Constanze Hallgarten

(Constanze Wolff [Geburtsname])

geboren am 12. September 1881 in Leipzig
gestorben am 25. September 1969 in München

deutsche Pazifistin, Frauenrechtlerin
130. Geburtstag am 12. September 2011


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

Für Familie und Haushalt interessiert sie sich nicht besonders. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs wird der Kampf für Frieden und Frauenrechte zu ihrem Lebensinhalt, und sie muß sich als „jüdische Salonbolschewistin aus dem Ghetto von Bogenhausen“ beschimpfen lassen. Dabei war sie kurz zuvor, 1916, noch für „besondere Verdienste an der Heimatfront“ mit dem Bayerischen Ludwigskreuz ausgezeichnet worden.

Constanze Wolff wird als ältestes von drei Kindern in eine reiche Leipziger Bankiersfamilie geboren. Ihre Mutter Philippine Wolff-Arndt ist eine für diese Zeit sehr emanzipierte Frau. Sie hat eine Ausbildung als Malerin absolviert, ist im Vorstand des Leipziger Künstlerinnenvereins und später die Vorsitzende der Leipziger Ortsgruppe für Frauenstimmrecht. Trotz Ehe und Familie führt sie ihre Tätigkeit als Malerin und das gesellschaftspolitische Engagement fort. Damit ist sie Vorbild für die einzige Tochter, die später ebenfalls die politische Arbeit über „Frauenangelegenheiten“ setzen wird. Constanze besucht die Servièresche Höhere Mädchenschule, wo sie zu eigener, unabhängiger Meinungsbildung ermuntert wird. Von den Eltern wird sie wie ihre Brüder musikalisch gefördert.

1900 heiratet sie den wohlhabenden Juristen und Philosophen Robert Hallgarten, zu dem sie nach München zieht. Das Paar bewohnt eine Villa im vornehmen Herzogpark in Bogenhausen; die beiden Söhne Wolfgang und Richard (Ricki) werden 1901 und 1905 geboren. In der Nachbarschaft wohnen Thomas Mann und Bruno Walter, mit deren Familien sie befreundet sind. Trotz ihres gehobenen Lebensstils registriert Constanze Hallgarten die sozialen Mißstände in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg sehr wohl. Im Gegensatz zu den meisten Damen der Gesellschaft verfolgt sie die politischen Ereignisse aufmerksam. Da sie zudem für die Gleichberechtigung und das Frauenwahlrecht eintritt, gilt sie in ihren Kreisen als etwas exzentrisch. Über ihre Mutter lernt sie Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann kennen, deren radikalem Flügel der Frauenbewegung sie sich anschließt.

Nach Kriegsbeginn engagiert sich Hallgarten zunächst karitativ. Bei sich zu Hause richtet sie eine Heimarbeitsabgabestelle für notleidende Frauen ein, organisiert Kleiderspenden für die Front und versorgt in ihrem Garten verwundete und versehrte Soldaten mit Mahlzeiten. Allmählich weicht die anfänglich patriotische Haltung einer Ernüchterung. Ab 1917 beteiligt sie sich am Aufbau der Münchner Ortsgruppe des „Internationalen Frauenausschusses für den dauernden Frieden“, später „Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit“ (IFFF), deren Vorsitzende sie von 1919–33 wird, und korrespondiert mit Frauen auch im verfeindeten Ausland. Nach dem Krieg wird sie aufgrund ihrer pazifistischen Vorträge und Zeitschriftenartikel – unter anderem klärt sie über den Giftgaskrieg auf – in München zur öffentlich bekannten Person, die wegen ihrer pro-republikanischen und antimilitaristischen Haltung nicht nur bei den Rechten, sondern auch bei bürgerlichen Konservativen auf Ablehnung stößt. Während des Hitlerputsches 1923 wird ihr Haus von Hitleranhängern gestürmt, die sie abholen wollen: Sie steht auf der „Schwarzen Liste“ zu beseitigender Personen. Zufällig ist sie nicht zu Hause und entgeht so ihren Verfolgern.

1931 gründet Constanze Hallgarten die deutsche Sektion des „Weltfriedensbundes der Mütter und Erzieherinnen“. Ihr Appell an die Mütter aller Schichten, die Kinder zur Gewaltlosigkeit und Völkerverständigung zu erziehen, wird u.a. von Käthe Kollwitz, Vicki Baum, Annette Kolb und Katia Mann unterzeichnet. Nach nur anderthalb Jahren hat der „Weltfriedensbund“ in Deutschland 10.000 Mitfrauen. Das Abzeichen des Bundes, eine weiße Taube auf blauem Grund, wird später zum Symbol der gesamten Friedensbewegung. Im Januar 1932 organisiert Constanze Hallgarten eine große pazifistische Veranstaltung der IFFF im Hotel Union, die von der SA gestört wird. In den folgenden Tagen wird Hallgarten von der konservativen und vor allem der rechtsradikalen Presse auf das Übelste verunglimpft.

