Martha Muchow

(Dr. Martha Muchow)

geboren am 25. September 1892 in Hamburg
gestorben am 29. September 1933 in Hamburg

deutsche Psychologin
80. Todestag am 29. September 2013


BiografieZitateWeblinksLiteratur & Quellen


Biografie

Die Volksschullehrerin Martha Muchow besuchte ab 1913 Vorlesungen des berühmten Psychologieprofessors William Stern. Stern war von der Begabung der jungen Studentin beeindruckt und erwirkte für sie eine Beurlaubung aus dem Schuldienst, um sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin zu gewinnen. 1923 wurde Muchow promoviert und bekam die Stelle einer Wissenschaftlichen Rätin. Ihr Interesse widmete sie schulpsychologischen, sozialpädagogischen, kinder- und jugendpsychologischen Problemen.
Insbesondere ging sie der »Straßensozialisation« von Kindern nach – ein für damalige Begriffe revolutionäres Thema.

Martha Muchows Forschungen zur Straßensozialisation, zur lebensraum- und epochaltypologischen Entwicklungspsychologie des Kindes und Jugendlichen sind wichtige Vorläufer der modernen schichtspezifischen Sozialisationsforschung. Sowohl die Milieutheorie als auch die Kulturpädagogik – beides affirmative bürgerliche Theorien – werden in ihrem Forschungsansatz kritisiert.

Eine glänzende Karriere als Wissenschaftlerin schien vor ihr zu liegen; ihre zahlreichen Publikationen und in- und ausländischen Kongressbeiträge machten sie in der Fachwelt über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Die nationalsozialistische Diktatur setzte dieser Entwicklung ein abruptes Ende. Das Psychologische Institut in Hamburg wurde geschlossen, die jüdischen Professoren entlassen und Martha Muchow als einzige Nichtjüdin beauftragt, die verwaltungsmäßige Übergabe des Instituts an einen nationalsozialistischen Erziehungswissenschaftler zu organisieren. Zu FreundInnen soll sie gesagt haben, dass sie in einer so ungerechten Welt nicht mehr leben wolle. Ein paar Tage nach ihrem 41. Geburtstag starb sie durch Selbstmord.

Martha Muchows Nachlass wurde von ihrem jüngeren Bruder Hans Heinrich verwaltet, dessen jugendpsychologische Schriften in den fünfziger und sechziger Jahren zum Repertoire fast jeder universitären Psychologieausbildung gehörten. So fielen jedenfalls ihre Forschungen nicht dem Vergessen anheim. »Ich habe versucht, das Erbe meiner Schwester zu verwirklichen« – äußerte er 1978. Er hat es getan. Doch wer kennt Martha Muchow?

Sibylle Duda

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Zitate

Ihre Untersuchung des Hamburger Arbeiter- und Kleinbürgerviertels Barmbek ist eine entwicklungs- und umweltpsychologisch orientierte Sozialisationsstudie, die in ihrem Zugang richtungsweisend ist. Zentral für Muchows Untersuchung ist eine Erweiterung rein milieupsychologischer Untersuchungen, die Begründung notwendiger Veränderungen der Lebensbedingungen benachteiligter Kinder und Jugendlicher und eine Abkehr von biologistischen Erklärungen misslicher Lebenslagen, die in ihrer Zeit weit verbreitet waren.
Muchow entwickelte einen dialektischen Zugang, der Kinder und Jugendliche als gestaltende Subjekte ihrer Lebensgeschichte und ihres Lebensraumes wahrnimmt. Mit ihren Studien wollte sie den besonderen Typus von »Lebensraumauseinandersetzung« von Personen und Personengruppen verstehbar machen.

(Susanne Elsen, gefunden hier)



Fräulein Dr. Muchow, die engste Vertraute von Prof. Stern, die ihn auch heute täglich besucht und mit ihm alle Pläne ausarbeitet, ist die Gefährlichste von allen dreien. Sie war aktivstes Mitglied des marxistischen ›Weltbundes für Erneuerung der Erziehung‹, hat auf internationalen Tagungen, z.B. Genf, in seinem Sinne gewirkt, und war von Oberschulrat Götze in dessen letztem Amtsjahr beauftragt, das hamburgische Schulwesen ›psychologisch‹ im marxistischen Sinne zu durchdringen. Ihr pädagogisch-psychologischer Einfluss ist unheilvoll und einer deutschen Staatsauffassung direkt zuwider laufend.

