Samstag, November 30, 2013

Brief an Doris Lessing, von Helke Sander

Vorbemerkung von Luise F. Pusch:
Die deutsche Regisseurin und Schriftstellerin Helke Sander schickte am 10. September 2013 einen Brief an Doris Lessing, für den sie 40 Jahre gebraucht hatte. Ob Doris Lessing, die zwei Monate später starb, ihn noch bekommen und gelesen hat, ist (bisher) nicht bekannt. Aber ich durfte ihn lesen und finde ihn so schön und wichtig, dass ich Helke überredet habe, ihn auf FemBio zu veröffentlichen.
Kurz bevor ich ihn zu lesen bekam, las ich Margaret Atwoods Nachruf auf Doris Lessing im Guardian - die Parallelen sind verblüffend. Atwood und Sander sind fast gleichaltrig, und Doris Lessings “Golden Notebook” traf sie mit ähnlicher Wucht. Beide verdanken ihr und nicht Simone de Beauvoir ihr feministisches Erwachen.

Helke Sanders jüngstes Buch “Der letzte Geschlechtsverkehr” gibt es inzwischen als Taschenbuch bei btb. Zugreifen - ein tolles Weihnachtsgeschenk, für Euch selbst und für andere. Hier meine Rezension dazu.

10.9.2013

Liebe Doris Lessing,

dies soll nun endlich der Brief werden, den ich 1964 (kein Schreibfehler)  zum ersten Mal begonnen hatte. Damals wollte ich mich für Ihr Buch bedanken, aber auch genauer beschreiben, warum. Das scheiterte dann daran, dass mein Englisch nicht gut genug war, um die Wirkungsgeschichte des „Goldenen Notizbuchs“ auf mich auszudrücken, ohne Sie gleichzeitig mit Intimitäten aus meiner Lebensgeschichte zu belästigen. Ich wollte mich würdig erweisen und das hieß, dass ich auch etwas mitzuteilen haben müsste - und das schien mir damals noch zu dürftig. Allerdings habe ich mein Vorhaben, Ihnen einen Brief zu schreiben,  nie aufgegeben. Nun bin ich selber alt und denke, wann, wenn nicht jetzt soll es denn nun geschehen.

Ich schreibe nun deutsch. Vor einiger Zeit nämlich habe ich auf einem Krabbeltisch bei der Einkaufskette REWE Ihre Rückerinnerungen von 1949 bis 1962 „Walking In The Shade“ gefunden und gelesen, und da ist mir erst klar geworden, dass Sie durch Ihre Ehe mit G. Lessing vermutlich Deutsch verstehen und ich Ihnen deshalb auch deutsch schreiben kann, weil meine Hemmungen, mich englisch auszudrücken, sich auch in den 49 Jahren seither nicht gelegt haben.

Aber keine Angst, es soll für Sie unterhaltsam werden, auch wenn ich möglicherweise ein wenig ausufere.

Winter 1963 oder Anfang 1964 also. Ich war damals 27 und eine Theater-und Fernsehregisseurin in Helsinki. Dort lernte ich Joan Littlewood kennen, die in Finnland über ihr Theater sprach, was mich derart begeisterte, dass ich unbedingt mit und bei ihr arbeiten wollte, in welcher niederen Funktion auch immer. Ich war dann auch als „Mädchen für alles“ für ihre Produktion von „Henry IV“ für die Edinburgher Festspiele 1964 dabei. Zurück in Finnland hatte ich das dringende Bedürfnis, mein Englisch zu verbessern. Die Bahnhofsbuchhandlung in Helsinki war vermutlich in Europa damals der einzige Ort, in der man fremdsprachige Bücher im Original kaufen konnte. Sie hatten sogar schon die damals neuen bunten Taschenbücher auf drehbaren Ständern. Dorthin ging ich, um mir einen englischsprachigen Kriminalroman zu kaufen, weil ich dachte, das sei am einfachsten, um die Sprache besser zu lernen. Unter diesen Taschenbüchern stand auch „The Golden Notebook“, für das ich mich entschied. Ihr Name sagte mir damals nichts. Aber ich dachte, im Krimi einer Frau wird es vermutlich weniger um Schießereien gehen, sondern eher um Verbrechen, die mehr mit dem Alltagsleben zu tun hatten. Ich wollte ja besser Englisch sprechen lernen, und darum fiel meine Entscheidung auf dieses Buch.

