Sonntag, Oktober 19, 2014

Frauenfreundlich übersetzen - ein paar praktische Tipps

von Elisabeth Brock

Immer wieder spannend, sich Brot und Butter mit Übersetzen zu verdienen! Im Jahr 1993 (Oh Göttin, schon so lange her ... ) habe ich mich in das Abenteuer „freiberufliches Übersetzen“ gestürzt und seither das Gefühl, bei meiner Lieblingsbeschäftigung angekommen zu sein.

Ich bin, wie viele andere Frauen in diesem Beruf – und Frauen bilden hier das Gros und Fußvolk – eine Seiteneinsteigerin und habe über Umwege zum Übersetzen gefunden. Von einer Fachfrau-Freundin ermutigt, die mir, nachdem sie meine ersten Versuche gelesen hatte, versicherte: „Du kannst das!“, habe ich mich mit der Selbstsicherheit einer Anfängerin hartnäckig bei verschiedenen Verlagen beworben. Kaum sind zwanzig Jahre vergangen, kann ich sagen, dass ich mich als Autodidaktin ganz gut etabliert habe, dass jeder Tag, den ich übersetzend an der Compute verbringen kann, ein glücklicher ist und mir das freischaffende, allein schaffende, selbstständige Dasein sehr gut bekommt.

Meine englischen, französischen und vor allem spanischen Sprachkenntnisse habe ich in vielen Auslandsjahren – erst als Au-pair-Mädchen, dann als Pflegefachkraft, schließlich als Familienhausfrau – mal gezielt mal nebenbei erworden, das Jonglieren mit dem Deutschen war von jeher mein Talent und meine Freude. Ich übersetze, was mir die Verlage anbieten: Belletristik, Sachbücher, Krimis und – das ist aufgrund meines erlernten Berufs meine Nische und mein Schwerpunkt – Pflegefachliteratur. Einen meiner ersten Aufträge bekam ich übrigens vom Verlag Frauenoffensive; manchmal funktioniert es, das „Old Girls Network“!

Als sprachbewusste Feministin oder feministische Spracharbeiterin habe ich den Ehrgeiz, „gerecht“ zu sprechen und zu schreiben, d. h. Frauen sprachlich jederzeit sichtbar zu machen oder zumindest geschlechtsneutral zu formulieren. Besonders bei Pflegethemen packe ich meine Trickkiste aus, um weder die Sprache noch die Leserschaft mit diesem Anspruch zu quälen. Am liebsten drücke ich mich einfach symmetrisch aus (Bürgerinnen und Bürger) – soviel Zeit und Platz muss sein – und umgehe damit die unschöne Schrägstrichlösung, das Binnen-I (Bürger/innen, BürgerInnen) und andere irritierende Auswege. Um nicht mit Patienten und Patientinnen zu langweilen, spreche ich oft von Kranken, Pflegebedürftigen, von Menschen, die pflegerische Unterstützung brauchen oder kranken Menschen. Aus den Krankenschwestern sind längst Pflegefachkräfte geworden, auch mit professionellen Helferinnen und Helfern, Fachkräften aus Medizin und Pflege, mit den in Heil- und Gesundheitsberufen tätigen Fachpersonen komme ich recht weit – kommt man/frau sehr weit, oder gar mensch sehr weit? Manchmal helfen auch die Klientel, die Kundschaft, die Beschäftigten und Angestellten aus. Die Putzfrauen habe ich zugunsten von Reinigungskräften ganz abgeschafft. An der Arzt-Patient-Beziehung allerdings rüttle ich nicht.

Weshalb nicht nur im Sport, auch im Gesundheitsbereich immer noch von der Mannschaft, gar krampfhaft von Mann-/Frauschaft die Rede ist und nicht vom wirklich praktischen Team, ist mir ein Rätsel. Kommen in einem Fachtext Bibelzitate vor, greife ich selbstverständlich zur Bibel in gerechter Sprache, die 2006 erschienen ist. Dann gibt es eben Hirtinnen und Hirten auf dem Felde und Männer und Frauen aus Galiläa.

Wie die Verlage, für die ich arbeite, auf meine Bemühungen um die gerechte Sprache reagieren? Nun, auch in den Lektoraten gibt es ein Bewusstsein für den feministisch inspirierten Sprachwandel, weshalb meine Formulierungen und sprachliche Kreativität toleriert, ja sogar geschätzt werden.

Generell wird in den Medien ja verstärkt geschlechtsneutral oder symmetrisch geschrieben und gesprochen, besonders stringent in der Schweiz, was mir immer angenehm auffällt. Für viele gebietet es einfach die Höflichkeit, für manche, besonders in der Politik, die Klugheit, auch die weiblichen Formen zu verwenden. In einem Sportartikelkatalog begegnete ich kürzlich gar dem Ein-Frau/Ein-Mann-Zelt! Weshalb wird nicht schlicht ein Ein-Personen-Zelt angeboten? Dass wir zunehmend einer Sprache begegnen, die harmonisch klingt und selbstverständlich beide Geschlechter benennt, ist wohltuend und das Ergebnis unserer jahrzehntelangen, oft als Nerverei empfundenen Bemühungen ... Trotzdem: Es gibt noch zu tun, wie ich erst heute bei der Lektüre der Allgäuer Zeitung festgestellt habe, die berichtet, ich sei zum ehrenamtlichen Richter gewählt worden. Und dann gibt es noch Freundinnen, die hemmungs- und gedankenlos Männersprache praktizieren und pikiert reagieren, wenn ich meinen Mund nicht halten kann und sie darauf aufmerksam mache.

Am liebsten ist mir die spielerische, humorvolle, bunte Version dieser Wühlarbeit. (Wie sich LGTB-Personen, also Lesbian-Gay-Trans-Bisexual-Persons, sprachlich integrieren lassen, das übersteigt allerdings auch meine Phantasie.)

Danke, Luise F. Pusch und Senta Trömel-Plötz, ihr mutigen linguistischen Vordenkerinnen!

Im Moment muss ich mich wieder aktiv um einen neuen Übersetzungsauftrag bemühen, Akquise heißt diese ungeliebte Beschäftigung. Schließlich bin ich zwar alt aber noch nicht reich, weshalb ich weiter meiner Lieblingsbeschäftigung frönen muss und will. Immer spannend ... siehe oben.


Kempten, Oktober 2014

Übersetzen ist keine brotlose Kunst, aber manchmal fehlt es an der Marmelade (Isabel Hessel)


19.10.2014 | 7 Kommentare | | Permalink

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Hedwig Dohm