FemBio-Special: Frauen aus Potsdam

Maxie Wander

(Elfriede Wander)

geboren am 3. Januar 1933 in Wien
gestorben am 21. November 1977 in Potsdam

österreichische Schriftstellerin in der DDR
80. Geburtstag am 3. Januar 2013


BiografieZitateLiteratur & Quellen


Biografie

“Nun haben wir, zu unserem Glück, ihr Buch. Wir sehen es, manchmal ganz zerlesen, in den Händen ihrer Leser, besonders ihrer Leserinnen.” So beantwortete Christa Wolf die Frage “Was bleibt?” in dem Nachruf für die 44jährige Freundin, die wenige Monate nach dem Erscheinen von Guten Morgen, du Schöne an Krebs gestorben war.

Maxie Wander hat ahnen, aber nicht mehr erleben können, welche Wellen diese “Protokolle nach Tonband” schlagen würden. Das Buch wurde nicht nur gelesen und zerlesen, es wurde zum Modell für eine DDR-spezifische Gattung. Für die Bühne adaptiert, haben diese Geschichten von Frauen mit über 400 Theatervorstellungen in der DDR zu wichtigen öffentlichen Diskussionen geführt. Das Buch erzeugte auch Renonanz in der BRD. Um zwei Protokolle gekürzt, und mit einem Vorwort von Christa Wolf, erreichte die Lizenzausgabe eine erstaunlich hohe Auflage. Wander kämpfte noch im Oktober 1977 darum, dass die besondere Form, die sie dem Werk gegeben hatte, im Westen nicht “zerrissen” würde.

Bescheiden meinte Wander in ihrer eigenen Vorbemerkung: “Vielleicht ist dieses Buch nur zustande gekommen, weil ich zuhören wollte.” Sie hörte nicht nur zu, sie wählte aus, bearbeitete, schliff, fügte hinzu, ohne die Authentizität zu beeinträchtigen. Sie hatte nach vielen Jahren der Unsicherheit in ihren schriftstellerischen Versuchen mit der Protokollform ihr eigentliches Talent entdeckt. “Berührung” nennt Wolf die besondere Art, die Wander hatte, Vertrauen in den verschiedensten GesprächspartnerInnen zu erwecken, so dass etwas Utopisches entstand, “ein Vorgefühl von einer Gemeinschaft, deren Gesetze Anteilnahme, Selbstachtung, Vertrauen und Freundlichkeit wären. Merkmale von Schwesterlichkeit.”

In Wien als Tochter einer armen, kommunistisch gesinnten Familie geboren, siedelte Maxie Wander 1957 mit ihrem Mann, dem kommunistischen Schriftsteller Fred Wander, in die DDR um. Erst in der Ferne entwickelte sich der Bezug zur heimatlichen Landschaft. Sie liebte die Natur: Bäume, Wolken. Sie war Arbeiterkind; ohne Abitur verließ sie die Schule. Sie hatte sich jahrelang als Fabrikarbeiterin, Sekretärin, Drehbuchautorin durchgeschlagen. Das Stottern hinderte sie daran, die Karriere als Journalistin auszubauen. Sie wollte schreiben, fand aber erst spät ihr Thema: “die kleinen, zu kurz gekommenen, zugegeben, ein wenig spleenigen Leute. Warum darf man darüber nicht schreiben? Müssen es immer Kraftmeier mit der Schippe in der Hand sein? ... Es gibt diese Leute, und ich hab sie alle gern. Es ist mein Leben!”

Sie kannte eben selber als Frau und Mutter die alltäglichen Reibereien in einer nicht immer harmonischen Ehe. Als Freundin und Schriftstellerin kannte sie die Bedrückheit, Trauer und Melancholie in der realexistierenden sozialistischen Gesellschaft, weil sie von sich und den anderen sehr viel an Veränderung verlangte. Sie kannte auch die großen Verluste und das Gefühl der Ohnmacht. Die Tochter Kitty war 1968 vor dem eigenen Haus verunglückt, und Wander gab sich die Schuld; sie habe das geliebte Kind nicht behütet und daher verloren. Wir können Fred Wander dankbar sein, dass er bereit war, uns einiges von Maxie Wanders tiefsinnigen Tagebuchaufzeichnungen und Briefen mitzuteilen.

