chinesinnen aus gutem Hause eingebunden wurden. Die Füße verfaulten dabei, die Frauen konnten nur noch mühsam humpeln. Und die westlichen Frauen mit den Wespentaillen konnten nicht mehr richtig atmen, wurden bleichsüchtig und fielen reihenweise in Ohnmacht. Ihre Organe verschoben sich und wurden widernatürlich nach oben oder nach unten gepresst. Manche starben, weil sich die eingeschnürten Rippen in ihre Lungen bohrten.

Die Frauenbewegung machte Schluss mit dem mörderischen Schnür-Unsinn und befreite in einem jahrzehntelangen Kampf die Frauen aus ihren Korsetten und Korsagen. Dafür handelte sie sich den Ruf ein, sie sei “lustfeindlich” und modemuffelig, um noch die freundlicheren Bezeichnungen zu wählen.

In einer Welt, die uns Wörter wie “Lustmord” beschert, ist “lustfeindlich” wohl ein Synonym für gesunden Frauenverstand.

Seit Madonnas SM-inspirierten öffentlichen Auftritten im BH und Korsett ist es Mode geworden, die Unterwäsche außen zu tragen. Die Grenzen zwischen Mode, Pornographie und Prostitution verwischen sich (mehr dazu bei Sheila Jeffreys, Beauty and Misogyny). Das geht bis hin zu Aldi, wer hätte das gedacht.

Aber die Frauen haben offenbar ihren gesunden Frauenverstand noch gut beisammen und machen nicht mit. Als ich heute, drei Tage später, wieder bei Aldi war, lag das Teil (ein Ladenhüter vom Juli) noch immer unverkäuflich da, zusammen mit fünf weiteren unverkäuflichen “romantischen Korsagen”.


# | Luise F. Pusch am 08.09.2009 um 05:17 PM • Permalink

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Hedwig Dohm