Sonntag, August 30, 2015

Christa Mulack: Rezension - Moran (2013) und Höly (2014) über Prostitution

1. Rachel Moran (2013): Was vom Menschen übrig bleibt. Die Wahrheit über Prostitution. Tectum, Marburg , 387 Seiten, € 19,95

2. Debora Höly (2014): Nackte Tatsachen. Wie deutsche Printmedien über Prostitution berichten. Tectum Marburg, 135 Seiten, € 19,95

Zu 1.:
FrauenbildSieben Jahre lang schrieb die Irin Rachel Moran an ihrem äußerst reflektierten Buch, mit dem sie ihren LeserInnen die Augen öffnet für die wahren Probleme von Prostituierten, zu denen sie selbst sieben Jahre lang gehörte.

In dieser Zeit durchlief sie alle Sparten dieses Gewerbes vom Straßenstrich über das Bordell, von der Domina bis hin zur Escort-Dame, die nach ihrer Erfahrung keineswegs “etwas Besseres” darstellt, wie vielfach behauptet. Sind doch in all diesen Bereichen Frauen der gleichen männlichen Willkür, den gleichen männlichen Perversionen - und immer wieder auch männlicher Gewalt - ausgesetzt. - Moran hat all dies am eigenen Leibe zu spüren bekommen.

Eingehend beschreibt sie die Gewalt-Szenarien, die häufig damit beginnen, dass die Sex-Käufer - genannt “Kunden” oder “Freier” - den Frauen keine Menschlichkeit zugestehen und sie wie aufblasbare Sexpuppen benutzen. Gerade so, als seien Prostituierte bar jeglicher Gefühle und menschlicher Regungen (148), werden ihnen Perversionen aufgenötigt und Gegenstände in den Körper gestoßen. Mann nimmt sich “Freiheiten” heraus, die jenseits aller Abmachungen liegen.

Moran weist immer wieder darauf hin, dass im Prostitutionsgeschäft körperliche und seelische Gewalt an der Tagesordnung sind, verbunden mit demütigenden Herabsetzungen, die regelmäßig Selbstabwertungen zur Folge haben und sich damit auch auf das Verhalten Kolleginnen gegenüber niederschlagen. Sie fördern einen allmählichen Prozess der Selbstauflösung, gefolgt von jener inneren Leere, die schließlich in die Depression mündet. - Mit Depressionen hatte Moran noch viele Jahre nach ihrem Ausstieg zu kämpfen.

All diese Negativ-Folgen sind keineswegs “im Preis inbegriffen”, sondern gehen einseitig zu Lasten der Frauen. Die Männer ersparen sich durch das Ausleben ihrer Perversionen immerhin eine langjährige Therapie - um ein Vielfaches aufwändiger als der Gang zur Prostituierten.

Weder die großen Bordellbesitzer noch Vater Staat als Hauptverdiener im Prostitutionsgeschäft scheren sich um den Schutz der Prostituierten. Das gilt auch für die als “vorbildlich” betrachteten Bordelle. Wenn sich dort die Tür hinter den Sex-Käufern schließt, sind die Frauen ihnen wehrlos ausgeliefert. Sie haben nicht das Recht, einen “Kunden” abzulehnen, wenn er ihnen nicht zusagt, ihnen unheimlich ist oder sie sich vor ihm ekeln.

An zahlreichen Beispielen zeigt Moran auf, warum sie die Prostitution als Feind der Frauen ansieht, “der sich an mich heranschleichen konnte, weil ich nicht das nötige Urteilsvermögen besaß, mit ihm zu rechnen.” (81) Immerhin landete sie dort bereits im zarten Alter von fünfzehn Jahren…

