Sophie Tieck

(Sophie Tieck (gesch. Bernhardi, verh. Knorring))

geboren am 28. Februar 1775 in Berlin
gestorben am 1. Oktober 1833 in Reval

deutsche Schriftstellerin; einzige Schwester Ludwig Tiecks
180. Todestag am 1. Oktober 2013


BiografieLiteratur & Quellen


Biografie

“Sie hat gewiß herrliche Geistesanlagen; aber Leidenschaftlichkeit und Ehrgeiz haben, wie es mir scheint, ihre Seele sehr zerrüttet.” So Friedrich Schlegel am 12. Mai 1813 an Ludwig Tieck. Es geht um dessen Schwester Sophie. Der Brief sagt nichts über das “Warum”; Ursachen, die für Sophies seelische Zerrissenheit verantwortlich sein könnten, werden nicht genannt.

Sophie ist das mittlere von drei Kindern des Seilermeisters Ludwig Tieck und seiner Frau Anna Sophie Tieck. Der älteste Sohn war der Liebling des Vaters, der jüngste der der Mutter. Und während Ludwig das Gymnasium besucht und studiert und Friedrich als Bildhauer bei Schadow lernt, wird Sophie zur Ehefrau und Mutter “erzogen”. Sie reagiert mit Krankheit, Trotz, Aggression. Folge der frühen Zurücksetzung: Sie fühlt sich minderwertig, ungebildet. Und zugleich war da der Ehrgeiz der Schriftstellerin: Sie schreibt an ihren Bruder Ludwig: “Wenn du noch die frühere Meinung von mir hast, so wirst du wohl selbst glauben, daß er (gemeint ist ihr Roman Evremont) nicht zu den Armseeligkeiten der schreibenden Frauen unserer Zeit gerechnet werden darf, deren Werke im grunde bloß das Bekenntniß enthalten, wie sie lieben, und geliebt sein möchten, und das ist oft kläglich genung.”

- Stolzes, trotziges Bekenntnis einer Frau, die sich klar unterschied von den schreibenden Zeitgenossinnen, sich immer als Schriftstellerin sah und daraus keinen Hehl machte. Aber sie hatte zeitlebens gegen das Gefühl des Gescheitertseins anzukämpfen. James Trainer schreibt von ihrem “oft traurigen, geistig unerfüllten” Leben, von der Schriftstellerin, die “nicht das erreicht hatte, dessen sie sich fähig fühlte”. Die Belastungen eines unbefriedigenden, zudem aufreibenden Lebens machten sie oft krank, leidend:
1799 hatte sie den Freund und ehemaligen Lehrer des Bruders, August Ferdinand Bernhardi, geheiratet. Die Ehe war kalt und lieblos. Sophie floh, mit zwei Kindern: Bernhardi forderte die Herausgabe der Kinder - zuletzt mit Polizeigewalt, nachdem Sophie durch halb Europa geflohen war. Die Scheidung wird zu einem Skandal. Ruhe scheint sie erst nach 1810 gefunden zu haben, als sie den Estländer Karl Gregor von Knorring heiratete. Von 1812 bis zu ihrem Tod am 1. Oktober 1833 lebt sie auf seinem Gut in Erwita/Estland. “Er hat sich (aus Ludwigs Sicht) seiner geistreichen Gattin aufgeopfert, seine Männlichkeit nicht gebührend geltend gemacht und so seine Würde verloren. Er selbst sieht sich anders. Er glaubte fest an seine begabte Frau, hat ihr in allen schwierigen Lagen beigestanden und ihre Entscheidungen nicht nur akzeptiert, sondern in beständiger Zuneigung mitgetragen”, resümiert Hannelore Scholz (unv. Ms.).

Zugänglich sind heute problemlos nur Sophie Tiecks Briefe, vor allem an den Bruder. Das liegt an den Fragestellungen der Forschung: mann will alles über den Dichter wissen; die Schwester interessiert bestenfalls als biographische Fußnote. Aber auch sie hat ein umfangreiches Werk hinterlassen, Romane, Märchen, Balladen, Übersetzungen, Novellen; nicht nur Briefe.

Sulamith Sparre

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Literatur & Quellen

Bernhardi, Sophie. 1991. “Bei aller brüderlichen Liebe”: The letters of Sophie Tieck to her brother Friedrich. Transkr. und hg. von James Trainer. Berlin u.a. de Gruyter.

Breuer, Moses. 1914.  Sophie Bernhardi geb. Tieck als romantische Dichterin: Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Romantik. Diss. Tübingen.

Eschler, Ewa. 2005. Sophie Tieck-Bernhardi-Knorring (1775 - 1833): Das Wanderleben und das vergessene Werk. Berlin. trafo.

Haberstok, Monika. 2001. Sophie Tieck - Leben und Werk: Schreiben zwischen Rebellion und Resignation. München. Iudicium.

Kaulitz-Niedeck, Rose, 1933. “Eine Romantikerin im Baltenlande”, in: Baltische Monatshefte 12, 1933 (Riga). S.668-674.

Metzler Autorinnen Lexikon. Hg. Hechtfischer, Ute, Renate Hof, Inge Stephan & Flora Veit–Wild. 1998. Stuttgart; Weimar. Metzler. 1998.

Scholz, Hannelore. 1997. “Sophie Tieck-Bernhardis Korrespondenz mit ihrem Bruder Ludwig. Ein unveröffentlichter Brief aus Rom” In:  von der Lühe, Irmela & Anita Runge. Hg. Wechsel der Orte: Studien zum Wandel des literarischen Geschichtsbewußtseins. Festschrift für Anke Bennholdt-Thomsen. Göttingen. Wallstein. S.265-276.

Tieck-Bernhardi, Sophie. 2000. Wunderbilder und Träume in elf Märchen. Hg. und mit einem Nachw. von Hannelore Scholz. Berlin. Trafo.

Trainer, James. 1980. “Sophie an Ludwig Tieck: Neu identifizierte Briefe”. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft. Im Auftrag des Vorstands hg. von Fritz Martini, Walter Müller-Seidel & Bernhard Zeller. 24.Jg.  1980. Stuttgart. Kröner S.162-181.

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Hedwig Dohm