1976-77 war keine günstige Zeit in der DDR für eine, die sich mit den Dingen nicht zufriedengab, die von ihren Gesprächspartnerinnen vor allem Ehrlichkeit und Offenheit verlangte. Wander kämpfte um ihr Buch, und schließlich erklärte sich der Buchverlag Der Morgen zur Veröffentlichung bereit. Die Korrekturbögen erreichten sie in der Klinik nach einer unerwarteten, radikalen Mastektomie. Sie war fast zu schwach, sie zu überprüfen. In den 14 Monaten, die ihr noch blieben, machte sie sich immer wieder Mut: “Schöpferisch werden! So tun, als wär ich entkommen!” Sie plante schon zwei weitere Bände, sammelte schon Tonbandgespräche mit Männern, und Kindergeschichten. Sie schwur sich: “Jeden Tropfen Leben werde ich auskosten.” Das tat sie.

 

Margaret Ward

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Zitate

Konflikte werden uns erst bewußt, wenn wir uns leisten können, sie zu bewältigen. Unsere Lage als Frau sehen wir differenzierter, seitdem wir die Gelegenheit haben, sie zu verändern.

Die Unzufriedenheit mancher Frauen mit dem Erreichten halte ich für optimistisch.

Eigentlich ist jede Frau interessant, wenn man Kraft hat, sich mit ihr zu beschäftigen.
 
Eigentlich habe ich in meinem Leben nie richtig Zeit gehabt, in mich hineinzuhorchen, was ich will.
 
Es sind keine verlorenen Wochen, es ist mein Leben, das ich möglichst ehrlich und intensiv zu leben habe.
 
Das wirkliche Leben, sagt mir eine Stimme, das ist jetzt und jetzt, nimm es in Empfang, wie es sich darbietet, auch mit Schmerzen, mit Angst und gleichzeitig mit allen Entzückungen, die man sich nur denken kann!
 
Ja, Christa, das ist es schon gewesen, unser einmaliges Leben, viel mehr und Besseres ist wohl nicht zu erwarten, aber wir wollen nicht hochmütig sein und neugierig bleiben auf die wunderbaren kleinen Dinge, die die wahrhaft großen sind! Auf Bäume, die wieder grün werden und wachsen, auf Wolken und Musik, auf unsere Kinder… Deine Maxie

Indem sie den anderen Frauen zum Ausdruck verhilft, kann sie letztlich ihr eigenes Leben zum Ausdruck bringen, und kann sich - typisch - doch dahinter verstecken. Anderen zur Sprache verhelfen, andere ermutigen, wie sie selbst der Ermutigung bedurft hätte, die Zweite bleiben, die Geburtshelferin, die Frau im Hintergrund: Damit bleibt Maxie im Prinzip in der Rolle, die zu sprengen sie mit dem Buch angetreten ist. (Sabine Zurmühl)

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Literatur & Quellen

Kaufmann, Eva, “Women Writers in the GDR, 1945-1989” in: Post-War Women’s Writing in German: Feminist Critical Approaches. Hg. Chris Weedon. 1997. Providence, RI. Berghahn.

Lennox, Sara. 1983. “‘Nun ja! Das nächste Leben geht aber heute an,’ Prosa von Frauen und Frauenbefreiung in der DDR”, in: Literatur der DDR in den siebziger Jahren. Hg. P.U. Hohendahl und P. Herminghouse. Frankfurt a. M. Suhrkamp. es 1174.

FrauenbildWander, Fred. 1999 [1996]. Das gute Leben: Erinnerungen. Frankfurt/M. Fischer TB 14142.

Wander, Maxie. 2007 [1977]. Guten Morgen, du Schöne. Protokolle nach Tonband. suhrkamp taschenbuch 3962.  

Wander, Maxie. 2009 [1980]. Leben wär’ eine prima Alternative. Tagebücher und Briefe. Herausgeg. v. Fred Wander. suhrkamp taschenbuch 4085.

Wander, Maxie. 2007. Ein Leben ist nicht genug. Tagebuchaufzeichnungen und Briefe. Herausgeg. u. m. einem Vorwort v. Fred Wander. suhrkamp taschenbuch 3963.

Wolf, Christa. “Berührung. Maxie Wander” und “Zum Tod von Maxie Wander”, in: Die Dimension des Autors. 1987. Darmstadt & Neuwied. Luchterhand.

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Hedwig Dohm