Mittwoch, Juli 30, 2014

GAZA-Krieg

von Helke Sander

Dieser Krieg treibt einen um. Nicht nur mich. Es ist die tägliche Fassungslosigkeit nach der Tagesschau. Das geht nun schon eine Weile so und die Frage wird dringender, ob ich selber etwas tun kann. Wenigstens etwas gegen tendenziöse Darstellungen. Wenigstens versuchen, bei der Wahrheit zu bleiben und nur das als Tatsache hinzustellen, was auch eine ist. Darum konzentrierte sich mein Ärger schließlich auf eine Kolumne von Anetta Kahane in der Berliner Zeitung vom 20.7.14 „Der überladene Gaul“. Anlass zu der Kolumne waren eine oder zwei vorangegangene Demonstrationen in Berlin gegen den Krieg. Genau wird das allerdings nicht beschrieben.

Allerdings bekommt man durch den Artikel den Eindruck einer riesigen Demonstration aus „Linken, Rechten, Muslimen und vermeintlichen Antirassisten“ die sich einig seien im Hass gegen Juden.

Ich konnte mir diese Melange nicht recht vorstellen und habe nachträglich im Internet recherchiert, was die Berliner Zeitungen über die Demonstrationen geschrieben haben. Es handelte sich offenbar vor dem 20.7. um relativ kleine Demonstrationen, an denen auch Mitglieder der Partei „Die Linke“ teilgenommen haben, die später offenbar auf der Kundgebung das Parlament zur Rüstungskontrolle aufforderten und darauf hingewiesen haben, dass die BRD keine Waffen an kriegführende Länder ausführen darf. Im allgemeinen wurde der insgesamt friedliche Aspekt der Demo von ca. 300 Teilnehmern betont und kritisiert, dass sich am Ende der Demo ein paar gewalttätige Demonstranten anschlossen, die tatsächlich die bekannten rassistischen, zur Gewalt auffordernden und hier nicht zu wiederholenden Sprüche riefen.

Kahane aber erweckt den Eindruck, dass alle Demonstranten sowohl „Antisemiten, Israel-Hasser als auch Hamas-Verteidiger“ waren. Da sie keine Angaben macht zu Ort und Zeit der Demonstration, so dass das nach zu prüfen wäre, soll man einfach glauben, dass die Demonstranten sich „unter dem Mantel der terroristischen Hamas verstecken, um zu protestieren“.

Sie trägt damit dazu bei, die ohnehin so schwierige Situation zu verschärfen.

Was für ein Glück, dagegen,  im TAGESSPIEGEL vom 26.7. den Text von Mohamed Amjahid zu lesen „Vernünftige, ich kann uns nicht hören!“, der sich den Hass-und Beschuldigungsparolen jeder Seite entzieht und von den Muslimen, Atheisten, Juden, Christen unter Deutschen, Palästinensern, Arabern und Israelis erzählt, die in ihrer täglichen Praxis auf gegenseitige Verständigung bauen.

Interessant ist auch, dass die deutschen Zeitungen praktisch nichts von der inner-israelischen Opposition schreiben, die zwar inzwischen klein, aber hier und da doch vorhanden ist.

Der Historiker Moshe Zimmermann, Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem, sagt (heute.de vom 27.7.14) . “Wie immer im Krieg ist die Opposition gelähmt. Solidarität lässt die Kritik verstummen”. Oder man lese im Internet die Seite von Uri Avnery, wenn schon die Zeitungen nicht mehr über ihn berichten.

Was sowohl im sogenannten Gaza-Krieg als auch in der Ukraine immer mehr auffällt – nur nicht den offiziellen Medien –  ist Folgendes: mit der zunehmenden Ideologisierung und Radikalisierung der Konflikte nehmen die zur Gewalt bereiten Männer mehr und mehr Raum ein, während die Frauen verstummen, bzw. zum fast völligen Verstummen gebracht werden. Allenfalls werden harmlose Aufrufe von Prominenten verbreitet, wie von Woody Allen, der offenbar keinerlei Ahnung von Geschichte hat und in naiver Weise die Palästinenser auffordert, ein bisschen von ihrem Land abzugeben, damit beide, sie und die Israelis friedlich nebeneinander leben können. Von anderem Kaliber ist dagegen der von mir schon verschiedentlich in den vergangenen Jahrzehnten erwähnte Mr. Baroody aus Saudi Arabien (!), von dem nach seiner Rede vor der UN Vollversammlung im Sommer 1978 auch nichts mehr zu erfahren war. Er hat damals den verzweifelten ernsthaften Vorschlag gemacht, dass in ausweglos erscheinenden politischen Konflikten die männlichen Politiker zurücktreten sollten und ein Gremium von Müttern ab 40 Jahren aus den Konfliktparteien so lange diskutieren sollten, bis sie zu einer fairen Vereinbarung gekommen seien.

Helke Sander (©) Juli 2014


30.07.2014 | | Permalink

Seite 3 von 32  <  1 2 3 4 5 >  Letzte »

Seitenanfang

Hedwig Dohm