Feminar: Wir machen unsere Sprache selber

27.11.2011

Die Fernseherin und ihr Fernseher

Ich bin eine bekennende Fernseherin. Die meisten Menschen, denen ich es frischweg oder mehr nebenbei bekenne, sehen mich verwundert an oder sprechen es sogar aus: „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“

Doch, es darf. In meiner Jugend, die mich geprägt hat wie sie uns alle prägt, war das Fernsehen etwa eine so große Sache wie heute Facebook oder die Social Media überhaupt. Meine allein erziehende Mutter (früher hieß das noch „geschieden mit drei Kindern“) konnte sich weder ein Radio noch gar einen Fernseher leisten, und so mietete ich mir denn selbst einen, wenn sie mit meinen Geschwistern in die Ferien fuhr und ich die Wohnung für mich allein hatte. Tagsüber arbeitete ich in meinem Ferien-Knochenjob, abends gab es zur Belohnung Fernsehen.

Ähnlich halte ich es bis heute, eine Belohnung abends muss sein, sonst fühle ich mich vernachlässigt, aber die Belohnung soll bequem und gemütlich sein. In-Schale-Werfen und Ins-Theater-fahren oder ähnliches - das wäre keine Belohnung, sondern Stress. Und das deutsche Fernsehen bietet genug Unterhaltsames und Gehaltvolles, dass ich täglich stundenlang fernsehen könnte, ohne mir blöd vorzukommen. Sie sehen, ich bin tatsächlich eine bekennende Fernseherin.

Ich kenne außer mir nur noch zwei andere bekennende Fernseherinnen, beide etwas älter als ich und also wohl ebenfalls von der Großen Zeit des Fernsehens geprägt: Gabriele Wohmann und Erika Pluhar. Über Gabriele Wohmann schrieb ich im Frühjahr ein Porträt zu ihrem 80. Geburtstag im kommenden Jahr. Sie war mir schon immer irgendwie sympathisch, trotz ihrer oft reichlich miesen Frauengestalten. Bei den Recherchen nun wurde ich wieder an eine Wohmannsche Marotte erinnert, die ich schon früher nett und wesensverwandt gefunden hatte: Ihr regelmäßiger und ritueller Fernsehkonsum. Das abendliche Fernsehen muss sein, sonst ist der Tag nicht richtig geglückt. Es fehlt etwas Entscheidendes, das Abschalten vor der Glotze eben.

Die andere bekennende Fernseherin ist - wahrscheinlich - Erika Pluhar. Das entnehme ich ihrem jüngsten Buch „Spätes Tagebuch“, das ich mir in den letzten Tagen als Hörbuch, gelesen von der Autorin, reingezogen habe. Zwar heißt die Ich-Erzählerin und Schreiberin des Späten Tagebuchs nicht Erika Pluhar, sondern Paulina Neblo, auch ist sie nicht Schauspielerin, sondern Tänzerin und Choreografin, aber es wird von so vielen Dingen erzählt, die sich auch im Leben der Pluhar zugetragen haben (z.B. der Tod ihrer Tochter), dass der Schluss erlaubt ist, dass auch andere Mitteilungen autobiografisch sind. Wie dem auch sei, Pluhar/Neblo ist eine passionierte Fernseherin, die sich nach des Tages erschöpfender Tagebuchschreiberei abends vor das Fernsehprogramm setzt und dazu reichlich Rotwein trinkt.

Fernseherinnen scheinen also eher selten - Fernseher gibt es dafür millionen- ja milliardenfach. In jedem Haushalt gibt es mindestens einen, häufig gibt es sogar Zweit- oder Drittfernseher. Die Fernseherin ist unter Garantie ein menschliches Wesen, der Fernseher hingegen in der Regel nicht, er ist ein Gerät, ähnlich wie der Geschirrspüler, der Staubsauger, der Rasenmäher, der Rechner, der Drucker, der Korkenzieher, der Büchsenöffner, der Wasserkocher und der Handtuchhalter. In Hannover haben wir einen Geschirrspüler, in Boston bin meist ich die Geschirrspülerin.

Es ist an der Zeit, dass die feministische Linguistik auch mal zugibt, dass die Endung -in, erdacht zur Diskriminierung des weiblichen Geschlechts, ihre klaren Vorteile hat. Sie stellt immerhin sicher, dass wir nicht mit Geräten verwechselt werden - eine Kränkung, die Männern routinemäßig widerfährt.

Immer wieder lese ich Schmähreden gegen geschlechtersensible Ausdrücke wie die Studierenden (statt: die Studenten), die Teilnehmenden (statt die Teilnehmer). Gerätbezeichnungen wie Fernseher und Geschirrspüler liefern einen weiteren guten Grund für die Wahl dieser Ausdrücke: Fernsehende, Geschirrspülende und Kartoffelschälende sind eindeutig Menschen und keine Geräte. Sollen doch die Männer froh sein, dass es endlich auch für sie Ausdrücke gibt, die sie nicht wie Maschinen aussehen lassen.