(Brief an die Hochschulbehörde vom 10.7.33, gefunden bei Faulstich-Wieland, S. 5)



Man wurde selbst mehr, wenn man mit ihr sprach; uns gingen im Gespräch neue Blickrichtungen, neue Zusammenhänge auf. … Sie hat uns vorgelebt, dass psychologisches Wissen nur Sinn hat, wenn es erweitert wird zu tieferer menschlicher Einsicht; wie diese Einsicht zu menschlicher Güte und Verstehen werden muss. Und wir erlebten, spürten, wie Güte und Verstehen sich im Wirken zeigte, an uns selbst, an anderen. Wir sahen ein, dass diese menschliche Einsicht erarbeitet werden muss, auch wissenschaftlich. – Zu solcher Haltung sollten wir gebildet werden.

(Brigitte von Pfligk 1933, gefunden bei Faulstich-Wieland, S. 3)

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Links


Berger, Manfred: Frauen in der Geschichte des Kindergartens. Martha Muchow. Biografie mit besonderem Augenmerk auf das berufliche Wirken. (Link aufrufen)


Faulstich-Wieland, Hannelore: Martha Muchow – Leben und Werk. Laudatio zur Einweihung der Martha-Muchow-Bibliothek der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft am 31.1.2007.  Text zu Leben und Wirken. PDF-Datei. (Link aufrufen)


Katalog der Deutschen Nationalbibliothek: Muchow, Martha, 1892-1933. Literatur von und über Muchow. (Link aufrufen)


Thorun, Walter: Wer war Martha Muchow? Biografie mit Literaturangaben. Universität Hamburg. (Link aufrufen)



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Literatur & Quellen



Frenken, Petra; Kölzer, Andrea (1990): Was hat Martha Muchow mit Astrid Lindgren zu tun? Kinderspiel ist nicht kinderleicht. Kassel. Arbeitsgemeinschaft Freiraum und Vegetation (Notizbuch … der Kasseler Schule, 19).
(Suchen bei Eurobuch | WorldCat)



Fries, Mauri Milena (1996): Mütterlichkeit und Kinderseele. Zum Zusammenhang von Sozialpädagogik, bürgerlicher Frauenbewegung und Kinderpsychologie zwischen 1899 und 1933. Ein Beitrag zur Würdigung Martha Muchows. Frankfurt am Main. Lang (Beiträge zur Geschichte der Psychologie, 11). ISBN 3-631-46110-0.
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Hecker, Hilde; Muchow, Martha (1927): Friedrich Fröbel und Maria Montessori. Mit einer Einleitung von Eduard Spranger. Leipzig. Quelle & Meyer (Deutscher Fröbel-Verband : Bücherreihe B, Gegenwartsfragen, 2).
(Suchen bei Eurobuch | WorldCat)



Mey, Günter (2001): Auf den Spuren von Martha Muchow. In: Psychologie und Geschichte, Heft 9 (2001). S. 107–122.
Auch online verfügbar als PDF-Datei.



Muchow, Martha (1921): Psychologischer Beobachtungsbogen für Schulkinder. Im Auftrage des psychologischen Laboratoriums zu Hamburg. Leipzig. Barth.
(Suchen bei WorldCat)



Muchow, Martha (1923): Studien zur Psychologie des Erziehers. Methodologische Grundlegung einer Untersuchung der erzieherischen Begabung. Dissertation. Hamburg.
(Suchen bei WorldCat)



Muchow, Martha (1925): Pädagogisch-psychologische und entwicklungspsychologische Betrachtungsweise in der Psychologie der Kindheit. In: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde, Heft 26 (1925). S. 316-321 und 346-352.



Muchow, Martha (1925): Zur Problematik der Testpsychologie im allgemeinen und einiger Ordnungstests im besonderen. In: Stern, William (Hg.): Neue Beiträge zur Theorie und Praxis der Intelligenzprüfung. Leipzig. Barth (Hamburger Arbeiten zur Begabungsforschung, 6). S. 61–92.
(Suchen bei WorldCat)



Muchow, Martha (1926): Beiträge zur psychologischen Charakteristik des Kindergarten- und Grundschulalters. (auf Grund experimentalpsychologischer Untersuchungen über die Auffassung und das Denken der Drei- bis Zehnjährigen). Berlin. Herbig (Pädagogisch-psychologische Schriftenreihe des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins, 3).
(Suchen bei WorldCat)



Muchow, Martha (1926): Psychologische Untersuchungen über die Wirkung des Seeklimas auf Schulkinder. In: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde, Heft 27 (1926). S. 18–31.



Muchow, Martha (1928): Amerikanische Elternerziehungsarbeit. In: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde, Heft 29 (1928). S. 305–306.



Muchow, Martha (1928): Fragebogen des Hamburger Psychologischen Laboratoriums über persönliche Bräuche. In: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde, Heft 29 (1928). S. 494–496.



