Christiane Nüsslein-Volhard

(Prof. Dr. Dr. h.c. Christiane Nüsslein-Volhard; Christiane Volhard [Geburtsname]; CNV [in Fachkreisen gebräuchliche Abkürzung])

geboren am 20. Oktober 1942 in Heyrothsberge bei Magdeburg

deutsche Biologin, Nobelpreisträgerin für Physiologie oder Medizin 1995
70. Geburtstag am 20. Oktober 2012


BiografieZitateWeblinksLiteratur & QuellenBildquellen


Biografie

»Ich will verstehen, wie das Leben funktioniert.« Schon als Zwölfjährige kennt sie alle Blumen, Büsche und Bäume im Garten und weiß mit Bestimmtheit, dass sie mal Naturforscherin werden wird. Christiane Volhard wird als zweites von fünf Kindern nahe bei Magdeburg geboren. Die Eltern arbeiten als Kindergärtnerin und Architekt. In den Nachkriegswirren sucht die Familie Zuflucht beim Großvater in Frankfurt am Main. Auf dem Bauernhof der Großmutter mütterlicherseits beginnt Christiane sich für Tiere zu interessieren. Die Eltern unterstützen diese Begeisterung und schenken ihr das Buch Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen von Konrad Lorenz. Später, bei der Abiturfeier, wird sie ein Referat über »Sprache bei Tieren« halten.

Christiane besucht ein Mädchengymnasium (Schillerschule, Frankfurt) mit naturwissenschaftlichem Zweig, wo es nicht seltsam anmutet, wenn ein Mädchen gut in Mathe und Chemie ist. Nach dem Abitur 1962 immatrikuliert sie sich für Biologie, Physik und Chemie an der Universität Frankfurt. Gleich in der ersten Stunde Physiologie ist sie schockiert, als der Professor einem lebenden Frosch den Kopf abschneidet. Sie geht nie wieder in dessen Veranstaltung.

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Auf einer der Institutspartys lernt Christiane den Physikstudenten Volker Nüsslein kennen. Noch während des Studiums heiraten die beiden. Als sie erfährt, dass in Tübingen der Studiengang Biochemie neu eingerichtet wird, wechselt sie dorthin und schließt ihr Studium 1969 mit dem Diplom ab. Anstatt es nun mit der Karriere auf sich beruhen zu lassen und sich mehr auf ein Familienleben einzurichten, arbeitet sie am Tübinger Max-Planck-Institut für Virusforschung an ihrer Dissertation und bringt es in den folgenden Jahren auf sechs wissenschaftliche Veröffentlichungen. In der Ehe aber kommt es zu Krisen; sie wird 1977 nach zehn Jahren geschieden.

Nach ihrer Promotion 1973 sucht sie nach einem interessanten Forschungsgebiet und vor allem nach einem geeigneten Versuchsobjekt. Dabei stößt sie auf die Fruchtfliege Drosophila melanogaster. Mit einem Stipendium am Biozentrum Basel und anschließend an der Universität Freiburg im Breisgau kann sie ihren Fliegenexperimenten nachgehen. 1978 bewirbt sie sich am Europäischen Molekularbiologischen Laboratorium in Heidelberg, aber erst beim zweiten Anlauf wird sie genommen. Der Leiter des Instituts, der britische Nobelpreisträger John Kendrew, hält nicht viel von Frauen in der Wissenschaft. Mit Eric F. Wieschaus, einem US-amerikanischen Embryologen, und einer Assistentin teilt sie sich einen 20 m2 kleinen Raum, der vollgestopft ist mit Fliegenkäfigen, Schreibtischen und einem Doppelmikroskop.

Ihr Forschungsgegenstand sind vor allem Mutanten der Drosophila – Tiere, die sich nicht normal entwickeln, sondern als Folge von Gendefekten körperliche Veränderungen aufweisen. Im Labor können solche Gendefekte künstlich herbeigeführt werden. Christiane Nüsslein-Volhard und Eric F. Wieschaus erhalten erste Hinweise darauf, welche Gene für die Bildung der einzelnen Körpersegmente verantwortlich sind. Daraus ergeben sich neue Fragen: Wenn in jeder Körperzelle alle Gene, d.h. der gesamte Bauplan für ein Lebewesen, enthalten sind, woher »weiß« diese Zelle dann, wo am Körper sie sich befindet – und ob aus ihr Augen, Fühler, Flügel oder Beine werden sollen?