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17.04.2011

Hera und ihre neuen Verwandten

Aus Wir machen uns unsere Sprache selber: Ein Feminar. Dreiundfünfzigste Lektion.

Für Donnerstag war ich wieder mal von den Frauen der feministisch-matriarchalen Akademie Alma Mater zu einer Lesung eingeladen. Die anschließende Diskussion war lebhaft wie immer mit diesen leidenschaftlichen Wortschöpferinnen. Nehmen wir gleich das Wort Schöpferin. Gertrudis gefiel es nicht; sie bestand darauf, sie habe ihre Kinder nicht geschöpft, sondern geboren.

„Schöpferin“ gehört aber zu „schaffen“, nicht zu „schöpfen“. Zwar sagen viele, sie hätten ein Werk geschöpft - es sollte aber heißen, sie hätten es geschaffen. Das Duden Herkunftswörterbuch klärt uns knapp und kategorisch auf:

schöpfen

„Flüssigkeit entnehmen“: Das schwache Verb mhd. schepfen, scheffen, ahd. scephen ist kaum mit dem ehemals gleich lautenden starken Verb für „erschaffen“ (schaffen) identisch, sondern gehört wohl als alte Ableitung zu Schaff in seiner Bedeutung „Schöpfgefäß“. Dazu das nur übertragen gebrauchte erschöpfen „vollständig verbrauchen, aufbrauchen; ermatten, völlig ermüden (mhd. erschepfen „ausschöpfen, leeren“) mit dem 2. Partizip erschöpft „verbraucht, ermattet“ und dem Substantiv Erschöpfung „das Erschöpfen; völlige Ermüdung“ sowie dem Adjektiv unerschöpflich „nicht versiegend, nicht aufbrauchbar“ (16. Jh.).

Die in unserem Wortschatz fehlenden Bezeichnungen „Erschafferin“ und „Erschaffer“ werden halt vertreten durch „Schöpferin” und “Schöpfer“.

Auf ähnlich gehobener Ebene ging die Diskussion weiter; als Nächstes kam mal wieder die Herrin dran. Eine sehr fragwürdige Gestalt, wie wir wissen: Die „Herrin“ macht aus einem Mann durch Anhängung von -in eine Frau - eine Praxis, der wir gar nichts abgewinnen können, weshalb wir schon zu Beginn der feministischen Sprachkritik aus der Ratsherrin die Ratsfrau gemacht haben.

Aber wie ist es mit der Hausherrin und der Bauherrin? Hausfrau bedeutet ja was anderes, weshalb wir uns stattdessen angewöhnt haben, von der „Dame des Hauses“ zu sprechen.

Und statt Bauherrin sagen wir Baufrau, analog zu Ratsfrau. Ganz klarer Fall.

Oder doch nicht? Die Alma-Mater-Frauen wandten ein, es sei erstens irgendwie schade um die Herrin, zweitens hülfe die Baufrau wenig, weil das heutzutage eher “Bauarbeiterin” bedeute. Also nicht so weit oben wie der Bauherr. Es bräuchte ein weibliches Wort mit hohem Status.

Da hatte eine den rettenden, genialen Einfall: Hera statt Herrin: Die BauHera, RatsHera, HausHera.

Wir adoptierten das Wort sofort; es erfräute sich im weiteren Verlauf der Tagung wachsender Beliebtheit. Der Name der obersten Göttin des Olymp ist verwandt mit dem Wort Heros, dieses soll verwandt sein mit dem Wort Herr (sicher ist es nicht, aber sinnig). Wir hätten damit nicht nur die BauHera und ihre Verwandten gewonnen, sondern auch das lange fehlende Wort für heroische weibliche Taten. Solche Taten heißen ab sofort heraisch

Die englische Wikipedia meldet, Hera sei nach Auffassung etlicher ForscherInnen ursprünglich die Göttin einer matriarchalen Gesellschaft gewesen, die vor den HellenInnen in GriechInnenland lebten. Das wird ja immer besser. Es erklärt auch die vielen Verleumdungen, die Hera in der patriarchalen Kulturgeschichte erdulden musste. Aus einer Alma Mater machten patriarchale Männer eine ewig keifende Gattin, die ihrem ewig untreuen Gatten Zeus durch “kleinliche Eifersucht” das Götterleben schwer machte.

Zeit für Dein Großes Comeback, Hera! Und so schließt sich der Kreis von der matriarchalen Göttin Hera über die Wortschöpferinnen der feministisch-matriarchalen Akademie Alma Mater bis zur BauHera.

Möge die mächtige Hera dafür sorgen, dass ihre Verwandten BauHera, RatsHera, HausHera und alle, die noch kommen mögen, Fuß fassen, sich vermehren und sprunghaft ausbreiten.


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Hedwig Dohm