Das Hemdchen

img src=“http://vg02.met.vgwort.de/na/6647000839c140728593fd14316fee2c” width=“1” height=“1” alt=”“>Eine Neuheit aus dem Bereich Damenunterwäsche ist anzukündigen. Regelmäßig schickt mir die Firma Tchibo ihre aufregenden Infos; vor kurzem bekam ich diese Mitteilung:

Die Sprache der Verführung

Liebe Frau Pusch,
diese neue Wäsche-Kollektion spricht für sich! Tolle Basics, transparente Wäsche, wilde Animal Prints, Bodyforming- und Seamless-Wäsche in drei klassischen Farben zeigen ihre ganze Schönheit in all ihren atemberaubenden Facetten.
Ihr Tchibo.de-Team >zum Shop

Ich hätte erwartet, dass die “tollen Basics” etc. MEINE Schönheit in all ihren atemberaubenden Facetten zeigen sollten, aber die Unhöflinge von Tchibo hatten das “ihre” klein geschrieben. Also meinten sie wohl nur die atemberaubende Schönheit ihrer Tchibo-Dessous.
Dennoch konnte ich der Sprache der Verführung nicht widerstehen und klickte mich in den Shop.

Dort sah ich sie: Die HEMDCHEN! Erst ein “Hemdchen, schwarz”:
Frauenbild

Darunter, liegend, eine schöne Dame im “Hemdchen, weiß”. Ich klickte auf den Text “Hemdchen, weiß” und fand neben allerlei Infos in der schon oben vorgeführten heißen Tchibo-Sprache den nüchternen Hinweis: Ähnliche Produkte finden Sie unter folgenden Begriffen: “Unterhemd” “Top”.   

“Unterhemd” - wie prosaisch! Trotzdem klickte ich auf “Unterhemd” - und fand sie -  die ganze glorreiche Parade der Hemdchen. Ein Klick, und Sie können sie auch bewundern.

Meine vergleichenden Studien ergaben: Ein “Unterhemd” reicht bis zum Beinansatz, ein “Hemdchen” nur knapp über den Bauchnabel. Ein Hemdchen lässt das ganze Höschen sehen, möglichst ein ganz heißes Höschen natürlich.

Das, was wir früher “Hemdchen” nannten, nämlich ein Unterhemd für Babys und Kinder, heißt hier “Kinder-Unterhemd”.

Ein Hemdchen macht die Frau zum Baby, zur Kindfrau. “Kindmann”? Gibt es nicht. Stattdessen haben wir den Sohnemann. “Tochterfrau?” Gibt es nicht.

Die Lücken in unserem Wortschatz zeigen froh die Richtung an: Der Sohnemann soll sich schon als Hemdenmatz stark fühlen wie ein Mann, das Töchterchen aber soll am besten ewig Kind bleiben und noch als erwachsene Frau im “Hemdchen” ihre “atemberaubende Schönheit” zu Markte tragen.

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# | Luise F. Pusch am 06/13 um 02:01 PM

Alles sehr richtig! Aber unsere Sprachen ermöglichen doch auch, dass “boys will be boys”, auch im Greisenalter. Ein paar Beispiele aus dem Englischen: old boys’ network; boyfriend; toy boy, best boy. Und im Deutschen nennen Bartträger einander gerne “Jungs”, wenn sie sich am Stammtisch entspannen oder proletarisch wirken wollen.

Joey Horsley  on  06/13  at  08:35 PM

Natürlich handelt es sich, verehrte Frau Pusch, um einen Druckfehler; natürlich wollte Tchibo von “Ihrer” Schönheit sprechen, denn die Werbeabteilung würde sich allenfalls im Vollrausch die atemberaubenden Facetten “ihrer” Billig-Unterwäsche einbilden. Deren Benutzung würde allerdings “Ihre” Schönheit leiden lassen, selbst wenn “Sie” das Wort “Tchibo” - ein Trick meiner Eltern - französisch aussprächen.