Ihre Kindheit war geprägt von bitterer Armut, verursacht durch die Sucht ihrer psychisch schwerkranken Eltern. Überall fühlte sie sich ausgestoßen aufgrund ihrer ärmlichen Erscheinung. Nach dem Selbstmord des Vaters landete sie in einem Heim und von dort aus auf der Straße. Die Obdachlosigkeit war für sie so schwer zu ertragen, dass ihr der Straßenstrich wie eine Erlösung vorkam. Er war ein “Aufstieg”, der ihr immerhin selbstverdientes Geld bescherte und damit ein eigenes Zuhause. Der nächste „Aufstieg“ war ein Platz im Bordell. Dort erkannte sie dann die “Freiheit” des Straßenstrichs, der ihr immerhin die Möglichkeit bot, dem Mann ins Gesicht zu schauen, bevor sie zu ihm ins Auto stieg. Sie konnte ihn ablehnen, was sie immer wieder tat, und das war im Bordell nicht mehr möglich. - Dort stehen die Sicherheit und Intimsphäre des Mannes im Vordergrund - nicht die der Frau.

Immerhin ist das Prostitutionsgeschäft - entgegen weiblicher Symbolisierungen - ein durch und durch männliches Gewerbe, was allgemein vertuscht wird. Hier kommen “einhundertachtzig männliche Prostituierer” auf “jede prostituierte Frau” (262). Stehen doch nach allgemeinen Berechnungen den 400 000 dieser Frauen Nacht für Nacht 1,2 Millionen Sex-Käufer gegenüber. Hinzu kommt auch noch ein eklatantes Machtgefälle zu Lasten der Frauen, die größtenteils von ihrer Verzweiflung in dieses Gewerbe getrieben werden, das ihnen dann als einzig praktikabler Ausweg aus ihrer sozialen Misere erscheint. Dass sie diese lediglich gegen die psychische Misere eintauschen, merken sie erst später.

Da Moran das ganze Elend der Prostitution an Leib und Seele erfahren hat, weiß sie, wovon sie schreibt und lehnt daher die Normalisierungs- und Legalisierungsforderungen ab, die in Irland noch in vollem Gange sind. In Deutschland führten sie bereits 2002 zu einem neuen Prostitutionsgesetz (ProstG) - einem der liberalsten Gesetze der Welt, gedacht, die rechtliche und soziale Lage der Prostituierten zu stärken und erkämpft von BefürworterInnen der Prostitution, die der Öffentlichkeit Sand in die Augen streuten. Ihre Verheißungen und Prognosen sollten sich im Nachhinein als illusionär herausstellen.

Da war zunächst die Behauptung, Prostitution sei “ganz normale Arbeit” - “Sexarbeit” eben, bei der erwachsene Menschen “in beiderseitigem Einvernehmen” miteinander Umgang haben. Dieser Darstellung widerspricht Moran vehement und warnt vor solcher Schönfärberei eines Gewerbes, in dem tagaus, tagein die Menschenrechte von Frauen und Minderjährigen missachtet werden - von ihrer Menschenwürde ganz zu schweigen. – Dabei würden nicht einmal die Prostituierten selbst mehrheitlich ihre Tätigkeit als “normalen Job” bezeichnen.

Auch die Verheißung einer Verringerung der Vergewaltigungsfälle durch das neue Gesetz bewahrheitete sich nicht. Das ist nach Moran auch gar nicht möglich, da Prostitution wie ein Magnet die körperliche Inszenierung männlicher Vergewaltigungsphantasien nur noch fördert und ihre Legalisierung daher niemals als präventiver Schutz “anständiger” Frauen wirken kann. Vielmehr bleibt nach Morans Beobachtung in diesem Bereich nichts wie es begonnen hat, sondern steigert sich stetig, so dass auch die Vergewaltigungsphantasien von Männern mit ihren entsprechenden Handlungen weiterhin zunehmen. Denn Vergewaltiger begnügen sich dann keineswegs mit dem Ausleben ihrer Phantasien bei Prostituierten.

Folglich kann Prostitution, in der immer ein Klima sexueller Dominanz vorherrscht, “von ihrem Wesen her Perversionen weder unterdrücken noch
eindämmen.” Sie kann “die Perversität sexueller Gewalt (...) nur nähren, bis sie auf den Rest der Welt losgeht” (308).