Muchow, Martha (1929): Das Für und Wider der Eignungsprüfungen. Psychologisch-methodischer Teil. In: Essig, Olga (Hg.): Frauenarbeit und öffentliche Berufserziehung in Hamburg. Hamburg. Boysen. S. 126–132.
(Suchen bei WorldCat)



Muchow, Martha (1929): Psychologische Probleme der frühen Erziehung. Erfurt. Stenger (Veröffentlichungen / Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu ErfurtAbteilung für Erziehungswissenschaft und Jugendkunde, 19).
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Muchow, Martha (1930): Die neue Psychologie und der Lehrplan. Bericht über die 5. Konferenz des Weltbundes für Erneuerung der Erziehung vom 8. bis 21. August 1929 in Helsingör. In: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde, Heft 31 (1930). S. 57–61.



Muchow, Martha (1930): Zum Problem der Zeugnisreform. In: Zeitschrift für pädagogische Psychologie und Jugendkunde, Heft 31 (1930). S. 222–233.
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Muchow, Martha (1932): Aussprache über die Bedeutung der Gedanken Fröbels für die Arbeit der sozial-pädagogischen Berufe. In: Leutheusser, Elisabeth; Döpel, Waldemar (Hg.): Friedrich Fröbel. Ein Gedenkbuch. Vorträge zum 150. Geburtstag von Friedrich Fröbel während der Blankenburger Gedächtniswoche 1932. Weimar. Böhlau.



Muchow, Martha (1932): Fröbels Beiträge zur Psychologie und zu den Problemen der wesensgemäßen Frauenbildung. In: Leutheusser, Elisabeth; Döpel, Waldemar (Hg.): Friedrich Fröbel. Ein Gedenkbuch. Vorträge zum 150. Geburtstag von Friedrich Fröbel während der Blankenburger Gedächtniswoche 1932. Weimar. Böhlau.



Muchow, Martha (1932): Welche Bedeutung können Fröbels Gedanken in unserer Gegenwart haben? In: Leutheusser, Elisabeth; Döpel, Waldemar (Hg.): Friedrich Fröbel. Ein Gedenkbuch. Vorträge zum 150. Geburtstag von Friedrich Fröbel während der Blankenburger Gedächtniswoche 1932. Weimar. Böhlau.



Muchow, Martha (1932): Zur Frage einer kulturtypologischen Jugendpsychologie. In: Kafka, Gustav (Hg.): Bericht über den XII. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Hamburg vom 12.-16. April 1931. Jena. Fischer. S. 390–393.
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Muchow, Martha (1949): Aus der Welt des Kindes. Beiträge zum Verständnis des Kindergarten- und Grundschulalters. Herausgegeben im Auftrag des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes von Hans Heinrich Muchow. Mit einem Lebensbild Martha Muchows von Elfriede Strnad. Ravensburg. Maier.
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Muchow, Martha (1925): Anleitung zur psychologischen Beobachtung von Schulkindern (unter besonderer Berücksichtigung der Schülerauslese). Herausgegeben von Karl Hecht. Hamburg. Verlag der Gesellschaft der Freunde des Vaterländischen Schul- und Erziehungswesens, 1963. Schriften zur Schulreform, Bd. 4.
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Muchow - Lebensraum

Muchow, Martha; Muchow, Hans Heinrich (1935): Der Lebensraum des Großstadtkindes. Neuausgabe mit biografischem Kalender und Bibliografie. Herausgegeben und eingeleitet von Jürgen Zinnecker. Weinheim. Juventa, 1998 (Kindheiten, 12). ISBN 3-7799-0202-8.
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Rederer, Hannes (1998): Martha Muchow. Kinder- und Jugendpsychologin (25.09.1892-29.09.1933). In: Lehren und lernen : Zeitschrift für Schule und Innovation in Baden-Württemberg, Heft 12 (1998). S. 16 ff.



Thorun, Walter (Hg.) (1997): Die Fröbelbewegung in Hamburg. Kankelau. Richter & Hansen. ISBN 3-9805855-0-6.



Thorun, Walter (1997): Martha Muchow – tiefschauende Kinderpsychologin. In: Thorun, Walter (Hg.): Die Fröbelbewegung in Hamburg. Kankelau. Richter & Hansen. ISBN 3-9805855-0-6. S. 88–90.
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Thorun, Walter (2003): Martha Muchow (1892 – 1933). Opfer ihrer Überzeugung. In: Hamburgische Notizen, Jg. 19, Heft 3. S. 37–40.



Bildquelle

Universität Hamburg.

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