Zum “Hemdchen” selbst ist zu sagen, dass dieses nicht nur die Frau zu verjüngen und zu verzieren versucht, sondern auch als Abschlepphilfe dient. Darüber klärt der Spiegel unter dem Titel “Die Abschlepphilfe” auf: “Die “Hemdchen”-Tragetasche ist das Ur-Modell der Plastiktüte. Heute vor allem noch in südlichen Ländern, Asien und Afrika gebräuchlich, bekommt man sie in Deutschland meist auf Märkten zum Einkauf hinzu. Das Hemdchen ist extrem günstig herzustellen. Die Wanddicke beträgt meist nur noch um die 5 Mükrometer.” Würde man das Hemdchen in Zukunft “Abschlepphilfe” nennen, wäre die Sprache um eine Präzisierung reicher und eine Lücke ärmer.

Hinzuzufügen ist, dass in der Schweiz von einem “Hemdli” oder auch einem “herzigen Hemdli” die Rede ist. Und dieses können Kinder, Mädchen, Jungen, Frauen und - zumindest ohne den “herzigen” Zusatz - Männer und Tchibo-Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter tragen. Vgl. hierzu das schweizerische Sprichwort: “Wenn zweu mitenangere prozediere, goht eis im Hemdli und d’s angere blutt.”

Oliver  on  06/14  at  01:35 PM

Die Steigerung von ‘Hemdchen’ ist dann wohl das ‘Hemdchen mit rosa Totenköpfchen Piratchen-Flägchen’ weil das ist ja so süüüß. Meine Güte, von mir aus können ‘klassische Unterhemden’ (warum heisst das Pendant dazu eigentlich Ober- nicht Überhemden?) auch gerne als Nierenwärmer verkauft werden - dann könnten die Hersteller sogar einen Wellness-Aufschlag dafür verlangen.
Andererseits erschliesst sich, ausgehend vom ‘Hemdchen’, auch die Mode über der Hose ein Kleid zu tragen - ja irgendwas muss frau doch warm halten, wenn es das gute alte Baumwollhemd nicht mehr in den Tchibo-Shop schafft.
Hemdsärmelige Grüße
Eine Undine

Undine  on  06/15  at  08:13 AM

Alles nur Kopien, denn Hemdchen für Männer, gibt’s schon viiiel länger… und zwar in folgender Form!
Feinripp und von Muttchen zur Firmung gekauft.
Mit 20 strafft’s das Bauarbeiter-Sixpack und mit 50 trägt’s mann, nabelfrei und stolz, überm Bierbauch. Klar, dass dann das gut sichtbare Dreckwutzerl im Nabel (Piercing für Wehleidige), nicht fehlen darf SCNR
Hmmm, wir sollten vielleicht einmal über einen “Vater-Tochter-Nabelfrei-Tag” nachdenken :)

Klaus  on  06/15  at  08:47 AM

Was ist eigentlich mit dem “Leibchen” und dem “Höschen”? Das Leibchen gehört nicht mehr zu meiner Generation, das Höschen durchaus. Bemerken möchte ich noch - da wir nun schon beim Bauchfreien sind -, dass eine so genannte Pädagogische Hochschule im äussersten Süden Deutschlands eine Bekleidungsordnung kennt, erlassen vom Kanzler und einzelnen DozentInnen (ja, auch eine Dozentin ist dabei). Die Ordnung bezieht sich in erster Linie auf bauchfrei tragende Studentinnen, eine Form der Diskriminierung, gegen die ich mündlich und schriftlich Einspruch erhoben habe. Der Kanzler erklärte mir eines Tages zu seiner Motivation, er habe vor einiger Zeit auf dem Flur eine “fette Studentin” mit kurzem Oberteil gesehen und sei daraufhin angeekelt gewesen. Nicht eklig fand man stinkende Studenten; denn Männer können Männer einfach besser riechen. P.S.: Die Ordnungen beziehen sich nicht auf den Schulunterricht, den die Studentinnen mitgestalten, sondern auf die Lehre an der Hochschule. Eine Rechtsgrundlage gibt es meines Wissens nicht.

