»Laut & Luise«
18.12.2011
Mitte November hörte ich das Wort „Scheinvater“ zum ersten Mal. Es war im Zusammenhang mit einem neuen Urteil des Bundesgerichtshofs „zum Auskunftsanspruch des Scheinvaters“, damit ein „Scheinvater“ seine unter falschen Voraussetzungen geleisteten Unterhaltszahlungen vom „wahren Erzeuger“ oder „richtigen Vater“ eintreiben kann. Von der Mutter, die den „Scheinvater“ in die Lage bringt, für ein Kind zu zahlen, das nicht er gezeugt hat, war erstaunlich selten die Rede. Hat sie den armen „Scheinvater“ nicht übel betrogen? Ich war verwirrt ob des ungewöhnlich sanften Umgangs der Medien mit der betrügerischen Mutter. Es fiel kein böses Wort über sie. DAS böse Wort schien mir vielmehr die Bezeichnung „Scheinvater“ - geradezu hämisch, fand ich. Und ich verstand nicht, wieso die nun vor Gericht ziehenden „Scheinväter“ sich selber so nennen.
„Scheinvater“ hat den Beigeschmack von „unecht“, fake, wie falscher Schmuck und künstliche Blumen. Nicht der wahre Jakob und das Gegenteil von echt, oder wie es heute gern heißt, „authentisch“.
Ich konnte mir keinen Reim auf die seltsame Wortwahl machen, und Zweifel und Verwunderung nagten wochenlang an meinem linguistischen Gemüt, bis ich mich ein wenig in die Geschichte der Scheinväterei einlas. Auf vaeternotruf.de fand ich dann unter “Putativvater” des Rätsels Lösung. Dort bezeichnen nämlich leibliche Väter, denen der Zugang zu den von ihnen außerehelich gezeugten Kindern per Gericht verweigert werden konnte, die ehelichen oder rechtlichen Väter verächtlich als Scheinväter. „Scheinvater“ ist also ein Schimpfwort, genau wie ich es vermutet hatte.
Jetzt wird mir das Ganze etwas klarer. Es handelt sich um ein Gerangel zwischen Männern. Ursprünglich kämpfte der leibliche Vater gegen die Ansprüche des rechtlichen Vaters. Dann schlug der rechtliche, aber betrogene Vater gegen den leiblichen Vater zurück: Der soll ihm nun gefälligst die Unterhaltszahlungen zurückerstatten.
Sollen sich echte und unechte Väter doch weiter kabbeln und beharken, solange sie die Mütter und vor allem die Kinder nicht schädigen. Aber das wird kaum gelingen. Deshalb können wir ihnen nur den mütterlichen Rat geben: Eifern Sie ihrem großen Vorbild nach, dem Heiligen Josef, Urvater aller Scheinväter. Der verlangte keine Unterhaltszahlungen vom lieben Gott, und der liebe Gott beschimpfte Josef nicht als „Scheinvater“.
Aus weiblicher Sicht sei noch die Frage erlaubt: Ist das nicht ein echtes Scheinproblem? Sind nicht fast alle Väter Scheinväter? Allen voran der Heilige Vater und die Patres der katholischen Kirche? Aber im Ernst: Da gibt es diese „revolutionäre“ Einrichtung der „Vätermonate“: gerade mal zwei werden den guten Vätern zugemutet, und schon dies bisschen Einsatz für ihre Sprösslinge bringt die meisten Väter dermaßen aus dem Tritt und aus der Fassung, dass sie die Leistung nicht erbringen können. Im Vergleich zu dem, was Mütter für ihre Kinder leisten (neun Monate Schwangerschaft, Geburt und Stillen) und was darüberhinaus von ihnen erwartet wird (zehn Müttermonate Minimum, von dem Rest zu schweigen) ist der tatsächliche wie auch der erwartete Einsatz der Väter bis heute als lächerlich zu bezeichnen und ihre Vaterschaft einstweilen - bis sie sich emanzipiert und zu echten Vätern entwickelt haben - wahrlich eine Scheinvaterschaft.
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••
Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:



# | Luise F. Pusch am 18.12.2011 um 04:07 PM •
Permalink
04.12.2011
Meine Freundinnen Anna und Gertrud schickten mir aus Wien einen merkwürdigen Sprachfund. Am 27. Januar findet zum 59. Mal der Wiener Korporationsball statt, zum letzten Mal in der Wiener Hofburg.
Dazu schreibt Die Presse, Wien:
Seit 43 Jahren gehört der Wiener Korporationsball zum Repertoire der Wiener Hofburg: Immer am letzten Freitag im Jänner treffen sich dort vor allem schlagende Couleurstudenten, darunter etwa Mitglieder der vom DÖW [Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands] als rechtsextrem eingestuften Burschenschaft Olympia, zum Tanz. Eine Veranstaltung, die sich selbst als antifaschistisch definierenden Organisationen seit jeher ein Dorn im Auge ist.