Nun, es traf mich ins Herz. Die Lektüre ging langsam, immer mit dem Wörterbuch daneben. Diese Gemengelage: Mutter, Künstlerin, Bürgerin, Geliebte, Ehefrau aus der Perspektive einer Frau, die ihre verschiedenen Interessen und Aufgaben in 24 Stunden am Tag unterzubringen hoffte, war von mir noch nie vorher gehört oder irgendwo anders gelesen worden. Damals wurde mir bewusst, dass hier wirklich etwas Neues vor mir lag. Vorher konnte ich mich in der Literatur und im Leben mit dem Freiheitsdrang und den Widersprüchen von Männern identifizieren und ihre Konflikte halbwegs auf mich übertragen. Aber in dieser Literatur spielten Kinder nach meiner Erinnerung z.B. nie eine Rolle. Das hat mich besonders beeindruckt, weil mein Ehemann Markku Lahtela - damals auch ein junger Schriftsteller und Übersetzer aus dem Amerikanischen und Russischen - gerade Jack Kerouac ins Finnische übersetzte.  Mir wurde bedeutet, dass die Abenteuerlust von Kerouac nur Männern, aber nicht Frauen zustehe und ich mich also nicht mit seinen Ausbruchsversuchen zu identifizieren habe. Da schien mir doch „The Golden Notebook“ sehr viel differenzierter, vielschichtiger und mit einem weiter gefassten Begriff von Abenteuer.

Ihr Buch jedenfalls gab mir Halt und half mir, meine vielen Konfikte zu zerlegen und ernst zu nehmen als Regisseurin, Mutter eines 5-jährigen Sohnes, als Ehefrau und Bürgerin in einem neuen Land mit neuer Sprache und verstrickt in sehr viele konkrete geldliche und emotionale Probleme.

1965 verließ ich Finnland mit Kind und Ihrem Buch im Gepäck. Ich trennte mich von meinem Mann und wollte zunächst ein Theater in Berlin eröffnen. Außerdem hatte ich als ständige Begleitung den Wunsch, Ihnen zu schreiben. Aber was sollte ich schreiben, damit Sie auch ein wenig Freude an dem Brief hätten?

Ich dachte nächtelang, monatelang, jahrelang immer wieder darüber nach. Immerhin machte ich 1965 zumindest etwas Praktisches: Ich schrieb an ein paar deutsche Verlage, deren Adressen ich aus den Telefonbüchern suchte, um denen Ihr Buch ans Herz zu legen und sie zu bitten, das Buch ins Deutsche übersetzen zu lassen. Ich erinnere mich nur noch an den Hanser-Verlag, weil der der einzige war, der mir antwortete, sich für den Vorschlag bedankte, ihn aber nicht befolgen wollte.

Ihr Buch erschien erst mehr als zehn Jahre später Ende der siebziger Jahre auf Deutsch und wurde von Iris Wagner übersetzt, die wiederum 1971 bei meinem Film „Eine Prämie für Irene“ Regieassistentin war. Von ihrer Übersetzungsarbeit erfuhr ich allerdings erst, als die Arbeit fast fertig war. Eine kleine Reverenz an Ihr Buch taucht dann noch in meinem Film „der subjektive faktor“ von 1981 auf, in dem die Hauptdarstellerin in einer Szene darin liest.