Oliver  on  06/15  at  10:03 AM

Die modemacher und der -trend bestimmen, dass die erwachsene frau auch `baby-hemdchen` tragen soll -immer einsatzbereit als verführerisches lockmittelchen, falls männerherzchen erkalten könnten? Die kindfrau eine figur männl. begehrens. Bequeme und wärmende unterwäsche mussten sich längst begriffe wie liebestöter oder beziehungskiller gefallen lassen. Modemacher bestimmen, wo`s lang geht, u.a. wie frau auszusehen hat, bestimmen modelgrösse, untergewicht, magersucht etc. pp.
Nee, den tausch `baby-hemdchen` gegen wärmende bequemlichkeit muss die erwachsene frau nicht unbedingt mitmachen ...:-( 
Och, da trage ich doch lieber `leibchen`, wird das wort heutzutage in der schweiz und österreich synonym auch als t-shirt verwendet. 

Llg Anne

Anne  on  06/15  at  01:24 PM

Ganz klar, das solche Verniedlichungen wie Hemdchen, Höschen, Söckchen ganz bewußt bei der Namensgebung verwendet werden.

Und zwar weil es von der Mehrheit der Frauen auch so nachgefragt wird. Weil sie entweder darüber nicht reflektieren oder weil sie den Verniedlichungseffekt ganz bewußt mitnehmen möchten.

Die Textilbranche würde schnell umstellen, wenn ihr “niedlichen” Zeugs wegen der Namen im Regal verstauben würde.

Alternativen gibts genug. So ist z.B. das klassische T-Shirt (gerade, länger und weiter geschnitten) heute längst Unisex.

Dennoch präferieren die allermeisten Frauen körpernah bis eng anliegende und kurz geschnittene Oberteile, eben “niedliche” Sachen.

Ist das jetzt ein von aussen (Modemacher/Männer) aufgedrängter Sexismus oder doch eher ein von Frauen eingeforderter und von ihnen selbstreferenziert?

Peter  on  06/15  at  10:32 PM

@Peter:
“präferieren die allermeisten Frauen körpernah bis eng anliegende und kurz geschnittene Oberteile”:
Haben Sie eine Umfrage gemacht? Wie sieht es etwa in der islamischen Welt aus?
Und wo wir grade von Nachfrage reden: Würden Frauen sich selbst infantilisieren, wenn erwachsen aussehende Frauen bei Männern beliebter wären als “niedliche” Kindfrauen?

lfp  on  06/16  at  12:08 AM

@ lfp

Der Markt ist hier eine riesige Umfrage. Fakt 1: es gibt (gesellschaftlich akzeptierte) Alternativen. Fakt 2: Dennoch ist die Präferenz eindeutig.

Gerade bei der Bekleidung spielt die Meinung von Männern nur eine unbedeutende Rolle. Die Frage “Was soll ich anziehen” klärt Frau nicht indem sie ihren Freund/Mann befragt, sondern in Referenzierung zu ihrer weiblichen peer-group (Freundinnen/Bekannte/Kolleginnen).

Und was ist mit “Beliebtheit bei Männern” gemeint? Bei einer intensiveren Interaktion wäre das Wesen (Verhaltensweise) ein sehr viel entscheidenderes Kriterium als die Bekleidung.

Bei einer flüchtigen Begegnung, einem flüchtigen Blick ist “Jugendlichkeit” das entscheidende Kriterium. Theoretisch ist das sogar unabhängig von der Bekleidung.

Aber geht es den Frauen für die Bestimmung ihrer “Beliebtheit” tatsächlich nur um den flüchtigen Blick des Mannes?

