Heide Simonis
(Heide Simonis, geb. Steinhardt)
geboren am 4. Juli 1943 in Bonn
deutsche Politikerin (SPD) und Volkswirtin; Minister–Präsidentin von Schleswig-Holstein 1993-2005
65. Geburtstag am 4. Juli 2008
„Eene eenzige Frau regeert dat wunnerschöne Land ganz alleen. Oh ne, dat dörf doch nicht sin!“ sagt ein älterer Mann kopfschüttelnd zu Heide Simonis auf einer Veranstaltung des Bauernverbandes, nachdem sie am 19. Mai 1993 überraschend Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein geworden ist.
Heide Simonis ist die einzige der begabten SPD-Frauen der ersten Nachkriegsgeneration, die es so weit nach oben schafft: jüngste Abgeordnete des Bundestages, einziges weibliches Mitglied des Haushaltsausschusses, erste Ministerpräsidentin der Republik.
In ihrem Buch Unter Männern (2003) formuliert sie engagiert und unterhaltsam ihre politischen Positionen, berichtet aber auch von der Demontage durch die eigenen Genossen: „Und schon beginnen die Geier über dem Stuhl zu kreisen, noch während man darauf sitzt.“
Heide Simonis, geb. Steinhardt, ist die älteste von drei Schwestern. Sie reagiert auf die Zumutungen der Nachkriegszeit (Entwurzelung, Enge, häufiger Krach mit der unglücklichen Mutter) mit schwerem Asthma. Deshalb verbringt sie seit ihrem 3. Geburtstag viele Monate in Kinderheimen: „Ich war in den meisten Heimen ganz gern und habe mich der neuen Umgebung schnell angepasst.“
1962 macht sie an einem Mädchengymnasium Abitur und studiert Volkswirtschaft und Soziologie in Erlangen, Nürnberg und Kiel. 1967 besteht sie ihr Examen als Diplom-Volkswirtin. Im gleichen Jahr heiratet sie den Ökonomie-Professor Dr. Udo E. Simonis. Sie folgt ihm nach Afrika (1967/68, Sambia) und Japan (1970-1972, Tokio).
„Ich war es, die Udo den Heiratsantrag machte – einer musste ja die Sache in die Hand nehmen… Er hat kurz trocken geschluckt und dann Ja gesagt...Dieser Hochzeitstag! Er sitzt da, blass, klein, im dunklen Anzug und ich daneben mit einem Pillbox wie Jackie Kennedy und einem rosa-lila Ding von Kleid.“ Die Asthma-Anfälle hören bald ganz auf. Ihr Mann ist einer „dieser paar Schätzchen unter den Männern“, der seine Frau ermutigt und ihre Karriere stützt. Auch ihr Vater und ihre beiden Schwestern sind Vertraute in schwierigen Situationen.
1969 tritt Heide Simonis in die SPD ein und beginnt die ‚Ochsentour’ nach oben. Sie hat bald begriffen, dass die eigentlichen Entscheidungen nach dem offiziellen Ende einer Sitzung in einem Hinterraum der Kneipe getroffen werden und harrt seitdem immer bis zum bitteren Ende aus, d.h. bis zwei, halb drei Uhr nachts.
Der Kinderwunsch hat für sie nie eine hohe Dringlichkeit gehabt: „Ich fürchtete wohl, das schwierige Verhältnis zu meiner Mutter könnte sich wiederholen.“
Heide Simonis ist gern unter Menschen und liebt es, etwas zu bewegen.
Einige ihrer politischen Stationen: Mitglied im Kreisvorstand in Kiel, Mitglied der Kieler Ratsversammlung, Wahl in den Bundestag, Fraktionssprecherin im Haushaltsausschuss, Mitglied des Schleswig-Holsteinischen Landtages… Von 1988-1991 gehört sie dem Bundesvorstand der SPD an, von 1993-2005 ist sie Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein.
Unter ihrer Regierung wird „Schläfrig-Holstein“ – trotz der schwierigen Finanzlage - zu einem modernen Land mit Zukunftsindustrien wie Biotechnologie und Medizintechnik. Sie treibt den Umbau der Verwaltungsstrukturen voran und scheut nicht vor unpopulären Maßnahmen zurück.
Im Jahr 2000 gehören ihrer Regierung in Kiel erstmals in Deutschland mehr Frauen als Männer an.
Trotz ihrer ungebrochenen Popularität sind es bei der Landtagswahl 2005 die eigenen Genossen, die ihr in vier Wahlgängen die Mehrheit verweigern. „Gegen offene Messer zu kämpfen ist nicht leicht, aber in der Politik manchmal notwendig. Gegen einen hinterhältigen Dolchstoß jedoch gibt es keine Abwehrmöglichkeiten.“
Verbittert legt Heide Simonis alle politischen Ämter nieder und denkt zunächst auch über einen Austritt aus der SPD nach.
Anknüpfend an ihre Erfahrungen in Sambia (1967/68 war sie Lektorin für Deutsch an der Universität in Lusaka) wählt sie sich ein Tätigkeitsfeld in der Entwicklungshilfe und wird 2006 einstimmig zur ehrenamtlichen Bundesvorsitzenden von UNICEF Deutschland gewählt.
Deutschland hat eine Vollblutpolitikerin verloren.
(Sommer 2006)
Birgit-Elisabeth Rühe-Freist
Koelbl, Herlinde. 1999. Spuren der Macht: Die Verwandlung des Menschen durch das Amt. Eine Langzeitstudie. München. Knesebeck.
Munzinger, Ludwig. Hg. Munzinger Archiv: Internationales biographisches Archiv. Ravensburg.
Simonis, Heide. 1997. Kein Blatt vorm Mund: Für eine aktive Bürgerschaft. Hamburg. Hoffmann und Campe.
Simonis, Heide. 2003. Unter Männern: Mein Leben in der Politik. München. Beck.