Auch der flächendeckende Zugang zu den Sozialkassen durch die Legalisierung der Prostitution, die nun nicht mehr als sittenwidrig gilt, wurde als enormer Fortschritt gepriesen, ging aber dennoch an den Bedürfnissen der Frauen vorbei. Bislang hat nur ein ganz geringer Bruchteil von ihnen davon Gebrauch gemacht; denn sie schrecken durchgängig davor zurück, sich mit der Anmeldung als Prostituierte zu outen. Und das gilt für das Finanzamt ebenso wie für die Sozialkassen. Einer staatlichen Fürsorge begegnen sie eher mit Misstrauen, zumal sie ja tagtäglich erfahren, dass das neue Gesetz ihnen gar nicht jene Verbesserungen bringt, die sie sich wünschen.

Profitiert haben davon lediglich die wenigen Selbständigen unter ihnen - vor allem jedoch die Käufer von Sex sowie die Bordellbesitzer. Sie ließen Bordelle wie Pilze aus dem Boden schießen und machten Deutschland zum “größten Puff Europas”, der Vater Staat mit enormen Steuereinnahmen versorgt.

In den ganzen Legalisierungskampagnen sieht Moran letztlich einen Versuch, den Kauf von sexuellen Dienstleistungen “reinzuwaschen” – und mit ihm die Käufer und Bordellbesitzer. Daher favorisiert sie das schwedische Modell, das zwar auch einige Schwächen aufweist, aber immerhin seit einigen Jahren den Kauf von Sex unter Strafe stellt, statt die Prostituierten zu diskriminieren oder gar zu bestrafen. Nicht sie sind nach schwedischer Auffassung das Problem, sondern die männliche „Kundschaft“, die das Gewerbe überhaupt erst erschafft und dann auch noch bestimmt. Funktioniert nicht auch die sonstige Wirtschaft nach dem Motto “Die Nachfrage bestimmt das Angebot”?

Den Absprung schaffte Moran im Alter von zweiundzwanzig Jahren nach siebenjährigen Erfahrungen in einem Milieu sexueller Nötigung und Gewalt, des umfassenden Missbrauchs und der Perversionen, der Erniedrigung und Entfremdung, der Ausbeutung und des eigenen Kontrollverlusts, der Täuschungen und Lügen, der Scham- und Schuldgefühle. Es gelang ihr, die erforderliche Schulbildung nachzuholen und ein Journalismus-Studium zu absolvieren, das ihrem gut lesbar geschriebenen Buch anzumerken ist.

Zu 2.:
FrauenbildEinen völlig anderen Blick auf das Thema Prostitution wirft die Journalistin Debora Höly in ihrem Buch “Nackte Tatsachen” - ein Titel, der dessen Inhalt widerspricht. Geht es ihr doch um Zahlen, mit denen sie die unterschiedlichen Darstellungen in den Printmedien offenlegt. Dazu kommen ausführliche und langatmige methodische Überlegungen. In beiden Fällen geht es aber weniger um die Fakten der Prostitution, die nur am Rande erwähnt werden, sondern um die Art ihre Präsentierung, darum “Wie deutsche Printmedien über Prostitution berichten”, wie es der Untertitel erläutert.- Aus der unmittelbaren Nähe zu diesem Thema bei Moran geraten wir hier also in eine empirische Distanz, die häufig als schmerzlich empfunden wird.

Dennoch ist diese Arbeit wichtig, da sich unsere Meinung ja bei diesem Thema nicht über eigene Erfahrungen bildet, sondern über das, was die Medien darüber berichten bzw. uns zukommen lassen.

Hier geht es also nicht um “nackte Tatsachen”, sondern um Meinungen, Wertungen und Urteile von JournalistInnen, deren Vorstellungen und moralische Urteile vielfach den eigentlichen Kern der Texte bilden oder auch nur mit einfließen.

Gleich zu Beginn des Buches eröffnet uns Höly ihre fehlende Bereitschaft, in ihrem Buch weibliche Sprachformen zu verwenden - aus “Gründen der Textökonomie”.

