Ingeborg Bachmann

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geboren am 25. Juni 1926 in Klagenfurt, Österreich
gestorben am 17. Oktober 1973 in Rom

österreichische Schriftstellerin


“Was aber möglich ist, in der Tat, ist Veränderung. Und die verändernde Wirkung, die von neuen Werken ausgeht, erzieht uns zu neuer Wahrnehmung, neuem Gefühl, neuem Bewußtsein.” Dieser Satz aus Ingeborg Bachmanns Frankfurter Vorlesungen zur Poetik (1959/60) gilt sowohl für ihr eigenes schriftstellerisches Selbstbewußtsein als auch für ihre Rezeption. Ob Lyrik, Kurzprosa, Hörspiele, Libretti, Reden und Essays oder längere Fiktion, das Bachmannsche Werk hatte als Ziel und als Wirkung, “die Menschen dorthin zu bringen oder mitzureißen, in die Erfahrungen, die die Schriftsteller machen,” in die “neuen Leid-Erfahrungen.” (GuI S. 139-140). Vor allem aber ihre eindringliche, künstlerisch originelle Darstellung weiblicher Subjektivität im Kontext einer von Männern beherrschten Gesellschaft verursachte eine neue Wahrnehmung in der Rezeption.

Obwohl Bachmanns früher spektakulärer Ruhm auf der Lyrik gründete (Preis der Gruppe 47, 1954), wandte sie sich im Laufe der 50er Jahre immer mehr der Prosa zu, nachdem sie schwere Zweifel an der lyrischen Sprache erlebte. Die Erzählungen im Band Das dreißigste Jahr (1961) stellen eine plötzliche Erkenntnis der Unzulänglichkeit der Welt und ihrer “Ordnungen” (z.B. der Sprache, des Rechts, der Politik, der Geschlechterrollen) dar, und versuchen, eine neue, bessere Ordnung utopisch anzuvisieren/sich vorzustellen. Die zwei aus einer explizit weiblichen Perspektive erzählten Geschichten “Ein Schritt nach Gomorrha” und “Undine geht” gehören zu den frühesten feministischen Äußerungen der deutschsprachigen Literatur der Nachkriegszeit. Undine klagt die männliche Menschheit an, ihr Leben als Frau und die Welt im allgemeinen ruiniert zu haben: “Ihr Ungeheuer mit Namen Hans!” In ihrer späteren Prosa (Malina 1971; Simultan 1972; und die postum veröffentlichten Der Fall Franza und Requiem für Fanny) war Bachmann auch wieder ihrer Zeit voraus, indem sie in oft experimentellen Formen darstellte, wie Frauen von der patriarchalischen Gesellschaft - in diesem Fall des heutigen Wien - hergerichtet oder gar zerstört werden. Hier sieht man wie sehr Bachmanns Beschäftigung mit weiblicher Identität und Patriarchat mit ihrer Kritik/Diagnose der Krankheit unserer Zeit zusammenhängt: “… ich habe schon vorher darüber nachgedacht, wo fängt der Faschismus an. Er fängt nicht an mit den ersten Bomben, die geworfen werden,… Er fängt an in Beziehungen zwischen Menschen. Der Faschismus ist das erste in der Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau....” (GuI S. 144)

Als Tochter eines Lehrers und einer Mutter, die nicht hatte studieren dürfen, bekam Bachmann die Unterstützung und Ermunterung beider Eltern und studierte nach dem Krieg in Innsbruck, Graz und Wien Philosophie, Germanistik und Psychologie. Sie schrieb ihre Dissertation (1950) über die kritische Rezeption Heideggers, dessen Ideen sie als “eine Verführung ... zum deutschen Irrationaldenken” (GuI S. 137) kritisierte. 1957-63, während der Beziehung zu dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch, lebte Bachmann abwechselnd in Zürich und Rom. Die Ehe lehnte sie ab als “eine unmögliche Institution. Sie ist unmöglich für eine Frau, die arbeitet und die denkt und selber etwas will.” (GuI S. 144). Seit Ende 1965 lebte sie wieder in Rom. Trotz ihres prekären Gesundheitszustandes (sie war infolge einer medizinischen Fehlbehandlung jahrelang tablettensüchtig) reiste sie 1973 nach Polen. Sie plante gerade einen Umzug nach Wien, als sie an den Folgen eines Brandunfalls starb.

Zitate:

Ich selbst bin ein Mensch, der nie resigniert hat, überhaupt nie resigniert ist, sich das gar nicht vorstellen kann. Ich stelle nur fest, und ich stelle an so vielen Menschen und oft schon sehr früh eine mich erschreckende Resignation fest, das ist es. (Interview mit Volker Zielke, 7.Okt 1972)

Dennoch ist selbst in der Kapitulation noch Hoffnung, und diese Hoffnung des Menschen hört nicht auf, wird nie aufhören.

Und ich glaube nicht an diesen Materialismus, an diese Konsumgesellschaft, an diesen Kapitalismus, an diese Ungeheuerlichkeit, die hier stattfindet . . . . Ich glaube wirklich an etwas, und das nenne ich “ein Tag wird kommen”. Und eines Tages wird es kommen. Ja, wahrscheinlich wird es nicht kommen, denn man hat es uns immer zerstört . . . . Es wird nicht kommen, und trotzdem glaube ich daran. Denn wenn ich nicht mehr daran glauben kann, kann ich auch nicht mehr schreiben. (Juni 1973)

Joey Horsley

GuI = Bachmann, Ingeborg. Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews. München: Piper 1983 (3. Auflage 1991).

Achberger, Karen. 1995. Understanding Ingeborg Bachmann. Columbia, S.C. : University of South Carolina Press.

FrauenbildBachmann, Ingeborg. 1993. Werke in vier Bänden. Hg. von Christine Koschel, Inge von Weidenbaum und Clemens Münster. München. Serie Piper 1700.

Bachmann, Ingeborg & Hans Werner Henze. 2004. Briefe einer Freundschaft; Hg. Hans Höller; Vorwort von Hans Werner Henze.  München. Piper.

Bachmann: In Selbstzeugnissen und BilddokumentenBeicken, Peter. 1988. Ingeborg Bachmann. München. Beck’sche Reihe Autorenbücher (BsR 605).

Höller, Hans. 1987.  Ingeborg Bachmann. Das Werk. Von den frühesten Gedichten bis zum “Todesarten"-Zyklus. Frankfurt/M.

Höller, Hans. 1999. Ingeborg Bachmann. Reinbek bei Hamburg. rororo monographie.

FrauenbildLennox, Sara. “Ingeborg Bachmann.” The Literary Encyclopedia.  18 Sep. 2004. The Literary Dictionary Company.  19 June 2006.

Text + Kritik. Sonderband: Ingeborg Bachmann. 1984. Gastredaktion Sigrid Weigel. Darin: Otto Bareiss: Vita Ingeborg Bachmann, S. 180-185; Otto Bareiss: Auswahlbibliographie 1953-1983/84, S. 186-215. München.

Weigel, Sigrid. 1999. Ingeborg Bachmann: Hinterlassenschaft unter Wahrung des Briefgeheimnisses. Wien. Zsolnay.

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Hedwig Dohm