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Die beiden Forschenden weisen nach, dass die einzelnen Gene bestimmte Funktionen übernehmen und dass für deren Steuerung Signalsubstanzen verantwortlich sind, die in einer festgelegten Reihenfolge und Konzentration aktiv werden. Für diese Erkenntnis werden sie 1995 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet – Nüsslein-Volhard als bis dahin erst sechste Frau unter 156 Männern.

Aber noch ist es nicht soweit: 1985 wird sie zuerst einmal eine von fünf Direktorinnen am Tübinger Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie, als zweite Frau unter etwa 200 Männern innerhalb der gesamten Max-Planck-Gesellschaft. Was das bedeutet, wird ihr erst später klar: Kein Direktor vor, neben oder nach ihr hat eine so magere Ausstattung an Stellen, Platz und Geld wie sie. Und zur Jahresversammlung der Max-Planck-Gesellschaft wird ihr das »Damenprogramm« zugeschickt.

Das alles ändert sich, als sie einen Preis nach dem anderen erhält und Ehrendoktorwürden renommierter Universitäten; dazu das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse sowie das Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband – und natürlich den Nobelpreis. Ihr wissenschaftliches Interesse hat sich mittlerweile dem Zebrafisch zugewandt. Sie will herausfinden, ob ihre Erkenntnisse zur Embryonalentwicklung bei Fliegen auf Wirbeltiere übertragbar sind.

2001 wird Christiane Nüsslein-Volhard in den Nationalen Ethikrat der Bundesregierung berufen. Dort vertritt sie eine Forschungsprojekten offen zugewandte, liberale Haltung zur Gentechnologie.

Zur Unterstützung junger Doktorandinnen in den experimentellen Naturwissenschaften und der Medizin gründet sie 2004 die Christiane-Nüsslein-Volhard-Stiftung, die finanzielle Zuschüsse für Kinderbetreuung und Hilfe im Haushalt gewährt.

 

Christine Schmidt

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Zitate

»Sobald eine Frau Erfolg hat, wird behauptet, das gehe auf Kosten ihrer Menschlichkeit.«

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Links

CNV Stiftung
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The Nobel Prize in Physiology or Medicine 1995. Mit (Auto-)Biografie, Nobelpreisrede, Interview…
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AcademiaNet: Prof. Dr. Dr. h.c. Christiane Nüsslein-Volhard. Kurzvita und Ausbildung, Ausgewählte Veröffentlichungen; Ausgewählte Projekte; Mitgliedschaften in Gremien und Jurys
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Behrend, Till (2008): Interview: »Die setzen auch Menschenleben aufs Spiel«. Focus online, 24.11.2008.
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DNB, Katalog der Deutschen Nationalbibliothek: Christiane Nüsslein-Volhard. Bücher und Medien.
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Flitner, Bettina: Portraits Nüsslein-Volhard
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Frodl, Christian: Info- und Protestseite zum Nationalen Ethikrat: Portrait Christiane Nüsslein-Volhard. Mit Links zu Texten (Liste leider nicht aktuell, viele tote Links).
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Max Planck Institute for Developmental Biology: Lebenslauf Christiane Nüsslein-Volhard. Mit Links zu Artikeln (PDF-Format).
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Perlentaucher: Christiane Nüsslein-Volhard. Rezensionen.
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Probst, Ernst (2002): Die Gene der Taufliege. Vor 60 Jahren geboren: Deutschlands erste Nobelpreisträgerin für MedizinKultura-Extra, das Online-Magazin.
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Rubner, Jeanne (2008): Christiane Nüsslein-Volhard im Interview: »Klassischer Konflikt«. Wirtschaftswoche, 01.09.2008.
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Spiegel online: Christiane Nüsslein-Volhard. Alle Artikel und Hintergründe
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Wunderlich, Dieter (2006): Christiane Nüsslein-Volhard (Biografie)
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Zeit online: Christiane Nüsslein-Volhard: aktuelle Nachrichten und Informationen zur Person
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Literatur & Quellen

Kazemi, Marion (Hg.) (2006): Nobelpreisträger in der Kaiser-Wilhelm-/Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften. Berlin. Archiv zur Geschichte der Max-Planck-Gesellschaft; Archiv zur Geschichte der Max-Planck-Ges. (15) ISBN 3-927579-15-7.
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Nüsslein-Volhard, Christiane (1974): Zur spezifischen Protein-Nukleinsäure-Wechselwirkung. Die Bindung von RNS-Polymerase aus Escherichia coli an die Replikative-Form-DNS des Bakteriophagen fd und die Charakterisierung der Bindungsstellen. Dissertation (Fachbereich Biologie). Tübingen. Universität.
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Nüsslein-Volhard (Hg.) 2000 – Of fish, fly

