Gerda Mendl

(geb. Erhardt)

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geboren am 29. November 1913 in Magdeburg
gestorben am 23. Juli 2000 in Wolfsburg

deutsche Hausfrau, Mutter, Fotolaborantin, Arbeiterin, Vertrauensfrau, Betriebsrätin bei Volkswagen
100. Geburtstag am 29. November 2013


Biografie


Biografie

Gerda Erhardt wuchs zusammen mit ihrer jüngeren Schwester in Magdeburg auf. Die Eltern unterhielten an der Gartenkolonie am Flugplatz ein Restaurant. Sie arbeiteten ohne die Hilfe weiteren Personals.

Der Vater hätte es gern gesehen, wenn Gerda Schuhverkäuferin geworden wäre, aber sie hatte gar keine Lust dazu. Als Fünfzehnjährige suchte sie sich in Magdeburg auf eigene Faust eine Lehrstelle auf dem Gebiet Optik, Radio und Foto. Ihr Ausbilder meinte, er wolle es mit ihr versuchen. Daß sich ein junges Mädchen für diese Bereiche interessierte, wunderte ihn sehr. Nach der Ausbildung, Ende der zwanziger Jahre, war sie als Fotografin und Laborantin eine gefragte Fachkraft, obwohl die Arbeitslosenzahlen in Deutschland Rekordhöhen erklommen. Die Kurämter vermittelten den Fotografen Arbeitsstellen in den Badeorten am Meer oder in den Skigebieten im Gebirge. So kam Gerda Mendl als Fotografin und Laborantin nach Swinemünde, in das Weltbad an der Ostsee. Ihr späterer Mann hatte in der Stadt ein Fotogeschäft und stellte sie für Laborarbeiten ein.

1935 heirateten sie; 1940 hatten sie schon vier Kinder. Gerdas Schwiegermutter führte den Haushalt; nur so konnte die junge Mutter trotz ihrer großen Familie weiterhin berufstätig bleiben.

1939 sitzt sie mit einem Radiogerät am Strand – plötzlich kommt die Nachricht vom Beginn des Zweiten Weltkrieges! Noch im selben Jahr wird ihr Mann eingezogen. Die Leitung des Fotogeschäftes liegt von da an allein in ihren Händen. Der erste Luftgroßangriff auf die Stadt Swinemünde erfolgt 1943, und Gerda Mendl erkrankt auch noch an Scharlach. 1944 wird ihr Haus durch eine Bombe völlig zerstört, und sie verläßt Swinemünde mit den Kindern. In einem Güterwagentransport, der von Tieffliegern beschossen wird, gelangt sie 1945 nach Fallersleben.

Die ankommenden Flüchtlinge werden aufgeteilt. Gerda Mendl kommt mit ihren Kindern nach Neindorf, wo die Bevölkerung den Flüchtlingen widerwillig Aufnahme gewährt. Drei Tage lang sitzt sie mit ihren vier Kindern – das Jüngste vier Jahre alt – unter einer Eiche, ehe sie bei einem Bauern zwei Zimmer erhält. Ein freundlicher Neindorfer vermittelt ihr ein Behelfsheim, in dem bis 1945 ausländische Arbeitskräfte gelebt hatten. Das Land rings um ihr Häuschen macht sie urbar und züchtet Schweine, Enten, Hühner und Kaninchen. Futter wird in der Kartoffelflockenfabrik gekauft, Abfälle erhält sie kostenlos. Natürlich wurde in der Nachkriegszeit Schnaps schwarz gebrannt, wurden Rüben, Obst, Holz und Kohlen gestohlen - Gerda Mendl hielt sich nicht zurück. Einmal kam sie sogar mit der Polizei in Konflikt und wurde verhaftet.