Nun tanzen die Burschenschafter bzw. schlagenden Couleurstudenten aber nicht nur miteinander, sondern es sind auch Damen zugelassen. Das entnehmen wir der Preisliste für die Eintrittskarten: Es gibt Damenkarten und Herrenkarten, die beide dasselbe kosten, nämlich 72 EUR. Also wozu dann die Unterscheidung in Damen- und Herrenkarten, wenn nicht einmal die schöne alte Regel gilt: „Frauen und Kinder die Hälfte“? Stellen Sie sich vor, Sie gingen ins Theater oder Konzert und bekämen dort je nach Geschlecht Damen- oder Herrenkarten!
Gibt diese Geschlechtertrennung bei den Karten schon Rätsel auf, so wird es bei den Studenten noch putziger. Da unterscheidet die Preisliste des WKR (Wiener Korporationsring) nämlich zwischen Damenstudenten auf der einen und Herrenstudenten auf der anderen Seite. Wieder zahlen beide Gruppen dasselbe, und zwar 30 EUR.
Von „Damenstudenten“ habe ich noch nie gehört, und meine Freundinnen Anna und Gertrud auch nicht. Nicht einmal Google kennt das Wort.
Was haben wir uns unter einem Damenstudenten vorzustellen? Ein Jurastudent studiert Jura, ein Musikstudent Musik. Demnach studiert der Damenstudent Damen und der Herrenstudent Herren? Aber wir sagen doch „Frauenstudien“ und nicht „Damenstudien“. Und zeitgemäß eher “Geschlechterforschung” bzw. “Gender Studies”.
Neben den Frauenstudien kennt unsere Sprache auch das „Damenstudio“, wo frau sich unbehelligt ihrer Fitness widmen kann. Trotzdem sind die Kundinnen eines Damenstudios keine „Damenstudenten“.
Oder ist es eher so wie mit der Damen- und der Herrentoilette? Die Damentoilette und der Damenstudent sind für Damen da, und auf der Herrentoilette kümmern sich Herrenstudenten um die Herren?
Vielleicht hat der WKR auch einfach nur Mühe mit dem neumodischen sprachlichen Gendern und will nur ausdrücken, dass die „Herrenstudenten“ Herren sind und zugleich Studenten, und die „Damenstudenten“ Damen und ebenfalls Studenten?
Diese Interpretation läge einerseits nahe, andererseits fragt frau sich, weshalb sie dann nicht einfach Studenten und Studentinnen schreiben.
Das mag mit anderen eigentümlichen Sprachgepflogenheiten der Korpsstudenten zusammenhängen. Wenn sie ausstudiert haben, heißen sie nicht etwa Ehemalige oder Alumni, sondern „Alte Herren“. Und die Korpsstudentinnen – ja, die gibt es inzwischen auch - werden nach dem Studium „Hohe Damen“. Außerhalb der schlagenden Verbindungen sind sonst eher „alte Damen“ und „hohe Herren“ gebräuchlich, aber die Burschenschafter mögen es offenbar andersrum lieber.
Ich nehme an, für diese „hohen Damen“ und „alten Herren“ sind die hochpreisigen „Damenkarten“ und „Herrenkarten“ gedacht. Und da sie so viel blechen müssen, haben sie wohl einen Anspruch auf ein wenig persönliche Aufmerksamkeit, gewährt von Damenstudenten und Herrenstudenten. Jede Dame bekommt einen Damenstudenten zugewiesen und jeder Herr seinen Herrenstudenten. Nur so ergibt die pingelige Zuweisung der Eintrittskarten nach dem Geschlecht einen Sinn: Damit alles seine paarweise Ordnung hat.
Es ergibt sich überdies ein Bild raffinierter Nachwuchsförderung: Die Alten zahlen mehr als das Doppelte und bekommen dafür netten Kontakt mit der schneidigen männlichen Jugend. Wie es mit dem Kontakt zur lieblich-weiblichen Jugend aussieht, bleibt einstweilen unklar.
Bekannt ist ja, dass schlagende Verbindungen Männerbünde sind. Frauen haben da sowieso nichts zu suchen. Sollen sie doch ihre eigenen Verbindungen gründen, und manche tun das auch. Aber es wird für einen „normalen“ Ball wahrscheinlich kaum genügend Damen geben. Es könnte also auch so sein, dass die „Damenstudenten“ Drag Queens sind: Studenten, die Damen darstellen. Dann wäre das sogar eine halbwegs passende Bezeichnung: Es sind tatsächlich nur Studenten da, aber die einen kommen als Herren und die andern als Damen.
•••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••••
Mehr Glossen von Luise F. Pusch gibt es hier. Jeder Band enthält rund 50 Glossen und kostet 9,90 EUR:



Seite 1 von 1
Seitenanfang