Nüsslein-Volhard 2002 – Ein Ei gleicht dem anderen

Nüsslein-Volhard 2003 – Wann ist der Mensch

Nüsslein-Volhard, Christiane (Hg.) (2000): Of fish, fly, worm and man. Lessons from developmental biology for human gene function and disease ; with 5 tables. Berlin, Heidelberg, New York, Barcelona, Hong Kong, London, Milan, Paris, Singapore, Tokyo. Springer. (Ernst Schering Research Foundation workshop, 29) ISBN 3-540-66324-X.
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Nüsslein-Volhard, Christiane (2002): Ein Ei gleicht dem anderen - wie werden wir verschieden?
In: Lessl, Monika (Hg.): Die Architektur des Lebens - über Gene, Organismen und Personen. Symposium anläßlich des 10-jährigen Bestehens der Schering Forschungsgesellschaft, November 2001. Berlin [u.a.]. Springer (10). ISBN 3-540-43881-5 S. 73–92
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Nüsslein-Volhard, Christiane (2003): Wann ist der Mensch ein Mensch? Embryologie und Genetik im 19. und 20. Jahrhundert. Heidelberg. Müller. (C. F. Müller Wissenschaft, 253) ISBN 3-8114-5117-0.
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Nüsslein-Volhard 2004 – Das Werden des Lebens

Nüsslein-Volhard 2004 – Von Genen und Embryonen

Nüsslein-Volhard 2006 – Mein Kochbuch

Nüsslein-Volhard, Christiane (2004): Das Werden des Lebens. Wie Gene die Entwicklung steuern. München. Beck. ISBN 3-406-51818-4.
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Nüsslein-Volhard, Christiane (2004): Von Genen und Embryonen. Stuttgart. Reclam. (Reclams Universal-Bibliothek, 18262) ISBN 3-15-018262-X.
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Nüsslein-Volhard, Christiane (2006): Mein Kochbuch. Einfaches für besondere Anlässe. Christiane Nüsslein-Volhard. Mit Ill. von Susanne Baumgarten. 1. Aufl. Unter Mitarbeit von Susanne Baumgarten. Frankfurt am Main, Leipzig. Insel. ISBN 3-458-06880-5.
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Nüsslein-Volhard, Bairlein (Hg.) 2009 – Wachstum: Eskalation

Nüsslein-Volhard, Dahm 2002 – Zebrafish


Nüsslein-Volhard, Christiane und Bairlein, Franz (Hg.) (2009): Wachstum: Eskalation, Steuerung und Grenzen. Verhandlungen der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, 125. Versammlung, 19. - 22. September 2008 in Tübingen. Stuttgart. Thieme. (125) ISBN 978-3-13-150711-2.
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Nüsslein-Volhard, Christiane; Dahm, Ralf (2002): Zebrafish. A practical approach. Includes bibliographical references. 1. Aufl. Oxford u.a. Oxford Univ. Press. (The practical approach series, 261) ISBN 0-19-963809-8.
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Quellen

Hildebrandt 2009 – Christiane Nüsslein-Volhard

Nüsslein-Volhard 2004 – Das Werden des Lebens

Rauch 1997 – Verstehen, wie das Leben funktioniert

Hildebrandt, Irma (2009): Christiane Nüsslein-Volhard. Erster Nobelpreis für eine deutsche Naturwissenschaftlerin.
In: Hildebrandt, Irma: Frauen setzen Akzente. Prägende Gestalten der Bundesrepublik. 1 Aufl. München. Diederichs. ISBN 978-3-641-03163-3 S. 153–171.
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Nüsslein-Volhard, Christiane (2001): Wann ist ein Tier ein Tier, ein Mensch kein Mensch? Eine wunderbare Symbiose: Die Befruchtung ist nur der halbe Weg zur Entwicklung des Individuums. Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.), 02.10.2001. Max Planck Institute for Developmental Biology.
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Nüsslein-Volhard, Christiane (2004): Das Werden des Lebens. Wie Gene die Entwicklung steuern. München. Beck. ISBN 3-406-51818-4.
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Rauch, Judith (1997): Verstehen, wie das Leben funktioniert: Christiane Nüsslein-Volhard.
In: Kerner, Charlotte (Hg.): Madame Curie und ihre Schwestern. Frauen, die den Nobelpreis bekamen. Weinheim. Beltz & Gelberg. ISBN 3-407-80845-3 S. 386–418
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Schwarzer, Alice (2001): Die Nobelpreisträgerin.
In: EMMA, 5/2001. S. 98–107.

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Bildquellen

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Hedwig Dohm