Peter  on  06/16  at  01:06 AM

In einer befragung der hersteller von unterwäsche z.b. (niederlande/2007) wurde festgestellt, dass sich frauen eher praktische unterwäsche   wünschen als erotische. Am liebsten würden frauen, die u.a. zu weihnachten von ihren männern reizwäsche geschenkt bekommen, diese gegen praktische unterwäsche umtauschen.
EineR aus der branche sagt: männer kaufen für frauen lieber unterwäsche, die sie selber mögen und denken nicht an den geschmack ihrer frauen.
D.h., dass männer die wünsche ihrer liebsten betreffs unterwäsche nicht kennen.
Auch schlechte nachrichten für hiesige männer, denn auch deutsche frauen stehen drunter eher auf bequem als erotisch, bequemlichkeit ist mehr gefragt. Männer dagegen stehen - egal ob jung oder alt - auf verführerische spitzenwäsche beim weibl. geschlecht.

“Präferieren die allermeisten frauen ..eng anliegende und kurz geschnittene oberteile”

Das halte ich als frau für gerücht - selbst und mit vielen frauen habe ich da ganz andere erfahrungen gemacht. Eng anliegende und kurz geschnittene oberteile können unpraktisch, störend, unbequem sein. Die kaufhäuser sind übervoll mit nicht tragbarer bekleidung für die erwachsene frau -  vieles von den `niedlichen sachen` bleibt auf halde liegen - gleiches gilt auch für tchibos hemdchen für die frau ....:-(
Grüsse v. Anne

Anne  on  06/16  at  09:41 PM

@ Anne

Das Männer mehrheitlich die Wünsche ihrer Partnerinnen bezüglich Unterwäsche nicht kennen, verwundert mich nicht. Es ist doch schon erstaunlich genug das sie wenigstens die Konfektionsgröße kennen ;-)

Und das ein solches Geschenk einen bestimmten Zweck verfolgt und die Art der Wäsche dann darauf abgestimmt ist, erscheint mir naheliegend.

Aber mal ehrlich: Der Marktanteil solcher Käufe dürfte sehr gering sein.

Wenn “niedliche Sachen” wirklich einmal in den Regalen und Grabbelkisten verstauben, dann werden sie auch nicht mehr angeboten oder beworben. Das ist bei Hemdchen und Höschen nicht anders wie bei Sockenhaltern.

Peter  on  06/17  at  11:20 PM

Männer kennen kleidergrösse nicht:
Erstaunlich, obwohl 5o % der männer lt. aktueller studie (2009) behaupten, die kleidergrösse ihrer partnerinnen zu kennen, liegen bei einer strassenumfrage über satte 70 % daneben.

Mein lieber nachbar (ca. 68 jahre alt),  den ich soeben als testperson in die umfrage mit einbezogen habe, gab wenigstens gleich zu, die kleidergrösse seiner frau nach über 4ojähriger glücklicher ehe immer noch nicht zu kennen :-( 

Das bestätigt wieder einmal meine erfahrungswerte als frau in sachen wenig vorhandener männerahnung auch hinsichtlich bekleidung für die erwachsene frau.

Anne  on  06/18  at  12:16 PM

Es gibt allerdings auch viele Männer, die ihre eigene Konfektionsgröße nicht kennen.

“Wenig vorhandene Männerahnung” gilt also für den gesamten Bekleidungsbereich. Es ist Männern mehrheitlich halt einfach nicht wichtig.

Schlimm?

Stell dir doch als Gedankenexperiment einfach mal vor, Männer würden sich genauso intensiv und gerne mit Bekleidung und Mode beschäftigen wie Frauen ;-)

Peter  on  06/18  at  09:27 PM

Ich kenne mit Sicherheit einige Männer die noch intensiver beschäftigt sind mit Bekleidung wie Frauen.

Uns Männern bleibt ja auch nichts anderes übrig;-)

Didi  on  08/21  at  06:48 PM

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Hedwig Dohm