Ihr Buch begleitete mich weiterhin, bzw. bald mehr der Druck, diesen Brief nun endlich zu schreiben. Aber wie ich das machen sollte, erschien mir immer schwieriger, ich hatte keine Zeit für irgend etwas außer der Reihe, schon wegen der Geldprobleme, die zu wahnsinnig langen Arbeitstagen führten. Ich suchte vernünftige Kindergärten und Schulhorte, war involviert in die sich entwickelnde Studentenbewegung, die wegen der vielen neuen Fragen aufregend und zeitraubend war. Am schwierigsten war die Frage, wie bewältige ich das Leben mit Beruf und Kind und wie kriege ich eine Wohnung.  – Kommunen waren erst im Entstehen und mehr aus Not als aus Überzeugung wurde ich dann Bewohnerin einer der frühen Kommunen in Berlin.  Abgesehen davon, dass es äußerst schwierig war, überhaupt einen Platz in einer öffentlichen Einrichtung zu finden, fand ich diese Kindergärten und Schulhorte entsetzlich. Mein geschiedener Mann hatte damals schon das Buch „Summerhill“ ins Finnische übersetzt, und ich beschloss, mir diese Einrichtung mal an Ort und Stelle anzusehen. (England spielte also eine große Rolle auf verschiedenen Ebenen für mich). Ich lieh mir Geld, um nach London zu reisen und wohnte bei einem finnischen Dichter, Anselm Hollo, um von dort nach Summerhill zu fahren und evtl. dort meinen Sohn anzumelden und zu hoffen, dass man irgendwoher ein Stipendium bekommen könne. In der Nacht quälte mich der Gedanke, wie pervers es doch sei, das Land wechseln zu müssen, um ein Kind vernünftig zu versorgen und selber dann so weit entfernt zu leben – und das nach dem Länderwechsel von Finnland nach Deutschland. Ich beschloss also, dass es das nicht sein könne und fuhr wieder zurück, ohne Summerhill angesehen zu haben. In Berlin versuchte ich den SDS (Sozialistischen Deutschen Studentenbund) und vor allem die Frauen in der Organisation zu einer Kinderselbsthilfe anzuregen, aber ohne Erfolg. Im Zusammenhang mit der studentischen Anti-Springer-Kampagne lernte ich im Dezember 1967 eine andere Frau kennen, Marianne Herzog, und wir verteilten im Januar 1968 Flugblätter nur an Frauen, die zu einem Treffen aufriefen, zu dem auch noch im Januar ca. 100 Frauen kamen, und am Ende des ersten Treffens hatten wir fünf der später so berühmten und berüchtigten und sich sehr vervielfältigenden „Kinderläden“ gegründet. So wie manche das Mao-Buch als Leitfaden hatten, las ich immer mal wieder in Ihrem Buch, um mir Mut zu machen.

Aus diesem Treffen entstand der „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen“, was die Kernzelle der neuen deutschen Frauenbewegung war.

Nun hätte ich etwas an Sie zu schreiben gehabt, aber dazu fehlte mir nun die Zeit. Vor allem, weil ich dachte, ich muss es Englisch machen.

Durch Sie habe ich mir bewusst gemacht, dass Frauen, die sich mit vielfältigen Problemen herumschlagen, die sonst nur mit Männern assoziiert wurden, keine Irren sind, sondern ein Recht auf Kompliziertheit haben.

Ich habe irgendwann in dieser Zeit nach dem ersten Lesen des „Golden Notebook“ auch „Le Deuxième Sexe“ von Simone de Beauvoir gelesen. Obwohl ich es auch wichtig finde, hat es für mich doch nie die Komplexität erreicht, die Sie aufgeschlüsselt haben. Die ganze schwierige Geschichte, Kinder haben zu wollen und sie nicht durchbringen zu können, sie nicht haben zu wollen und sie zu bekommen, sie haben zu wollen, aber ohne mit dem Erzeuger leben zu wollen, die Verantwortung selber zu übernehmen usw. usw.  das alles, was ein so wesentlicher Bestandteil von Frauenleben ist, fehlt bei ihr. Und abgesehen davon, hat sie sich natürlich etwas vorgemacht, wenn sie schreibt, dass es immer einen gleichberechtigten Austausch mit Sartre gab und ein gleiches Begehren. Aber in Deutschland hatte ihr Buch größeren Einfluss als „The Golden Notebook“ – mit allen Folgen der Dogmatisierung der Frauenbewegung. Leider.

Sehr verehrte Doris Lessing. ich wünsche ihnen alles Gute. Ich hoffe, dass Sie einigermaßen gesund sind und Ihren Nobelpreis noch genießen können.

Sehr herzlich, Ihre

Helke Sander


30.11.2013 | | Permalink

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Hedwig Dohm