Diese Ökonomie aber hätte sie lieber auf ihre methodischen Überlegungen anwenden sollen, die immerhin die Hälfte des Buches ausmachen und bisweilen viel zu abstrakt und daher störend wirken.

Wer aus dem Mediengeschäft kommt, mag das anders sehen. Das Buch ist schon gespickt mit Tabellen und Abbildungen, die einen klaren Überblick über die Berichterstattung in den folgenden Medien zu diesem Thema liefern:

- zwei überregionale Tageszeitungen: Süddeutsche und taz,
- das Wochenmagazin Der Spiegel,
- zwei 14-tägig erscheinende Zeitschriften: Brigitte und Freundin,
- die feministische Zeitschrift Emma, die alle zwei Monate erscheint.

Die im methodischen Teil raumgreifend erörterten “Frames” als die jeweilige Perspektive, aus denen das Thema angegangen wird, konzentrieren sich auf vier Themenbereiche:

1. Prostitution als normale Erwerbstätigkeit, die mit 54% in den Spiegel-Beiträgen am häufigsten vorkommt, bei Emma dagegen mit 4,5% am seltensten.

2. Prostitution als Verletzung der Menschenwürde, die dementsprechend am häufigsten zu 95% in Emma und am seltensten in der taz zu 25% in den Blick genommen wird.

3. Prostitution und Moral, die wiederum am häufigsten in der Emma zu 23% und am seltensten in der Süddeutschen Zeitung zu nur 2% thematisiert wird.

4. Die Rolle des Staates gerät dabei der Emma mit 23% am häufigsten zur Sprache, am seltensten im Spiegel mit 4%.

Höly untersucht aber auch, inwieweit die Frauen selbst erwähnt werden, das geschieht immerhin in 96% der insgesamt 137 analysierten Artikel, von denen sie aber nur knapp zwei Drittel (60%) auch näher beschreiben, während sie in knapp einem Drittel auch zu Wort kommen (29,77%).

Diese Zahlen vergleicht Höly mit der Erwähnung der „Freier“. Obwohl sie eine überwältigende Mehrheit der am Prostitutionsgewerbe Beteiligten bilden, erwähnen sie nur 57,66% und lassen sie dabei in 16% der Artikel auch zu Wort kommen.

Ungemein deutlich wird in Hölys Untersuchung das horrende Gefälle zwischen den Beschreibungen der beiden Gruppen: Bei den Frauen, die als “heruntergekommen” oder aus “niedrigen sozialen Schichten” kommend beschrieben werden, tauchen folgende Attribute am häufigsten auf: „misshandelt“ (23%), „unfreiwillige Prostituierte“ (20%), „professionell“ und „selbständig“ (jeweils 16%), „minderjährig“ und „arm“ (jeweils 13%). Als „erfolgreich“ werden dagegen nur 6,7% beschrieben.

Das sieht auf Seiten der Sex-Käufer ganz anders aus. Sie werden erwähnt “als Kunden mit einem gehobenen sozialen Status. Dies lässt sie in einem positiven Licht erscheinen, da sie in der Gesellschaft gut angesehen sind.” (107)

Damit bestätigt Höly mit ihrer detaillierten Analyse im großen und ganzen für Deutschland, was Moran für Irland beschrieben hat. Sie zeigt aber auch, dass sich in den elf Jahre nach dem Inkrafttreten des neuen ProstG die Berichterstattung nicht nennenswert verändert hat. Was wiederum bedeutet, dass die damit rein juristische Abschaffung der „Sittenwidrigkeit“ weder in der Presse noch in der Bevölkerung einen Niederschlag gefunden hat. “Sittenwidrigkeit” bleibt an den Frauen und nicht an ihren Kunden hängen. Das aber ist ein Skandal, den nur Moran deutlich werden lässt.

August 2015
Christa Mulack


30.08.2015 | | Permalink

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Hedwig Dohm