Obwohl ihre Kinder noch klein waren, bewarb sich Gerda Mendl von Anfang an im Volkswagenwerk. Es gab damals nur Steharbeitsplätze im Werk. Der Werksbus, der auch Neindorf anfuhr, durfte aus Sicherheitsgründen keine weiteren Personen mitnehmen. Andere Transportmöglichkeiten zum Werk gab es nicht. Sogar der Bürgermeister von Neindorf intervenierte wegen eines Arbeitsplatzes für Frau Mendl. Aber es war damals sehr schwierig, für Frauen im Volkswagenwerk Arbeitsplätze zu schaffen. Erst 1956 gab man ihrem beharrlichen Drängen nach. Sie kam ins Presswerk, an einen der unbeliebtesten Arbeitsplätze, weil es dort sehr laut war und stark zog. Sie und ihre Kolleginnen wurden durchweg in die niedrigste Lohngruppe eingestuft.

Im Presswerk wurde Mendl zur Vertrauensfrau gewählt. Als Betroffene kritisierte sie die ungleiche Bezahlung der Frauen und Männer. Kriegsversehrte Männer wurden besser entlohnt, obwohl ihnen die Frauen helfen mußten, ihre Arbeit überhaupt zu bewältigen. Alle arbeiteten im Akkord, und die Standardabteilung setzte die Löhne fest. Die Frauen erhielten Lohngruppe 1, die Männer für die gleiche Arbeit Lohngruppe 3. Mendl ließ sich die Bezahlung für die Beschäftigungsprofile nennen und setzte sich für die Gleichbehandlung von Frauen und Männern bei gleicher Leistung ein. Durch ihren Einsatz bekamen die Frauen schließlich mehr Geld. 1963 wurde Mendl in den Betriebsrat gewählt und arbeitete in dieser Funktion bis zu ihrem Ausscheiden 1975.

Die Gewerkschaft sorgte für Schulungen der Betriebsrätinnen und Betriebsräte. In den fünfziger Jahren, den Aufbaujahren, waren nur vier Frauen auf leitenden Posten im Werk beschäftigt: Frau Schömers als Leiterin der Versorgungsbetriebe, Frau Spiegelhauer, zuständig für die Einstellung des weiblichen Personals, Frau Dr. Gericke als Betriebsärztin und Gerda Mendl als Betriebsrätin.

Nach 1963 wurde der IG-Metall-Frauenausschuß gegründet. Als Betriebsrätin war Gerda Mendl auch Mitglied im Personal-, Wohnungs-, Sicherheits- und Wirtschaftsausschuß sowie im Vorstand der Krankenkasse. In den sechziger Jahren fanden die Betriebsratssitzungen außerhalb, in den Siebzigern dann innerhalb der Arbeitszeiten statt. Jahrelang organisierte Gerda Mendl zweimal jährlich für die Vertrauensfrauen der verschiedenen Abteilungen kurze Studienfahrten nach Schweden, das als Musterland sozialen Fortschritts galt. Die Frauen besichtigten Betriebe, studierten die soziale Gesetzgebung Schwedens und nahmen staunend zur Kenntnis, daß in Schweden in manchen Familien die Frau arbeiten ging und der Mann zu Hause blieb und die Kinder versorgte.

Gerda Mendl setzte sich dafür ein, daß für frauenstarke Abteilungen Meisterinnen und Vorarbeiterinnen ausgebildet und eingesetzt wurden; daß auch verheiratete Frauen eingestellt wurden und Frauen geeignete Arbeitsplätze erhielten; daß bei längerfristiger Belastung Umsetzungen stattfanden und Schwangere in den Versorgungsbetrieben für die letzten Monate der Schwangerschaft einen Arbeitsplatz (Rouladenband) erhielten, auf dem sie den Blicken des Betriebspersonals, das mit “dummen Sprüchen” aufwartete, entzogen waren. Auch kämpfte Mendl dafür, daß die Geschäfte einmal wöchentlich länger geöffnet blieben, damit Mütter in Ruhe einkaufen gehen konnten.