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme werden alle pazifistischen Gruppierungen zwangsaufgelöst bzw. verboten und ihre führenden VertreterInnen in „Schutzhaft“ genommen. Nach einer Warnung reist Constanze Hallgarten im März 1933 über Zürich nach Frankreich; ihre 84jährige Mutter und Sohn Wolfgang folgen ihr ins Exil. Robert Hallgarten war bereits 1924 nach einer Operation verstorben, Ricki hatte sich 1932 erschossen. Der Jugendfreund von Klaus und Erika Mann, der ohnehin unter Lebensangst und Zweifel an seinem künstlerischen Talent litt, konnte die Vorstellung einer Machtübernahme durch die Nazis nicht ertragen.

Constanze Hallgartens Münchner Besitz wird beschlagnahmt. Die nächsten Jahre lebt sie in Paris und in der Schweiz und hält Kontakt zu den dortigen IFFF-Frauen. Nach dem Einmarsch der Deutschen in Paris erreicht sie auf abenteuerlichen Wegen über Südfrankreich, FrauenbildMadrid und Lissabon die USA, wo sie von 1941 bis 1955 lebt und sich erneut der Friedensarbeit zuwendet.

Im Alter von 74 Jahren zieht Constanze Hallgarten nach München zurück, in ein Wohnstift am Stadtrand. Nach kurzer Zeit erreicht sie ihr Ziel, das Wiederaufleben der Münchner IFFF-Gruppe. Aber der Kalte Krieg ist schon in vollem Gange: Sie muß sich gegen den Vorwurf zur Wehr setzen, Pazifistinnen seien getarnte Kommunistinnen.

Mit zunehmendem Alter beklagt sie ihren körperlichen Verfall – sie wird schwächer, kann nicht mehr gut gehen und droht zu erblinden – und nimmt sich schließlich kurz nach ihrem 88. Geburtstag mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben.


ZITATE

„Und denken Sie, Excellenz, ich habe noch nicht einmal so viele Rechte wie jeder versoffene Troddel“.
(Antwort auf die Aussage des bayerischen Kultusministers von Knilling: „Ich finde es z.B. nicht gerecht, daß ich nicht mehr Rechte haben soll als jeder versoffene Troddel“, 1913)

„Einen so simplen, halbgebildeten Schreier hatte ich nicht erwartet – ich hatte den ehrlichen Willen, wenn mir etwas imponieren sollte, das zuzugeben, mich quasi einnehmen zu lassen. Daß man mir das Gegenteil – die ehrliche Mißachtung – so leicht machen würde, war erstaunlich.“
(Hallgarten über Hitler, 1921)

„Eine Frau Hallgarten, die schon seit 1918 politisch aus dem Maul stinkt… Diese hysterische Jüdin, die sogar kommunistischen Rotzbuben überlästig wurde…“
(Ludwig Thoma über Hallgarten im „Miesbacher Anzeiger“, 1921)

„Wie viel gefahrloser läßt sich leben, wenn man in der Herde mitläuft und sich gedankenlos alter Tradition einordnet, anstatt für seine Überzeugung gegen den Strom zu schwimmen und als „Ausgestoßener“ alle Konsequenzen zu tragen.“
(Aus ihren Memoiren „Als Pazifistin in Deutschland“, geschrieben im französischen Exil 1939/40)

„In meinem Leben habe ich immer alles von mir gegeben, was ich dachte und wollte. Warum tun andere das heute nicht? Warum diese Passivität in unserem Land? Warum diese Angst vor Entschlüssen, vor dem Mitdenken? Kein Wunder, daß wir heute aufs neue und tiefer denn je in Aufrüstung und Militarismus stecken.“
(Hallgarten in der „Süddeutschen Zeitung“, 1966)

 

 

 

Christine Schmidt

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Literatur & Quellen

LINKS

Hiltrud Häntzschel über die Frauenfriedensbewegung. Artikel im Historischen Lexikon Bayerns
Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF)
Wikipedia

LITERATUR

FESTNER, Katharina & RAABE, Christiane: Spaziergänge durch das München berühmter Frauen. Zürich/Hamburg 2008, S. 86–88
GARZ, Detlef & KNUTH, Anja: Constanze Hallgarten. Porträt einer Pazifistin. Hamburg 2004
HÄNTZSCHEL, Hiltrud: „Nur wer feige ist, nimmt die Waffe in die Hand.“ München – Zentrum der Frauenfriedensbewegung 1899–1933. In: KRAFFT, Sybille (Hg.): Zwischen den Fronten. Münchner Frauen in Krieg und Frieden 1900–1950. München 1995, S. 18–40
HÄNTZSCHEL, Hiltrud: Dame der Gesellschaft im Dienst des Friedens. Die Münchnerin Constanze Hallgarten (1881–1969) (= Hörfunk-Mskr., Bayerischer Rundfunk). München 1992
HALLGARTEN, Constanze: Als Pazifistin in Deutschland. Stuttgart 1956
SCHAD, Martha: Frauen gegen Hitler. Schicksale im Nationalsozialismus. München 2001, S. 13–50

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Hedwig Dohm