Die Dinge, für die sie sich während ihrer Betriebszugehörigkeit einsetzte, waren ihr selbst verwehrt geblieben, als sie mit ihren vier kleinen Kindern nach Wolfsburg kam. Sie erhielt 1945 keinerlei soziale Unterstützung. Deshalb “wurmte” es sie später, wenn trotz der üppigen sozialen Hilfen oft “gemosert” wurde. “Unsere Bürgerinnen und Bürger sind verwöhnt”, meinte Gerda Mendl. Über die Doppelbelastung durch Beruf und Haushalt hätten sich die Frauen früher niemals beklagt. Sie waren es gewöhnt, viel zu arbeiten. Nach dem Krieg hatten sie alles verloren, sie mußten sich zusammenreißen und das Leben bewältigen. Gerda Mendl selbst mußte vor der Frühschicht Holz sägen und hacken, damit ihre Kinder es warm hatten. Sie hatte im Alter den Eindruck, daß heutzutage manchmal nicht ausreichend geprüft wird, ob wirklich eine Berechtigung zum Bezug von Sozialunterstützung vorliegt. “Das ist das Schlimme”, erklärte sie.

1956 ließ sie sich nicht in ihrem erlernten Beruf einstellen, weil sie bei Normalschicht Schwierigkeiten mit dem Einkaufen gehabt hätte. Gerda Mendl berichtete, sie habe mit den Kolleginnen und Kollegen meistens den richtigen Ton gefunden. “Humorvoll, mit Herz, aber fest.” Und wenn die ehemalige Betriebsrätin in Wolfsburg über den Markt ging, kam noch manch eine Frau auf sie zu, drückte sie und sagte: “Gerda, du warst doch die Beste.”

Ein Mitstreiter im Betriebsrat faßte Gerda Mendls Wirken für die Beschäftigten von VW in den folgenden Worten zusammen: “Ich kannte dich mit einem weit offenen Herzen für den Abhängigen. Du warst aufopfernd und hast dein letztes gegeben. Auch hattest du ein Wir-Gefühl bei denen entwickelt, die etwas mit dir zu tun hatten. ... Die, die dich kannten, mögen dich so wie du bist, offen und ehrlich allen gegenüber, auch wenn ihnen etwas nicht paßte. Du kanntest keine Tabuthemen, du hast sie angepackt, du schobst sie nicht vor dir her. ... Was nützen Paragraphen, wenn der individuelle Mensch auf der Strecke bleibt. Den hast du immer im Mittelpunkt gesehen…”

Während ihrer zwölfjährigen Betriebsratszeit hatte Hugo Bork, bekannter Sozialdemokrat und langjähriger Oberbürgermeister der Stadt Wolfsburg, den Vorsitz im Betriebsrat. “In jenen Jahren ist die Mehrzahl der Verbesserungen für die Arbeitnehmerschaft erstritten worden. Heute ist die Stellung des Betriebsrates und der Gewerkschaft eine wesentlich andere, weil viel an Einfluß verloren gegangen ist”, bedauert Frau Mendl.

Mendl ließ sich scheiden, nachdem ihr Mann aus dem Krieg kam, und ging keine neue Partnerschaft mehr ein. “Ich hatte gar keine Zeit für einen Mann, außerdem hatte ich ja meine Kinder.” Die jüngeren Kinder wurden damals von ihrer ältesten Tochter betreut. Auch die NachbarInnen halfen. Das funktionierte früher sehr gut.

Zu den Kindern hatte sie einen engen Kontakt. Besuche bei und von alten FreundInnen und Bekannten, Kochen und Backen sowie Handarbeiten füllten ihr Leben aus und schenkten Zufriedenheit; viel Freude hatte sie auch an Blumen, an Spaziergängen und Naturbeobachtungen. Mit regem Interesse nahm sie am Zeitgeschehen teil und bezog Stellung. Es ging ihr immer noch um Gerechtigkeit.

aus: Frauen in Wolfsburg – EinBlick in ihre Geschichte, 1998. Hrsg. Stadt Wolfsburg, Frauenbüro. ISBN 3-87327-031-5.

Für FemBio bearbeitet von Luise F. Pusch

Hannelore Künne

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Hedwig Dohm